Richard Dietrich, Biografie: Unterschied zwischen den Versionen

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Im Januar 1923 verschärften die Franzosen ihre Besetzungsaktivitäten auch im oberrheinischen Gebiet, davon war natürlich ebenfalls der Raum Mannheim betroffen. Dietrich begann seinen Betrieb nach Kassel zu verlagern.  
 
Im Januar 1923 verschärften die Franzosen ihre Besetzungsaktivitäten auch im oberrheinischen Gebiet, davon war natürlich ebenfalls der Raum Mannheim betroffen. Dietrich begann seinen Betrieb nach Kassel zu verlagern.  
  
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Ende November 1926 verlegte Dietrich die „Dietrich Flugzeugwerke AG“ von Kassel nach Berlin-Teltow in die Werksanlagen der ehemaligen Flugzeugfirma Nordflug.. Dort wurden noch einige Flugzeuge vom Typ D.P. IX gebaut, aber infolge ausbleibender Aufträge musste das Unternehmen kurz darauf endgültig aufgelöst werden. Ob Dietrich bereits in dieser Zeit eine antisemitische Einstellung hatte, so wie er sie später in seinem Buch beschrieb, ist nicht belegbar.
 
Ende November 1926 verlegte Dietrich die „Dietrich Flugzeugwerke AG“ von Kassel nach Berlin-Teltow in die Werksanlagen der ehemaligen Flugzeugfirma Nordflug.. Dort wurden noch einige Flugzeuge vom Typ D.P. IX gebaut, aber infolge ausbleibender Aufträge musste das Unternehmen kurz darauf endgültig aufgelöst werden. Ob Dietrich bereits in dieser Zeit eine antisemitische Einstellung hatte, so wie er sie später in seinem Buch beschrieb, ist nicht belegbar.
  

Version vom 23. November 2015, 12:09 Uhr

Richard Josef Dietrich, * 28. März 1894 in Mannheim, † 28. Dezember 1945 im Sonderlager Fünfeichen bei Neubrandenburg. Militärflieger, Kunstflieger und Unternehmer.

Kindheit und Jugend

Am 28. März 1894 wurde Richard Dietrich als Sohn eines Möbelfabrikanten in Mannheim geboren. Mit dem Schulabschluss Untersekundareife verließ er 1900 das Gymnasium in Mannheim. Zur Fliegerei wuchs sein Interesse beim Bau von Flugmodellen und erstmals konnte er im Oktober 1912 als Passagier in einem Wright-Doppeldecker mitfliegen. Im gleichen Monat begann er an der Flugschule von Bruno Hanuschke, Berlin-Johannisthal. Dietrichs erster Alleinflug im Dezember 1912 und auch sein zweiter Flug im Januar 1913 endete mit einer Bruchlandung. In beiden Fällen half er bei der Reparatur der Maschine mit und erwarb dadurch erste Kenntnisse des Flugzeugbaus.

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Bei Hanuschke lernte Dietrich auch die Grundlagen der Konstruktion und Arbeitsvorbereitung - nur mit der Fliegerei war er nicht weitergekommen. Deshalb wechselte er zur Flugschule Hans Grade nach Bork und konnte dort Ende des Jahres 1913 den Flugzeugführerschein erwerben. Sein fliegerisches Können nutzte er nun um durch Flugvorführungen die Fliegerei in Mannheim und Umgebung populär zu machen.

Weltkrieg

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs trat Dietrich 1914 als Kriegsfreiwilliger bei der Flieger Ersatz Abteilung 3 (FEA 3) in Darmstadt ein. Im April 1915 machte er die Feldpiloten- und Flugmeisterprüfung und kam als Aufklärungsflieger und später noch als Bomberflieger an die Westfront. Ab Mai 1916 wurde er in Rumänien bei der Fliegerabt. 28 zum Jagdflieger umgeschult. Ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz und zum Vize-Feldwebel befördert erfolgte im September 1917 seine Versetzung nach Berlin zur Inspektion der Fliegertruppen. Dort flog er als Abnahmeflieger Aufklärungs- Infanterie-und Nachtflugzeuge sowie 2-motorige Großkampfflugzeuge (G-Maschinen).

Im März 1918 nahm Dietrich das Angebot der Rhemag-Motorenfabrik, Mannheim an, dort als Prüffeldleiter und Versuchsflieger zu arbeiten. Er stellte in Flugversuchen fest, dass der von Rhemag entwickelte Motor R 11 nicht die gewünschte Leistungsfähigkeit erbrachte. Das Projekt wurde beendet und die Firma Rhemag musste bei Kriegsende schließen - Dietrich stand nun ohne Arbeit dar.

