Klosterkirche Nordshausen

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Klosterkirche Nordshausen

Die Klosterkirche Nordshausen wurde erstmals im Jahre 1257 erwähnt und ist die älteste erhaltene Kirche im heutigen Kasseler Stadtgebiet.

Geschichte

Der Ort Nordradeshusun findet sich im 11. Jahrhundert erstmals in einer Urkunde des Klosters Hasungen.[1] Von einer vor der Gründung des Klosters schon bestehenden Kapelle kündet noch romanisches Mauerwerk im heutigen Erscheinungsbild der Kirche, allerdings wurde das Gotteshaus im Laufe der folgenden Jahrhunderte mehrfach verändert und erweitert. Bis 1527, als das Kloster aufgehoben wurde, wirkten Nonnen des Zisterzienserordens, zuletzt als Benediktinerinnen am Fuße des Brasselsbergs. Nach der Reformation flossen die Einkünfte aus der Ökonomie des Klosters der neu gegründeten Universität Marburg zu. Bis ins 19. Jahrhundert und bis in unsere Zeit zeugen Kirche, Konventshaus und Zehntscheune von der klösterlichen Vergangenheit.

Das Zisterzienserinnen-Kloster im Mittelalter

Im 13. Jahrhundert und vermutlich auch schon früher befand sich Nordshausen im Besitz der Grafen von Wallenstein, die dem Grafengeschlecht der Schauenburger (vgl. Burgruine in Hoof) entstammten. Als eine Linie ihrer Vorfahren, die Schauenburger, erlosch, legte Albert I. 1233 nicht nur den Namen Schauenburg ab und nannte sich fortan Wallenstein, er nahm sich auch ein neues Wappen.

Sein Spross, Albert II. von Wallenstein, gründete (höchstwahrscheinlich) einige Jahre vor 1257 das Kloster und schenkte den Klosterjungfrauen des Zisterzienser-Ordens in Nordshausen die Kirche in Oberzwehren und die dazugehörige Kapelle in Nordshausen, verbunden mit Patronatsrechten. Dies geht aus einer im Jahre 1257 in Kassel ausgefertigten Schenkungsurkunde des Grafenehepaars hervor. Eine zur Errichtung eines Klosters notwendige Stiftungsurkunde ist nicht erhalten, der Wortlaut der Schenkungsurkunde lässt aber darauf schließen, dass der Konvent schon bestand.

Inneres der Klosterkirche Nordshausen

Vor 1247 wurde vermutlich das Sockelgeschoss des Glockenturms der Kapelle errichtet, und zwar offensichtlich als Wehrturmanlage, darauf lassen Relikte schließen. Eine erkennbare Baunaht, oberhalb derer sich das Baumaterial deutlich von dem des ersten Bauabschnitts unterscheidet, der von einem Mix aus Sand- und Tuffstein bestimmt ist, lässt auf eine längere Pause sowie auf neues Geld und eine andere Bauhütte schließen. Die Pause könnte politisch bedingt gewesen sein durch den Tod des Thüringer Landgrafen Heinrich Raspe IV., der den Unabhängigkeitsbestrebungen Hessens Aufrieb gab und zu kriegerischen Auseinandersetzungen führte. Der zweite Bauabschnitt hat nichts mehr von einem Wehrturm an sich, sondern spiegelt in der Ausführung der Schallarkaden eine schlichte, aber reizvolle Form des spätromanisch-frühgotischen Übergangsstils. Denkbar ist, dass die Neuorientierung im Turmbau sich auch gegen das Erzbistum Mainz mit seinen ambitionierten Bestrebungen im Kasseler Raum richtete, der Vater der Ehefrau des Grafen Albert II. von Wallenstein war engagierter Parteigänger von Sophie von Brabant (Tochter der hl. Elisabeth).

Im Zisterzienser-Orden gab es an sich ein Bauverbot von Kirchtürmen, das allerdings für die Männerklöster entworfen war und auch für Frauenklöster galt, die als unabhängige Filiationen gegründet wurden. Die meisten Frauenklöster wurden jedoch an bestehenden Kirchen, meist herrschaftlichen Eigenkirchen, begründet von lokalen Adelsfamilien, hauptsächlich zur eigenen Heilsvorsorge für das Leben der Seele im Jenseits („Memorialkultur“). Deshalb waren sie angewiesen auf Versorgung durch das übliche feudale Abgabensystem. So auch in Nordshausen, die sogenannte „Dorfkirche“ war als Eigenkirche Teil des Fronhofes („curia“, Vogtei) der Familie Wallenstein – dessen (privatisierter) Nachfolge-Hof aus dem 19. Jh. heute noch existiert. Man kann davon ausgehen, dass die Fertigstellung des Turmes im Zusammenhang mit der Gründung des Klosters zu sehen ist. Das Nordshäuser Frauenkloster war als nicht-inkorporierter Konvent halb-selbständig, es unterstand nicht direkt einem Männerkloster, sondern war, was den politischen Schutz und die Verwaltung der Güter betraf, der Stifter-Familie zugehörig, die dort, wie vorher, einen Vogt unterhielt; in kirchenrechtlicher Hinsicht unterstand es jedoch, wie ganz Hessen, dem Mainzer Erzbischof.

