Fahrt in den Abgrund

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DAS DRAMA IM WERRATAL

1935 ging es los: die Autobahnbrücke über die Werra wurde gebaut und im April 1937 eingeweiht. Nicht einmal zehn Jahre später flog sie in die Luft. FOTO: STADTARCHIV
Gustav Henkelmann

Fahrt in den Abgrund

Die Autobahnbrücke: vor 70 Jahren Baubeginn, vor 60 Jahren die Sprengung

Von Axel Schmidt und Andreas Th. Bernhard

HANN. MÜNDEN. „Es war eine der letzten Wahnsinnstaten des Krieges: die sinnlose Sprengung der großen Autobahnbrücke. Als ob man dieAmerikaner an der Werra noch hätte aufhalten können, wo sie doch schon bis in unsere Nähe vorgedrungen waren . . .“

Mündens früherer Bürgermeister Gustav Henkelmann (1905 - 1988) schrieb diese Zeilen in ein privates rotes Heft. Dort hielt er Anfang der 50er Jahre den Bau, die Zerstörung und den Wiederaufbau der Werratalbrücke mit eigenen Erinnerungen und Zeitungsausschnitten fest. Dem Drama um die Brücke, das viele Menschenleben kostete, widmet die HNA-Mündener Allgemeine in dieser Woche eine Serie mit fünf Sonderseiten. Den Anlass geben zwei Jahreszahlen.

1935 - also vor 70 Jahren - wurde mit dem Bau begonnen. Kurz vor dem Ende des 2. Weltkriegs - also vor 60 Jahren - sprengten deutsche Pioniere die Brücke in die Luft, die nicht einmal zehn Jahre zuvor als „Wunderwerk deutscher Ingenieurs- und Handwerkskunst“ (zeitgenössisches Zitat) gepriesen worden war.

In der Folge stürzten Autos in den Abgrund, rissen die vorher nichtsahnenden Passagiere mit in den Tod. Denn wer kannte damals Verkehrsleitsysteme, ganz zu schweigen davon, dass ein ganzes, in Trümmern liegendes Land von Grund auf neu organisiert werden musste?

Schnell jedoch erwies sich die Süd-Nord-Route über Kassel und Göttingen als so wichtig für die Zukunft, dass bei Laubach zunächst eine provisorische Autobahnabfahrt hinab ins Tal bis zum Werrahaus geschaffen wurde und die Briten 1947 unten eine Behelfsbrücke über die Werra bauten.

Gustav Henkelmann damals in seinem roten Heft:

„Die Abfahrt bei Laubach war wegen des starken Gefälles eine große Gefahrenquelle, hier verunglückten viele Fahrzeuge. Fast täglich landete ein Lkw im Graben oder im Fluss. Als die Autobahnbrücke ganz neu aufgebaut und 1952 eingeweiht wurde, ging auch für die Bewohner Laubachs eine Episode zu Ende. Da die meisten Lastwagen Lebensmittel geladen hatten, die beim Unfall herausflogen, kamen die Laubacher schnell dahinter, dass hier eine Gelegenheit zum Organisieren bestand - das wurde reichlich ausgenutzt. Auch für das Werrahaus waren damals goldene Zeiten. Viele Autofahrer aus allen Ländern machten vor oder nach der Abfahrt der Gefällstrecke Pause in dieser Gaststätte ...“

Umfangreiches Archivmaterial und viele andere Quellen machte die Serie möglich, die wir heute beginnen. Auftakt ist der Hintergrund des Baus der Autobahnen, die damals „Straßen des Führers“ hießen.