Weinberg: Unterschied zwischen den Versionen

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== Kassels Balkon mit Unterwelt ==
 
== Kassels Balkon mit Unterwelt ==

Version vom 17. April 2008, 17:17 Uhr

Grafik weinberg.gif

Der Weinberg liegt südwestlich des Kasseler Stadtzentrums.


Kassels Balkon mit Unterwelt

Der Weinberg liegt mit seiner terrassierten Gartenanlage und riesigen Stützkonstruktion in Bogenform hochaufragend und imposant im Blickfeld der von Süden her über die Frankfurter Straße Einfahrenden.

Im Sprachgebrauch gilt dieser Straßenabschnitt, das Tor zur City, voll und ganz als Weinberg. Hier befindet sich auch die ebenso benannte Straßenbahnhaltestelle.

Weinberg Helmut Fligge.jpg
Foto: Die gewaltigen Stützmauern des Weinbergs und die Brücke zur Bellevue.

Topographie & Topologie

Der Weinberg mit seiner Hochfläche und dem steil nach westosten abfallenden Hang befindet sich südwestlich des Stadtzentrums. Geologisch gesehen ist er Teil einer sich in Ost-West-Richtung erstreckenden Muschelkalk-Verwerfung des Kasseler Beckens.

Der Weinberg ist neben Möncheberg und Kratzenberg eine der drei markantesten innerstädtischen Erhebungen, umgeben von den Straßen Am Weinberg und Weinbergstraße und dem unterhalb liegenden und nach Westen führenden Philosophenweg (kurz vorgelegen der Tischbeinstraße).

Bis dahin auf ihrem Weg von Westen unterirdisch kanalisiert, kommt hier südöstlich die Kleine Fulda "zutage" um an der Westseite der Karlsaue dann in die Fulda zu münden.

Geschichte des Weinbergs

Hinweis: Die Texte müssen noch bearbeitet werden
- richtige Reihenfolge der zeitlichen Abläufe
- zusammenhängende Bereiche in ein eigenes Kapitel "packen"


Mittelalter

Im Mittelalter wurde auf dem Berg Weinanbau betrieben. Darauf weist nicht nur der Namen des Berges hin, sondern auch ein wüst gewordenes Dorf am Fuße des Weinbergs, das Dorf "Weingarten". Der Landgraf, das Kloster Ahnaberg und viele Bürger hatten auf Kassels Balkon seit dem 13. Jahrhundert ihre Weingärten. Über die Qualität des Rebensaftes gehen die Meinungen auseinander. "Der Landwein war so gut zu Cassel wie ein ziemlicher Rheinischer Wein, er ist auch eher einem halben Jahr ausgesoffen", lautet ein überliefertes Zitat aus dem Jahr 1540. Andere Chronisten sprechen von bescheidener Qualität: Der hier produzierte Wein dürfte ein rechter saurer Tropfen gewesen sein und so manche spöttische Rede wurde von den Zeitgenossen über den Wein ausgesprochen. Ende des 16. Jahrhunderts kam der Weinanbau im nördlichen Hessen zum erliegen. Der Dreißigjährige Krieg hatte die Rebstockbestände komplett vernichtet. Danach rückte der Weinberg in das Interesse der Landgrafen. 1529 ließ Landgraf Philipp I. der Großmütige auf dem Weinberg einen Garten anlegen. Er wurde als "oberster Garten" oder auch als "Plantage" bezeichnet. Hier wurden neben Baum- und Heckenpflanzungen und einem Irrgarten auch kleine Bauwerke errichtet.

17. Jahrhundert

Als Landgraf Karl ab 1685 die Hugenotten nach Kassel einlud und eine Siedlungsstelle für sie gesucht wurde, wählte man den fürstlichen Besitz am Weinberg dafür aus. Hier entstand die sogenannte Oberneustadt. Der als "alter Lustgarten" bezeichnete Platz verschwand.

Militärische Nutzung

Geplant wurde schon unter Landgraf Philipp I., den Weinberg für Verteidigungszwecke zu befestigen. 1550 kam die Idee auf, hier eine äußere Verteidigungslinie in Form von Schanzen anzulegen.

Erst im 17. Jahrhundert wurde die sogenannte Weinbergschanze errichtet, die zusammen mit dem Frankfurter Tor einen militärischen Schutz nach Süden bot. Die Weinbergschanze bestand aus einem rechteckigen Wall- und Grabenwerk, dessen nach der Stadt gerichteten Seite offen war. Von hier gab es einen gedeckten Weg zum Frankfurter Tor und einen unterirdischen Gang zur Aueschanze. 1768 wurde die Schanze eingeebnet und mit Maulbeerbäumen bepflanzt. Beim Bau des Landesmuseums wurde ein Teil der Schanze wieder gefunden. Nach 1776 wurde unter Landgraf Friedrich II., der die Festungswerke schleifen ließ, auch die Weinberg-Schanze eingeebnet. An deren Stelle entstand ein Park.