Nach dem Einzug der Zisterzienserinnen änderte sich das kirchenrechtliche Verhältnis von Nordshausen und Oberzwehren, und Nordshausen wurde Pfarrei („ecclesia“), Oberzwehren nun Filiale. Im Jahr 1263 begrenzte der Mainzer Erzbischof Werner von Eppstein die Mitgliederzahl des Nordshäuser Konvents auf 24 Nonnen. Dieser Akt verdeutlicht, dass es einen großen Zuspruch gab; die Aspirantinnen kamen aus dem näheren Umkreis von Kassel und weitgehend aus bürgerlich-bäuerlichem Milieu. Im Vergleich zu den benachbarten Frauenklöstern (Kloster Ahnaberg, Kaufungen, Weißenstein) blieb Nordshausen das kleinste. Trotz zahlreicher Zuwendungen erlangten die Nordshäuser Nonnen nur mäßigen Güterbesitz.

Bei Gründung des Klosters musste zunächst eine Bleibe für die Nonnen geschaffen werden. So wurde, mit Anschluss an den Turm, nach Norden hin das Konventshaus errichtet, das später parallel zu den Erweiterungen der Kirche mehrfach umgebaut und vergrößert worden ist – es besteht (privatisiert) noch heute. Einige Jahre später wurde die „Dorfkirche“ erhöht (vgl. die zugemauerten Lanzettfenster sowie die mittelhohen Stützpfeiler an den Außenwänden), auch um nun den „Nonnenchor“ als Klausurraum für das gemeinsame Gebet auf einer Empore im hinteren Teil der Kirche einrichten zu können. Im 15. Jh. wurde dann eine bedeutende Erweiterung der Kirche und zugleich eine weitere Erhöhung und Erweiterung des Emporenbereichs vorgenommen. Davon geben die hohen Stützpfeiler, insbesondere aber die großen gotischen Maßwerkfenster Zeugnis. Die auf einer Fenstersohlbank eingravierte Jahreszahl 1465 (in gotischen Ziffern) dürfte das Jahr der Wiedereinweihung angeben.

Das heute im Turm befindliche Hauptportal, das im Zuge der Nachkriegsrenovierung 1957 hierher verlegt worden ist, hebt sich stilistisch noch einmal davon ab. Es weist mit seinem reduziert-strengen spätgotischen Stil bereits auf die Renaissance hin. Die darüber befindliche Jahreszahl 1495 (in gotischen Ziffern) ruft den Versuch einer ernst gemeinten Klosterreform in Erinnerung. Aufgrund von „Unregelmäßigkeiten“ wandelte der Mainzer Erzbischof im Zusammenwirken mit dem hessischen Landgrafen den Konvent in einen Benediktinerinnen-Orden um, vom nahegelegenen Mainzerischen Kloster Hasungen wurden zwei Mönche, einer als Propst, dem Konvent vorgeordnet. Kurz nach 1500 schloss sich der Konvent der Bursfelder Kongregation an, einer Reformbewegung, die zur strikten Einhaltung der benediktinischen Ordensregel verpflichtete.[2] Das Portal könnte äußeres Zeichen dieses „Aufbruchs“ gewesen sein, ebenso wie ein Hauszeichen, das auf der Kuppa des romanischen Taufsteins angebracht wurde.

