Louis Spohrs Sinfonien

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Louis Spohr (1784-1859)

Neben seiner Tätigkeit als Dirigent und Geiger zählt Louis Spohr zu den bedeutendsten Sinfonikern des 19. Jahrhunderts. In den Jahren 1811 bis 1857 komponiert er zehn sinfonische Werke, von denen neun als Druck erscheinen. Die zehnte Sinfonie ist lediglich als handschriftliche Partitur erhalten. Sinfonik im 19. Jahrhundert ist geprägt durch das Werk Ludwig van Beethovens, doch Spohr zeigt sich von dessen Erfolg weitgehend unbeeindruckt, er beurteilt Beethovens Sinfonien im Gegenteil sehr kritisch:

„Ich [...] gestehe frei, daß ich den letzten Arbeiten Beethovens nie habe Geschmack abgewinnen können. Ja, schon die viel bewunderte neunte Symphonie muß ich zu diesen rechnen [...], deren vierter Satz mir [...] monströs und geschmacklos und in seiner Auffassung der Schiller’schen Ode so trivial erscheint, daß ich immer noch nicht begreifen kann, wie ihn ein Genius wie der Beethoven’sche niederschreiben konnte. Ich finde darin einen neuen Beleg zu dem, was ich schon in Wien bemerkte, daß es Beethoven an ästhetischer Bildung und an Schönheitssinn fehle.“ (Spohr 1968, I/180)

Hätte dies ein erfolgloser Musiker gesagt, so könnte man ihm Neid unterstellen, doch Louis Spohr nimmt „zu seiner Zeit [...] als Symphoniker eine hervorragende Stellung“ (Heussner 1959, 297) ein und es stört ihn an Beethovens Sinfonien hauptsächlich, dass diese „immer barocker, unzusammenhängender und unverständlicher“ (Spohr 1968, I/180) werden. Dennoch hat Spohr sich durchaus an der Sinfonik Beethovens orientiert. „Beethovensche Züge“, so Horst Heussner, „sind in der Dehnung der Glieder des Sonatenhauptsatzes, der Einführung des Scherzos an Stelle des Menuetts, der Besetzung mit drei Posaunen und in der [...] Verwendung von zwei Hornpaaren“ (Heussner 1959, 297) erkennbar. Es ist schwierig, Louis Spohrs Sinfonien einer bestimmten Epoche zuzuordnen. Er war gewissermaßen zu jung für die Klassik und zu alt für die Romantik. Deshalb lassen sich in seinen Sinfonien sowohl klassische als auch romantische Elemente finden. Sie orientieren sich zwar formal an der Klassik, etwa in der Verwendung der Sonatenhauptsatzform, doch auch wenn Spohr die Abfolge Exposition, Durchführung, Reprise und Coda zugrunde legt, so verändert er doch deren Inhalt und Gewichtung. In der klassischen Sinfonie werden in der Exposition normalerweise zwei Themen vorgestellt, die in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Spohr hingegen verzichtet oft auf diesen ausgeprägten Themenkontrast, wie z.B. im ersten Satz seiner dritten Sinfonie, in dem nach Horst Heussner der „Verzicht auf Themendualismus [...] zur Gleichthematik führt.“ (Heussner 1959, 298). Werden in der Durchführung im klassischen Sinne die Themen verarbeitet (Modulation, rhythmische Veränderung, Zerlegung von Motiven etc.), setzt Spohr im Wesentlichen auf die Imitation einzelner Motive, insofern er nicht, wie in den ersten Sätzen der dritten und fünften Sinfonie, auf andere Gestaltungsmittel zurückgreift, etwa das erneute Aufgreifen der Einleitung. Romantische Elemente hingegen finden sich vor allem im Bereich der Harmonik. Die Chromatik ist eines der beliebtesten kompositorischen Mittel Spohrs. Sie lässt sich in jeder seiner Kompositionen finden, sehr ausgeprägt etwa in der ersten und zweiten Sinfonie. Spohr war weder ein Vertreter der absoluten, noch der Programmmusik, denn er komponiert beides. Drei von Spohrs Sinfonien lassen sich eindeutig als Programmmusik identifizieren, da sie programmatische Titel tragen: „Die Weihe der Töne“ (Sinfonie Nr. 4), „Irdisches und Göttliches im Menschenleben“ (Nr. 7) sowie „Die Jahreszeiten“ (Nr. 9). Die vierte Sinfonie, die Spohr selbst „ein Tongemälde nach einem Gedichte von Karl Pfeiffer“ (Spohr 1968, II/155) nennt, kann als erste sinfonische Dichtung im Wortsinne verstanden werden. Sie ist eine der bekanntesten und erfolgreichsten Sinfonien Spohrs und er selbst schreibt:

„Keine meiner Symphonien hat sich einer so weiten Verbreitung in fast allen deutschen Städten zu erfreuen gehabt, und noch immer ist sie das Lieblingswerk und wird in den meisten stehenden Konzerten alljährlich wenigstens einmal wiedergegeben.“ (Spohr 1968, II/156)

