Louis Spohrs Kompositionen mit Harfe

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Louis Spohr (1784-1859)

„Ich hatte als Knabe selbst einmal den Versuch gemacht, die Harfe zu erlernen, nahm auch Unterricht bei einem Herrn Hasenbalg in Braunschweig und brachte es bald so weit, daß ich mir meine Lieder begleiten konnte. Nachdem ich aber mutiert hatte und nun eine geraume Zeit ganz ohne Stimme war, wurde die Harfe vernachlässigt und endlich ganz bei Seite gesetzt. Meine Vorliebe für das Instrument war aber dieselbe geblieben; auch hatte ich mich lange genug damit beschäftigt, um zu wissen, wie schwer es ist, wenn man mehr als bloße Begleitung darauf spielen will.“ (Spohr 1968, I/93)

Dieser Rückblick aus Louis Spohrs „Lebenserinnerungen“ geht schnell in eine Liebesgeschichte über, denn 1805 wird der junge Komponist und Geiger Konzertmeister der Gothaer Hofkapelle, wo er Dorette Scheidler, seine spätere Ehefrau, kennen lernt, sie ist eine der besten Harfenschülerinnen des Klarinettisten und Harfenisten Georg Friedrich Backofen. „Man denke sich daher mein Erstaunen und Entzücken, als ich dieses noch so junge Mädchen eine schwere Phantasie ihres Lehrers Backofen mit größter Sicherheit und feinster Nuancierung vortragen hörte. Ich war so ergriffen, daß ich kaum meine Tränen zurückhalten konnte. Mit einer stummen Verbeugung schied ich; mein Herz blieb aber zurück.“ (ebd.) In dieser Zeit schreibt Spohr sein erstes Stück für Violine und Harfe, die Sonate in c-moll, um Dorette näher zu kommen. Viele weitere seiner 17 Kompositionen mit Harfe entstehen in dieser Zeit, insgesamt schreibt Spohr fünf Sonaten für Harfe und Geige, virtuose Stücke für Harfe solo, außerdem zwei Sinfoniae Concertante für Harfe, Violine und Orchester sowie weitere kammermusikalische Werke. Darüber hinaus experimentiert Spohr mit den klanglich Möglichkeiten von Harfe und Violine und versucht das Zusammenspiel dieser beiden Instrumente zu optimieren, in seinen „Lebenserinnerungen“ schreibt er dazu: „Ich kam auf die Idee, die Harfe einen halben Ton tiefer als die Violine zu stimmen. Dadurch gewann ich zweierlei. Da nämlich die Geige am brillantesten in den Kreuztönen klingt, die Harfe aber am besten in den B-Tönen, wenn möglichst wenig Pedale getreten werden, so erhielt ich dadurch für beide Instrumente die günstigsten und effektvollsten Tonarten.“ (Spohr 1968, I/98) Dieser Trick verbessert aber nicht nur den Klang, sondern strapaziert durch den geringeren Druck auch die damals noch aus Darm bestehenden Saiten der Harfe weniger, sodass diese seltener reißen. Dorette Scheidler und Louis Spohr lernen sich durch die Musik immer besser kennen, bis sie im Februar 1806 heiraten, im Sommer 1807 kann Dorette ihren Mann – nach der Geburt des ersten Kindes – als Solistin auf der geplanten Konzertreise begleiten. Die Auftritte der beiden Spohrs treffen überall auf positive Resonanz und sind immer gut besucht. „Sie waren eine Sensation auf dem Gebiet des musikalischen Zusammenspiels und der Virtuosität, aber besonders eindrucksvoll war ihr ungewöhnliches Äußeres, das Louis Spohr auch geschickt in Szene setzte. Der Riese Spohr mit der winzigen Geige und im Kontrast dazu die zierliche Dorette mit der großen Pedalharfe boten einen putzigen Anblick, der das Publikum verblüffte.“ (Biehler 2004, 55) 1814 beginnt jedoch Dorettes Krankheit, während der Konzertreisen leidet sie immer stärker an einem nervösen Erschöpfungszustand. In dieser Zeit schreibt Spohr Stücke für Violine und Klavier, wodurch er seiner Frau die Chance geben will, sich auch als Pianistin einen Namen zu machen. 1819 kauft sie sich dann eine jener von Sébastien Érard neu konstruierten Doppelpedalharfen. Doch sie merkt bald, dass sie dieses Instrument nur lernen kann, wenn sie mehrere Monate hart üben würde, was in ihrem Zustand jedoch nicht mehr möglich ist. So beschließt Dorette 1820, ihre Karriere als Harfenistin zu beenden; sie stirbt am 20. November 1834 nach einer schweren Erkrankung. Spohr verliert mit ihr nicht nur seine treue Gattin, sondern auch den „geistvollen und kritischen Widerpart, dessen sein Schaffen bedurfte und der ihm immer wieder zu großen schöpferischen Leistungen beflügelte.“ (Powell 1984, 32)