Das Ende des Klosters zu Nordshausen

Wie andere Territorialfürsten hatten sich auch die hessischen Landgrafen seit der Mitte des 15. Jahrhunderts wiederholt um eine Reform der Klöster bemüht. Parallel zur Einführung der strengen Observanz in den Bettelordensklöstern erfolgten in den 1480er und 1490er Jahren Visitationen und Reformen auch in den Zisterzienserkonventen. Der schleichende Verfall der Ordensdisziplin machte das Eingreifen der kirchlichen und staatlichen Obrigkeit notwendig, und so fand 1508 eine Visitation des Klosters Nordshausen durch den Erzbischof Jakob von Mainz statt, die zum Anschluss an die Bursfelder Kongregation führte. Am 31. Oktober 1517 sandte Martin Luther seine 95 Thesen unter anderem an den Erzbischof von Mainz. Durch den bereits etablierten Buchdruck erreichten Luthers Thesen schnell eine breite Öffentlichkeit. Ein Jahr zuvor war der damals 13-jährige Philipp I., später „der Großmütige“ genannt, Landgraf von Hessen geworden. Philipp I. sympathisierte schon früh mit den Lehren Luthers und initiierte die Homberger Synode von 1526, mit der Hessen protestantisch wurde. Dies führte im Zuge der anschließenden Säkularisierung dazu, dass auch das Kloster Nordshausen aufgehoben wurde. Der hessische Landtag besiegelte dies im Oktober 1527 und besorgte die Abfindung der Nonnen von Nordshausen. Die Kompensationen richteten sich nach der eingebrachten Mitgift, der Herkunft sowie der Dauer der Klosterzugehörigkeit. Neben der Äbtissin Gertrud Bergmann unterschrieben von damals 23 Nonnen 15 ihren Abfindungsrevers am 11. Dezember 1527. Von den übrigen neun hatten fünf das Kloster schon vorzeitig verlassen.[3]

Nachreformatorische Zeit

Unmittelbar nach Auflösung des Klosters ging es um die Aufteilung des Komplexes. Die Kirche wurde als Pfarrkirche der Gemeinde von Nordshausen übertragen. Das Konventshaus zusammen mit Partien des Klostergartens wurde von Johann von Nordeck, „Secretarius“ und Rechte Hand des Landgrafen, für seine Eltern erworben, er richtete es als Alterswohnsitz her – die symbolisch höchst bemerkenswerte Grabplatte seines Vaters Friedrich Nordeck ist in der Turmhalle erhalten. Damals wurde der Laubengang auf der Ostseite des Hauses (Teil des Kreuzgangs) und auch alle Öffnungen an der Nordwand der Kirche, u.a. der Nordeingang, der 2013 wieder geöffnet wurde, vermauert. Stallungen, die an die Nordostecke der Kirche anschlossen, wurden niedergelegt, der Nonnenfriedhof im Innenhof aufgelassen und durch Beseitigung der Grabsteine zur Nutzfläche gemacht. Vermutlich wurde einer der Grabsteine als Grabplatte für Pfarrer Johannes Mogh (1581) verwendet, am unteren Rand befindet sich (über Kopf) die gotische Jahresangabe 1474 (beiden Grabplatten befinden sich in der Turmhalle).

Die Kloster-Ökonomie ging nach Auflösung des Nordshäuser Konvents in den Besitz der ersten evangelischen Universität der Welt über, der Philipps-Universität zu Marburg, die 1527 von Philipp I. begründet wurde. Ein von ihr eingesetzter Klostervogt, der den Propst ablöste, verwaltete das Klostervermögen bis ins 19. Jahrhundert. Erst im Jahr 1848 wurden die Verträge beendet. Das Hofgut konnte, mit einer hohen Ablösung, der bis dahin als Verwalter tätige Franz Stein erwerben, sein Grabkreuz sowie das seiner Frau stehen noch vor der Südwand der Kirche.

Aus der nachreformatorischen Zeit ist relativ wenig dokumentiert, abgesehen von Einzelanschaffungen für die Ausstattung der Kirche und verschiedenen Ausbesserungen. Erhalten sind die klassizistische Kanzel sowie eine Taufschüssel von 1769 und zwei Weinkannen von 1746 und 1748. Bei der Kirchenrenovierung von 2012/13 wurde auch ein Schriftbild an der südlichen Innenwand freigelegt, das in barocker Schrift den Text aufweist: Lk 11,28 / Ja seelich sind, die das Wort / Gottes hören und bewahren. Dies war der einzige Schmuck der Kirche nach der sog. Zweiten Reformation durch den Landgrafen Moritz den Gelehrten, der das calvinistisch-reformierte Bekenntnis in Hessen-Kassel zur Staatsreligion machte. Freigelegt wurde auch, außer dem Rest eines gemalten Vorhangs an der linken Chorwand aus spätgotisch-katholischer Zeit, der ein dort befindliches „Heiliges Grab“ umfasste (siehe erhaltene Nische), ein historisch-theologisch aufschlussreiches Kreuz mit Bibel-Kartusche aus lutherischer Zeit (ca. 1570).

1840 kam Pfarrer Philipp Hoffmeister nach Nordshausen und plante umgehend den Neubau einer Orgel. „Durch Herausgabe und Verkauf einer von ihm selbst gezeichneten, von Pescheck gestochenen Abbildung der Kirche, beschaffte der rührige Geistliche, der sich auch durch Abfassung einer aktenmäßigen Chronik des Klosters Verdienste erwarb, die Mittel“.[4] Von dem Stahlstich sind nur wenige Exemplare erhalten.

