Kurt Katzenstein, Biografie: Unterschied zwischen den Versionen

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(Nachkriegszeit)
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Kurz vor seiner Abreise besuchte Katzenstein noch seinen Freund Ernst Udet in Berlin. Die beiden Flieger kannten sich seit Anfang der 20er-Jahre. So feierten sie in einer Nacht den Abschied. Dabei soll Udet diesen Satz gesagt haben: „Kurt, ich glaube die da oben wollen aus mir noch einen richtigen General machen. Dir viel Glücke im sonnigen Afrika, was ich ja so liebe“.
 
Kurz vor seiner Abreise besuchte Katzenstein noch seinen Freund Ernst Udet in Berlin. Die beiden Flieger kannten sich seit Anfang der 20er-Jahre. So feierten sie in einer Nacht den Abschied. Dabei soll Udet diesen Satz gesagt haben: „Kurt, ich glaube die da oben wollen aus mir noch einen richtigen General machen. Dir viel Glücke im sonnigen Afrika, was ich ja so liebe“.
  
Gemeinsam mit dem Stuttgarter Rennfahrer Willi Rosenstein gründete Katzenstein in Johannesburg den Flugbetrieb Union Aviation. Trotzdem sich Rosenstein mit Hermann Göring wegen seines jüdischen Glaubens überworfen hatte, durfte er 1936 bei seiner Auswanderung nach Südafrika drei Bücker-Flugzeuge mit Ersatzteilen mitnehmen. Das war ein Privileg, das anderen Juden nicht eingeräumt wurde. Dadurch wurde die deutsche Flugzeugmarke Bücker im südlichen Afrika bekannt und man konnte bald etliche Maschinen auf dem dortigen Markt absetzen. Neben seiner Haupttätigkeit als Fluglehrer in diesem Unternehmen war Katzenstein auch in der Sportfliegerei sehr aktiv. Er nahm an etlichen Wettbewerben teil und konnte 1937 beim Round the Reef air race den 1. Platz belegen.
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Gemeinsam mit dem Stuttgarter Flieger und Rennfahrer Willi Rosenstein gründete Katzenstein in Johannesburg den Flugbetrieb Union Aviation. Trotzdem sich Rosenstein mit Hermann Göring wegen seines jüdischen Glaubens überworfen hatte, durfte er 1936 bei seiner Auswanderung nach Südafrika drei Bücker-Flugzeuge mit Ersatzteilen mitnehmen. Das war ein Privileg, das anderen Juden nicht eingeräumt wurde. Dadurch wurde die deutsche Flugzeugmarke Bücker im südlichen Afrika bekannt und man konnte bald etliche Maschinen auf dem dortigen Markt absetzen. Neben seiner Haupttätigkeit als Fluglehrer in diesem Unternehmen war Katzenstein auch in der Sportfliegerei sehr aktiv. Er nahm an etlichen Wettbewerben teil und konnte 1937 beim Round the Reef air race den 1. Platz belegen.
  
 
Der Ausbruch des Zeiten Weltkriegs bescherte dem jungen, sich finanziell gut entwickelnden Luftfahrtbetrieb ein plötzliches Ende. Die beiden deutschen Flieger wurden sofort interniert. Dadurch schränkte sich das Familienleben der Katzensteins stark ein. Der Sohn hatte kaum noch Kontakt zu seinem Vater. Acht Monate verbrachte Kurt Katzenstein hinter Stacheldraht.
 
Der Ausbruch des Zeiten Weltkriegs bescherte dem jungen, sich finanziell gut entwickelnden Luftfahrtbetrieb ein plötzliches Ende. Die beiden deutschen Flieger wurden sofort interniert. Dadurch schränkte sich das Familienleben der Katzensteins stark ein. Der Sohn hatte kaum noch Kontakt zu seinem Vater. Acht Monate verbrachte Kurt Katzenstein hinter Stacheldraht.
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In dieser Zeit und auch danach galt er bei den Südafrikanern als politisch zuverlässig und man wollte seine fliegerischen Fähigkeiten nutzen. Kurt Katzenstein meldete sich freiwillig zur Union Defense Force und wurde am 4. Juni 1941 vereidigt. Nach über 11.000 Flugstunden musste er nochmals die Schulbank drücken. Im Rang eines Warrant Officer II wurde Katzenstein Testpilot bei der South African Air Force (SAAF) und flog auf der Brooklyn Air Station- Kapstadt, teilmontierte oder reparierte Flugzeuge ein. Am 6. Januar 1942 erhielt er die südafrikanische Staatsbürgerschaft und im November des Jahres wurde er zum 2. Lieutenant befördert. Bereits einem Monat später schlug der zuständige General der SAAF die Beförderung Katzensteins zum 1. Lieutenant vor. Die erfolgte am 11. Mai 1943.
 
