Stadtentwicklung Frankenberg

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Blick auf die Neustadt Frankenberg mit Eder, Uferstraße und Fußgängerzone. Foto: Susanna Battefeld. (Copyright: HNA)

Große Würfe brauchen viel Geduld

HNA-Interview: Bürgermeister Engelhardt zur Stadtplanung - Ziel: Frankenberg will wieder ins Programm Stadtsanierung


Die Altstadt kriselt, das geplante große Einkaufszentrum auf dem ehemaligen Balzer-Gelände macht den Kaufleuten Sorgen, von anderen Projekten der Stadtentwicklung wie Bahnhofsgelände und Uferstraße hört man seit langem nichts mehr. Die HNA sprach mit Bürgermeister Christian Engelhardt darüber, wie es in Zukunft städteplanerisch weitergehen soll mit dem Mittelzentrum Frankenberg.


Herr Engelhardt, was ist für Sie das zentrale Thema der Stadtentwicklung Frankenbergs?


Engelhardt: Zuerst die Entwicklung unserer innersten Altstadt, also von Ober- und Untermarkt. Dort ist mit dem Investitions-Projekt Hotel Sonne der Firma Viessmann neue Dynamik in die Entwicklung gekommen. Wir als Stadt gestalten dafür den Marktplatz neu. Das ist für uns auch Anlass - wie die HNA vor einigen Wochen ja schon berichtet hat - darüber nachzudenken, wo wir im Kern der Altstadt noch Veränderungsbedarf haben.


Fakt ist: Sechs Objekte sind zurzeit in der Zwangsversteigerung, viele andere haben Probleme und auch die Rathausschirn, das Prunkstück der Altstadt, hat Sanierungsbedarf. Was kann die Stadt tun, was nicht?


Engelhardt: Das zehntürmige Rathaus in Schuss zu halten, ist natürlich ureigene Aufgabe der Stadt. Wir haben vergangene Woche begonnen, zusammen mit dem Denkmalschutz zu analysieren, welche Bereiche renoviert werden müssen.


Wo liegen die Mängel?


Engelhardt: Anstrich und Schieferverkleidung sind nicht mehr in Ordnung. Was ich noch nicht beantworten kann, ist die Frage nach dem Zustand der Bausubstanz. Sind die Balken noch in Ordnung? Das muss geklärt werden. Die Zusammenarbeit mit Bezirkskonservator Dr. Bernhard Buchstab ist dabei sehr gut. Das Rathaus ist unser erstes Projekt, weil es ein Leuchtturm unserer Stadt ist.


Und die Altstadt?


Engelhardt: Natürlich können wir als Stadt eine Sanierung privater Häuser nicht bezahlen. Wir werden aber im Gespräch mit den betroffenen Eigentümern klären, ob - und wenn ja, wo - diese Zuschüsse für Sanierungen bekommen können. Zu diesem Zweck plane ich, eine Expertengruppe aus Architekten, Maklern, Anwälten und Steuerberatern zu bilden, um die Chancen dafür auszuloten. In einem zweiten Schritt könnten dann auch die Banken mit ins Boot genommen werden.


In den vergangenen Monaten hatte man den Eindruck, als ob sich Stadtplanung in Frankenberg einzig und allein um das Rosco-Einkaufszentrum auf dem ehemaligen Balzer-Gelände dreht.


Engelhardt: Sicher ist das ein ganz zentrales Thema. Ich denke, keiner will, dass wir an einer so prägnanten Stelle - es geht ja auch um das Raiffeisengebäude - ungenutzte, leer stehende Gebäude haben.


Jetzt hat die Rosco-Gruppe in Gießen vor kurzem ihr erst 2005 eröffnetes Einkaufszentrum Neustädter Tor mit mehreren Millionen Euro Verlust verkauft. Macht Ihnen das für das Projekt in Frankenberg Sorgen?


Engelhardt: Nein, ich habe mich letzte Woche mit Herrn Rossing getroffen und er hat mir versichert, dass die Rosco-Gruppe wirtschaftlich sehr gut aufgestellt ist.