Mit der siebten Sinfonie betritt Spohr musikalisches Neuland, sie ist eine sogenannte „Doppelsymphonie“, d. h. eine Sinfonie, die von zwei Orchestern gespielt wird. Auch in seinen Doppelquartetten, seinem Nonett und den Doppelchören seiner Oratorien ist diese klangexperimentelle Seite Spohrs wiederzufinden, die verschiedene Klanggruppen einander gegenüberstellt. Spohrs sechste Sinfonie trägt zwar ebenfalls einen Namen („Historische Sinfonie“), kann jedoch nicht als Programmmusik im eigentlichen Sinne verstanden werden. Spohr unternimmt hier den Versuch, jedem Satz eine musikalische Epoche zuzuordnen. Die Satzbezeichnungen lauten: „Bach-Händelsche Periode 1720“, „Haydn-Mozartsche Periode 1780“, „Beethovensche Periode 1810“ und „Allerneuste Periode“. Diese Sinfonie wird ein großer Misserfolg. Robert Schumann, der die sechste Sinfonie 1841 in Leipzig hört, berichtet, dass sie bereits in England „stark angegriffen“ wurde. Er fürchtet, „auch in Deutschland werden harte Urteile darüber fallen.“ Schumann beschreibt das Werk als eine Maskerade, die er als „merkwürdige Erscheinung“ wertet. Sie passe nicht in sein Bild des Komponisten, denn „daß gerade Spohr auf die Idee fällt, Spohr, der fertige abgeschlossene Meister, Spohr, der nie etwas über die Lippen gebracht, was nicht seinem eigensten Herzen entsprungen, – dies muß wohl allen interessant erscheinen.“ Schumann versucht den verehrten Kollegen zu verteidigen, etwa indem er die Instrumentierung lobt, kommt jedoch auch zu dem Urteil, dass die gesamte Sinfonie einen „ungefälligen Eindruck“ mache und bezeichnet insbesondere den letzten Satz als „völligen Mißgriff“. Spohr selbst dürfe „sich nicht über Nicht-Anerkennung beklagen.“ (Schumann 1914, II/50f)


5. Sinfonie c-moll op. 102

Wien ist zu Lebzeiten Spohrs die Musikhauptstadt Europas, hier finden die „Concerts Spirituels“ statt. Ursprünglich aus Paris kommend, hat sich der Begriff im 19. Jahrhundert über ganz Europa verbreitet und steht für die Aufführung von Musik für höchste Ansprüche. Bei diesen „Concerts spirituels“ ist bereits Louis Spohrs vierte Sinfonie, „Die Weihe der Töne“, mit großem Erfolg aufgeführt worden und die Veranstalter bitten ihn bei einem Aufenthalt in Wien 1837 um eine weitere Sinfonie zur Eröffnung der nächsten Konzertsaison. Sofort nach der Rückkehr in die Heimatstadt Kassel widmet er sich der Komposition seiner fünften Sinfonie. Den ersten Satz entnimmt er dabei, leicht abgeändert, seiner Konzertouvertüre zu Ernst Raupachs „Die Tochter der Luft“, die ihm vorher „in dieser Gestalt doch nicht recht gefallen“ (Spohr, II/175) hatte. Am 1. März 1838 wird die fünfte Sinfonie dann unter Ignaz von Seyfrieds Leitung in Wien uraufgeführt. In Leipzig wird die Sinfonie erstmals am 25. Oktober 1838 unter Felix Mendelssohns Leitung gespielt. Die fünfte Sinfonie Spohrs folgt im formalen Aufbau dem klassischen Vorbild. Das Stück beginnt mit einer langsamen Einleitung in C-Dur, die allmählich zur Tonika c-moll hinführt, der erste Satz folgt der Sonatenhauptsatzform. Der zweite Satz steht in der Subdominantparallele As-Dur, er wird Lahrghetto gespielt und hat einen sehr gefühlvollen Charakter. Der dritte Satz ist ein Scherzo in C-Dur und unterliegt der klassischen Abfolge Scherzo, Trio, Scherzo. Der vierte Satz wird wieder sehr schnell gespielt und steht in der Tonika c-moll.

Das Einleitungsthema, mit dem der erste Satz der Sinfonie beginnt, hat durch die zarte Dynamik (pp) und das mäßige Tempo (Andante) einen sehr ruhigen Charakter. Die Tatsache, dass die erste Geige das Thema vorstellt, verstärkt diesen Effekt. Einleitung.jpg

Einleitungsthema


Nach der Einleitung, die am Ende immer schneller wird und von C-Dur zur Haupttonart der Sinfonie, c-moll, hinführt, folgt die Exposition, in der zunächst das erste Thema vorgestellt wird. Es zeichnet sich durch einen sehr energischen Charakter aus, der vor allem durch das Einsetzen des ganzen Orchesters erreicht wird. Das schnelle Tempo (Allegro) sowie die energische Dynamik (f) unterstreichen diesen Effekt. Die Staccati führen sprunghaft zu einem vorübergehenden decrescendo, danach folgt das Motiv jeweils wieder in forte. Die erste Note wird hier jeweils fünf Achtel lang gehalten, was die energisch-gespannte Wirkung unterstützt. Der große Ambitus lässt das Thema darüber hinaus sehr impulsiv erscheinen. Das erste Thema umfasst sechs Takte, die sich in drei zweitaktige Abschnitte gliedern lassen, es führt von der Tonika über die Subdominante f-moll hin zur Dominante G-Dur, um schließlich am Ende des sechsten Taktes wieder in der Tonika c-moll zu landen. Dennoch verleiht dieses Ende auf der Terz dem Thema keine Geschlossenheit im klassischen Sinn. Thema1.jpg

