Waldenser: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
(Waldenser in Hessen – Kassel)
Zeile 12: Zeile 12:
  
 
== Waldenser in Hessen – Kassel ==
 
== Waldenser in Hessen – Kassel ==
[[Bild:Kirche Gottstreu.jpg|thumb|left|200px|Waldenserkirche in Gottstreu]]
+
[[Bild:Kelze-Hugenottenkirche.JPG|thumb|right|200px|Kelze - Hugenottenkirche]]
 
[[Landgraf Karl|Landgraf Carl von Hessen-Kassel]] siedelte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts  französische Glaubensflüchtlinge ([[Hugenotten]]) in [[Hessen-Kassel]] an, die nach dem Edikt von Fontainebleau und der Aufhebung der Religionsfreiheit in Frankreich im Jahre 1685 ihre Heimat verloren hatten. Ebenso fanden hier [[Hugenotten]] und Waldenser Flüchtlinge eine neue Heimat, die 1698 auf Befehl Ludwig XIV. vertrieben worden waren.
 
[[Landgraf Karl|Landgraf Carl von Hessen-Kassel]] siedelte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts  französische Glaubensflüchtlinge ([[Hugenotten]]) in [[Hessen-Kassel]] an, die nach dem Edikt von Fontainebleau und der Aufhebung der Religionsfreiheit in Frankreich im Jahre 1685 ihre Heimat verloren hatten. Ebenso fanden hier [[Hugenotten]] und Waldenser Flüchtlinge eine neue Heimat, die 1698 auf Befehl Ludwig XIV. vertrieben worden waren.
  
Zeile 19: Zeile 19:
 
[[Hugenotten]] (aus dem französischen Staatsgebiet) und Waldenser (aus den französischen Alpentälern) siedelten sich aber nicht nur in [[Hofgeismar]] an.  
 
[[Hugenotten]] (aus dem französischen Staatsgebiet) und Waldenser (aus den französischen Alpentälern) siedelten sich aber nicht nur in [[Hofgeismar]] an.  
  
[[Bild:Kelze-Hugenottenkirche.JPG|thumb|right|200px|Kelze - Hugenottenkirche]]
+
[[Bild:Kirche Gottstreu.jpg|thumb|left|200px|Waldenserkirche in Gottstreu]]
 
Neue Dörfer entstanden auch in der Umgebung der Stadt, als erstes [[Carlsdorf]] bereits im Jahre 1686, benannt nach [[Landgraf Karl]], als zweites [[Mariendorf]] im Jahre 1687, benannt nach der Ehefrau Karls, Landgräfin Maria Amalia. Auch in dem benachbarten und nur dünn besiedelten Dorf [[Hombressen]] wurden in den Jahren 1686 und 1687 französische Flüchtlinge untergebracht, denen - wie in Carlsdorf - Parzellen zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung zugewiesen wurden.
 
Neue Dörfer entstanden auch in der Umgebung der Stadt, als erstes [[Carlsdorf]] bereits im Jahre 1686, benannt nach [[Landgraf Karl]], als zweites [[Mariendorf]] im Jahre 1687, benannt nach der Ehefrau Karls, Landgräfin Maria Amalia. Auch in dem benachbarten und nur dünn besiedelten Dorf [[Hombressen]] wurden in den Jahren 1686 und 1687 französische Flüchtlinge untergebracht, denen - wie in Carlsdorf - Parzellen zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung zugewiesen wurden.
  

Version vom 1. Januar 2008, 22:23 Uhr

Waldenser-Tafel in Gottstreu

Die Waldenser sind eine christliche Bewegung, die bis zum 12. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann. Sie geht zurück auf den Kaufmann und späteren Laienprediger Petrus Waldus (auch „Valdus“ oder „Valdes“) aus Lyon, der Teile der Bibel in die Volkssprache übersetzen ließ. Die Bewegung breitete sich besonders in Südwest- und Nordostfrankreich sowie in der Lombardei aus. Ihre Anhänger verstanden sich zunächst als Mitglieder der katholischen Kirche, kritisierten jedoch deren Missstände. Im Jahre 1532 schloss sich die Glaubensgemeinschaft der Reformation an. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Gemeinden den lutherischen Landeskirchen eingegliedert.

