Rundgang 6, Station 5

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Der Gebäudekomplex zwischen Friedrichsplatz, Königsstraße und Karlsstraße diente fast 100 Jahre lang als Kasseler Stadtresidenz der hessischen Kurfürsten, der preußischen Könige und deutschen Kaiser. Staatsbeamte, Minister und Gesandte wurden empfangen, die kurhessische Verfassung von 1831 nahm hier ihren Anfang, und 1889 war für einige Tage der Schah von Persien zu Gast, als er 1889 die Allgemeine Ausstellung für Jagd, Fischerei und Sport im Orangerieschloss besuchte. Die farbenprächtigen Innenausstattungen zählten zu den besten Beispielen des Empire-Stils auf deutschem Boden.


Das Palais von Jungken

Stadtmuseum Kassel Standort: vor dem Haus Königsstraße 41, mit Blick über die Nordseite des Friedrichsplatze

Das Residenzpalais war ab 1814 schrittweise durch die Erweiterung eines älteren Adelspalais (links im Bild) entstanden. Dieses war ab 1769 für den hessischen Kriegsminister und Kammerherrn, Oberst Friedrich von Jungken-Münzer (1732-1806) begonnen worden.

Der Minister war vom Landgrafen als Bauherr gewonnen worden, hatte aber angesichts der hohen Baukosten frühzeitig um Unterstützung gebeten: So erhielt er einen hohen Zuschuss, und das Steinmaterial wurde aus dem Abbruch der Festungswerke zur Verfügung gestellt. Dennoch reichten von Jungkens Mittel nicht mehr für den Innenausbau; so verkaufte er das Palais 1772 nach längeren Verhandlungen als Mietshaus an die hessischen Landstände und bewohnte bis 1794 den Hauptflügel.

Im Königreich Westphalen (1807-13) war in dem Palais das Justizministerium untergebracht, anschließend wurden hier Freiwillige für die Befreiungskriege angeworben.


Das Residenzpalais

Da das alte Stadtschloss an der Fulda 1811 abgebrannt war, musste die kurfürstliche Familie nach ihrer Rückkehr 1813 auf verschiedene Provisorien zurückgreifen. Deshalb überließen die Landstände das Haus 1814 dem Kurprinzen Wilhelm, der erste Um- und Anbauten in Auftrag gab und es nach seinem Regierungsantritt 1821 zum „Residenzpalais“ erweiterte. Den großen, von seinem Vater begonnenen Schlossneubau an der Stelle des abgebrannten Stammsitzes ließ Wilhelm als Bauruine liegen; dieser „Kattenburg“ genannte Palast wäre viermal so groß wie das alte Schloss geworden. Das neue Residenzpalais, zwischen den Bürgerhäusern der Oberneustadt gelegen, nahm sich dagegen geradezu bescheiden aus.

Das ältere „Weiße Palais“ enthielt die privaten Wohn- und Arbeitsräume sowie einzelne Audienzräume; Höhepunkt war ein 1816-21 angebauter, über 9m hoher Tanzsaal. Das angrenzende, 1821 begonnene „Rote Palais“ mit Fassaden aus rotem und gelblichem Sandstein nahm die prächtigen staatlichen Empfangs- und Festsäle auf. Bemerkenswert waren die Parkettböden im Tanzsaal und im Roten Palais sowie die großen Bergkristall-Leuchter im Tanzsaal, deren größter fast 3m im Durchmesser aufwies.

Die Arbeiten wurden hauptsächlich von Kasseler Handwerkern ausgeführt, so dass das Gebäude vom hohen Stand heimischer Handwerkskunst zeugte; Werner Henschel fertigte mehrere bronzene Öfen, und an den Schreinerarbeiten war unter anderem Carl Lauckhardt beteiligt (vgl. Rundgang 1, Station 4). Einzelne Ausstattungsstücke wie Uhren bezog man allerdings auch aus Paris, und die Seidentapeten kamen aus Lyon. Die nördliche Platzfront war als Gesamtheit behandelt: Weißes Palais und Elisabethkirche (vgl. Station 9) hatte Bromeis vollständig in einem grau-grünlichen Weißton streichen lassen, das Museum Fridericianum in einem hellen Weiß; für das Rote Palais hatte der Kurfürst eine rote Sandsteinfassade mit Einzelheiten aus hellem Sandstein gewünscht, und das neue Hofverwaltungsgebäude (vgl. Station 9) hatte als Gegenstück einen entsprechenden Anstrich erhalten.

Das kleine Palais

Zeitweise gehörten auch die angrenzenden Bauten in Königs- und Karlsstraße zum Residenzpalais: So erwarb Kurfürst Wilhelm II. nach 1821 das Nachbargebäude Königsstraße 30, das ehemals vom Minister von Gohr errichtet worden war, für seine Geliebte Emilie Ortlöpp, die er zur Gräfin Reichenbach erhoben hatte. Bromeis baute es um und fügte ein neues Treppenhaus sowie einen Saalbau an. An der Karlsstraße befanden sich Nebengebäude. Nach Wilhelms II. faktischer Abdankung 1831 und dem Rückzug des Paares nach Hanau diente das Palais Reichenbach der Gemahlin des Kurprinzen und Mitregenten als Wohnsitz und wurde nun als „Kleines Palais“ oder „Palais Hanau“ bezeichnet. Nach der Annexion Kurhessens durch Preußen 1866 wurden die Türen zwischen Weißem Palais und Palais Hanau 1870 zugemauert und dieses 1881 schließlich verkauft.

