Schloss Wilhelmshöhe

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Das Ringen um den Wiederaufbau

//Bei Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg wurde der Mitteltrakt von Schloss Wilhelmshöhe zerstört. Mitte der 50er Jahre begann eine mehrjährige Diskussion um den Wiederaufbau.//

Als Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau hatte 1938 Prinz Philipp von Hessen den Abbruch der ungeliebten Verbinderflügel von Schlos Wilhelmshöhe verfügt. Der ein Jahr später beginnende Krieg verhinderte den Abriss. Statt dessen legten Bomben den Mitteltrakt in Schutt und Asche.

Mitte der 50er Jahre entwickelte sich eine breite Diskussion um den Wiederaufbau, die sich schließlich im Jahre 1962 zuspitzte. Dabei war anfangs völlig unklar, für welchen Zweck das Schloss wiederhergestellt werden sollte. Erst ab 1960 wurde zielgerichtet darauf hingearbeitet, die Gemäldegalerie Alte Meister und die Antikenabteilung dorthin zu verlagern. Im Verkehrsverein war 1956 zuerst die Idee entwickelt worden, im Schloss ein Kurhaus einzurichten. Drei Jahre später geisterte der Vorschlag durch die Presse, das Schloss zu einem Forum für internationale Kunst zu machen. Arnold Bode, der documenta-Begründer, und seine Freunde standen dahinter. Über einen längeren Zeitraum hatten sie nämlich den Plan verfolgt, die dritte documenta im wiederaufgebauten Schloss zu zeigen.

Dazu kam es nicht. Doch der Grundgedanke, das Schloss Wilhelmshöhe als Ausstellungshaus mit wechselnden Bestimmungen auszubauen, floss in die Planungen des Architekten Paul Posenenske mit ein, als endlich feststand, dass dort ein Museum für die Alten Meister und Antikenabteilung entstehen sollte: Bis heute sind die Ausstellungsräume im Schloss durch die offene Raumstruktur mit im Prinzip mobilen Stellwänden geprägt. Man sollte jederzeit umgestalten können. Aber die beim Ausbau verlegten Teppichböden verhinderten ebenso das Verschieben der Stellwände wie das Eigengewicht dieser Architekturteile.

Posenenske, seit 1958 Architektur-Professor in Kassel, war ein Mann der Moderne, einer, der im Geiste des Bauhauses arbeitete. Von ihm stammt der Kunsthochschulbau an der Menzelstraße. Als er den Auftrag übernahm, den Mitteltrakt des Schlosses wiederaufzubauen, dachte er keinen Moment an eine Rekonstruktion. Er selbst hatte ein kritisches Verhältnis zum überlieferten Schloss, wie er 1986 in einem Vortrag darlegte: "Besonders die plumpen Leberwurstsäulen sind Du Ry auf die Nerven gegangen, und ich denke, daß ihm auch die etwas verwegen und unorganisch aufgestülpt wirkende Kuppel nicht hat gefallen können... Alles spricht dafür, daß es besser gewesen wäre, wenn der Landgraf auf Du Ry gehört hätte." Und: "Nach wie vor spricht eine Reihe wichtiger Gründe auch gegen den Kuppelaufsatz." Erst zehn Jahre später sollte sich seine Meinung ändern.

Aber die Kuppel war 1962 ebenso wenig Thema der öffentlichen Schlossdiskussion wie das Konzept für die Innenarchitektur. Damals stritt man fast ausschließlich um die Verbinderflügel. Deren Abriss war schon fast beschlossen, dann wurde aber doch ihr Fortbestand gesichert: Einerseits tat man sich schwer, intakte Gebäudeteile aus rein ästhetischen Gründen abzutragen, zumal die Staatlichen Museen dankbar für jeden zusätzlichen Quadratmeter Ausstellungsraum waren. Zum anderen machte sich Posenenske das Wort der Denkmalpflege zu eigen, daß das Schloss ein "gewachsenes" Denkmal sei, das sich beständig verändert habe und geschichtliche Abläufe spiegele.

Auch für sich selbst nahm Posenenske diesen Grundsatz in Anspruch: Mit seinem Plan für das Museum im Schloss entwickelte er das Denkmal weiter. Er setzte in die historischen Mauern einen kompletten Neubau aus Beton, Stahl, Aluminium und Glas, der auf den Kontrast setzte. Ein neues, lichtdurchflutetes (keine Sprossenfenster) und variables Museum sollte entstehen. Die Begegnung mit den Meisterwerken sollte im modernen Raum geschehen.

Je weiter und konkreter Posenenskes Pläne gediehen, desto größer wurde aber die Entfremdung zum Bauherrn. Am Ende mußte der Architekt das Feld räumen. Und als 1974 Schloss Wilhelmshöhe als Kunstmuseum eröffnet wurde, waren viele der Ursprungsideen beiseite geschoben. So konnte auch Posenenske in den Chor der Kritiker einstimmen.


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