Ein Kuriosum bezüglich der Rezeption von Spohrs Musik für Violine und Harfe berichtet der Geiger Hugo Heermann in „Meine Lebenserinnerungen“. Er habe fast 30 Jahre nach Spohrs Tod ein Konzert am preußischen Hof organisieren sollen, in dem er eines der Stücke für Violine und Harfe auf das Programm setzen wollte. Dies wurde ihm jedoch untersagt, da man Spohr wegen seiner damals allzu liberalen Gesinnung nicht möge. Als Heermann sein Bedauern ausdrückt, schlägt man ihm vor, er könne es „allenfalls unter dem Namen eines anderen, dort beliebten Komponisten“ versuchen „und riet zu dem bei Hof besonders beliebten [Charles] Gounod! – So mußte denn der arme Spohr unter französischer Flagge am deutschen Kaiserhof eingeschmuggelt werden. Nur der Kronprinz Friedrich [der spätere Kaiser Friedrich III.] war erstaunt und sagte mir im Künstlerzimmer, er habe nicht gewußt, daß Gounod Stücke für Harfe und Violine komponiert hätte. Gar zu gerne hätte ich erwidert, daß ich es auch nicht gewußt und erst durch Graf Redern erfahren hätte.“ (Heermann 1935, 32)


Sonate in c-moll für Violine und Harfe, WoO 23

Die Sonate in c-moll besteht aus zwei Sätzen; der erste ist in Sonatenhauptsatzform geschrieben, der zweite in Form eines Rondos. Beide Sätze beginnen mit einer langsamen Einleitung und gehen dann in den schnelleren Hauptteil über. Der erste Satz lässt sich nach der Einleitung in Exposition, Durchführung und Reprise gliedern. Die Einleitung steckt zunächst den Tonbereich ab, in dem sich das Stück später bewegt, über ein zweitaktiges Motiv, das sequenzartig in c-moll, dann in b-moll, schließlich in as-moll wiederholt wird, moduliert Spohr in die Tonikaparallele Es-Dur. Am Ende der Einleitung steht die Dominante G-Dur, die wieder nach c-moll zurückführt. In der Exposition des ersten Satzes werden die beiden Themen vorgestellt. Das erste ist acht Takte lang und steht in der Tonika c-moll, es ist periodisch gebaut, mit Vorder- und Nachsatz. Der Vordersatz ist in c-moll und endet in G-Dur, der Nachsatz endet wieder in c-moll; die Geige spielt die Melodie, während die Harfe in Akkorden begleitet. Das Thema ist in seiner musikalischen Faktur kontrastiv, während die ersten beiden Takte in Form einer „Mannheimer Rakete“ den c-moll-Akkord von c’ bis g’’ energisch in forte durchschreiten, bestehen die Takte 3 und 4 aus einem grazilen aus Trillern und Punktierungen gebauten Pendelmotiv im piano; der gleiche Verlauf wiederholt sich in den Takten 5-8. Der Beginn des ersten Thema, der gebrochene Akkord, tritt bereits in der langsamen Einleitung als Basslauf das erste Mal auf, was typisch ist für die enge thematische Verknüpfung in Spohrs Werken.

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1. Thema


Das zweite Thema ist in der Tonikaparallele Es-Dur geschrieben; es ist ebenfalls acht Takte lang und wiederum periodisch gebaut, d.h. es wird nach vier Takten komplett wiederholt. Harfe und Violine teilen sich hier das Thema, man könnte die Verknüpfung von Harfe und Violine als ein „Frage-Antwort-Spiel“ bezeichnen. Erst beginnt die Harfe mit dem Thema, indem sie sozusagen die Frage stellt, danach antwortet die synkopisch einsetzende Violine und die Harfe spielt währenddessen eine Akkordbegleitung. Das zweite Thema hat lyrischen Charakter und ist ruhiger und leiser als das eruptive erste Thema. Die Kontrastivität der beiden Themen ist wiederum ganz im Sinne der klassischen Sonatenhauptsatzform.

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2. Thema

Nach einer knappen Durchführung treten beide Themen in der Reprise wieder auf, das zweite ist diesmal in C-Dur, in dieser Tonart endet der erste Satz.

Auch der zweite Satz beginnt mit einer langsamen Einleitung, bei der zu Anfang nur die Harfe spielt. Nach dieser Einleitung in c-moll beginnt das folgende Rondo in C-Dur, der Refrain – wie schon im ersten Satz besteht auch hier eine thematische Verwandtschaft zwischen Einleitung und Hauptthema – ist acht Takte lang und in seiner pastoralen 6/8-Rhythmik ruhig, elegant, wiegend und wird piano gespielt. Er ist bei jedem Einsatz gut wiederzuerkennen, da er zehn Triller enthält. Die ganze Sonate enthält immer wieder „Spohr-typische“ Elemente, dazu gehören rasche Wechsel zwischen Dur und moll, Modulationen in entfernte Tonarten und die Verwendung von Chromatik. Am deutlichsten zu erkennen sind in diesem Stück, sowohl im ersten als auch im zweiten Satz, die Wechsel von Dur zu moll. Auch in dieser Sonate lässt sich erkennen, wie stark sich Spohr an klassischen Formen orientiert, diese dann aber mit seiner ganz eigenen Sprache romantisch einfärbt.

