Theorie mäßig, Praxis gut: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Theorie mäßig, Praxis gut
 
 
 
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'''Die Aufnahme in die Kaufgilde schaffte Klockemeyer knapp - und war sehr erfolgreich'''
Die Aufnahme in die Kaufgilde schaffte Klockemeyer knapp - und war sehr erfolgreich'''
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''Von Dr. Johann Dietrich von Pezold''
 
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Hann. Münden. Als Mündener Großbürger standen Theodor Klockemeyer, „Kaufmann aus Einbeck“, wie das Bürgereidbuch vermerkt, alle Vergünstigungen zu, die er in Münden beanspruchen durfte. Zugleich erfüllte er als Bürger die wichtigste Voraussetzung für die Aufnahme in die Kaufgilde. Ferner musste er einen Lehrbrief vorlegen und den Nachweis führen, dass er an einem anderen Ort, „wo ein einigermaßen bedeutender Handel getrieben wird,“ mindestens drei Jahre als „Commis“ (Handlungsgehilfe) gedient hatte.
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[[Hann. Münden]]. Als Mündener Großbürger standen Theodor Klockemeyer, „Kaufmann aus Einbeck“, wie das Bürgereidbuch vermerkt, alle Vergünstigungen zu, die er in Münden beanspruchen durfte. Zugleich erfüllte er als Bürger die wichtigste Voraussetzung für die Aufnahme in die Kaufgilde. Ferner musste er einen Lehrbrief vorlegen und den Nachweis führen, dass er an einem anderen Ort, „wo ein einigermaßen bedeutender Handel getrieben wird,“ mindestens drei Jahre als „Commis“ (Handlungsgehilfe) gedient hatte.
  
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Wenn er mit „Colonial-Waren“ (Waren aus Übersee) handeln wollte, musste er das nicht geringe Vermögen von 1000 Talern nachweisen. Außerdem hatte er sich einer Prüfung in der „kaufmännischen Rechenkunst, Buchführung, Waaren- Münz- Maaß- und Gewichtskunde u. dergleichen dem Kaufmann unentbehrlichen Kenntnisse[n]“ zu unterziehen. Schließlich musste er volljährig sein, wozu damals die Vollendung des 25. Lebensjahres nötig war.
 
Wenn er mit „Colonial-Waren“ (Waren aus Übersee) handeln wollte, musste er das nicht geringe Vermögen von 1000 Talern nachweisen. Außerdem hatte er sich einer Prüfung in der „kaufmännischen Rechenkunst, Buchführung, Waaren- Münz- Maaß- und Gewichtskunde u. dergleichen dem Kaufmann unentbehrlichen Kenntnisse[n]“ zu unterziehen. Schließlich musste er volljährig sein, wozu damals die Vollendung des 25. Lebensjahres nötig war.
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Eine schriftliche Mängelrüge wegen einer unreinen Kaffeelieferung ging aber ebenso als „genügend“ durch wie die Antwort zu einer Frage über Buchführung.
 
Eine schriftliche Mängelrüge wegen einer unreinen Kaffeelieferung ging aber ebenso als „genügend“ durch wie die Antwort zu einer Frage über Buchführung.
  
Prüfer zeigten sich milde
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Nachdem Klockemeyer die Kaufgildestube verlassen hatte, herrschte Einigkeit unter den Beteiligten, dass „die Antworten viel zu wünschen übrig ließen.“ In Anbetracht des Umstandes aber, dass er seit 13 Jahren nicht mehr in einem Kolonialwarengeschäft tätig gewesen war, sah man über seine mangelnde Erfahrung hinweg und hielt ihn für geeignet, ein Einzelhandelsgeschäft zu führen.
 
Nachdem Klockemeyer die Kaufgildestube verlassen hatte, herrschte Einigkeit unter den Beteiligten, dass „die Antworten viel zu wünschen übrig ließen.“ In Anbetracht des Umstandes aber, dass er seit 13 Jahren nicht mehr in einem Kolonialwarengeschäft tätig gewesen war, sah man über seine mangelnde Erfahrung hinweg und hielt ihn für geeignet, ein Einzelhandelsgeschäft zu führen.
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An Theodor Klockemeyer erwies sich einmal mehr, dass mäßige Prüfungsergebnisse kaum etwas über praktische Fähigkeiten aussagen müssen. Schon drei Wochen später gründete er im Haus Lange Straße 82 ein „Colonial- und Material-Waaren-Geschäft“. Als Materialwaren wurden unverarbeitete Rohprodukte bezeichnet.
 
