Rundgang 6, Station 9

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Das „Geistliche Haus“

Blick von der Frankfurter Straße über den Friedrichsplatz; hinten links erkennt man das Elisabeth-Hospital an der Obersten Gasse

Im Jahre 1777 wurde am neuen Friedrichsplatz, beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit, ein Gebäude geweiht, das im reformierten Hessen eigentlich undenkbar war. Betrat man den unscheinbaren Bau, so fand man darin zur großen Überraschung einen kleinen, aber prächtigen Kirchenraum, der mit seinem farbigem Stuckmarmor und seinen Altären, Statuen, Reliefs und Gemälden in völligem Gegensatz zu der sonstigen Kargheit hessischer Kirchen stand. Baumeister war ein Reformierter, der begabte Hofbaumeister Simon Louis du Ry, Enkel des einstigen „Französischen Baumeisters“ Paul du Ry. Auftraggeber war sein Landesherr, Friedrich II. Die Weihe nahm der katholische Erzbischof von Mainz vor, und die Kirche war zunächst unmittelbar dem Papst unterstellt.

Mit Entsetzen hatte Friedrichs Vater, Wilhelm VIII., 1754 erfahren, dass sein Sohn 1749 heimlich zum römischen Bekenntnis übergetreten war – für den strengen Calvinisten, der selbst den Lutheranern weiterhin Steine in den Weg legte, war dies ein Schock. Wilhelm fürchtete zudem, dass die Familie und das Land – einst Vorkämpfer für die Reformation – dadurch in Zukunft auf die katholische Seite gezogen werden könnten. Die guten Kontakte, die Wilhelm bisher zum Kölner Erzbischof gepflegt hatte, wurden abgebrochen, da man in ihm den Hauptschuldigen sah.


Die Assekurationsakte

Vor allem aber musste Friedrich die sogenannte „Assekurationsakte“ unterzeichnen, die das reformierte Bekenntnis dauerhaft absichern sollte. Er wurde von Frau und Kindern getrennt, zu deren Absicherung die Grafschaft Hanau diente; sie wurde erst nach Friedrichs Tod wieder mit Hessen verbunden.

In Regierungsämter durften nur Protestanten berufen werden, katholische Gebiete durften nicht an Hessen angegliedert werden. Friedrichs Gottesdienst galt als seine Privatsache, und es durften keine katholischen Pfarrkirchen in Hessen errichtet werden. Auch die hessischen Landstände (die Vertreter der Ritterschaft, der Städte, der lehnsabhängigen Grafen sowie bestimmter Institutionen) wurden auf die Akte verpflichtet, England, Preußen, Dänemark, die niederländischen Generalstaaten und der Zusammenschluss der protestantischen Reichsstände im Reichstag wurden zu Garantiemächten bestellt.

Politisch blieb die Konversion für Hessen damit weitgehend folgenlos. Ihre Gründe sind schwer zu benennen; Friedrich selbst gab an, dass ihm die katholische Kirche näher stehe, zumal der reformierte Gottesdienst zu einfach wäre. Er habe deshalb eine Religion gewählt, in der Gott mit vieler Pracht verehrt würde. Im Sinne der Aufklärung beschäftigte er sich kritisch mit der Bibel und war für sich zum Ergebnis gekommen, dass sie mit dem Verstand alleine nicht zu erfassen sei; Traditionen und Autorität der römischen Kirche boten ihm dagegen den Halt, den er in der verstandesorientierten reformierten Kirche vermisste.

Für die innere Ernsthaftigkeit seines Schritts spricht, dass er alle Widrigkeiten in Kauf nahm und dass alle Versuche, ihn wieder für den Calvinismus zu gewinnen, fehl schlugen. Nach seinem Regierungsantritt 1760 richtete er zunächst eine Privatkapelle im Schloss ein, dann ließ er am Friedrichsplatz ab 1770 jenes „Geistliche Haus“ errichten, das neben dem Kirchenraum auch die Wohnungen der drei katholischen Hofgeistlichen und die Gruft des Bauherrn enthielt. Als Kirchenpatronin wählte Friedrich die Ahnherrin des hessischen Landgrafenhauses, die heilige Elisabeth.

Nach außen durfte das Gotteshaus wegen der Bestimmungen der Assekurationsakte nicht als Kirche in Erscheinung treten. Die Einpassung des Kapellenraums in die äußere Hülle war originell und geschickt gelöst, und Simon Louis du Ry betrachte das „Geistliche Haus“ als sein gelungenstes Werk: Der kreisrunde, überkuppelte Altarraum befand sich in der gesamten Mitte des Gebäudes, während das dreischiffige, niedrigere Langhaus für die Gemeinde sich links davon anschloss; über demselben lag im zweiten Obergeschoss noch ein niedriger Saal. Im rechten Gebäudedrittel waren die Sakristei und die Wohnungen untergebracht.

