Theodor Heuss

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Theodor Heuss war in den Jahren 1949 bis 1959 erster Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.

1953: Theodor Heuss in Kassel

Mucksmäuschenstill, so berichten die Hessischen Nachrichten am 2. Mai 1953, verhielten sich Hunderte von Kasselern, die sich schon am frühen Morgen des 1. Mai auf dem Kasseler Hauptbahnhof eingefunden hatten. "Es hatte ganz den Anschein, als wage es niemand, unseren Bundespräsidenten bei der morgendlichen Toilette in seinem Salonwagen zu stören, der bereits gegen 5.45 Uhr auf Bahnsteig 12 eingefahren war." Gegen acht Uhr war es dann allerdings vorbei mit der Rücksicht, das Musikkorps des Bundesgrenzschutzes schmetterte den "Wach-auf-Chor" aus den Meistersingern zur Begrüßung des hohen Gastes.

Die offiziellen Vertreter der Stadt, mit Oberbürgermeister Willi Seidel an der Spitze, eilten zum Empfang herbei, und das Besuchsprogramm mit Empfang im Rathaus, Gang durch den Bergpark, Besuch der Henschelwerke und Maikundgebung konnte beginnen.

Tausende von Kasselern nahmen die Gelegenheit wahr, das Staatsoberhaupt aus der Nähe zu erleben. Heuss lobte die "heitere, gelöste Atmosphäre" in der Stadt und den Stand des Wiederaufbaus, und die Kasseler zeigten sich sehr angetan von ihrem Präsidenten.

"Theodor Heuss bezauberte alle durch Charme und schwäbischen Humor", vermerkten die Hessischen Nachrichten.

Aus der HNA vom 18.6.2010:

Der Papa der Nation

Von Wolfgang Blieffert

Deutschland im Jahr 1949: Der Westen ist in drei Besatzungszonen geteilt, die DDR von den Sowjets besetzt. Die Städte liegen zum Teil noch in Trümmern, Millionen Flüchtlinge und Vertriebene versuchen, in einer neuen Heimat Fuß zu fassen, Hunderttausende Soldaten werden vermisst, ebenso viele sind noch in Kriegsgefangenschaft. Nazizeit und Holocaust lasten auf den Deutschen.

Keine einfachen Startbedingungen für die am 23. Mai gegründete Bundesrepublik Deutschland und ihren ersten Präsidenten, den schwäbischen Liberalen Theodor Heuss. Zumal ihm oft vorgehalten wird, 1933 im Reichstag trotz Bedenken Adolf Hitlers Ermächtigungsgesetz zugestimmt zu haben. Was den Journalisten aber nicht davor bewahrte, von den Nazis mit einem Publikationsverbot belegt zu werden. Auch sein Lehramt verlor er.

So galt er nach dem Krieg als unbelastet und wurde von den Amerikanern kurzzeitig zum Kultusminister in Württemberg-Baden ernannt. Inzwischen Vorsitzender der Freien Demokratischen Partei (FDP) wirkte Heuss ab 1948 im Parlamentarischen Rat mit, der das Grundgesetz für die Bundesrepublik ausarbeitete und beschloss.

Das Amt des Präsidenten verdankte er einer Absprache der CDU Konrad Adenauers mit den Liberalen. Gemeinsam wählte man am 12. September 1949 Heuss zum Bundespräsidenten und drei Tage später Adenauer zum Kanzler.

Heuss, mehr Intellektueller als Politiker, erwies sich für die junge Republik als Glücksfall im höchsten Staatsamt. Seine Reden, einziges wirkliches Machtmittel eines Präsidenten, zeugten von umfassender Bildung und hoher moralischer Verantwortung, seine Würde und seine Schlichtheit hinterließen Eindruck im In- und Ausland, wirkten stilbildend für viele seiner Nachfolger.

Liebevoller Spitzname
Heuss setzte sich für eine Neubewertung der bis dahin vielfach verfemten Verschwörer von 20. Juli 1944 (Attentat auf Hitler) ein und rief zu einer Besinnung auf die demokratischen Tugenden der 1848er-Revolution auf. Die gemütliche Art des Zigarrenrauchers und Weinliebhabers kam an bei den Bürgern. „Papa Heuss“ war bald ein liebevoll gemeinter Spitzname.

Beim Bemühen um demokratische Kultur steckte er allerdings auch eine Niederlage ein, als er sich für eine neue Nationalhymne einsetzte. Das alte Deutschlandlied sei infolge des Missbrauchs durch die Nazis für die neue Demokratie nicht mehr tragbar, meinte er, konnte sich aber gegen Adenauer und SPD-Oppositionsführer Kurt Schumacher nicht durchsetzen.

Dennoch war es nach fünf Jahren völlig unstrittig, Theodor Heuss eine zweite Amtszeit zu gewähren. Einen Gegenkandidaten hatte er nicht. Vier Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Amt starb Heuss 1963 in Stuttgart.

Serie: Unsere Präsidenten - Theodor Heuss war ein Glücksfall für die junge Republik

siehe auch

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