Lettenlager

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Unterkünfte der Firma Junkers Flugmotorenwerke

Etwa zu Beginn des zweiten Weltkrieges wurden im Zuge der erhöhten Rüstungsproduktion der Junkers-Flugzeugmotorenwerke feste Behelfswohnungen entlang der Waldkappeler Bahn/Forstbachweg gebaut. Hier waren die Arbeiter untergebracht, die aus vielen Teilen Deutschlands kamen, um in den Junkers-Werken zu arbeiten. Gleichzeitig wohnten auch ca. 200 Lehrlinge mit ihren Betreuern in diesen Steinbaracken. Es handelte sich auch um Fremdarbeiter, die im Ausland angeworben worden waren. Wie ein ehemaliger "Bewohner" aber erzählte, hatte dann während des Krieges niemand mehr die Chance, den Betrieb zu wechseln oder in die Heimat zurückzukehren. Insofern waren praktisch alle - Ausländer wie Deutsche - "Zwangsarbeiter".

Zwangsarbeiterlager

In der Nähe waren hier bis Kriegsende auch zwei Zwangsarbeiterlager, die mit hohen Zäunen umschlossen waren. Polnische und russische Zwangsarbeiter der Junkerswerke waren hier untergebracht. Es ist das Gelände, auf dem heute die Immanuelkirche und die Schule Am Lindenberg stehen.

Junkers-Camp - im Volksmund: Lettenlager

Toreinfahrt in das Lager für DPs Ende der 40er Jahre
Mutter und Tochter Neicinieks mit Kindergärtnerinnen (1948/49)
Entlassungsschein aus dem Lager 1949

Nach dem Ende des Krieges unterstanden diese Unterkünfte der UNESCO zur Betreuung der Fremdarbeiter - insbesondere der Letten (daher der Begriff "Lettenlager") - bis zu deren Rückführung bzw. Auswanderung. 1946 beherbergte das Lager 927 Letten und 113 Esten, sie galten als „Displaced Persons“- „DPs“, das ist ein Fachbegriff, der nicht übersetzt wird, es handelte sich also um Personen, die hier, wo sie sind, nicht hingehören, Heimatlose also (Dazu gehörten Fremdarbeiter, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, ausl. Soldaten, die in deutschen Armeen gekämpft hatten). Die Wohnhäuser bestanden aus 4 separaten Zweizimmerappartements, in denen mehr als eine Familie wohnte. Eine Prüfungskommission fand 1946 die Wohnungen des Lagers „Junkers“ sauber, gut erhalten und ausreichend belichtet, aber überbelegt. In jedem großen Zimmer standen 6 bis 8 Betten, in jedem kleinen 3 bis 4. Es gab fliesend Wasser, elektrische Beleuchtung, Einzelöfen und dreimal pro Woche wurde der Müll von deutschen Arbeitern entsorgt, es gab sogar Gemeinschaftsduschen mit Warmwasser für Männer und Frauen. Die Einzelappartements hatten WCs und Waschbecken mit Kaltwasser. Die Verpflegung kam vom „Special Rations Displaced Persons Warehouse“, die Tagesration war 2000 Kalorien, Arbeiter bekamen 3100 Kalorien extra und unterernährte Kinder, schwangere und stillende Mütter 324,4 Kalorien extra. Ältere Siedler vom Lindenberg erinnern sich noch, wie man hier „gekunkelt“ hat, Obst gegen Weißbrot, andere sprachen auch von Schwarzmarkt. Es gab einen Kindergarten mit 30 Kindern, eine Grundschule mit 92 Kindern, eine weiterführende Schule mit 37 Kindern und eine „Universität“ mit 448 erwachsenen Studenten, die von lettischen professionellen Lehrern unterrichtet wurden (Forstwesen, Landwirtschaft, medizinische und technische Fächer, Philosophie, Musik und Sprachen). Es gab daneben Klassen für Nähen, Kunst, Mechanik, Autofahren und Frisieren. Es gab ein 70-Betten-Krankenhaus mit 3 Ärzten und 11 Krankenschwestern sowie eine Krankenhausapotheke. 26 Männer – durch Armbinden gekennzeichnet – versahen einen unbewaffneten Polizeidienst. Vor drei Seiten war das Lager mit einem Zaun versehen. Daneben gab es eine große Sporthalle, ein Lagertheater und einen Swimmingpool, das ein ehemaliger Feuerlöschteich gewesen war, wie mir ältere Bürger erzählten. Es gab einen Chor, Tanzgruppen und Pfadfindergruppen. Die Kommission bewertete das Lager als „exzellent“. Wie man hier liest, war das eine richtige kleine Stadt.

