Von der Elle bis zum Leder

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Von der Elle bis zum Leder

Die jüdische Familie Madelong prägte die Mündener Geschäftswelt mit

Von Dr. Johann Dietrich von Pezold

Hann. Münden. Die jüdische Familie Madelong hat seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 eine nicht unbedeutende Rolle in der Mündener Geschäftswelt gespielt. Herz Moses, der Stammvater der Familie, war 1800 nach Münden zugezogen. Während der Zeit französischen Besetzung und des Königreichs Westphalen (1807-1813), als die Juden volle bürgerliche Gleichstellung genossen, nahm er den Familiennamen Madelong an. Er betrieb Pfandleihe und später auch „Ellenhandel“. Darunter fielen alle unverarbeiteten Textilien, die mit der Elle abgemessen wurden (eine hannoversche Elle = 58,4 cm).

Herz Moses Madelong hatte zwar während der Zeit des Königreichs Westphalen ein Haus in Münden erworben, das Eigentumsrecht daran war ihm aber nach 1813, als das Land zu den alten hannoverschen Rechtsverhältnissen zurückgekehrt war, wieder entzogen worden: Juden durften ohne besondere Genehmigung der Regierung keine Häuser erwerben. Als er das Haus kaufte, war sie nicht erforderlich gewesen.

Hausbesitzer mit 78 Jahren

So kam er erst 1848 wieder zu Immobilienbesitz, als er im Alter von 78 Jahren das Haus an der Ecke Lange Straße/Ecke Schmiedestraße kaufte, das er vermutlich schon seit längerem bewohnte. Schon ein Jahr später ging es an Eduard Wüstenfeld über, der nach dem Brand seiner Zuckerfabrik 1856, der sechs Häuser vernichtete, auf diesen Grundstücken sein neues (heute noch existierendes) Fabrikgebäude errichtete.

Wegen Kränklichkeit hatte Herz Moses Madelong sein Geschäft schon 1832 seinem Sohn Löser Herz Madelong übergeben. 1870/71 spendete er wie andere Mündener Juden auch Geldbeträge und Textilien für die in den Krieg gegen Frankreich ziehenden Soldaten, die Münden mit der Bahn passierten. Auch an Sammlungen für die kämpfenden Truppen oder für heimkehrende verwundete oder kranke Soldaten beteiligte er sich. Außerdem kamen von ihm Geldspenden für die Schaffung des Kriegerdenkmals und für den Bau des Krankenhauses. Löser Herz Madelong starb Mitte der 1870er-Jahre.

Sohn eröffnet Lederhandlung

Dessen Sohn Moritz Löser Madelong eröffnete 1867 im Haus Lange Straße 68, das sein Vater 1844 gekauft hatte, eine Lederhandlung. Als frommer Jude hielt er seinen Laden an den höchsten jüdischen Festen, dem Neujahrsfest Ende September und dem Laubhüttenfest im Oktober jeweils zwei Tage geschlossen und teilte dies seiner Kundschaft über Anzeigen in der Zeitung mit.

1872 heiratete er Ida Schwabe aus Rastete und verlegte sein Geschäft in die Petersilienstraße Nr. 13. Lange währte das Glück nicht. Noch nicht 32 Jahre alt starb Moritz Löser Madelong im April 1873. Seiner jungen Witwe blieb nichts anderes übrig, als das Geschäft zu schließen und die Ladeneinrichtung zu verkaufen.


aus der HNA-Serie: Geschichte an den drei Flüssen


In dem Haus an der Langen Straße, das Anfang des 20. Jahrhunderts umgebaut wurde, betrieb Moritz Löser Madelong von 1867 bis 1873 sein Ledergeschäft.