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Unternehmertum

Die Fliegerei ließ Dietrich nicht los und er gründete mit ehemaligen Flugzeugführern, Beobachtern und fliegertechnischem Personal aus dem Raume Mannheim im Januar 1919 die „Fliegergruppe Mannheim“. Trotz Restriktionen durch die alliierten Truppen gelang es dieser Fliegergruppe im Oktober 1919 den ersten Nachkriegsflugtag in Mannheim durchzuführen - Dietrich war einer der Hauptakteure.

Im Sommer 1920 heiratete er Käthe Müller und im Juni 1921 wurde die Tochter Ingeborg geboren.

1921 begann Dietrich sich mit dem Umbau ehemaliger Kriegsflugzeuge in zivile Sportflugzeuge zu befassen. Er wollte aus dem bei den Militärpiloten beliebten “Fokker D VII“ einen leistungsfähigen Doppeldecker für die Sportfliegerei machen.

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In der zweiten Jahreshälfte begann er mit den theoretischen Überlegungen. Unterstütz wurde er dabei von der Ingenieurschule Mannheim. Anfang des Jahres 1922 erstellte Dietrich die Entwurfszeichnungen. Die wurden von Max Gerner, der an dieser Ingenieurschule studierte, in Werkstattzeichnungen umgesetzt. Inzwischen mietete Dietrich in Mannheim entsprechende Räumlichkeiten an und gründete seine Firma, die “Richard Dietrich Flugzeugbau GmbH Mannheim“. Dabei musste alles diskret geschehen, weil immer noch ein Flugzeugbauverbot bestand. In kürzester Zeit wurde eine vom Kriegsverwertungsamt erworbene Fokker umgebaut und als D.P. I „Sperber“ bezeichnet - wobei D für Dietrich und P für Passagier stand.

Als am 5. Mai 1922 das Flugzeugbauverbotes auslief, war die Maschine fertiggestellt und wurde kurz darauf von Dietrich auf dem Flugplatz in Sandhofen bei Mannheim eingeflogen.

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Im Sommer dieses Jahres stellte Dietrich auf der Deutschen Gewerbeschau in München den D.P. I „Sperber“ aus und erhielt von den interessierten Besuchern ein positives Echo. Die ersten beiden Maschinen verkaufte er dort an den bekannten Jagdflieger und „Pour le Merite“ Träger Paul Bäumer.

Im Januar 1923 verschärften die Franzosen ihre Besetzungsaktivitäten auch im oberrheinischen Gebiet, davon war natürlich ebenfalls der Raum Mannheim betroffen. Dietrich begann seinen Betrieb nach Kassel zu verlagern.

http://regiowiki.hna.de/Dietrich-Gobiet_Flugzeugwerk_AG,_Kassel Ende November 1926 verlegte Dietrich die „Dietrich Flugzeugwerke AG“ von Kassel nach Berlin-Teltow in die Werksanlagen der ehemaligen Flugzeugfirma Nordflug.. Dort wurden noch einige Flugzeuge vom Typ D.P. IX gebaut, aber infolge ausbleibender Aufträge musste das Unternehmen kurz darauf endgültig aufgelöst werden. Ob Dietrich bereits in dieser Zeit eine antisemitische Einstellung hatte, so wie er sie später in seinem Buch beschrieb, ist nicht belegbar.

Im Spätsommer des Jahres nahm Dietrich das Angebot einer Berliner Filmgesellschaft an, bei einer Verfilmung des Buches „Der rote Kampfflieger“ den flugtechnischen Teil zu übernehmen. Nach den vorbereitenden Arbeiten und dem Beginn der musste die Gesellschaft Konkurs anmelden und somit blieb auch diese Tätigkeit erfolglos. Womit sich Richard Dietrich in den nächsten Jahren beschäftigte, ist unklar. Diese Zeit war bekanntlich von der Weltwirtschaftskrise geprägt.

1932 lebte er mit seiner Frau und den beiden Kindern im Südwesten Berlins. Die Tochter Inge war 11 und der Sohn Manfred 9 Jahre alt.