Die Bedeutung als Pfarrkirche

Als im Königreich Westfalen zahlreiche katholische Franzosen nach Kassel einwanderten, erlangte die Kirche kurzzeitig erhöhte Bedeutung, wurde 1808 zur Pfarrkirche erhoben und erhielt 1810 ein Türmchen; die Glocken schaffte man aus Hildesheim herbei.

1814 wurde St. Elisabeth zunächst dem Bistum Mainz unterstellt, 1821 dem neu eingerichteten, für Kurhessen zuständigen Bistum Fulda. Die Regelungen der Assekurationsakte hatten längst ihre Gültigkeit verloren, zumal die Neuordnungen nach den Säkularisation 1803 und nach dem Wiener Kongress 1814/15 zu einer Angliederung katholischer Gebiete an Kurhessen geführt hatten; dies betraf beispielsweise das nahe Fritzlar und die frühere Fürstabtei Fulda.

Gleichwohl blieb die Kasseler Pfarrei, der unter anderem die österreichischen Gesandten angehörten, eine großräumige Diasporagemeinde, die bis nach Karlshafen reichte und außerdem die kurhessische Exklave Rinteln einschloss. Die erste Tochterkirche von St. Elisabeth war die 1899 geweihte Kasseler Kirche St. Familia. Die erste öffentliche Fronleichnamsprozession in Kassel seit der Reformation fand sogar erst im Jahre 1927 auf dem Friedrichsplatz statt, anlässlich des 150. Jubiläums der Kirchweihe 1777.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war kirchlicherseits zunächst der Wiederaufbau des 1943 ausgebrannten Gotteshauses vorgesehen, zumal sogar die Innenmauern noch zu größeren Teilen erhalten waren. Das Land Hessen, als Eigentümer des Gebäudes, beanspruchte jedoch den Standort für den Neubau des Staatstheaters und ließ die Ruine abbrechen. Ein Neubau auf der gegenüberliegenden Platzseite wurde 1960 geweiht; vorausgegangen waren langwierige Verhandlungen mit dem Land Hessen, welches schließlich die Baukosten übernahm, während die Kirche im Gegenzug auf weitere Baulastverpflichtungen des Staates verzichtete. Eine ähnliche Regelung war zuvor auch bei der Kasseler Martinskirche getroffen worden.

Der Holzsarg Friedrichs II. steht heute im Turmsockel der neuen Elisabethkirche, eingebettet in einen modernen Bronzesarkophag; im Geschoss darunter ist im Fußboden der Sarg des Hofpredigers Bödiger beigesetzt. Aus der Ausstattung der alten Kirche sind unter anderem mehrere Altargemälde des Hofmalers Johann Heinrich Tischbein d. Ä. erhalten geblieben, die sich teils in der neuen Kirche, teils im Diözesanmuseum Fulda befinden.

Das Hofverwaltungsgebäude

Links neben der Kirche sieht man das Hofverwaltungsgebäude, das 1826-1829 als Gegenstück zum Roten Palais errichtet wurde. Es nahm mehrere Hofbehörden auf, die zuvor gegenüber dem alten Schloss am Steinweg untergebracht gewesen waren und nun in die Nähe des neuen Residenzpalais nachrückten: das Hofmarschallamt, die Hofkämmerei, die Möbel- und Leinwandkammer, die Hofkammer und die Ordenskommission; außerdem richtete man wieder mehrere Dienstwohnungen ein. Die Baukosten wurden unter anderem aus dem Verkauf des Altbaus am Steinweg bestritten. Wegen der Symmetrie der Platzfront sollte die Farbgebung den Sandsteinfronten des Roten Palais entsprechen; aus Kostengründen verzichtete man allerdings auf rote Sandsteinquader und errichtete einen Putzbau mit rot gestrichenen Flächen und gelb abgesetzten Architekturteilen.

Nach der Annexion Kurhessens durch Preußen 1866 wurde das Hofverwaltungsgebäude als Kriegsschule für die Offiziersausbildung genutzt; ein Gefallenendenkmal, das im Hof an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erinnerte, steht heute auf dem neuen Militärfriedhof an der Holländischen Straße.

Ein Umbau des Gebäudes zum Oberpräsidium der Provinz Hessen-Nassau ab 1938 blieb wegen des Krieges unvollendet. (Der bisherige Sitz der Oberbehörde befand sich am heutigen Brüder-Grimm-Platz, an der Stelle der derzeitigen Verwaltungsgerichtshofs.) Beim Großangriff 1943 brannte das Gebäude aus, und ein Teil der Fassade wurde zerstört. In den massiven Kellergewölben sollen die amerikanischen Truppen nach 1945 ein Kino betrieben haben, das mit Gestühl aus dem nahen Staatstheater ausgestattet worden war. 1954 wurde die Ruine des ehemaligen Hofverwaltungsgebäudes gesprengt.