Rindt-Orgel Hatzfeld: Unterschied zwischen den Versionen

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300 Jahre Rindt-Orgel - Bedeutendes Musikinstrument in Hessen
  
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hatzfeld. Ein besonderes Kleinod der Orgeldenkmalpflege befindet sich in der romanischen Emmauskapelle der Stadt Hatzfeld auf dem Friedhof: die Rindt-Orgel. Sie zählt zu den bedeutendsten erhaltenen Orgelwerken in Hessen. Zwar existieren im gesamten Bundesland noch ältere Gehäuse, die Rindt-Orgel gilt dort jedoch als eine der ältesten noch spielbaren Orgeln. Nordhessenweit aber ist sie einzigartig!
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In diesem Jahr wird in dem alten Gotteshaus ein Jubiläum gefeiert. Denn die Rindt-Orgel ist 300 Jahre alt. Das Musikinstrument wurde 1706 vom Hatzfelder Orgelbauer Johann Christian Rindt unter Verwendung älterer Gehäuse- und Pfeifenteile gebaut. Dieser Geburtstag wird von der Stadt Hatzfeld mit einem Konzert- und Vortragsprogramm gefeiert werden (siehe Bericht an anderer Stelle).
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Johann Christian Rindt wurde am 19. Dezember 1672 in Hatzfeld als Sohn des Johannes Rindt und seiner Ehefrau Johanna Katharina getauft. Unklar ist, bei wem er das Orgelbauhandwerk erlernt hat.
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1696/97 tritt er erstmals als Orgelbauer in Erscheinung und liefert eine neue Orgel nach Amönau bei Marburg. In Schönstadt baut er 1699 eine neue Orgel und übernimmt dort das Amt des Schulmeisters und Organisten, betreibt den Orgelbau daneben weiter.
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Johanna Christian Rindt stirbt 1744 in Schönstadt. Sein Schwiegersohn, der ebenfalls aus Hatzfeld stammende Gabriel Irle, setzt den Orgelbau in Schönstadt fort.
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Ursprünglich war die Orgel nicht für die Emmauskapelle errichtet worden, sondern für die Hatzfelder Stadtkirche. In der Hatzfelder Stadtkirche versah das Instrument für lange Jahre seinen Dienst. Erst 1868 wurde die Rindt-Orgel wegen der Anschaffung einer neuen, größeren Orgel in die Emmauskapelle verlagert. Diese wird seit Generationen bis heute als Friedhofskapelle genutzt.
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Im Laufe der Zeit drohte das jahrhundertealte Pfeifenmaterial dieses Kleinods in der feuchten Emmauskapelle zu zerfallen. Dieter Schneider, Orgelexperte aus Biedenkopf, hatte bereits 1950 mit einem Aufsatz im Hinterländer Heimatkalender auf diesen erschreckenden Umstand hingewiesen.
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Schließlich wurde die Emmauskapelle selbst in den 1970er-Jahren renoviert. Nach einem langen Dornröschenschlaf wurde dann die Rindt-Orgel im Auftrag der Stadt Hatzfeld von 1982 bis 1984 in der Werkstatt von Gerald Woehl (Marburg) restauriert. Dies geschah derart mustergültig, dass sich bald international bekannte Musikhistoriker und Künstler dafür interessierten. Internationale Künstler spielten bereits mehrere CDs auf dem historischen Pfeifeninstrument ein (siehe Bericht an anderer Stelle).
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Die Orgelbauer hatten in sorgfältiger Arbeit die Originalfarben hervor geholt, sie ergänzten die fehlenden Prospektteile und rekonstruierten nach einer Bleistiftnotiz auf der Rückseite der Orgel die restlichen Register der ursprünglichen Disposition.
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Die Rindt-Orgel besitzt einen reich verzierten Prospekt, der darauf hinweist, dass das Instrument vorher in einer bedeutenderen Kirche gestanden hatte. König David und Trompetenengel in den Ohren (so nennt man die Schnitzereien an den Außenseiten) verweisen auf die Aufgabe des Instruments zur Darstellung christlicher Musik. Schwieriger zu deuten sind die derben Löwenfiguren auf dem Gehäuse: Aber auch sie sind der christlichen Symbolik entnommen.
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Das größte Rätsel gibt jedoch die Figur am Untergehäuse auf, die einer Galionsfigur gleich, halb entblößt von einer Säule mit Rankenwerk getragen wird - vom Rindtschen Orgelwerk sind viele Teile noch im Original erhalten. So ist ein großer Bestand des alten Pfeifenwerkes noch vorhanden, fehlende Teile waren bei der Restaurierung material- und mensurgerecht ergänzt worden. Dies betraf auch die Windladen und die Traktur.
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Vollständig fehlten die Klaviatur und die Balg-Anlage, die aufgrund vorhandener Spuren rekonstruiert werden konnten. Die Balg-Anlage wurde mit einer Treteinrichtung versehen, so dass die Orgel auch ohne Strom, mit Hilfe eines Bälgetreters, des so genannten Kalkanten, gespielt werden kann.
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Seit der Renovierung veranstaltet die Stadt Hatzfeld alljährlich Konzerte in der Emmauskapelle. Sie sind für Musikfreunde aus dem Oberen Eder- und Lahntal zu einer festen Adresse geworden.
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Von Klaus Jungheim (HNA)
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[[Kategorie: Waldeck-Frankenberg]] [[Kategorie: Kirche]] [[Kategorie: Geschichte]]

Version vom 29. September 2006, 10:36 Uhr

Alt, aber oho!

