Roger M. Buergel

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Außenseiter macht das Rennen


Auch im Jahre 2007 kehrt die documenta nicht zu dem Ausstellungscharakter zurück, den sie bis 1992 hatte. Die Großausstellung als Erlebnisraum, in dem man den neuesten und attraktivsten Kunstwerken der verschiedenen Bereiche begegnet, ist in Kassel auch weiterhin kein Thema. Das ist die vielleicht wichtigste Botschaft, die sich mit der Berufung des in Berlin geborenen und in Wien lebenden Kritikers und Ausstellungsmachers Roger M(artin) Buergel verbindet.

Der 41-Jährige, der verheiratet ist und zwei Kinder hat, sucht die Kunst nicht dort, wo sie sich laut aufdrängt, sondern bevorzugt die Nebenwege und Außenseiter. Wenn man Buergel, der selbst einmal als Künstler gearbeitet hatte, erlebt und sprechen hört, dann denkt man eher an einen Theoretiker und auch an einen Schöngeist, wie er sich selbst einordnet. Aber im Verlauf des Gesprächs besteht er darauf, dass die Ausstellungen, die er gemacht hat und die er machen will, nicht durch die Theorie wirken und verstehbar werden sollen, sondern unmittelbar erlebbar seien.

Die Kunstwerke selbst sollen im Mittelpunkt stehen. In der Beziehung denkt er wie Jan Hoet, der 1992 die documenta leitete. Trotzdem werden Welten zwischen Hoets überbordender Schau und Buergels kommender documenta liegen. Wenn man versucht, Buergel innerhalb der documenta-Geschichte zu verorten, dann wird man ihn eher in der Nähe zu Okwui Enwezor ansiedeln können. Enwezor hatte die Kasseler Ausstellung im Jahre 2002 endgültig für den globalen Kunstdialog geöffnet. Und Buergel hat sicher Recht, wenn er meint, hinter diese Position könne man nicht mehr zurück. Mit Enwezor verbindet ihn aber auch der Grundansatz, den Blick auf die Kunst aus den gesellschaftlich-politischen und allgemeinen kulturellen Fragestellungen zu richten.

Gespannt darf man folglich darauf sein, wie es ihm gelingt, dieses theoretisch begründete Konzept so unmittelbar in Anschauung zu übersetzen, dass sich die Theorie nicht zwischen Werk und Betrachter schiebt. Wichtig ist jedenfalls die Beobachtung, dass Buergel, wenn er an Kunst denkt, ebenso selbstverständlich den Film oder andere Medien einbezieht wie seine Vorgänger Catherine David und Okwui Enwezor.

Deshalb tauchen in den Listen seiner Ausstellungsprojekte auch immer wieder Namen solcher Künstler auf, die wir 1997 und 2002 in Kassel erlebt haben: Peter Friedl, Harun Farocki, Allan Sekula und Andreas Siekmann. Mehrere seiner Ausstellungen hat er mit Ruth Noack gemeinsam organisiert, die sich durch ihre engangierte Auseinandersetzung mit dem feministischen Film einen Namen gemacht hat. Insofern ist es vorstellbar, dass in der documenta12 die politisch-gesellschaftlich motivierten Arbeiten eine noch größere Rolle spielen. Aber bei allem Ernst in der Untersuchung aktueller Probleme und ihrer Spiegelung in den Werken von Künstlern und Künstlergruppen hat Buergel selbst eine Neigung zum Spielerischen.

Ein Lieblingsthema war für ihn bisher, mit Ausstellungstiteln zu jonglieren, Erwartungshaltungen aufzubauen, um dann mit anderen Arbeiten zu überraschen. Auf diese Weise hat er mehrfach das Ausstellen selbst thematisiert. Unter Roger M. Buergel wird sich die documenta, und das ist gut und wichtig für sie, weiterhin nicht dem Markt und seinen Gesetzen unterordnen. Wenn Buergel daran denkt, in den Stadtraum zu gehen, kleine Ausstellungseinheiten der großen Superschau vorzuziehen, dann hat er keine Ausstellung im Visier, die man im schnellen Durchgang erledigen kann. So könnte die documenta12 vielleicht im Jahre 2007 einlösen, was Manfred Schneckenburger 1987 vorschwebte, aber nicht erreichte, und was sich 2002 mit den Projekten von John Bock und Thomas Hirschhorn im Außenbereich abzeichnete.

HNA 5. 12. 2003