Mündener Arbeiterbildungsverein

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Die Arbeiter Mündens feierten auch: Festkommers, Gartenfest und Ball anlässlich des 25jährigen Jubiläums des Arbeiterbildungsvereins fanden 1888 in Friedrich Nickels Hotel an der Burgstraße statt – ganz rechts im Bild um 1890. Repro: von Pezold

Der Mündener Arbeiterbildungsverein hatte seine Wurzeln im „Arbeiterverein“, der in der Revolutionszeit 1848/ 49 gegründet worden war, aber in der folgenden Zeit der Reaktion bald nur noch dahindämmerte. Erst als seit 1860 die Obrigkeiten in Deutschland die politischen Zügel wieder lockerten, entwickelte sich ein lebhaftes Vereinswesen. So wurde der Arbeiterverein im Herbst 1862 mit erweitertem Namen praktisch neu gegründet.

Anfänglich bezeichnete er sich auch als Arbeiterfortbildungsverein, womit sein Anliegen deutlicher zum Ausdruck kam. Abends wurde Unterricht in berufspraktischem Wissen wie Rechnen, Deutsch, Buchführung oder Zeichnen erteilt.

Dafür stand dem Arbeiterbildungsverein seit 1864 das alte Schulhaus am Rathaus zur Verfügung. Dort konnten auch ein Lesezimmer für die rasch wachsende Bibliothek eingerichtet werden und sonntagabends gesellige Unterhaltungsabende stattfinden.

Die Vorsitzenden, der Buchbindermeister Ernst Bendrot, zwischenzeitlich auch der Einzelhändler Adolph Schwarz, und seit 1883 der Klempnermeister August Kaup entstammten dem Umfeld, an das sich der Arbeiterbildungsverein wandte.

Als der Verein 1888 unter Kaups Vorsitz, der auch Bürgervorsteher war, sein 25-jähriges Bestehen feierte, war er ein wichtiger Teil des bürgerlichen Mündener Establishments. Seine Aufgabe wurde jetzt ausdrücklich auch darin gesehen, vor allem die „jungen Gewerbegehülfen und Arbeiter vor den vielfachen Gefahren der socialen Abirrung zu bewahren.“

Die Bürger hatten ihre Häuser mit Tannengrün geschmückt und beflaggt. Girlanden waren über die Straßen gespannt. Die Feierlichkeiten begannen mit einem Festkommers, auf dem Bürgermeister Carl Schulze sprach, und wurden am folgenden Tage unter reger Beteiligung der Mündener mit einem Frühschoppen, einem Umzug durch die Straßen der Stadt und einem Gartenfest mit anschließendem Ball fortgesetzt.

Abends wurde Unterricht im berufspraktischen Wissen wie Rechnen, Deutsch, Buchführung oder Zeichnen erteilt.

AUS DER GESCHICHTE DER ARBEITERFORTBILDUNG

Noch deutlicher wurde die gesellschaftspolitische Bedeutung des Vereins beim Stiftungsfest im Oktober 1890 herausgestellt, nachdem gerade das Verbot der politischen Betätigung der Sozialdemokraten ausgelaufen war.

Unter Anspielung auf die Sozialdemokraten, die Veränderungen in Staat und Gesellschaft anstrebten, unterstrich der Festredner aus Hannover, dass die „Arbeiter-Bildungsvereine in erster Linie dazu berufen seien, den Geist der Unzufriedenheit aus den Reihen der Arbeiter zu bannen, den Verblendeten die Augen zu öffnen, die Verführten auf den rechten Weg zurückzuführen, den Geist der Ordnung zu pflegen, [und] die jüngeren Mitglieder des Vereins zu tüchtigen Bürgern heranzubilden.“ Arbeiterbildungsvereine seien die „Felsen, an denen die Wogen der Umsturzbewegungen brechen werden.“

Von Dr. Johann Dietrich von Pezold

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