300 Jahre Rindt-Orgel - Bedeutendes Musikinstrument in Hessen



hatzfeld. Ein besonderes Kleinod der Orgeldenkmalpflege befindet sich in der romanischen Emmauskapelle der Stadt Hatzfeld auf dem Friedhof: die Rindt-Orgel. Sie zählt zu den bedeutendsten erhaltenen Orgelwerken in Hessen. Zwar existieren im gesamten Bundesland noch ältere Gehäuse, die Rindt-Orgel gilt dort jedoch als eine der ältesten noch spielbaren Orgeln. Nordhessenweit aber ist sie einzigartig!

In diesem Jahr wird in dem alten Gotteshaus ein Jubiläum gefeiert. Denn die Rindt-Orgel ist 300 Jahre alt. Das Musikinstrument wurde 1706 vom Hatzfelder Orgelbauer Johann Christian Rindt unter Verwendung älterer Gehäuse- und Pfeifenteile gebaut. Dieser Geburtstag wird von der Stadt Hatzfeld mit einem Konzert- und Vortragsprogramm gefeiert werden (siehe Bericht an anderer Stelle).

Johann Christian Rindt wurde am 19. Dezember 1672 in Hatzfeld als Sohn des Johannes Rindt und seiner Ehefrau Johanna Katharina getauft. Unklar ist, bei wem er das Orgelbauhandwerk erlernt hat.

1696/97 tritt er erstmals als Orgelbauer in Erscheinung und liefert eine neue Orgel nach Amönau bei Marburg. In Schönstadt baut er 1699 eine neue Orgel und übernimmt dort das Amt des Schulmeisters und Organisten, betreibt den Orgelbau daneben weiter.

Johanna Christian Rindt stirbt 1744 in Schönstadt. Sein Schwiegersohn, der ebenfalls aus Hatzfeld stammende Gabriel Irle, setzt den Orgelbau in Schönstadt fort.

Ursprünglich war die Orgel nicht für die Emmauskapelle errichtet worden, sondern für die Hatzfelder Stadtkirche. In der Hatzfelder Stadtkirche versah das Instrument für lange Jahre seinen Dienst. Erst 1868 wurde die Rindt-Orgel wegen der Anschaffung einer neuen, größeren Orgel in die Emmauskapelle verlagert. Diese wird seit Generationen bis heute als Friedhofskapelle genutzt.

Im Laufe der Zeit drohte das jahrhundertealte Pfeifenmaterial dieses Kleinods in der feuchten Emmauskapelle zu zerfallen. Dieter Schneider, Orgelexperte aus Biedenkopf, hatte bereits 1950 mit einem Aufsatz im Hinterländer Heimatkalender auf diesen erschreckenden Umstand hingewiesen.

Schließlich wurde die Emmauskapelle selbst in den 1970er-Jahren renoviert. Nach einem langen Dornröschenschlaf wurde dann die Rindt-Orgel im Auftrag der Stadt Hatzfeld von 1982 bis 1984 in der Werkstatt von Gerald Woehl (Marburg) restauriert. Dies geschah derart mustergültig, dass sich bald international bekannte Musikhistoriker und Künstler dafür interessierten. Internationale Künstler spielten bereits mehrere CDs auf dem historischen Pfeifeninstrument ein (siehe Bericht an anderer Stelle).

Die Orgelbauer hatten in sorgfältiger Arbeit die Originalfarben hervor geholt, sie ergänzten die fehlenden Prospektteile und rekonstruierten nach einer Bleistiftnotiz auf der Rückseite der Orgel die restlichen Register der ursprünglichen Disposition.

Die Rindt-Orgel besitzt einen reich verzierten Prospekt, der darauf hinweist, dass das Instrument vorher in einer bedeutenderen Kirche gestanden hatte. König David und Trompetenengel in den Ohren (so nennt man die Schnitzereien an den Außenseiten) verweisen auf die Aufgabe des Instruments zur Darstellung christlicher Musik. Schwieriger zu deuten sind die derben Löwenfiguren auf dem Gehäuse: Aber auch sie sind der christlichen Symbolik entnommen.

Das größte Rätsel gibt jedoch die Figur am Untergehäuse auf, die einer Galionsfigur gleich, halb entblößt von einer Säule mit Rankenwerk getragen wird - vom Rindtschen Orgelwerk sind viele Teile noch im Original erhalten. So ist ein großer Bestand des alten Pfeifenwerkes noch vorhanden, fehlende Teile waren bei der Restaurierung material- und mensurgerecht ergänzt worden. Dies betraf auch die Windladen und die Traktur.

Vollständig fehlten die Klaviatur und die Balg-Anlage, die aufgrund vorhandener Spuren rekonstruiert werden konnten. Die Balg-Anlage wurde mit einer Treteinrichtung versehen, so dass die Orgel auch ohne Strom, mit Hilfe eines Bälgetreters, des so genannten Kalkanten, gespielt werden kann.

Seit der Renovierung veranstaltet die Stadt Hatzfeld alljährlich Konzerte in der Emmauskapelle. Sie sind für Musikfreunde aus dem Oberen Eder- und Lahntal zu einer festen Adresse geworden.


Von Klaus Jungheim (HNA)