Häuser machten krank

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Häuser machten krank

Um 1900 herrschten in vielen Mündener Gebäuden unhygienische Verhältnisse

Beispielhaft: Schon in den 1880er Jahren vom Fabrikanten Carl Brüggemann gebaute Häuser am Werraweg. Darin wohnten Arbeiter seiner gegenüber gelegenen Kesselschmiede. Ein frühes Beispiel zur Abwehr von Wohnungsnot. Foto: von Pezold

Von Dr. Johann Dietrich von Pezold

Hann. Münden. Schon in den 1860er Jahren wurde in Münden befürchtet, dass billiger Wohnraum knapp werden könnte. Von einem schon seit längerer Zeit spürbaren „Mangel an kleineren, billigen Wohnungen“, dessen Behebung dringlich sei, war 1882 die Rede.

Unabweislich akut wurde die Frage erst in der zweiten Hälfte der 1890er Jahre. Als der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Peus aus Dessau im September 1897 auf einer „öffentlichen Volksversammlung“ zur Frage der Arbeiterwohnungen in Deutschland sprach, betonte er, dass in Münden die „Wohnungsverhältnisse“ besonders „viel zu wünschen übrig“ ließen. Eine weitere „Volksversammlung im Oktober 1897 verabschiedete eine Resolution an den Mündener Magistrat mit der Forderung, „für gesunde und billige Wohnungen Sorge zu tragen.“

Neue Hygienevorschriften

Zu praktischen Konsequenzen kam es erst im Februar 1898, als Hygienevorschriften aktuell wurden, nach denen unter anderem „die Aufbewahrung von Mist und Unrath in undurchlässigen Behältern“ statt „in Kellern und unter Wohnräumen“ verlangt wurde. Außerdem sollte Vieh nicht mehr in Wohnhäusern gehalten werden dürfen.

Die Vorschriften wurden lebhaft begrüßt, denn tatsächlich herrschten in vielen Mündener Häusern unhaltbare Zustände. „In den letzten Wochen habe ich hier circa 30 Arbeiterwohnungen aufgesucht“ zitierten die Mündenschen Nachrichten einen Bericht, „und dabei entsetzliche Verhältnisse gefunden, Verhältnisse die so schlecht sind, daß sie aus gesundheitlichen und sittlichen Gründen nicht lange mehr so fort bestehen können. Ich habe da zum Beispiel Wohnungen gefunden, in denen ein Mann von 1,72 m Körpergröße nicht aufrecht stehen kann, Wohnungen von denen man sagen kann, es scheint weder Sonne noch Mond hinein. Hier ist eine Aenderung dringend geboten.“

Große Aufregung lösten die Vorschriften aber deswegen aus, weil ihre Durchsetzung bis zum 1. Oktober 1898 erfolgen sollte. So entstand in der Öffentlichkeit der Eindruck, dass bis dahin zahlreiche Wohnungen geräumt werden müssten und somit hauptsächlich Arbeiterfamilien Obdachlosigkeit drohte.

Wohnungen fehlten

Es war jetzt unstreitig, dass unverzüglich für Arbeiterwohnungen gesorgt werden musste, aber weder der Stadt noch privaten Unternehmern als möglichen Bauträgern traute man zu, billigen Wohnraum schaffen zu können. Auch der Gedanke, eine Genossenschaftsbank zur Kapitalsammlung und Finanzierung von Arbeiterhäusern zu gründen, war wenig überzeugend, denn die Arbeiter als Bauherren hätten sich wegen des Grundstückserwerbs und der Baukosten hoch verschulden müssen.

So wurde im Frühjahr 1898 ein Konsortium gebildet, das eine Lösung erarbeitete, die den Arbeitern kein unzumutbares wirtschaftliches Risiko aufbürdete und einige Monate später zur Gründung des „Gemeinnützigen Bauvereins“ führte.

Bevölkerungsanstieg

Die Ursachen der Wohnungsnot in Deutschland seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts lagen in der sprunghaften Bevölkerungsvermehrung und dem Zuzug vom Lande in die Städte während der Industrialisierung. So stieg im Altkreis Münden (heute die Samtgemeinden Dransfeld und Staufenberg sowie die Flächenstadt Hann. Münden) zwischen 1848 und 1905 die Bevölkerungszahl von 18 778 auf 25 898. Davon entfiel auf die heutige Kernstadt Münden ein überproportionaler Zuwachs von 3 805 auf 10 122. Im übrigen Landkreis stieg die Bevölkerungszahl also nur von 14 973 auf 15 776.