An Theodor Klockemeyer erwies sich einmal mehr, dass mäßige Prüfungsergebnisse kaum etwas über praktische Fähigkeiten aussagen müssen. Schon drei Wochen später gründete er im Haus Lange Straße 82 ein „Colonial- und Material-Waaren-Geschäft“. Als Materialwaren wurden unverarbeitete Rohprodukte bezeichnet.
  
Geschäft bestand lange
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'''Geschäft bestand lange'''
  
 
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte Theodeor Klockemeyer es zu einem sehr erfolgreichen Lebensmittel- und Feinkosthandel. Unter Führung seines Sohnes und seines Enkels bestand das Geschäft mehr als 100 Jahre.
 
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte Theodeor Klockemeyer es zu einem sehr erfolgreichen Lebensmittel- und Feinkosthandel. Unter Führung seines Sohnes und seines Enkels bestand das Geschäft mehr als 100 Jahre.

Version vom 17. Mai 2008, 18:07 Uhr

Hann. Münden / Serie Geschichte an den drei Flüssen : Das Klockemeyer’sche Geschäft vor etwa 100 Jahren

Die Aufnahme in die Kaufgilde schaffte Klockemeyer knapp - und war sehr erfolgreich

Von Dr. Johann Dietrich von Pezold

Hann. Münden. Als Mündener Großbürger standen Theodor Klockemeyer, „Kaufmann aus Einbeck“, wie das Bürgereidbuch vermerkt, alle Vergünstigungen zu, die er in Münden beanspruchen durfte. Zugleich erfüllte er als Bürger die wichtigste Voraussetzung für die Aufnahme in die Kaufgilde. Ferner musste er einen Lehrbrief vorlegen und den Nachweis führen, dass er an einem anderen Ort, „wo ein einigermaßen bedeutender Handel getrieben wird,“ mindestens drei Jahre als „Commis“ (Handlungsgehilfe) gedient hatte.

Hohe Ansprüche

Wenn er mit „Colonial-Waren“ (Waren aus Übersee) handeln wollte, musste er das nicht geringe Vermögen von 1000 Talern nachweisen. Außerdem hatte er sich einer Prüfung in der „kaufmännischen Rechenkunst, Buchführung, Waaren- Münz- Maaß- und Gewichtskunde u. dergleichen dem Kaufmann unentbehrlichen Kenntnisse[n]“ zu unterziehen. Schließlich musste er volljährig sein, wozu damals die Vollendung des 25. Lebensjahres nötig war.

Die Prüfung fand am 13. November 1845 in der Kaufgildestube im Rathaus statt. Anwesend waren die beiden Kaufgildemeister, also die Vorsitzenden der Gilde, Johann Christian Francke und Justus Francke sowie die beiden Prüfer Konsul Carl Willmann und Christian Bernhard Wüstenfeld. Das Protokoll führte Bürgermeister Friedrich Wilhelm Bodungen.

In der Warenkunde sollte Theodor Klockemeyer mehrere Kaffeesorten bestimmen, aber nur eine konnte er richtig angeben. Hinsichtlich der Ermittlung der Kosten für den Bezug von Kaffee aus London musste er passen, weil er mit den „englischen Beziehungen nicht vertraut“ war. Die Kosten für eine Kaffeelieferung aus Hamburg konnte er zufriedenstellend ermitteln, während sich in eine Berechnung für den Bezug von Tee aus Bremen „einige Irrthümer eingeschlichen“ hatten.

Eine schriftliche Mängelrüge wegen einer unreinen Kaffeelieferung ging aber ebenso als „genügend“ durch wie die Antwort zu einer Frage über Buchführung.

Prüfer zeigten sich milde

Nachdem Klockemeyer die Kaufgildestube verlassen hatte, herrschte Einigkeit unter den Beteiligten, dass „die Antworten viel zu wünschen übrig ließen.“ In Anbetracht des Umstandes aber, dass er seit 13 Jahren nicht mehr in einem Kolonialwarengeschäft tätig gewesen war, sah man über seine mangelnde Erfahrung hinweg und hielt ihn für geeignet, ein Einzelhandelsgeschäft zu führen.

Trotz der schlechten Prüfungsleistung wurde Theodor Klockemeyer ein sehr erfolgreicher Kaufmann.

An Theodor Klockemeyer erwies sich einmal mehr, dass mäßige Prüfungsergebnisse kaum etwas über praktische Fähigkeiten aussagen müssen. Schon drei Wochen später gründete er im Haus Lange Straße 82 ein „Colonial- und Material-Waaren-Geschäft“. Als Materialwaren wurden unverarbeitete Rohprodukte bezeichnet.

Geschäft bestand lange

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte Theodeor Klockemeyer es zu einem sehr erfolgreichen Lebensmittel- und Feinkosthandel. Unter Führung seines Sohnes und seines Enkels bestand das Geschäft mehr als 100 Jahre.