Neben dem Gotteshaus, dem Konventshaus und beträchtlichen Teilen der Klostermauer steht heute lediglich noch die frühere Zehntscheune. Sie diente mit vier Trockenböden als Kornhaus; für die anderen Naturaleinkünfte des Klosters gab es ein eigenes Speicherhaus, das die nördliche Seite des nicht geschlossenen Gebäude-Carrés um den Innenhof (Friedhof und „Kreuzgang“) darstellte. Einen rundum führenden Kreuzgang, wie angenommen worden ist, hat es nicht gegeben. Um 1905 gab es eine umfassende Renovierung der Kirche, bei der auch der kleine Dachreiter (ohne Glocke) auf den Turm gesetzt wurde. Kurz vorher waren bereits die Fenster der Kirche erneuert worden, das eindrucksvolle Bibelfenster im Chorabschluss, das eine neo-gotische Kreuzigung Jesu zeigt (um 1900), lieferte die damals berühmte Fa. Ely aus Wehlheiden.

Nach dem 2. Weltkrieg

Die ehemalige Zehntscheune wurde im Januar 1945 während eines Luftangriffes durch Brand zerstört, vermutlich aufgrund von Funkenflug vom brennenden Nachbar-Gehöft her, und war danach nur noch eine Ruine. Die Kirchengemeinde kaufte das Gebäude 1952 aus dem Besitz des Gärtners Joseph Schneider und baute es wieder auf. Seit 1960 fungiert der Bau als Gemeindehaus. Die Kirche selbst wurde von Bombenschäden fast ganz verschont, auch das genannte (nicht ausgebaut gewesene) große Chorfenster, blieb intakt. Zieht man die erheblichen Zerstörungen gegen Ende des Krieges im Kasseler Stadtgebiet in Betracht, gehören die Überreste der alten Klosteranlage in Nordshausen zu den vergleichsweise wenigen noch gut erhaltenden Baudenkmälern in Kassel. Die Glockenstube im Turm ist für drei Glocken ausgelegt, es hat aber wohl immer nur zwei gegeben.

Eine der beiden Glocken, die bei Holtmeyer (1910) genannt sind, ist im Krieg für Rüstungszwecke abgegeben worden, und zwar diejenige, die Anfang des 19. Jh. beschädigt und 1824 neu gegossen worden ist. Sie kam nicht zurück vom „Glockenfriedhof“ in Hamburg-Veddel. Ersetzt wurde sie durch eine mittelalterliche Glocke aus dem Bezirk Breslau mit der Jahresangabe 1491. In spätgotischen Minuskeln steht darauf der Gebetswunsch: O REX GLORIE VENI CUM PACE – O KONIGH DER EREN KOM MIT DEIN FREDE. – Die zweite der heute im Turm aktiven Kirchenglocken trägt die Inschrift: GEGOSSEN FVER DIE KIRCHE ZV NORDSHAVSEN IN HESSEN VM 1370 – GESPRVNGEN 1943 – NEV GEGOSSEN 1946 VON GEBR. RINCKER IN SINN – 6032 – PFARRER N. ITTER KIRCHENAELTESTE H. WOLLENHAVPT VND K. JAKOB. Dabei kann es sich nur um die Glocke handeln, die Holtmeyer mit der Inschrift aufführt: Defunctos pla[n]go – Vivos voco – Fulg[u]ra frango. Ein Zeitzeuge erinnert sich, sie habe „während des Geläutes“ einen Riss bekommen, "es war fürchterlich anzuhören, ein Schrei von Schmerz entquoll dem metallenen Munde" (R. Hofmeister). Aus einer Notiz im Archiv der Landeskirche geht hervor, dass dies am 4.12.1943 während eines Begräbnisses geschah. Der Prüfbericht des Glockensachverständigen Dr. Sauer vom 19.12.1952 gibt den Ton der schlesischen Glocke mit c"+9 und den der umgegossenen Glocke mit b'+8 an, so dass sie "in einem einwandfrei sauberen Sekundenintervall" zueinander stehen.[5]

Obwohl Nordshausen schon 1936 politisch nach Kassel eingemeindet wurde, gehörte die Kirchengemeinde bis 1948 zum Kirchenkreis Kassel-Land. Von 1957 bis 1960 fand eine umfassende Renovierung unter dem Pfarrer Willi Mihr statt. Dabei wurden u.a. das östliche der beiden spätgotischen Emporenfenster auf der Südseite nach unten verlängert (am weißen Sandstein erkennbar), das Portal in den Turm verlegt und die Zehntscheune zum Gemeindehaus umgebaut. Sein Nachfolger Wolfgang Most vollendete 1974 die notwendigen Maßnahmen u.a. durch eine Stabilisierung des Dachstuhls und eine Erneuerung des Dachs; auch wurde der Dachreiter mit einem Hahn gekrönt.