In dieser Zeit und auch danach galt er bei den Südafrikanern als politisch zuverlässig und man wollte seine fliegerischen Fähigkeiten nutzen. Kurt Katzenstein meldete sich freiwillig zur Union Defense Force und wurde am 4. Juni 1941 vereidigt. Nach über 11.000 Flugstunden musste er nochmals die Schulbank drücken. Im Rang eines Warrant Officer II wurde Katzenstein Testpilot bei der South African Air Force (SAAF) und flog auf der Brooklyn Air Station- Kapstadt, teilmontierte oder reparierte Flugzeuge ein. Am 6. Januar 1942 erhielt er die südafrikanische Staatsbürgerschaft und im November des Jahres wurde er zum 2. Lieutenant befördert. Bereits einem Monat später schlug der zuständige General der SAAF die Beförderung Katzensteins zum 1. Lieutenant vor. Die erfolgte am 11. Mai 1943.
  
Am 31. März 1944 ließ Katzenstein seinen Namen ändern: Von nun an hieß er Kaye.  
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Am 31. März 1944 ließ Katzenstein seinen Namen ändern: Von nun an hieß er Kaye.
  
 
=== '''Nachkriegszeit'''===
 
=== '''Nachkriegszeit'''===

Version vom 1. Dezember 2015, 17:26 Uhr

Kurt Katzenstein, *27. Februar 1895 in Kassel, †6. Dezember 1984 in Johannesburg/Südafrika. Militärflieger, Kunstflieger, Verkehrsflieger und Ingenieur.

Kindheit und Jugend

Kurt Katzenstein wurde als Sohn des Bankiers Otto Katzenstein und seiner Ehefrau Franziska in Kassel geboren. Als Abiturient an der Oberrealschule 1 in Kassel, der heutigen Albert-Schweitzer-Schule, meldete sich Kurt Katzenstein 1914 bei Kriegsbeginn freiwillig zum Heer des Deutschen Reiches.

Erster Weltkrieg

Katzenstein in seiner Pfalz D IIIa

Dort wurde er nach der Grundausbildung im Feldartillerie-Regiment 57 in Russland eingesetzt. Nach einer Verwundung beantragte er seine Versetzung zur Fliegertruppe. Ab Mai 1916 erfolgte die Ausbildung zum Flugzeugführer. Im Anschluss daran war er ab September 1916 als Aufklärungsflieger an der Ostfront in Russland. Darauf folgte der Einsatz als Jagdflieger bei den Jagdstaffeln 55 und 30 an der Westfront.

Ein Luftsieg wurde ihm anerkannt und für seine Erfolge erhielt Leutnant Katzenstein das Eiserne Kreuz Erster und Zweiter Klasse.

Nachkriegszeit

Nach Kriegsende flog Katzenstein mit einem Jagdflugzeug Fokker D VII von Frankreich nach Kassel und landete in den Fuldawiesen am damaligen E-Werk, in der Nähe der heutigen Müllverbrennungsanlage. Hier hatte das Militär eine Art Feldflugplatz eingerichtet. Von dieser Wiese aus machte Katzenstein noch einige Flüge über die hessische Heimat. Den Treibstoff dafür soll er sich aus einem Riesenflugzeug der Reichswehr gezapft haben, das dort im November 1918 gelandet war und nicht mehr starten konnte. Es wurde deshalb dort unter Aufsicht des Kasseler Fliegers Sergant Hermann Vermehr zur Verschrottung demontiert. Katzenstein flog mit der Fokker D VII solange, bis der Soldatenrat das Flugzeug beschlagnahmte.