Stimmt es, dass das Bekleidungsunternehmen C&A bei Rosco in Frankenberg einziehen wird? Engelhardt: Davon weiß ich nichts.


Wenn es um neue Investitionen geht, ist nur noch von Einkaufsgalerien und Supermärkten die Rede. Gibt´s bei potenziellen Investoren keine inhaltsreicheren Themen?


Engelhardt: Der Immobilienmarkt ist zurzeit tatsächlich so ausgerichtet, dass nur noch in große Fachmärkte investiert wird. Natürlich hätten wir gerne einen Entertainment-Komplex mit Theater und Kino wie in Marburgs neuer Mitte. Aber dafür ist Frankenberg zu klein und damit auch für keinen Investor attraktiv.


Eine weitere Baustelle ist das an Rosco/Balzer angrenzende, heruntergekommene Bahnhofsgelände. Gibt´s da Pläne?


Engelhardt: Ja, wir wollen versuchen, den Bereich Bahnhof mit der Bahnhofstraße bis zur Fußgängerzone in das Förderprogramm Stadtsanierung hereinzubekommen - ähnlich wie früher Sepp Waller die Altstadt. Dazu sollen auch Teile der Uferstraße und die Bremer Straße gehören. Wir werden ein Fachbüro mit einer Analyse beauftragen, was bei einer Sanierung Sinn macht und was nicht. Auf dieser Basis muss der zuständige hessische Minister entscheiden, ob wir ins Programm kommen oder nicht. Wie hoch wir in der Priorität rutschen, hängt aber auch vom Erfolg der Rosco-Einkaufsgalerie ab.


Das Bahnhofsgelände war ja auch Thema des Architektenwettbewebs, den Ihr Vorgänger Rüdiger Heß 2003 initiiert hatte. Warum ist dieses Papier mit vielen interessanten Anregungen in Vergessenheit geraten?


Engelhardt: Es ist nicht in Vergessenheit geraten. Aber die Wettbewerbsteilnehmer hatten damals die Vorgabe, Visionen zu entwickeln und nicht schnell umsetzbare Projekte. Natürlich werden wir uns jedoch die Gedanken der Architekten wieder vor Augen führen - wenn wir in das Projekt Stadtsanierung hinein kommen sollten.


Die Öffnung der Stadt Frankenberg hin zur Eder mit dem Rückbau der Uferstraße ist keine Vision, sondern schrittweise umsetzbar, wenn die Südumgehung fertig ist.


Engelhardt: Das wäre städtebaulich sicher ein richtiger Schritt. Aber wir dürfen auch unsere beschränkten finanziellen Möglichkeiten nicht aus dem Auge velieren.


Keine Vision, sonder knallharte Realität sind nach wie vor die hässlichen, auf Besucher abstoßend wirkenden Zugänge von der Ufer- und Bremer Straße hoch zur Fußgängerzone. Und das kostet nicht die Welt.


Engelhardt: Das ist tatsächlich keine Vision, sondern etwas, das wir erledigen müssen. Aber es kostet doch Einiges. Gerade in den vergangenen zwei Jahren hatten wir finanziell sehr magere Zeiten. Aber die Talsohle ist durchquert.


Gibt´s schon einen zeitlichen Fahrplan für das Projekt Stadtsanierung, zweiter Teil?


Engelhardt: Nein, noch nicht. Die Analyse des Fachbüros wird etwa ein Jahr dauern. Kommen wir in das begehrte Programm Stadtsanierung tatsächlich rein, wird jede Maßnahme mit zwei Dritteln der Kosten - Bund und Land geben je ein Drittel - bezuschusst. Sicher ist: Für ein ambitioniertes Projekt wie die neue Stadtsanierung werden wir sehr, sehr viel Zeit brauchen. Aber: Auf große Würfe muss man warten können.


Von Stefan Wewetzer (HNA; 26.9.2006)