Joan Miro

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1955: Das Schweben der Zeichen und Farben

Fünfzig Jahre später fällt es schwer, sich vorzustellen, welche Umwälzung die documenta für einen Großteil des Publikums bedeutete. Die meisten, die in die Ausstellung kamen, hatten in den zurückliegenden 20 Jahren keine Chance gehabt, die Werke der internationalen Moderne zu sehen. Die Nationalsozialisten hatten die Kunst als entartet gebrandmarkt und aus den öffentlichen Sammlungen vertrieben. Und in der Zeit danach gab es nur wenige Gelegenheiten, das einst Verbotene zu sehen. Mehr noch: In der Zeit vor 1933 waren die Künstler von van Gogh über Matisse und Picasso bis hin zu Kandinsky, Klee und Beckmann nicht so stark in das Bewusstsein eingedrungen, dass sie allgemein akzeptiert und später entsprechend vermisst worden wären. So wurde der öffentliche Streit um die Abstraktion und den Verlust des Menschenbildes in der Bundesrepublik erst mit Verspätung in den 50er-Jahren geführt.

Erklärlich wird mancher Streit und Frust über die moderne Kunst dadurch, dass nach den Kriegs- und Notjahren das Bedürfnis nach Schönheit besonders ausgeprägt war, dass aber nach Meinung vieler Menschen die Malerei des 20. Jahrhunderts eben diese Schönheit verweigerte. Wir sehen das heute anders. Die Werke des katalanischen Malers Joan Miro (1893-1983) erscheinen uns unstrittig als schön. Miro, der an den drei ersten Kasseler Ausstellungen beteiligt war, zeigte zur ersten documenta sechs Gemälde.

Das früheste Bild war die „Komposition“ („Personnages rhythmiques“) des Jahres 1934: Vor dem dunklen, von Braun zu Grün und Blau changierenden Hintergrund, sieht man plastisch gesetzte Formen. Das Bild ist nicht räumlich angelegt; gleichwohl entsteht eine Wirkung, die der Fläche Tiefe gibt. Die farbigen Formen scheinen zu schweben.

Es dominieren die rätselhaft schwarzen Formen, die durch leuchtend weiße und rote Elemente ergänzt und verbunden werden. Wer es liebt, mit der abstrakten Kunst umzugehen und sich mit dem Wechselverhältnis von Form und Farbe zu begnügen, der wird die „Komposition“ als ein von Leichtigkeit und Spielfreude bestimmtes Bild empfinden, das voller Geheimnisse und Poesie ist. Wer aber nach Bedeutungen und Erklärungen sucht, kann in dem einen Zeichen einen Mond, in anderen die Andeutung menschlicher Gestalten (wobei die zentrale Figur wie ein Tiermensch erscheint) sehen.

Es ist durchaus legitim, bei Miro nach den Bedeutungen zu fragen (auch wenn die möglichen Antworten den Zauber der Bilder nicht erklären). Seine Bildtitel verleiten auch oft dazu. Miro, der künstlerisch zu arbeiten begann, als die Revolutionäre der neuen Kunst schon ihre entscheidenden Schritte getan hatten, ließ sich durch die Bilder van Goghs und der Kubisten begeistern, noch stärker beeinflussten ihn aber Klee und Kandinsky. Der freie Umgang mit den zu eigenen Formen gewordenen Farben erinnert bei Miro manchmal stark an Kandinsky. Das Spielerische und Zeichenhafte hingegen stammen aus Klees Welt.

Doch wäre wohl Miro einen anderen Weg gegangen, hätte er nicht Kontakt zu den Surrealisten gefunden und diese ein Stück ihres Weges begleitet. So hat sich der Katalane einen eigenen Kosmos geschaffen, in dem Reste des Figürlichen und Abbildhaften ebenso auftauchen wie Chiffren für Traumhaftes und Unterbewusstes.

Je selbstverständlicher wir mit dieser Kunst umgehen, desto unwichtiger wird für uns die Frage, ob das Bild abstrakt oder gegenständlich sei. Denn gerade in Miro begegnen wir einem Künstler, der nachdrücklich der Farbe zu ihrem Eigenleben verholfen hat. Trotzdem wirkt es kurios, dass 1955 in der Auseinandersetzung mit Künstlern wie Picasso oder Miro in solchen Bildern eher die Abwendung von der traditionellen Komposition gesehen wurde. Es wurde von vielen der Verlust des in sich geschlossenen Bildes beklagt.

Heute aber sehen wir es umgekehrt und erstaunen darüber, wie stark die figürlichen Elemente damals in den Gemälden von Picasso und Miro waren. Überhaupt überrascht im Rückblick, wie viele gegenständlich und figürlich angelegte Werke in der ersten documenta vertreten waren. Der Sieg der Abstraktion wurde erst in den beiden folgenden Ausstellungen stärker spürbar.


Aus: Meilensteine - documenta 1-12