Nun war es mit der Fliegerei vorbei und Katzenstein begann an der Technischen Universität Darmstadt ein Studium in der Fachrichtung Maschinenbau. Nach dem erfolgreichen Abschluss als Diplom-Ingenieur begann er 1923 bei der Dietrich-Gobiet-Flugzeugwerk AG in Kassel als Werkspilot.

http://regiowiki.hna.de/Dietrich-Gobiet_Flugzeugwerk_AG,_Kassel

http://regiowiki.hna.de/Raab-Katzenstein_Flugzeugwerk_GmbH

Kurt Katzenstein

Nach der Trennung von Antonius Raab im Juli 1930 konnte Katzenstein seinen Lebensunterhalt trotz der Weltwirtschaftskrise weiter mit der Fliegerei bestreiten. Die Zigarettenfirma Bergmann hatte eine eigene Reklamestaffel aufstellen lassen. Hier nahm er die Aufgabe des technischen Leiters an und organisierte die Durchführung von Flugtagen und die Teilnahme dieser Staffel daran. Am 17. Juli 1932 war er mit seiner Staffel Teilnehmer am Großflugtag in Kassel-Waldau.

Nationalsozialismus

Da Katzenstein wegen der jüdischen Abstammung seiner Familie unter den Repressalien der Nationalsozialisten litt, ging er am 24. Juni 1933 nach Holland, wo er bei der Cigarette Factory Batchary die Stelle als Betriebsleiter übernahm. Dort heiratete er und aus der Ehe ging im März 1935 ein Sohn hervor. In diesem Jahr setzte die nationalsozialistische Regierung bei den Niederländern durch, Menschen aus dem Deutschen Reich in den Niederlanden nicht mehr arbeiten zu lassen. So verlor Katzenstein seine Arbeitserlaubnis und wanderte daraufhin mit der Familie in die Südafrikanische Union aus. Am 24. Juni 1936 erreichten sie ihre neue Heimat.

Kurz vor seiner Abreise besuchte Katzenstein noch seinen Freund Ernst Udet in Berlin. Die beiden Flieger kannten sich seit Anfang der 20er-Jahre. So feierten sie in einer Nacht den Abschied. Dabei soll Udet diesen Satz gesagt haben: „Kurt, ich glaube die da oben wollen aus mir noch einen richtigen General machen. Dir viel Glücke im sonnigen Afrika, was ich ja so liebe“.

Gemeinsam mit dem Stuttgarter Flieger und Rennfahrer Willi Rosenstein gründete Katzenstein in Johannesburg den Flugbetrieb Union Aviation. Trotzdem sich Rosenstein mit Hermann Göring wegen seines jüdischen Glaubens überworfen hatte, durfte er 1936 bei seiner Auswanderung nach Südafrika drei Bücker-Flugzeuge mit Ersatzteilen mitnehmen. Das war ein Privileg, das anderen Juden nicht eingeräumt wurde. Dadurch wurde die deutsche Flugzeugmarke Bücker im südlichen Afrika bekannt und man konnte bald etliche Maschinen auf dem dortigen Markt absetzen. Neben seiner Haupttätigkeit als Fluglehrer in diesem Unternehmen war Katzenstein auch in der Sportfliegerei sehr aktiv. Er nahm an etlichen Wettbewerben teil und konnte 1937 beim Round the Reef air race den 1. Platz belegen.

Der Ausbruch des Zeiten Weltkriegs bescherte dem jungen, sich finanziell gut entwickelnden Luftfahrtbetrieb ein plötzliches Ende. Die beiden deutschen Flieger wurden sofort interniert. Dadurch schränkte sich das Familienleben der Katzensteins stark ein. Der Sohn hatte kaum noch Kontakt zu seinem Vater. Acht Monate verbrachte Kurt Katzenstein hinter Stacheldraht.

In dieser Zeit und auch danach galt er bei den Südafrikanern als politisch zuverlässig und man wollte seine fliegerischen Fähigkeiten nutzen. Kurt Katzenstein meldete sich freiwillig zur Union Defense Force und wurde am 4. Juni 1941 vereidigt. Nach über 11.000 Flugstunden musste er nochmals die Schulbank drücken. Im Rang eines Warrant Officer II wurde Katzenstein Testpilot bei der South African Air Force (SAAF) und flog auf der Brooklyn Air Station- Kapstadt, teilmontierte oder reparierte Flugzeuge ein. Am 6. Januar 1942 erhielt er die südafrikanische Staatsbürgerschaft und im November des Jahres wurde er zum 2. Lieutenant befördert. Bereits einem Monat später schlug der zuständige General der SAAF die Beförderung Katzensteins zum 1. Lieutenant vor. Die erfolgte am 11. Mai 1943.