Geschichte der Glaubensgemeinschaft

Waldenserkirche in Gewissenruh

Ein besonderer Konflikt mit der Kirche bestand durch die Freigabe des Predigtrechts an Laien, wodurch die Berechtigung kirchlicher Institutionen grundlegend in Frage gestellt wurde. Im Jahre 1184 wurde die Glaubensgemeinschaft von Papst Lucius III. exkommuniziert und ihre Mitglieder zu Ketzern erklärt und verfolgt. Viele zogen sich in unzugängliche Alpentäler zurück. Im Jahre 1532 schloss sich die Glaubensgemeinschaft der Reformation an und gründete 1560 eine reformierte Kirche in den Cottischen Alpen. Sie gaben sich jetzt selbst den Namen „Waldenser“. Im Jahr 1598 erließ König Heinrich IV. einen Duldungsedikt (Edikt von Nantes) und sicherte den Waldensern Rechte und Religionsfreiheit zu. Trotz des Edikts von Nantes fanden die blutigen Verfolgungen kein Ende. 1685 und 1687 setzten zwei große Fluchtwellen ein. Bereits 1685 hatte der französische König Ludwig XIV. den Waldensern die Ausübung ihrer Religion untersagt (Aufhebung des "Edikts von Nantes"). Die Waldenser wurden verfolgt, viele kamen in Gefängnissen um. Im Jahre 1698 wurden ca. 2.700 französischen Waldenser aufgrund des Ausweisungsediktes vom 1. Juli 1698 durch den Herzog von Savoyen aus ihrer Heimat vertrieben. Sie fanden zunächst Zuflucht in der Schweiz. wo nur wenig Möglichkeiten bestanden, die Flüchtlinge auf Dauer anzusiedeln. Die französischen Waldenser zogen weiter nach Hessen, andere Gruppen, wie die piemontesischen Waldenser aus dem Perosatal ins Herzogtum Württemberg oder in die Markgrafschaft Baden-Durlach. Die Zuwanderer trafen hier oft auf zerstörte und entvölkerte Landstriche: besonders der Dreißigjährige Krieg hatte mit Zerstörungen, Seuchen (Pest) und Hungersnöten viele Tote gefordert.

Waldenser in Hessen – Kassel

Kelze - Hugenottenkirche

Landgraf Carl von Hessen-Kassel siedelte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts französische Glaubensflüchtlinge (Hugenotten) in Hessen-Kassel an, die nach dem Edikt von Fontainebleau und der Aufhebung der Religionsfreiheit in Frankreich im Jahre 1685 ihre Heimat verloren hatten. Ebenso fanden hier Hugenotten und Waldenser Flüchtlinge eine neue Heimat, die 1698 auf Befehl Ludwig XIV. vertrieben worden waren.

Auch in der Stadt Hofgeismar, etwa 25 km nördlich von Kassel, fanden Glaubensflüchtlinge Aufnahme. Bereits am 22. Februar 1686 wurde eine französisch-reformierte Gemeinde an der Hofgeismarer Neustädter Kirche gegründet. Der erste Pfarrer der Gemeinde war der Waldenserpfarrer David Clément, der 1685 seine Heimat im Pragelatal verlassen musste und über die Schweiz mit drei Flüchtlingsbrigaden nach Hessen gekommen war.

Hugenotten (aus dem französischen Staatsgebiet) und Waldenser (aus den französischen Alpentälern) siedelten sich aber nicht nur in Hofgeismar an.

Waldenserkirche in Gottstreu

Neue Dörfer entstanden auch in der Umgebung der Stadt, als erstes Carlsdorf bereits im Jahre 1686, benannt nach Landgraf Karl, als zweites Mariendorf im Jahre 1687, benannt nach der Ehefrau Karls, Landgräfin Maria Amalia. Auch in dem benachbarten und nur dünn besiedelten Dorf Hombressen wurden in den Jahren 1686 und 1687 französische Flüchtlinge untergebracht, denen - wie in Carlsdorf - Parzellen zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung zugewiesen wurden.

Später entstanden (im Jahre 1699) die Dörfer Kelze und Schöneberg, nachdem mit einer zweiten Flüchtlingswelle weitere Glaubensflüchtlinge aus Frankreich nach Hofgeismar gekommen waren.