Klostergarten Nordshausen.

Im Januar 1959 wurde ein Posaunenchor ins Leben gerufen. Zum 1. August 1999 wurde die evangelische Kirchengemeinde Nordshausen mit dem Oberzwehrener Ortsteil Brückenhof vereinigt. Die kirchengemeindliche Zusammenlegung des altdörflichen Nordshausen mit dem auf freiem Feld ab 1968 errichtete modernen Wohnquartier, das einen baulich fast schon großstädtischen Charakter aufweist, führte unter anderem auch zu multikultureller Vielfalt. Heute gehören Menschen aus mehr als zwanzig verschiedenen Nationen der Evangelischen Kirchengemeinde Kassel-Süd (Fusion aus den früheren Gemeinden der Klosterkirche und der Stephanuskirche seit 1. Jan. 2012) an. Im Jahr 2003 gründete die Kirchengemeinde zur Absicherung ihrer kulturellen Arbeit die "Kulturstiftung Klosterkirche Nordshausen".

2004 wurde der Förderverein Kultur- und Sozialzentrum Klosterkirche Nordshausen e.V. gegründet. Er veranlasste verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung des direkten Umfelds der Kirche, so vor allem die Ausgestaltung der Nordseite des Kirchengebäudes zur einer kleinen „meditativen Zone“, in der auch eine zur Reflexion einladende Bronzeskulptur von Gisela Eufe (Worpswede) Aufstellung fand, aber auch die aufwändige Neugestaltung des Klostergartens, und bereitet sich derzeit auf die gründliche Sanierung und den Ausbau des Gemeindezentrums vor. Darüber hinaus wurden mehrere Bücher publiziert, so die Dokumentation einer baugeschichtlichen Untersuchung durch ein Heidelberger Studenten-Team („capellam ..., que dicitur Nordershusen“, 2008), eine Würdigung des naturkundlichen und künstlerischen Schaffens von Pfarrer Philipp Hoffmeister („Märchen, Fliegen, Zeichenkreide“, 2013), zuletzt die umfassende Monografie von Dr. Josef Mense „Die Klosterkirche Nordshausen“ (2017) sowie dessen Buch „Mittelalterliche Bildwelten“ (2018).

Besonderheiten

Sehenswürdigkeiten

Spätromanischer Taufstein in der Klosterkirche Nordshausen (um 1255).

In einer sog. „Zweiten Reformation“ wurde, wie angedeutet, durch Landgraf Moritz den Gelehrten in Hessen-Kassel das calvinistisch-reformierte Bekenntnis als Staatsreligion eingeführt (1605), was für die Ausstattung der Kirchen zur Folge hatte, dass alle vorhandenen Wandmalereien übertüncht sowie sämtliche beweglichen Kultgegenstände aus dem Gottesdienstraum entfernt wurden, außer einem Kreuz. Das betraf auch die Taufsteine, die durch den Gebrauch von Taufschalen ersetzt wurden. Kurioserweise befinden sich heute in der Klosterkirche drei Taufsteine aus drei Epochen, deren verwickelte Geschichte nachzulesen ist in dem genannten Buch „Mittelalterliche Bildwelten.“ Die beiden älteren Taufsteine (Spät-Romanik und Renaissance) sind u.a. interessant wegen ihrer zahlensymbolischen Maße.

Christus-Medaillon (um 1450).

Drei Grabplatten, die alle auf ihre besondere Weise von der Norm abweichen, erzählen jeweils eine sehr hintergründige Geschichte. Zu den beiden oben genannten, die sich in der Turmhalle befinden, kommt noch die Grabplatte eines katholischen Pfarrers (um 1360), die vorne im Chor aufbewahrt wird. Sie stellt nicht nur formal den hierzulande seltenen, aus Nordfrankreich stammenden Typus des „Gisant“ dar (auch „Liegende Standfigur“ genannt), sondern weicht auch in theologischer Hinsicht auf bemerkenswerte Weise vom Üblichen ab; sein Rand ziert eine Umschrift in klassisch-hochmittelalterlicher Textura – mit einem deutschen Bibeltext! Anhand dreier im Jahre 2013 frei gelegter Wandbilder lässt sich praktisch die Theologiegeschichte vom 15. bis zum 18. Jahrhundert nachvollziehen.

