Zuckerfabrik Nörten-Hardenberg: Unterschied zwischen den Versionen

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Das Werk [[Nörten-Hardenberg]] hat die längste Geschichte aller Zuckerfabriken im [[Northeim]]er Kreisgebiet. Aber Ende 1993 lief auch dort die letzte Kampagne.  
 
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== Süße Geschichte, bitteres Ende ==
 
Nachdem mit Ablauf der Kampagne 1993 die Zuckerproduktion in Nörten-Hardenberg eingestellt wurde, war Helmut Hummels, Jahrgang 1936, der Letzte, der noch im Werk blieb und nach der Stilllegung die Tore für immer schloss. Als Rentner hütet der Nörtener ein umfangreiches Archiv über die südniedersächsischen Zuckerfabriken. Er bewahrt zahlreiche Erinnerungsstücke auf und ist selber ein lebendiges Lexikon über den Wandel der Zuckerproduktion von der arbeitsintensiven Knochenarbeit zur hoch technisierten Nahrungsindustrie. Ein Wandel, der letztlich zum Niedergang der südniedersächsischen Zuckerfabriken führte. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg waren Rüben verziehen im Frühjahr noch Pflicht für Kinder wie Helmut Hummels. Weil es noch kein pilliertes Saatgut gab, konnten sich aus einem Samenkorn bis zu sechs Rübenpflanzen entwickeln.
 
Nachdem mit Ablauf der Kampagne 1993 die Zuckerproduktion in Nörten-Hardenberg eingestellt wurde, war Helmut Hummels, Jahrgang 1936, der Letzte, der noch im Werk blieb und nach der Stilllegung die Tore für immer schloss. Als Rentner hütet der Nörtener ein umfangreiches Archiv über die südniedersächsischen Zuckerfabriken. Er bewahrt zahlreiche Erinnerungsstücke auf und ist selber ein lebendiges Lexikon über den Wandel der Zuckerproduktion von der arbeitsintensiven Knochenarbeit zur hoch technisierten Nahrungsindustrie. Ein Wandel, der letztlich zum Niedergang der südniedersächsischen Zuckerfabriken führte. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg waren Rüben verziehen im Frühjahr noch Pflicht für Kinder wie Helmut Hummels. Weil es noch kein pilliertes Saatgut gab, konnten sich aus einem Samenkorn bis zu sechs Rübenpflanzen entwickeln.
  

Aktuelle Version vom 28. März 2008, 19:15 Uhr

Das Werk Nörten-Hardenberg hat die längste Geschichte aller Zuckerfabriken im Northeimer Kreisgebiet. Aber Ende 1993 lief auch dort die letzte Kampagne.

Süße Geschichte, bitteres Ende

Nachdem mit Ablauf der Kampagne 1993 die Zuckerproduktion in Nörten-Hardenberg eingestellt wurde, war Helmut Hummels, Jahrgang 1936, der Letzte, der noch im Werk blieb und nach der Stilllegung die Tore für immer schloss. Als Rentner hütet der Nörtener ein umfangreiches Archiv über die südniedersächsischen Zuckerfabriken. Er bewahrt zahlreiche Erinnerungsstücke auf und ist selber ein lebendiges Lexikon über den Wandel der Zuckerproduktion von der arbeitsintensiven Knochenarbeit zur hoch technisierten Nahrungsindustrie. Ein Wandel, der letztlich zum Niedergang der südniedersächsischen Zuckerfabriken führte. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg waren Rüben verziehen im Frühjahr noch Pflicht für Kinder wie Helmut Hummels. Weil es noch kein pilliertes Saatgut gab, konnten sich aus einem Samenkorn bis zu sechs Rübenpflanzen entwickeln.

Keine chemische Keule

Während sich die meisten Kinder, die dafür schulfrei bekamen, kriechend über den Acker bewegten, um zu Gunsten der stärksten Rüben alle schwächeren Konkurrenzpflanzen herauszuziehen, hatten Experten wie Hummels oder Lieselotte Opel eine bessere Methode: Halb gebückt konnten sie mit beiden Händen zwei Reihen gleichzeitig verziehen und dafür 2,50 Mark Lohn am Tag kassieren eine Mark mehr als die Kriecher. Frauen befreiten die Rüben mit der Rundhacke von Unkraut: Es gab noch keine chemische Keule. Für Hasen und Rebhühner war das gut. Die konnten Unkräuter fressen. Selbst die Ernte war bis in die 1960er Jahre noch Handarbeit. Mit einer zweizinkigen Gabel wurden die Rüben ausgegraben und in eine Reihe gelegt, um mit einem Hackmesser das Rübenblatt abzuköpfen. Für das Roden eine ein Morgen großen Parzelle (2500 Quadratmeter) gab es 80 bis 90 Mark. Ab 1950 kamen Rübenroder auf, die zunächst aber nur eine Reihe schafften und nicht, wie heute, sechs auf einmal. Vorweg fuhr ein Pferdegespann mit Köpfschlitten, um das Rübenblatt zu entfernen. So konnte Hummels nebenbei noch Hasen fangen mit der Hand. Ungelogen!

Rübenkampagne

Die Rübenkampagne, die Anfang Oktober begann, endete nicht, wie heute, vor Weihnachten, sondern erst Ende Februar. Von überall her brachten die Bauern mit Kuhgespannen oder Pferdefuhrwerken ihre Rüben zur nächsten Bahnstation oder direkt zur Fabrik. Bis nach Angerstein und zur Autobahn stauten sich die Wagen zurück: Jeder wollte morgens der Erste sein. Die Domäne Harste betrieb sogar eine Schmalspur-Rübenbahn, wobei die Loren von Pferden gezogen wurden. In der Kampagne 1987 fuhren täglich rund 300 Fahrzeuge mit 5000 Tonnen Rüben vor. Anfangs musste Hummels, der eine landwirtschaftliche Lehre absolviert hatte, die Rüben noch mit der Hand aus hohen Kastenwagen abladen. An acht Stunden anstrengender Schichtarbeit schlossen sich vier weitere Stunden an, in denen er Zuckersäcke stapelte jeder zwei Zentner schwer: Wir haben jede Gelegenheit genutzt, Geld zu verdienen.

Hochdruckspritze

In den 1970er Jahren wurden die Rüben von Entladerampen gekippt oder unter Hochdruck abgespritzt. Bei strengem Frost allerdings waren sie manchmal so fest gefroren, dass sie mit einem Radlader vom Wagen geschoben werden mussten. Auch in der Fabrik selbst war die Automatisierung unaufhaltsam. Von der Reinigung über das Schnitzelwerk, den Diffusionsturm, die Kristallisation und die Weißzuckerzentrifugen bis zur Verpackung wurden immer weniger Menschen benötigt. 1971 bediente Hummels zwei Zentrifugen, 20 Jahre später 15. Während vor 50 Jahren in der Kampagne bis zu 300 Hilfskräfte eingesetzt wurden, kam die Stammbelegschaft später allein zurecht. 1990 standen in Nörten 95Arbeiter und 21Angestellte auf der Lohnliste von Andreas Ahrens bis Friedel Zucker. Nach der Schließung 1993 wechselten nur wenige nach Nordstemmen. Viele wurden arbeitslos. Einige fanden neue Jobs oder gingen, wie Hummels, vorzeitig in Rente. Die Maschinen fanden Abnehmer in Schweden, Tschechien und sogar im fernen Iran. Die Gebäude wurden nach und nach abgerissen, um einem Proteinwerk Platz zu machen. Als letztes verschwanden 1997 die riesigen Silos der Zuckerfabrik. Mit ihnen verschwand ein Stück Industriegeschichte.