1. Thema


Der Vorstellung des ersten Themas folgt eine Überleitung, welche zum zweiten Thema hinführt. Dieses zeichnet sich durch seinen fröhlichen, verspielt wirkenden Charakter aus. Diesen Eindruck vermitteln die Tonikaparallele Es-Dur, die immer größer werdenden Intervallsprünge sowie der gleichmäßige Wechsel von Achteln und Vierteln. Die zarte Dynamik (pp) unterstreicht die tänzerische Stimmung, die das zweite Thema dem Hörer vermittelt. Das zweite Thema ist acht Takte lang, man kann es in zwei viertaktige Motive unterteilen, von denen sich das erste durch eher kleine, das zweite hingegen durch große Intervallsprünge auszeichnet. Jedoch sucht man auch bei diesem Thema vergeblich die klassische Geschlossenheit.

Thema2.jpg

2. Thema


Kontrastiv sind die beiden Themen vor allem im Bezug auf die Dynamik, das Tongeschlecht sowie die Artikulation. Herrscht im ersten Thema eine kräftige Dynamik vor, ist im zweiten Thema eine sanfte Variante vorzufinden. Das erste ist in c-moll, wohingegen das zweite in der Tonikaparallele Es-Dur steht. Das erste Thema weist darüber hinaus viele Staccati auf, wohingegen Achtel und Viertel im zweiten Thema stets durch einen Legatobogen verbunden sind. Nach der Exposition der beiden Themen folgt die Durchführung. Bei einer klassischen Sinfonie würde man nun erwarten, dass die gerade vorgestellten Themen verarbeitet werden, Spohr jedoch greift in seiner Durchführung nicht etwa die zwei Themen der Exposition, sondern das rhythmisch veränderte Einleitungsthema wieder auf. In der Reprise schließlich erscheinen die zwei Themen dann wieder und Spohr löst ihr tonales Spannungsverhältnis auf. Im vierten Satz der Sinfonie taucht erneut das Einleitungsthema des ersten Satzes auf, wodurch die Sinfonie dem Hörer in sich motivisch geschlossen erscheint.

Die fünfte Sinfonie wird vom Publikum bei der Uraufführung 1838 begeistert aufgenommen. Jeder Satz wird einzeln beklatscht und der zweite Satz kommt so gut an, dass er wiederholt werden muss. Auch die „Allgemeine musikalische Zeitung“ von 1838 äußert sich positiv über die fünfte Sinfonie Spohrs: „Gleich der erste Satz“ habe den Rezensenten „ungemein“ angesprochen. Die folgenden drei Sätze „riefen alle Hörer zu immer lauterem Beifall auf“ und der Rezensent selbst bezeichnet die fünfte Sinfonie, „ohne genaue Rechenschaft dafür geben“ zu können, als Spohrs „schönste Sinfonie unter allen“ (AmZ 1838, 755). Auch das Direktorium der „Concerts Spirituels“ ist sehr angetan von der fünften Sinfonie Spohrs und betont, es sei eine Ehre, das Werk eines so großen deutschen Meisters aufführen zu dürfen (Zit. nach. http://www.musikmph.de/musical_scores/prefaces/S-Z/spohr_sym5.html).

Literatur

  • Becker, Hartmut: Louis Spohr – Leben und Wirken. in: Louis Spohr. Avantgardist des Musiklebens seiner Zeit. Hg. v. der Stadtsparkasse Kassel. Kassel 1979. S. 7-38.
  • Göthel, Folker: Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr. Tutzing 1981.
  • Heussner, Horst: Spohr als Symphoniker. In: Musica 13 (1959). S. 297-299.
  • Katow, Paul: Louis Spohr, Persönlichkeit und Werk. Luxembourg 1983.
  • Peters, Helmut: Der Komponist, Geiger, Dirigent und Pädagoge Louis Spohr (1784-1859). Braunschweig 1987.
  • [Rezension der fünften Sinfonie]. In: Allgemeine Musikalische Zeitung vom November 1838. Sp. 755.
  • Schumann, Robert: Gesammelte Schriften über Musik und Musiker. 2. Bd. Hg. v. Martin Kreisig. 5. Aufl. Leipzig 1914.
  • Spohr, Louis: Lebenserinnerungen. 2 Bd. Erstmals ungek. n. d. autographen Aufzeichnungen hg. v. Folker Göthel. Tutzing 1968.
  • http://www.musikmph.de/musical_scores/prefaces/S-Z/spohr_sym5.html
  • Louis Spohr Organisator von Musikfesten