18. Jahrhundert

Ab 1765 wurde der untere Teil des südlichen Weinbergs terrassiert, um den Weinanbau wieder zu beleben. In Frankreich wurden Weinstöcke angekauft und angepflanzt. Für den eingestellten Weingärtner wurde ein Wohnhaus gebaut. Das Vorhaben scheiterte wiederum an der Qualität des Weines. Auch die Anpflanzung der Maulbeerbäume brachte nicht den gewünschten Erfolg. Landgraf Friedrich II. ließ die Maulbeerplantage auf der Hochfläche anpflanzen in Form einer Parkanlage, mit sich kreuzenden Alleen und Aussichtsplätzen mit Sichtschneisen.

Ende des 18. Jahrhunderts wurden die fürstlichen Besitzungen an Bürger verkauft. Das Grundstück wurde parzelliert und es entstanden auf dem Weinberg zahlreiche Bürgergärten. Auch Simon Louis du Ry besaß im Bereich der heutigen Humboldtstraße einen Garten. Um 1800 entstanden hier zwei Lokale, die zu einem beliebten Ausflugsziel wurden. Die reizvolle Lage der Lokale geriet auch in den Blickwinkel König Jérômes, der Pläne für ein Residenzschloss von seinem Architekt Grandjean de Montigny entwerfen ließ. Doch es blieb nur bei den Plänen. Der vorgesehene Bauplatz war ein in fürstlichem Besitz gebliebenes Grundstück zwischen dem heutigen Brüder-Grimm-Platz und der heutigen Weinbergstraße.

Im 19. Jahrhundert war Besitzerin des Grundstücks die Gemahlin des letzten Kurfürsten, der Fürstin von Hanau. Bekannt als "Hanauischer Garten" kam das Grundstück später in städtischen Besitz und wurde dann bebaut mit der Murhardschen Bibliothek, dem Wilhelmsgymnasium und Hessisches Landesmuseum. Noch heute erinnert der "Fürstengarten" an den ehemals kurfürstlichen Besitz.

19. Jahrhundert

Am Weinberg in der Innenstadt gab es wenig Wein und viel Bier

Frankfurter Straße am Weinberg ca. 1905

Am Fuße des westlichen Weinberges entstand Anfang des 19. Jahrhunderts das Wohnhaus "Sanssouci", das im 2. Weltkrieg zerstört wurde.

An der Hanglage zur Frankfurter Straße befand sich seit 1807 die Kunst- und Versandgärtnerei Schelhase, die wegen ihrer zeittypischen liebevollen Gestaltung und Ausschmückung längere Zeit als eine Sehenswürdigkeit in Kassel galt.

1822 dann stellte Hofküfermeister Reymüller das Gesuch an Kurfürst Wilhelm II., im Kalkfelsen am Frankfurter Tor einen Bierkeller anzulegen. Drei Jahre später kam die Erlaubnis. Mit der Auflage, "oben auf der Höhe anständige Bierwirtschaften für angesehene Personen zu errichten".

Ab 1825 entstanden auf dem Weinberg drei Biergärten:

  • der Peiletsche,
  • der Schwanzersche
  • der Eissengarthensche

mit dazugehörigen "Felsenkellern", die in den Kalkfelsen getrieben wurden. Diese Felsenkeller dienten zur Getränkelagerung.

Die wunderschöne Lage der Biergärten, mit ihrem herrlichen Blick in die Landschaft und den romantischen Spazierwegen, der populäre Musikdarbietung verschaffte es den drei, nebeneinander liegenden, Lokalitäten eine große Beliebtheit unter der Bevölkerung Kassels. Auch Auswärtige wurden von diesen wunderschönen Biergärten angelockt. Als Chronist jener Zeit hat der Bauunternehmer Heinrich Schmidtmann festgehalten: "Außer den privaten Gärten fand die Bürgerschaft Gelegenheit zu geselliger Vereinigung, an denen auch die Damenwelt teilnehmen konnte, in der großen Anzahl der Wirtschaftsgärten, darunter die drei herrlich gelegenen Felsenkeller am Weinberg."

Hier entstand auch die berühmte Beschreibung im "Prinz Rosa Stramin" von Ernst Koch (* 3. 6. 1808 Borken-Singlis - + 24. 11. 1858 Luxemburg).

Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurden die Gärten von der zunehmenden Bebauung mit Wohnhäusern verdrängt. Allerdings blieben große Teile des Südhanges unbebaut und wurde vom reizvollen Wegesystem der "Eidechse" erschlossen und war bis in die 70er Jahre ein grünes Idyll. Eines der ersten Häuser auf dem Weinberg war das 1863/66 im "Schweizer Stil" errichtete Wohnhaus (Weinbergstraße Nr. 25) des Malermeisters Reinhard Hochapfel (1823 – 1903).

Mit dem Aufkommen der Eisenbahn plante man Mitte des 19. Jahrhunderts, die Eisenbahn-Linie der Friedrich-Wilhelm-Nordbahn nicht über Wilhelmshöhe, sondern parallel zu der Frankfurter Straße unter dem Weinberg hindurch verlaufen zu lassen. Stattdessen entstand dann der Hauptbahnhof.

Von 1868 bis 1870 entstand im östlichen Bereich des Weinberges die repräsentative Villa der Fabrikanten Oscar und Sophie Henschel. Wegen des abschüssigen Baugrundstücks gestaltete man eine imposante terrassierte Gartenanlage. 1887 und 1901 wurde von der Familie Henschel durch Ankauf des "Felsenkeller"-Geländes der Grundbesitz vergrößert. Damit ging ein großes Kapitel der Kasseler Gastronomiegeschichte zu Ende.

20. Jahrhundert

Villa Henschel (rechts), Haus Henschel (links)

1902 ließ der Sohn Karl Henschel sein "Haus Henschel" (siehe auch Villa Henschel ) erbauen, eine imposante Villa.

Gleichzeitig entstand die riesige Stützkonstruktion in Bogenform an der Frankfurter Straße. Das "Haus Henschel" wurde 1931 abgerissen.

Die in den Felsen getriebenen Bierkeller wurden 1942 zu einem großen Luftschutzbunker umgebaut, in dem während der zahlreichen Bombenangriffe bis zu 8.000 Menschen Schutz und Zuflucht fanden. Dieser Teil von Kassels Unterwelt ist ein wirres Stollenlabyrinth ohne Fluchtwege. Zehn Eingänge und neun Stollen bilden die Basis für Gänge, die kreuz und quer in die Tiefe des blanken Kalksteinfelsens verlaufen.

Das 1931 und bis 1945 durch Abbruch und Zerstörung ( Der Krieg zerstörte auch die Villa Henschel) wieder frei gewordene Areal führte zu neuen Planungen durch die Nationalsozialisten. Hier sollte ein "Gauburg und Forum" entstehen und somit zu einem Eckpunkt ihrer stadtplanerischen Vorhaben sein.

Nach dem zweiten Weltkrieg

1947 kam der Plan für den Neubau des Staatstheaters auf dem Weinberg auf.

1959 wurde das Grundstück an die Stadt Kassel verkauft.

So entstand auf dem östlichen Teil des Anwesens der Henschelpark, der westliche Teil wurde im Hinblick auf eine zukünftige Neuordnung sich selbst überlassen.

1966 sollte hier ein Hotel der gehobenen Kategorie entstehen oder ein Erweiterungsbau der staatlichen Kunstsammlung. Alle Projekte wurden nicht verwirklicht.

Ausgeführt wurden hingegen, nach Verkauf der westlichen privaten Teile des Weinberges an eine Immobiliengesellschaft, der große Wohnkomplex, mit der "Seniorenresidenz" und der auf Stützen stehenden Zufahrtstraße. Dadurch bekam der Weinberg weithin sichtbar ein völlig neues Aussehen. Nach Protesten der Öffentlichkeit wurde der östliche Bereich des Weinberges vor einer weiteren Bebauung geschützt und 1982 als "Sachgesamtheit und Einzelobjekt" unter Denkmalschutz gestellt.

Weinberg heute

Weinbergfest stiehl.jpg

In den letzten Jahren wurden die Überreste der "Villa Henschel" und die Treppenanlage freigelegt (siehe dort).

Über eine Nutzung dieses Bereiches wird weiter diskutiert. Zum Teil wurde im Henschelgarten die Tradition der Biergärten wieder belebt. Doch durch Beschwerden des Elisabeth-Krankenhauses und vermutlich auch finanziellen Problemen wurde der Betrieb des Biergartens wieder eingestellt.

Einmal jährlich veranstaltet die "Arbeitsgemeinschaft der Kasseler Südstadt" hier ein Weinbergfest.

Das Stollenlabyrinth und ehemaliger Schutzbunker wird nicht mehr genutzt und kann im Rahmen von Führungen besichtigt werden.

siehe auch

Weblinks


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