Im Jahre 1699 erfolgte auch die einzige Stadtgründung für Hugenotten in Hessen, in Sieburg, dem späteren Karlshafen. Andere sehen in der Oberneustadt in Kassel eine weitere Stadtgründung für Hugenotten. Am 3. August 1688 legte Landgraf Karl den Grundstein für die Oberneustadt. Auch hier sollten sich Hugenottenfamilien eine neue Heimat in Kurhessen aufbauen.

1722 wurden dann mit Gewissenruh und Gottstreu zwei weitere neue Waldenser-Dörfer an der Weser gegründet.

Als letzte Neugründung in der Nähe der Stadt Hofgeismar entstand – bereits unter der Regentschaft des Landgrafen Friedrich II. – das Dorf Friedrichsdorf im Jahre 1775.

aus einem Beitrag des ehem. Hofgeismarer Dekans Jochen Desel im Kasseler Sonntagsblatt vom 18.7.1999:

"Es waren überwiegend Waldenser aus den savoyischen Alpentälern bei Torre Pellice und Hugenotten, die ihre südfranzösische Heimat schon 1686 nach der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes verlassen hatten, die 1699 als "verspätete Hugenotten" nach Hessen kamen. Beide Gruppen hatten zunächst in der benachbarten Schweiz Asyl gesucht und auch gefunden. 1698 waren die schweizerischen Kantone nicht mehr bereit, die immer zahlreicher einwandernden französischen Réfugiés in ihrer Gesamtzahl zu behalten. Ein Teil von ihnen - vor allem die mittellosen Waldenser - wurde ausgewiesen und mußte das Land wieder verlassen.

Um ihre geplante Einbürgerung in Deutschland zu erleichtern, zahlten die Schweizer und die Niederländer beträchtliche Summen an die aufnahmewilligen deutschen Fürsten. Auch Landgraf Carl von Hessen erhielt Hilfszahlungen, weil er nach anfänglichem Zögern seine Bereitschaft zur Ansiedlung einer zweiten Flüchtlingswelle der Réfugiés in Hessen-Kassel erklärte. Die für Hessen bestimmten Glaubensflüchtlinge schlossen sich im Sommer 1699 in der Schweiz zu sogenannten Brigaden zusammen, um gemeinsam nach Deutschland zu reisen. Schweren Herzens verließen sie die Schweiz, eine ungewisse Zukunft vor Augen. Sie bestiegen in Bern und in anderen Schweizer Städten Schiffe, mit denen sie auf der Aare und dem Rhein über Basel bis Gernsheim fuhren. Von dort zogen sie über Frankfurt und Marburg auf dem Landweg weiter in das nördliche Hessen.

Die Flüchtlingskommissare des Landgrafen hatten schon vor der Ankunft der Flüchtlinge ihre Unterbringung vorbereitet und Details der Ansiedlung mit den Brigadeführern der französischen Réfugiés abgesprochen. Trotzdem waren die ersten Jahre der Flüchtlinge in der neuen hessischen Heimat schwierig für alle Betroffenen. Die Flüchtlinge hatten großzügigere Hilfeleistungen erwartet, die Einheimischen dagegen beneideten die Neuankömmlinge um ihre Privilegien und die Befreiung von Steuern und Abgaben. Es dauerte Jahrzehnte, bis sich die Verhältnisse in den "neuen Dörfern" normalisierten und rund ein Jahrhundert, bis aus den Réfugiés Deutsche geworden waren."

Literatur

  • Jochen Desel, „Hugenotten und Waldenser in und um Hofgeismar“ in: Hessische Heimat – Sonderheft Hofgeismar, Marburg 1978, S. 70 ff.
  • Jochen Desel, Die 300-Jahrfeiern in Carlsdorf und Mariendorf 1986 und 1987, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 1988, S. 77 ff.
  • Jochen Desel, Französische Dörfer - deutsche Zuwanderer 1669 - 1779: 300 Jahre Kelze und Schöneberg, Band II, Hofgeismar 1999

Waldenser-Museum in Gottstreu

Waldensermuseum

Das Waldenser-Museum im ehemaligen Schulhaus von Gottstreu (gegenüber der Kirche) informiert über den langen Weg der waldenser Glaubensflüchtlinge vom Val Cluson (in den Cottischen Alpen) bis an die Oberweser und die Geschichte der 1722 gegründeten "Franzosendörfer" Gewissenruh und Gottstreu.

siehe auch

Weblink