Als Kurfürst Wilhelm II. 1831 Kassel verlassen und die Regierungsgeschäfte seinem Sohn übergeben hatte, überließ er diesem jedoch nur das Weiße Palais. Das noch nicht ganz vollendete Rote Palais blieb ungenutzt liegen. Gleichwohl erschien es den Zeitgenossen bedeutend genug, um sein Interieur selbst in unfertigem Zustand ausführlich in Reiseführern zu würdigen. – Erst nach dem Tod Wilhelms II. konnte Friedrich Wilhelm I. über alle Gebäude verfügen und ließ die Ausstattung des Roten Palais nach den ursprünglichen Plänen und mit den bereits angeschafften und eingelagerten Stoffen und Möbeln vollenden.


Das Residenzpalais nach 1866

Die Annexion Kurhessens 1866 wurde vom Altan des Roten Palais verkündet, und im Jahr darauf logierte das preußische Königspaar im Residenzpalais. Auch als Wilhelm I. nach dem Nobilingschen Attentat 1878 Kassel besuchte, wohnte er im Stadtschloss und zeigte sich der Menge auf dem Balkon des Weißen Palais, den verletzten Arm in einer Schlinge tragend. Ebenso nutzte auch Wilhelm II., der in Kassel das Gymnasium besucht hatte (vgl. Rundgang 1, Station 9), das Schloss mehrfach als Wohnung sowie als Schauplatz für Festlichkeiten.

1923 wurde in dem Komplex das Deutsche Tapetenmuseum eröffnet, 1924 folgte ein Werner-Henschel-Museum, 1927 wurden die Wohn- und Festräume als Schlossmuseum geöffnet, und 1938 richtete man im Erdgeschoss des Roten Palais das Kurhessische Heeresmuseum ein. Bis 1930 waren für kurze Zeit auch die städtischen Kunstsammlungen im 2. Obergeschoss des Weißen Palais untergebracht.

Bei einem Bombenangriff 1941 wurden das Palais Reichenbach und die Dächer der Saalbauten durch Feuer zerstört. Noch in der Brandnacht konnten aus dem Roten Palais zumindest Teile des Mobiliars geborgen werden, bevor die brennenden Saaldecken einstürzten; und vorsorglich brachte man auch das gesamte Mobiliar des Weißen Palais in Sicherheit. Notdächer sicherten die Bausubstanz mit den erhaltenen Teilen der Wanddekorationen. Im Großangriff 1943 brannte das Weiße Palais vollständig aus, und die Gebäudeecke zur Königsstraße stürzte durch einen Sprengbombentreffer ein.

Die Notdächer über den Sälen wurden teilweise zerstört, aber das Erdgeschoss des Roten Palais einschließlich des großen Vestibüls hinter dem Portikus blieb so weit intakt, dass Regierungsbaurat Schwarzer eine provisorische Vermietung für Geschäftszwecke vorschlug. Eine solche Nutzung hätte den weiteren Erhalt begünstigt, stieß aber beim Landeskonservator auf Ablehnung.

Die Außenmauern des Weißen Palais wurden bis 1948 schrittweise beseitigt. Verschiedene Initiativen zum Erhalt des Roten Palais blieben erfolglos, und das Land Hessen investierte kein Geld in notwendige Erhaltungsmaßnahmen, solange keine Verwendung feststand; als schließlich mehrere Verwendungsmöglichkeiten, etwa als Amerikahaus oder Haus der freien Berufe, öffentlich diskutiert wurden, drängte das Kasseler Bauaufsichtsamt zunehmend auf Abbruchmaßnahmen. Der Leiter des Staatsbauamtes gab bereitwillig nach, zumal mit den großen Raumhöhen ja doch nichts anzufangen sei. Anfang 1955, wenige Monate vor der Bundesgartenschau, setzte sich in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung die FDP nochmals für einen Wiederaufbau ein, während die SPD für den Abbruch plädierte.

Als das städtische Bauaufsichtsamt demonstrativ einen Bauzaun um die Ruine aufstellen ließ und zudem Abbruchpläne zugunsten eines Justizgebäudes bekannt wurden, unternahmen Kasseler Bürger um den Apotheker Cybulla einen letzten Versuch, nochmals eine Verwendung als Haus der freien Berufe zu erreichen. Auf eine Anfrage der FDP-Fraktion im hessischen Landtag sicherte der Finanzminister zwar den Erhalt zu, doch kurz darauf erreichte das Kasseler Bauaufsichtsamt wegen angeblicher Einsturzgefahr einen weitgehenden Abbruch.

Das Abtragen des äußerst soliden Mauerwerks gestaltete sich dabei als außergewöhnlich aufwändig. So stand zur Bundesgartenschau 1955 nur noch das Erdgeschoss des Hauptflügels. 1958 verkaufte das hessische Finanzministerium das Areal an den Hertie-Konzern, der seit 1956 bereits über fertige Pläne für einen Kaufhausneubau verfügte. Das Palais wurde nun vollständig abgebrochen, der Portikus anschließend wieder aufgebaut, allerdings ohne das abschließende Gitter und mit einem zusätzlichen steinernen Aufsatz. An der Stelle des einstigen Kasseler Residenzpalais eröffnete schließlich das „Bilka“ (= Billigkaufhaus) seine Pforten, während die Rettung und Einbeziehung des Portikus als denkmalpflegerische Leistung gefeiert wurde.

Die erhaltenen Teile des zerstörten Palais Reichenbach wurden dagegen zunächst vorbildlich in ein neues Geschäftshaus einbezogen. Ihr Abbruch erfolgte erst im Jahre 2006. Das erhaltene Mobiliar des Residenzpalais stellt heute einen einzigartigen Gesamtbestand aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dar. Es ist größtenteils magaziniert; einige besonders herausragende Stücke sind im Wilhelmshöher Schloss ausgestellt, andere sind an das Bundespräsidialamt, an die Potsdamer Schlösserverwaltung sowie an das Schlossmuseum in [Bad Homburg] vor der Höhe ausgeliehen.