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Die c-moll-Sonate wird von Hans Joachim Zingel „als die schönste“ (Zingel 1959, 298) bezeichnet und auch Maurice F. Powell betont, dass man insbesondere im ersten Teil „durch den noblen Ernst seiner Themen und Instrumentalbehandlung“ sehe, dass es sich hier um „keine Salonmusik“ handelt. (Powell 1984, 28) Darüber hinaus ist die Sonate in c-moll aber wesentlicher Bestandteil der Liebesgeschichte zwischen Louis und Dorette, die Spohr in seinen „Lebenserinnerungen“ geradezu romanhaft beschreibt. Bereits in den ersten Wochen in Gotha sucht Spohr immer wieder nach Gründen, sich als Gast ins Haus der Familie Scheidler zu begeben. „Ich begleitete die Tochter am Piano, welches sie ebenso fertig wie die Harfe spielte, half der Mutter beim Einüben der Gesangsstücke für die Hofkonzerte und machte mich so der Familie immer unentbehrlicher. [...] Für mich und die Tochter schrieb ich dann eine konzertierende Sonate für Violine und Harfe, die ich mit ihr auf das sorgfältigste einübte. Das waren glückliche Stunden!“ (Spohr 1968, I/94) Kurz darauf wird dieses Stück, die Sonate in c-moll, ins Programm der Gothaer Hofkonzerte aufgenommen. „Eines Tages wurde ich jedoch mit Doretten ohne ihre Mutter zu einem Feste eingeladen, welches der Minister von Thümmel dem Hofe und dessen nächster Umgebung gab. Wir waren gebeten worden, meine Sonate für Harfe und Violine, die wir bereits in den Hofkonzerten mit großem Beifall vorgetragen hatten, hier zu wiederholen. Schüchtern wagte ich die Anfrage, ob ich Doretten im Wagen abholen dürfe und fühlte mich hochbeglückt, als die Mutter ohne Bedenken ihre Einwilligung gab. So zum ersten Male allein mit dem geliebten Mädchen, drängte es mich, ihr meine Gefühle zu gestehen; doch fehlte mir der Mut und der Wagen hielt, bevor ich nur eine Silbe hatte über die Lippen bringen können. Als ich ihr beim Aussteigen die Hand reichte, fühlte ich an dem Beben der ihrigen, wie bewegt auch sie war. Dies gab mir neuen Mut, und fast wäre ich noch auf der Treppe mit meinem Liebesgeständnis herausgeplatzt, hätte sich nicht soeben die Tür zum Gesellschaftssaal geöffnet. Wir spielten an dem Abend mit einer Begeisterung und einem Einklange des Gefühles, der nicht nur uns selbst ganz hinriß, sondern auch die Gesellschaft so elektrisierte, daß sie unwillkürlich aufsprang, uns umringte und mit Lobsprüchen überhaufte. Die Herzogin flüsterte dabei Doretten einige Worte ins Ohr, die diese erröten machten. Ich deutete auch dies zu meinen Gunsten und so gewann ich denn endlich auf der Rückfahrt den Mut zu fragen: ‚Wollen wir so fürs Leben miteinander musizieren?’ Mit hervorbrechenden Tränen sank sie mir in die Arme; der Bund fürs Leben war geschlossen! Ich führte sie zur Mutter hinauf, die segnend unsre Hände ineinander legte.“ (Spohr 1968, I/95f)

Literatur

  • Biehler, Leonie: Das Phantom am Opernplatz. Auf den Spuren von Louis Spohr. In: Kasseler Musikgeschichte. Hg. v. Andreas Wicke. Gudensberg 2004. S. 51-56.
  • Heermann, Hugo: Meine Lebenserinnerungen. Leipzig 1935.
  • Powell, Maurice F.: Louis Spohr und die Harfe. In: Louis Spohr. Festschrift und Ausstellungskatalog zum 200. Geburtstag. Hg. v. Hartmut Becker und Rainer Krempien. Kassel 1984. S. 27-34.
  • Spohr, Louis: Briefwechsel mit seiner Frau Dorette. Hg. v. Folker Göthel. Kassel 1957.
  • Spohr, Louis. Lebenserinnerungen. Erstmals ungek. n. d. Autographen Aufzeichnungen hg. v. Folker Göthel. Tutzing 1968.
  • Zingel, Hans Joachim: Spohrs Musik für Harfe. In: Musica 13 (1959). S. 299-300.