Darüber hinaus birgt die Kirche mehrere bemerkenswerte Schlusssteine und Kapitelle, darunter zwei Christus-Antlitze, die formal, aber auch durch eine sehr reflektierte Theologie aus dem Rahmen fallen. Eine kleine, volksnah-expressive Darstellung der Kreuzigung Jesu an der südlichen Außenseite deutet auf die Pestzeit hin.


Gibt es typisch „zisterziensische" Spuren?

Schlussstein in der Turmhalle der Klosterkirche Nordshausen (um 1255).

Da ist zunächst die Architektur des Raumes. Die einschiffige Kirche bildet im Grundriss ein schlichtes Rechteck und weist keinen vom Kirchenschiff besonders abgehobenen Altarraum auf. Der Chor (im Osten) ist nach Zisterziensersitte nur um 1 Stufe angehoben (eine weitere Anhebung erfolgte erst 1958) und hat einen flachen Chorabschluss. Dieses Format entspricht dem einer „langgestreckt-rechteckigen Saalkirche“ französischer Zisterzienserinnen-Klöster. Alle Zisterzienser-Klöster waren der Gottesmutter Maria geweiht, und die besondere Art der Marienverehrung zeigt sich auf subtile Weise in Schlusssteinen und an dem spätromanischen Taufstein, der heute vorn am Altar steht. Der Länge nach zieht sich durch die Kirche das Marienthema, angefangen beim Gewölbe-Schmuckstein in der Turmhalle (ehem. Ort der Taufe), der in vereinfachter Symbolsprache durch Pflanzen und Zahlen ein Glaubensbekenntnis zum Ausdruck bringt, in dessen Mitte Maria steht, bis hin zur Sakristei, wo der Schlussstein ebenfalls als Mariensymbol eine stilisierte Päonie (gr. „Retterin“) zeigt, während das zentrale Gewölbejoch im Kirchenschiff eine Gartenrose mit drei Lagen von je fünf Blütenblättern aufweist – ein Hinweis auf den vom Zisterzienserorden besonders geförderten Rosenkranz.[6]

Die 15er-Symbolik ist auch auf dem romanischen Taufstein zu finden, und zwar im Dekor aus fünfzehn Blenden (eine äußerst seltene und technisch sehr schwierige Darstellung); darin verbirgt sich auch eine zisterziensische Tugendlehre, die wiederum auf der Legende vom „Tempelgang Mariens“ über 15 Stufen fußt. Der nach Osten hin vorletzte Schlussstein (einen Rang „unter“ dem Christus-Antlitz oberhalb des Altars) zeigt Maria mit einer theologisch besonderen Geste: Nicht der Jesusknabe, sondern sie hält den Paradies-Apfel in der Hand und stellt sich damit als „neue Eva“ vor. Bernhard von Clairvaux hatte sie in seinen berühmten Hohelied-Predigten als Vorbild für christliche Tugenden herausgestellt. Er war es auch, der über „Gott“ eine neue Aussage formulierte: „Gott ist reines Licht“. Die Zisterzienserkirchen sind berühmt für ihr „Lichtregie“ als einer immateriellen und sich bewegenden Bildlichkeit – und ohne direkte Absicht hat die calvinistische Reform diese strenge Schönheit des Raums wiederhergestellt (und wichtige Objekte wieder sichtbarer gemacht).

Klostergarten

Einteilung des Küchenkräutergartens

Als wichtige Zentren der mittelalterlichen Entwicklung nahmen die Klöster mit ihren Gärten Einfluss auf den Anbau von Pflanzen, auf Medizin, Kultus und Alltag. Der St. Galler Klosterplan unterscheidet, mit örtlicher Trennung, zwischen Küchenkräutergarten, Heilkräutergarten und Obstgarten.[7] Dieser Dreiteilung folgt auch die Anlage in Nordshausen. Der mittelalterliche Klostergarten der Zisterzienserinnen befand sich westlich neben dem Konventshaus, das Gelände ist heute in Privatbesitz. Der jetzige, neu gestaltete Klostergarten liegt südlich der Kirche jenseits der Straße. Das Küchenkräutersortiment umfasst beispielsweise Ringelblume, Beifuß, Zitronenmelisse, Zitronenthymian, Ysop, Thymian, Rosmarin, Minze und Estragon. Der Garten ist frei zugänglich, Kräuter für den Eigenbedarf können jederzeit mitgenommen werden.

Qualifizierte Führungen, auch mit theologischen oder historischen Schwerpunkten, können angefragt werden bei Pfr. Dr. Markus Himmelmann (Tel. 0561-81 67 62 14 / mail: Markus.Himmelmann@ekkw.de).

