Ein Ende in Feuer und Rauch

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Die Gummifabrik Wetzell war einer der ersten Mündener Industriebetriebe

Der Standort in der Ziegelstraße: Wo früher Gummibälle, Schläuche und Dichtungen gefertigt wurden, verkauft heute ein Supermarkt seine Waren. FOTO: SCHMIDT

Zu den frühesten Mündener Industrieunternehmen gehörte die Gummifabrik der Gebrüder Wetzell. Sie lag auf dem Grundstück zwischen der Ziegelstraße und der Straße Hinter der Stadtmauer, das nach Norden von einem schmalen Durchgang für Fußgänger begrenzt wird. Heute befindet sich auf dem Grundstück ein Plus-Supermarkt.

Gründer der Gummifabrik waren die Brüder Friedrich und Hermann Wetzell. Sie teilten dem Magistrat der Stadt Münden im März 1859 mit, dass sie beabsichtigten, eine Gummifabrik anzulegen, und beantragten die Genehmigung zur Aufstellung einer Dampfmaschine von etwa 10 PS Leistung. Weil die Gummiherstellung feuergefährlich ist, erkundigte sich der Magistrat in Harburg über eine ähnliche Fabrik. Die Harburger verneinten eine erhöhte Feuergefährlichkeit. Daraufhin genehmigte der Mündener Magistrat Anfang April 1859 die Einrichtung der Fabrik mit dem Vorbehalt, dass noch bestimmte Feuerschutzmaßnahmen getroffen würden. So sollten unter anderem das Kesselhaus für die Dampfmaschine ein massiver Steinbau sein und die feuergefährlichen Rohmaterialien Kautschuk und Guttapercha mindesten 400 bis 500 Schritte von der Fabrik entfernt gelagert werden.

Zehn Monate später ergab eine Überprüfung durch den Senator Eduard Wüstenfeld, dass nicht alle Auflagen buchstabengetreu erfüllt worden waren. Das Kesselhaus hatte zur Hofseite immer noch eine Fachwerkwand; die verschiedenen im Hofbereich liegenden, für den Fabrikbetrieb genutzten Gebäude ließen sich gar nicht - wie verlangt - von den Gebäuden auf den Nachbargrundstücken isolieren und die geforderten Handfeuerspritzen waren zwar in Kassel bestellt, aber noch nicht geliefert. Die Rohmaterialien lagerten im Packhof an der Bremer Schlagd. Die festgestellten Mängel hielt Wüstenfeld aber nicht für so schwerwiegend, dass dem Betriebe des Geschäfts noch Hindernisse in den Weg zu legen gewesen wären. Die endgültige Betriebsgenehmigung konnte nach seiner Meinung magistratsseitig unbedenklich erteilt werden. Außer Kautschuk, dem geronnenen und getrockneten Milchsaft verschiedener tropischer Gehölze als Ausgangsmaterial, wurden für die Gummiherstellung Schwefel, Zinkweiß, Terpentin und Talkerde (Magnesiumoxyd) verwendet. Gummi entstand aus dem Kautschuk durch Erhitzen, maschinelles Kneten und Walzen unter Zusatz von Schwefel.

Die Wetzellsche Fabrik stellte hauptsächlich Gummibälle, Schläuche für medizinische Geräte und Dichtungsmaterialien her. Das Unternehmen wuchs rasch. Bereits 1867 wurden zwischen 80 und 100 Arbeitskräften beschäftigt. Zehn Jahre nach seiner Gründung wurde 1869 eine zweite Dampfmaschine aufgestellt. Bis 1878 stieg die Zahl der Beschäftigten auf etwa 150 an. Im gleichen Jahr erlitt das bis dahin so erfolgreiche Unternehmen einen schweren Rückschlag, der nicht zuletzt Jahre später zur Einstellung des Betriebs in Münden führte.

In der Nacht vom 2. zum 3. Februar 1878 brach in einem Fabrikationsgebäude auf dem Hof ein Feuer aus, das rasch in riesigen grellen Flammen zum Himmel loderte. Sie rissen Funken und glimmende Teile mit sich fort, die sich in nordöstlicher Richtung über die halbe Stadt niedersenkten. Den glücklichen Umständen, dass vollkommene Windstille herrschte und Schnee die Dächer der Häuer bedeckte, sowie der Tüchtigkeit der Feuerwehr war es zu verdanken, dass nicht ein großer Teil der heutigen Altstadt von einer Feuersbrunst erfasst wurde, wie man es zeitweise während der Löscharbeiten befürchtet hatte. Der Feuerwehr gelang es, ein Übergreifen der Flammen auf das Kesselhaus und die übrigen Fabrikgebäude zu verhindern, in denen große Mengen fertiger Gummiwaren lagerten. Die Gefahr, in der die Stadt geschwebt hatte, führte zu umgehenden Protesten bei der Landdrostei in Hildesheim (ab 1885 Bezirksregierung) gegen die Wiederinbetriebnahme der Fabrik an der gleichen Stelle. Wortführer der Protestierenden war der Fabrikant Adolf Natermann, der das unmittelbar benachbarte Grundstück zum Rathaus hin besaß, auf dem er bis 1876 eine Schriftgießerei betrieben hatte. Angesichts der Empörung, von der die Proteste getragen wurden, beeilten sich die Brüder Wetzell zu versichern, dass sie sich entschlossen hätten, den Wünschen unserer Mitbürger entsprechend unsere Gummiwarenfabrik aus der Stadt zu verlegen.

Gleichzeitig baten sie um die Genehmigung zur provisorischen Fortführung des Betriebes an der bisherigen Stelle, die der Magistrat mit Zustimmung der Landdrostei erteilte. Tatsächlich erwarben die Gebrüder Wetzell mehrere Grundstücke an der Bahnhofstraße im damals noch wenig bebauten Bahnhofsviertel. Aus den Plänen wurde aber nichts, weil es einerseits auch hier zu Protesten kam und andererseits die Gebrüder Wetzell noch im Jahr 1878 auf ein günstiges Angebot aus Hildesheim eingingen und eine dortige Gummifabrik kauften. In Münden wurde der Betrieb in geringem Umfang noch bis 1892 fortgeführt. Bei seiner Schließung hatte er nur noch 55 Beschäftigte.

(von Dr. Johann D.von Pezold)

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