Am 31. März 1944 ließ Katzenstein seinen Namen ändern: Von nun an hieß er Kaye.

Nachkriegszeit

Als Kurt Kaye am 31. August 1946 im Alter von 51 Jahren aus dem aktiven Dienst bei der SAAF ausschied, hatte er in mehr als 25 verschiedenen Flugzeugtypen ungefähr 2.220 Stunden am Steuer gesessen. Für seine Dienste wurde er mit der Africa Service Medal und der War Medal 1939 -1945 ausgezeichnet. Außerdem hatte er einen Pensionsanspruch erworben.

Nach seinem Ausscheiden beim Militär bestand Kurt Kaye die Prüfungen zur Airline Transport Pilot Licence (ATPL) und nahm die Arbeit als Verkehrsflieger auf. Bis April 1951 hat er weitere 4.000 Flugstunden hauptsächlich auf dem zweimotorigen Verkehrsflugzeug Douglas DC-3 in der Luft verbracht. Zu der Zeit war er bei der Pan African Airways Ltd. als Chef-Pilot tätig. Seine Gesamtflugzeit betrug nun fast 18.000 Stunden.

Als sich die Fluggesellschaft Tropic Airways (Tropic) in Johannesburg etablierte, wechselte Kaye als Chef-Pilot dorthin. Hier flog er auch mit der viermotorigen Avro 685 York die Route Amsterdam – Johannesburg und umgekehrt. Dieses Flugzeug war ein britischer Transporter gewesen, der, komfortabel ausgestattet, dem südafrikanischen Feldmarschall Jan Smuts persönlich zur Verfügung gestanden hatte. Die York bekam nun eine siebenköpfige Besatzung und konnte bis zu 53 Passagiere aufnehmen. Es waren aber keine Linienflüge im eigentlichen Sinne, sondern Flugreisen mit Zwischenlandungen und Übernachtungen. Vor jedem Start erläuterte Flugkapitän Kaye seinen Gästen die bevorstehende Strecke und wies auf Besonderheiten hin. 150 Flüge auf dieser über 9.200 Kilometer langen Route machte Kaye mit der York und jedes Mal war es ein besonderes Erlebnis – nicht nur für die Passagiere.

In Folge einer Schwerhörigkeit sah sich Kurt Kaye 1957 gezwungen, nach 24.000 Flugstunden endgültig die eigene Fliegerei aufzugeben. Der damals 62-Jährige ging aber nicht in den Ruhestand, sondern wurde Leiter der technischen Qualitätskontrolle bei einer Elektrofirma in Johannesburg und nahm diese Aufgabe bis 1974 wahr.

Seit Ende der 50er-Jahre besuchte er fast jährlich Europa und hierbei insbesondere seine alte Heimat in Kassel und Umgebung.

Kaye

Hier stellt Kaye für die Presse seinen Flug unter der Fuldabrücke im Oktober 1924 nach.

Am 27. Februar 1975 gratulierten seine deutschen Fliegerfreunde und besonders seine ‚Kasseläner‘ Flugschüler zum 80. Geburtstag. In den heimischen Fliegerkreisen wurde er immer noch Kurtchen genannt und man freute sich wieder auf seinen nächsten Besuch in der alten Heimat.

Im Herbst 1982 besuchte er Deutschland zum letzen Mal und traf in Friedrichshafen auf einen seiner ersten Flugschüler - Wilhelm Sachsenberg. Kayes Gesundheitszustand war schlecht und Sachsenberg sorgte dafür, dass er im Krankenhaus der Stadt bis zur Abreise nach Südafrika ärztlich versorgt wurde. Kaye war dort in die Nähe seines Sohnes gezogen und lebte in einem Seniorenwohnheim.

Am 6. Dezember 1984 starb Kurt Kaye im Alter von 89 Jahren in Johannesburg, Südafrika.


Literatur und Fotos

Rolf Nagel, Thorsten Bauer: Kassel und die Luftfahrtindustrie seit 1923, A. Bernecker Verlag GmbH, Melsungen 2015, ISBN 978-3-87064-147-4.