Gemeindeaktivitäten

Der Gemeinde-Bezirk der Klosterkirche umfasst Nordshausen und Brückenhof und bildet heute zusammen mit der Stephanuskirche am Mattenberg die neue Gemeinde „Kassel-Süd“. Im Bereich der Klosterkirche setzt die Gemeinde neben den klassischen Gemeindeangeboten wie Gottesdiensten, Konfirmandenarbeit, Senioren- und Gesprächskreisen sowie Kindergruppen besonders einen kirchenmusikalischen Schwerpunkt. Dazu gehören vielfältige Konzerte in der Klosterkirche sowie die umfangreiche Tätigkeit des Posaunenchors. Ebenfalls im Rahmen der Gemeinde engagiert sich der „Förderverein Kultur- und Sozialzentrum Klosterkirche Nordshausen e.V.“ mit diversen kulturellen Projekten (Publikationen, Baumaßnahmen u.a.). Ergänzt werden diese Angebote noch durch das von der Gemeinde verantwortete sozialdiakonische Angebot des „Mittelpunkt“ in der Theodor-Haubach-Str. 6. Im früheren Pfarrhaus in der Korbacher Str. 215 befindet sich heute das „Kinderhaus Zita“ vom „Maria Montessori Centrum Kassel“ mit derzeit zwei Kita-Gruppen. Gottesdienste finden jeden Sonntag um 10 Uhr statt. Besondere Gottesdienste gibt es natürlich zu Ostern und Weihnachten und übers Jahr verteilt auch Familiengottesdienste, wie z.B. am Martinstag oder am 2. Advent.

Verzeichnis der Pfarrer in Nordshausen

ca. 1527–ca. 1535 Werner Grünberg/ vor 1536–1540 Wolfgang Breidenstein/ 1540–1541 Eckhardt/ 1541–ca. 1558 Johannes Beigenreif/ ca. 1560–1581 Johannes Mogh („Magus“)/ um 1590 Wolfgang Mompel/ vor 1597–1613 Bernhard Thon/ 1614–1620 Johannes Friedrich Wildner/ 1620–1673 Johann Wilhelm Hetzius/ 1669/73–1716 Günther Conradi/ 1716–1742 Dionysius Kuchenbecker/ 1743–1750 Johann Daniel Krug/ 1750–1763 Johann Philipp Schödde/ 1763–1783 Christian Andreas Knöpfel/ 1783–1788 Johann David Giesler/ 1789–1793 Georg Christian Stern/ 1794/97–1840 Friedrich Stückradt/ 1840–1871 (em.) Philipp Hoffmeister/ 1868–1871 Vikar Johannes Riebold/ 1871–1872 Vikar Ernst Grau/ 1873–1874 Vikar Ludwig Thamer/ 1874–1878 Konrad Heinrich Hermann Ochs/ 1878–1885 Georg Scheuermann/ 1886–1892 Konrad Riebeling/ 1892–1906 (em.) Georg Dieterich/ 1906–1917 David Hebebrand/ 1918–1927 Edward Lautemann/ 1927–1948 Nikolaus Itter/ 1949–1963 Willi Mihr/ 1964–1999 Wolfgang Most/ 1999 Vakanzvertretg. Brigitte Schrödter-Hoffmann/ 1999-2010/11 Dierk Glitzenhirn/ 2010/11 Vertretg. Bodo Heinemann/ ab Nov. 2011 Dr. Markus Himmelmann + Harald Götte (Fusionsgemeinde Kassel-Süd)[8]


Das Wappen von Nordshausen

Wappen.jpg

Die einzelnen Elemente des Ortsemblems unterstreichen, welchen Stellenwert in Nordshausen die Geschichte der ehemaligen Klosterkirche noch heute hat.

Blasonierung: Das Wappen zeigt vier Elemente der Nordshäuser Ortsgeschichte. Über dem Rad aus dem Wappen der Erzbischöfe von Mainz, denen das Kloster Nordshausen kirchenrechtlich unterstand, und dem Löwen aus dem landgräflich/kurhessischen Wappen, enthält es die Farben des Grafen von Wallenstein (Stifter des Klosters) sowie das Lilienkreuz aus dem Wappen der Zisterzienser-Primarabtei Morimond; von dort aus wurden die meisten Klöster im nördlichen Deutschland gegründet.[9]