Nationalsozialismus

Dietrich hatte sich inzwischen dem Nationalsozialismus zugewandt. Im Januar 1933 war Dietrich Parteigenosse der NSDAP, und wie er von sich selbst schrieb, ein schlichter SA-Mann, also ein Berliner „Rabauke“. Am 30. Januar beteiligte er sich am Marsch durch das Brandenburger Tor. Durch seine intensive Verbindung zu dem inzwischen regierenden Nazi-System wurde Dietrich Oktober 1933 zum Oberingenieur im Reichsluftfahrtministerium (RLM) ernannt. Sein Sohn Manfred starb im Spätherbst dieses Jahres an Diphterie. Indirekt machte Dietrich den behandelnden Arzt mitschuldig: „Ein Jude?“.

Über das RLM bekam Dietrich zu der Mühlen- und Industriebauten AG (MIAG) in Braunschweig Kontakte. Die MIAG hatte vor, neben dem traditionellen Maschinenbau als neuen Geschäftszweig, den Flugzeugbau zu errichten. um an einem Auslandsprojekt des RLM mitzuwirken.

Am 1. April 1934 wurde Richard Dietrich bei dem Unternehmen für diese Aufgabe als Chefkonstrukteur und Oberingenieur eingestellt. Er sollte innerhalb eines halben Jahres ein neues Schul- und Übungsflugzeug nach den Bauvorschriften der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) konstruieren, bauen und einfliegen. So begann das Projekt der MIAG Dietrich 12 (MD 12). Das war für ihn natürlich eine kaum lösbare Aufgabe. Neben seinen Konstruktionstätigkeiten musste er Facharbeiter der MIAG in die Technik des Flugzeugbaus umschulen. Zur Unterstützung konnte Dietrich einige Flugzeugbauer gewinnen. Im Herbst des Jahres war die MD 12 fertiggestellt und wurde von Dietrich persönlich eingeflogen. Um allen Beteiligten das Vertrauen in deren geleistete Arbeit zu demonstrieren, verzichtete er bei diesem Flug auf einen Fallschirm. Die Maschine besaß gute fliegerische Eigenschaften und Dietrich konnte mit einem weiteren Flug vor Entscheidungsträgern der MIAG diese davon überzeugen, dass ihr Unternehmen in der Lage wäre, ein modernes Flugzeug entsprechend den DVL-Vorschriften herzustellen. Damit war für das RLM eine neue Produktionsstätte für den Lizenzbau von Serienflugzeugen erschlossen.

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Die MD 12 wurde bis zur Musterprüfung und Zulassung weiterentwickelt und erhielt die Kennzeichen D-EDNU. Es stellte sich heraus, dass ein weiteres Flugzeugmuster in der A 2-Klasse nicht mehr nötig war. Somit blieb die MD 12 ein Unikat und wurde noch mindestens sieben Jahre als Schulflugzeug auf dem Flugplatz Braunschweig-Waggum eingesetzt.

Der Flugzeugbau wurde aus dem MIAG-Verband herausgelöst und in die Luther-Werke GmbH, Braunschweig eingegliedert. Diese erhielt vom RLM den Auftrag ein Flugzeug in Gemischtbauweise, die Bücker Bü 131 „Jungmann“, in Lizenz zu produzieren. So konnte sich der Flugzeugbau weiter festigen.

Richard Dietrich bekam 1938 von der Luther-Werke GmbH den Auftrag in Österreich in der Umgebung von Wien ein dort stillgelegtes Flugzeugreparaturwerk wieder zu reaktivieren. Er siedelte mit seiner Familie um und wurde der Technische Leiter und Betriebsführer dieses Werkes. Dort wurden an Flugzeugen Schäden durch Beschuss repariert sowie Motoren- und Waffenumbauten an Einsatzflugzeugen vorgenommen. Außerdem schickte man von hier Montagekolonen zu Feldflugplätzen um Maschinen vor Ort zu reparieren. Aufgrund seiner Leistungen überreichte man Dietrich am 1. Mai 1942 in Berlin das Kriegsverdienstkreuz zweiter Klasse. Richard Dietrichs letzte bekannte Adresse war Wien – Mauer, Liebegg-Gasse 16.

Im April 1945 geriet er in sowjetische Gefangenschaft und wurde später in das NKWD-Sonderlager Fünfeichen bei Neubrandenburg überstellt. Am 28. Dezember 1945 starb er dort und wurde in einem der beiden Massengräber bestattet.

Literatur

Richard Dietrich: Im Flug über ein halbes Jahrhundert, Gütersloh 1942.

Rolf Nagel, Thorsten Bauer: Kassel und die Luftfahrtindustrie seit 1923, A. Bernecker Verlag GmbH, Melsungen 2015, ISBN 978-3-87064-147-4.