Das Schöne ist auch politisch

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Was besser ist als bei früheren Ausstellungen, wo die documenta 12 gegenüber den Vorgängern schwächelt

Die Besucher strömen, die Ausstellung läuft. Erfüllt die documenta 12 die an sie gestellten Erwartungen? Und wo steht sie im Vergleich mit den früheren Ausstellungen? Eine Bilanz zur Halbzeit.

?Führt die documenta 12 eine Tradition fort, oder setzt sie einen Neuanfang?

!Die Ausstellung bewegt sich genau auf der Ebene, auf die Catherine David die documenta vor zehn Jahren geführt hat. Ja, sie radikalisiert diesen Ansatz: Sie spiegelt nicht im Sinne des Kunstmarktes die aktuelle Szene, sondern forscht nach Entwicklungen und Tendenzen, die in den vergangenen 50 Jahren wichtig waren. Dabei fördert sie Künstler und Werke zutage, die nur begrenzt bekannt waren, aber einer früheren documenta gut angestanden hätten.

? Was folgt daraus für die Besucher? Wie gehen sie damit um?

!Sie müssen genauer hinschauen, vor allem auf die Angaben zur Entstehungszeit der Werke. Die Vermittlung spielt daher eine zentrale Rolle und ist Teil des Ausstellungskonzeptes. Wer die Vermittlung (Führung, Audio-Guide, Katalogtext) nicht in Anspruch nimmt, kommt deshalb in einzelnen Bereichen nicht weiter.

?Ist die documenta 12 also kopflastig, zumal sie auf den drei Leitmotiven „Ist die Moderne unsere Antike? Was ist das bloße Leben? Was tun?“ aufbaut?

!Die documenta X von Catherine David wurde zu Unrecht als unsinnlich und kopflastig bezeichnet. Aber im Verhältnis zur Ausstellung von 1997 bietet die documenta 12 weit mehr für das Auge. Sie wird geprägt von Werken, die auf das Spielerische und Schöne setzen, um ihre politischen Fragestellungen zu transportieren. Das Mohnfeld von Sanja Ivekovic, das Karussell „Die Exklusive“ von Andreas Siekmann und die „Siegesgärten“ zur Biopiraterie von Ines Doujak oder die Giraffe „Brownie“ sind sprechende Beispiele für diese Doppelbödigkeit. Im Bezaubernden oder Unterhaltsamen ist der Explosionsstoff vergraben.

?Ist die documenta 12 also besser als ihre Vorgänger-Ausstellungen?

!Nein. Sie ist anders. Was ihr fehlt, das sind die Arbeiten und Räume emotionaler Überwältigung, wie sie die vorige documenta von Okwui Enwezor gleich mehrfach bereithielt. Man denke nur an die Installation von Tania Brugera (ein dunkler Raum, in dem man Marschiertritte und die Entsicherung eines Gewehrs hört), an den Kaffeeraum von Artur Barrio oder an die Installation von Annette Messager (Stoffpuppen, die durch den Raum geschleift werden).

?Was zeichnet diese documenta gegenüber den früheren Ausstellungen aus?

!Erstmals nach 1972 und 1977 ist die documenta wieder thematisch ausgerichtet. Dabei werden mit den Fragen nach der Moderne und nach dem bloßen Leben sowohl formale als auch inhaltliche Entwicklungslinien angesprochen. Davon profitieren vor allem Künstlerinnen der 60er- und 70er-Jahre, die Pionierleistungen in verschiedenen Teilen der Welt vollbrachten, aber nur regional wahrgenommen wurden. Das ist gewiss ein Verdienst von Co-Kuratorin Ruth Noack. Außerdem spiegelt diese documenta als erste den globalen Stand der Kunst. Okwui Enwezor hatte zur documenta 11 zwar auch afrikanische und asiatische Künstler eingeladen, die meisten von ihnen waren aber längst Teil des westlichen Kunstbetriebes.

?Ist die documenta, wie verschiedentlich behauptet wird, eine Buergel-Noack-Show?

!In diesem abschätzig gemeinten Sinn bestimmt nicht. Seit der Entscheidung im Vorfeld der documenta 5, einen Einzelnen mit der Ausstellungsleitung zu betrauen, sind die subjektive Auswahl und Gestaltung Programm. Wenn man bedenkt, dass in der documenta zuletzt nie mehr als 120 Künstler vertreten waren, es aber allein in einer Stadt wie Düsseldorf um die 3000 Künstler gibt, dann muss eine documenta subjektiv sein. Roger Buergel und Ruth Noack lassen das in ihrer Ausstellung spüren: So tauchen die Arbeiten von John McCracken, Kerry James Marshall, Gerwald Rockenschaub und Juan Davila in allen möglichen Zusammenhängen auf. Was bei McCracken oder Marshall hilfreich und spannend ist, wird bei Davila ärgerlich.

?Buergel hat sich mehrfach auf Arnold Bode und die documenta von 1955 bezogen. Wird seine Ausstellung dem Vergleich gerecht?

!In Einzelbereichen schon. Natürlich ist das Urerlebnis der Kunst der Moderne von 1955 nicht wiederholbar. Aber Buergel schaffte es als erster Ausstellungsleiter seit Langem, mithilfe der Inszenierung das Fridericianum und die Neue Galerie neu erleben zu lassen. Auch dass er auf die Fortwirkung der Moderne setzt, bringt ihn in die Nähe von Bode.

?Lohnte der Aufwand mit dem Aue-Pavillon, obwohl der versprochene Kristallpalast nicht zu Stande kam?

!Obwohl das Fridericianum das Herz der documenta bleibt, hätte die Ausstellung ohne den Aue-Pavillon keine Substanz. Es sind nicht nur die Flächen, die man braucht. Durch die Weite der Räume entstand eine gute Alternative zu den musealen Gebäuden.

HNA 6. 8. 2007