Quellenverweise

  1. vgl. Heinemeyer, W., Die Urkundenfälschungen des Klosters Hasungen, in: Archiv für Diplomatik, Band IV., Marburg 1958, S. 226-263.
  2. vgl. Stadelmaier, Christian u. Wolfhard Vahl: Nordshausen, in: Die Mönchs- und Nonnenklöster der Zisterzienser in Hessen und Thüringen. Reihe: Germania Benedictina, Bd. IV/2, St. Ottilien 2011, S. 1192. – Vgl. Schneider, Hans: „in das cloester oder heraus zu gehen oder zu pleiben“. Das Kloster Nordshausen in der Reformationszeit, in: „capellam..., que dicitur Nordershusen“, Marburg 2008, S. 45-58.
  3. Stadelmaier, Christian u. Wolfhard Vahl: Nordshausen, in: Die Mönchs- und Nonnenklöster der Zisterzienser in Hessen und Thüringen. Reihe: Germania Benedictina, Bd. IV/2, St. Ottilien 2011, S. 1192
  4. Holtmeyer, A. (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, Band IV, Kreis Cassel-Land, Marburg 1910, S. 119-120.
  5. vgl. Mense, Josef: Die Klosterkirche Nordshausen. Von den Anfängen des Zisterzienserinnen-Klosters bis zur heutigen ev. Pfarrgemeinde, Kassel 2017
  6. vgl. Mense, Josef: Mittelalterliche Bildwelten. Ein Reiseführer der besonderen Art für Nordhessen und angrenzende Landschaften, Kassel 2018, S. 128f.
  7. vgl. Der St. Galler Klosterplan. Begleittext, Beischriften und Übersetzung. Kommentar v. Ernst Tremp, St. Gallen 2014
  8. Mense, Josef [wie Anm. 5], S. 183.
  9. Poppenhäger, Fritz: 925 Jahre Nordshausen im Wandel der Jahrhunderte. 1076–2001, hrsg. v. Kulturverein Nordshausen e.V., Kassel 2000, S. 45. - Vgl. Wegner, Karl-Hermann (Verf.), in: Nordshausen – ein Dorf in der Stadt, Kasseler Sparkasse (Hrsg.), Kassel 2004

Literatur

  • „capellam ..., que dicitur Nordershusen“. 750 Jahre Kloster Nordshausen vor Kassel, hrsg. v. Förderverein Kultur- und Sozialzentrum Klosterkirche Nordshausen e. V. in Verbindung mit Karin Berkemann, Marburg 2008</nowiki>
  • Fulda, Frank, Das Zisterzienserinnenkloster Nordshausen bei Kassel und seine Besitzungen, Kassel 1994, Stadtarchiv Kassel
  • Hochhuth, C. W. H., Statistik der evangelischen Kirche im Regierungsbezirk Cassel. Provinz Hessen-Nassau. Königreich Preußen, Kassel 1872, S. 226-227, Landeskirchliches Archiv der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck
  • Holtmeyer, A. (Bearb.), Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, Band IV, Kreis Cassel-Land, Marburg 1910, N. G. Elwertsche Verlagsbuchhandlung, S. 113-123; Tafeln: 67-77
  • Mense, Josef: Die Klosterkirche Nordshausen. Von den Anfängen des Zisterzienserinnen-Klosters bis zur heutigen ev. Pfarrgemeinde, hrsg. v. Förderverein Kultur- und Sozialzentrum Klosterkirche Nordshausen e.V., Kassel 2017
  • Mense, Josef: Mittelalterliche Bildwelten. Ein Reiseführer der besonderen Art für Nordhessen und angrenzende Landschaften, hrsg. v. Förderverein Kultur- und Sozialzentrum Klosterkirche Nordshausen e.V., Kassel 2018
  • Nagel, Bernhard: Die Eigenarbeit der Zisterzienser. Von der religiösen Askese zur wirtschaftlichen Effizienz, (Metropolis) Marburg 2006</nowiki>
  • Poppenhäger, Fritz u. a. (Red.), in: Nordshausen – Seine Tradition und Entwicklung, Arbeitsgemeinschaft Nordshäuser Vereine (Hrsg.), Kassel 1989, Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel
  • Poppenhäger, Fritz (Red.), in: 925 Jahre Nordshausen im Wandel der Jahrhunderte: 1076 – 2001, Kulturverein Nordshausen e.V. (Hrsg.), Kassel 2000, Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel
  • Stadelmaier, Christian u. Wolfhard Vahl: Nordshausen, in: Die Mönchs- und Nonnenklöster der Zisterzienser in Hessen und Thüringen. Reihe: Germania Benedictina, Bd. IV/2, St. Ottilien 2011, S. 1187-1212.</nowiki>
  • Wegner, Karl-Hermann (Verf.), in: Nordshausen – ein Dorf in der Stadt, Kasseler Sparkasse (Hrsg.), Kassel 2004
  • Der St. Galler Klosterplan. Begleittext, Beischriften und Übersetzung, hrsg. v. d. Stiftsbibliothek St. Gallen, Kommentar v. Ernst Tremp, St. Gallen 2014

siehe auch

Weblinks