Wohnungen für Deutsche

Als die „DPs“ dann zurückgeführt waren, wurden nach 1949 die Wohnungen Deutschen zur Verfügung gestellt. U. a. wurden viele für Polizisten und Mitarbeiter der Firma AEG und Urban bereitgestellt. Die damaligen Bewohnerinnen und Bewohner schwärmten für diese Wohnungen in einer Zeit der riesigen Wohnungsnot. Es entstanden Geschäfte (Schlachterei Stehr, Konditorei Molenkamp, Forstfeldterrassen (Theumer), Kohlenhandlung Pfeiffer u. v. a.). Vor und neben den Unterkünften entstanden zu dieser Zeit gepflegte Blumenbeete und Rasenflächen. Wo es möglich war, wurde auch Gemüse für den Hausbedarf angebaut.

Wohnungen für Obdachlose

Es war schon ganz schön eng

In den 50er Jahren kaufte die Stadt Kassel die Steinbaracken und brachte dort Obdachlose unter, nachdem die Holzbaracken am Mattenberg abgerissen worden waren. Auf viel zu engem Raum wohnten dort dann bis zu 600 Menschen unter kaum menschenwürdigen Bedingungen. Bereits hier in diesem Lager gab es ein Haus Forstbachweg – ein Sozialzentrum mit der Hausnummer „Forstbachweg 16 c“. Das ist auch der Grund, warum dieser Name und die Hausnummer bis heute – auch für den Neubau – geblieben sind. Die Schule Am Lindenberg hatte ihren Ursprung in Block P. Bis zur Fertigstellung des 1. Bauabschnittes der neuen Schule gingen die Schulanfänger des Forstfeldes und des Lindenbergs in diese Schule und brauchten den weiten Weg nach Bettenhausen zur Eichwaldschule nicht zu gehen.

"Aufstand" und Besetzung der Belgiersiedlung

„Jede Woche einmal fuhr der Kasseler Maschinenarbeiter Helmut Kleinert seine sieben Kinder im gebrauchten Volkswagen ins Hallenbad, und seine Ehefrau prüfte täglich, "ob die Kleinen nicht schon Läuse haben". Solcher Verdacht lag nicht weit, denn der gelernte Bierbrauer und seine Familie hausten seit drei Jahren in Kassels Obdachlosensiedlung "Lettenlager" -- in einer Zweizimmer-Steinkate, wo Ratten den Fußboden zernagten, fünf Zentimeter dicke Leichtbauwände mürbe, Decken undicht waren und für die neun Familienmitglieder nur ein Waschtrog zur Verfügung stand.“ So stand es im Spiegel Nr. 27 von 1971, nachdem die Bewohner der Baracken der Obdachlosenunterkunft die seit einem Jahr leer stehenden bundeseigene Häuser der „Belgier-Siedlung“ in Wehlheiden für drei Wochen bersetzt hatten. Die Häuser wurden zwangsgeräumt und die Besetzer wieder zurückgeführt.

Erinnerungen von Betroffenen

Ilse Neicinieks

Ilse Neicinieks vor dem letzten Rest des Lettenlagers. Dieses Torfundament ist auch ganz oben rechts zu sehen


Im Juni 2009 bekam ich Besuch einer Dame aus Australien, die in Deutschland als erstes den Weg zu diesem Lager suchte, welches aber nicht mehr zu finden war. Im Computer suchten wir dann die entsprechenden Bilder. Ilse war 1945 geboren und bewohnte von 1946 bis 1949 dieses „Junkers Camp“ und ging hier in den Kindergarten (Bild Mitte rechts). Erinnerungen daran hatte sie aber leider keine mehr und wenn sie früher ihre Mutter fragte, endete dieses Gespräche nur in Tränen, so dass sie es dann ließ. Sie ließ sich aber am letzten Überrest des Lagers, dem alten Torpfosten, fotografieren. Sie bedankte sich noch und meinte, dass sie diesen Tag in Forstfeld ihr ganzes Leben lang nicht vergessen würde.

Aufgrund meiner (Falk Urlen) Intervention bei der Unteren Denkmalschutzbehörde, schreibt diese am 24.11.2009:

"Nachdem wir die Information des Stadtarchivs erhalten haben ..., wurde vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, das für die Erfassung von Denkmälern zuständig ist, der verbliebene Torpfosten als Kulturdenkmal aus geschichtlichen Gründen eingestuft. Damit sind die rechtlichen Voraussetzungen für den Erhalt geben."


siehe auch

  • Spiegel-Bericht über die Besetzung der "Belgier-Siedlung": [1]
  • Spiegel-Bericht über die Räumung der "Belgier-Siedlung": [2]