Kassel im Jahr 1954

Aus Regiowiki
Version vom 2. Juli 2014, 00:26 Uhr von Henner P. (Diskussion | Beiträge) (Preisgekrönter Entwurf gekippt)

(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Preisgekrönter Entwurf gekippt

Der preisgekrönte Entwurf der Architekten Scharoun und Mattern wird nicht ausgeführt, stattdessen kommt Paul Bodes Konzept zum Zuge.

Der Bau des Staatstheaters beschäftigt Lokal- und Landespolitik. Der preisgekrönte Entwurf der Architekten Scharoun und Mattern wird nicht ausgeführt, stattdessen kommt Paul Bodes Konzept zum Zuge.

Der Bau des Staatstheaters erregt die Gemüter in Kassel und beschäftigt auch die Landesregierung, wird zum Politikum. Dabei fing alles ganz harmonisch an. 1951 schreibt das Land Hessen einen Ideenwettbewerb für den Neubau des im Krieg zerstörten wilhelminischen Staatstheaters in der Fuldametropole aus. Lange vor dem Wettbewerb gibt es in der Öffentlichkeit heftige Diskussionen darüber, ob die Theaterruine wieder aufgebaut werden oder ob ein Neubau an anderer Stelle errichtet werden soll. Es sollte, so entschied die Politik, ein neues Theater am anderen Platz entstehen. Das Preisgericht entscheidet sich im September 1952 für den gemeinsamen Entwurf des Berliner Architekten Prof. Hans Scharoun und des Kasseler Professors der Werkakademie, Hermann Mattern. Die Fachleute sind begeistert von der Arbeit, auch Kassels Stadtrat Dr. Wolfgang Bangert lobt den Entwurf als "geistreiche, städtebaulich sehr gute Lösung." Der Entwurf Scharoun/Mattern sieht einen Neubau in Nachbarschaft des alten Theaters im Südosten des Friedrichsplatzes am Hang zur Karlsaue vor. Das von der Fachwelt stark beachtete Modell, das auf der Mailänder Trienale gezeigt wird, besticht dadurch, dass nicht ein einzelner großer, sondern ein stark gegliederter Baukomplex geplant ist.

Als "glückliche Lösung" bezeichnet es das Preisgericht auch, daß die beiden Baumeister die große Fußgängerverbindung vom Hauptbahnhof zur Auelandschaft belassen wollen. Wer zu Fuß unterwegs ist, kann den Musentempel über eine Brücke über den Steinweg erreichen. Nicht so gut findet die Jury die Idee in dem Entwurf, ein Kammerspieltheater in den Hanggeschossen des alten Theaters anzuordnen.

Die Kasseler Bürger verfolgen die Planung gespannt, hoffen, daß sie bald im neuen Theater Aufführungen besuchen können, statt in den engen, für das Theaterspiel nicht geeigneten Räumen der Stadthalle.

Am 15. Oktober 1954 wird schließlich feierlich der Grundstein gelegt für den Neubau nach dem Berlin-Kasseler-Gemeinschaftsentwurf. Die Baufirmen legen los und heben die Grube aus.

Mitte Dezember, zwei Monate nach Baubeginn, aber sind die Maschinen wieder stumm, weil die Bauherrin, die Landesregierung, die Arbeiten gestoppt hat. Wegen "Gründungsschwierigkeiten", wie es offiziell heißt. Tatsächlich sind Bauarbeiter beim Ausschachten auf Festungswälle und Kasematten gestoßen.

Durch diesen Fund – oder war die Entdeckung nur der Vorwand? – gerät der Bau ins Stocken. Die Landesregierung wirft Scharoun und Mattern vor, sie hätten es unterlassen, sich über den Untergrund eingehend zu informieren und seien bei Probebohrungen unsachgemäß vorgegangen. Die prominenten Baumeister wehren sich gegen die harsche Kritik. Die harten Worte aus Wiesbaden sind natürlich auch darauf zurückzuführen, daß sich durch die Gründungsprobleme die Kosten des Theaters drastisch erhöhen – von geplanten 7,1 Millionen Mark auf schließlich 21 Millionen Mark.

Die folgenden Monate des Jahres 1955 diskutieren die Kasseler über die Frage, was aus dem angefangenen Theaterbau wird. Das Land liebäugelt, wie sich herausstellt, mit einem Entwurf, den der Kasseler Architekt Paul Bode vorgelegt hat. Dieser sieht einen Bau nahezu parallel zum Steinweg vor. Die Diskussion spitzt sich zu.

Am 23. April 1955 erklärt Kassels Oberbürgermeister Dr. Lauritz Lauritzen der Öffentlichkeit, daß sich die Landesregierung von den Plänen Scharoun/Mattern verabschiedet hat und den Entwurf Bodes bauen lassen will.

So kommt es, die Kasseler Stadtverordneten stimmen dem Votum des Landes am 2. Mai 1955 zu. Die Versammlung erklärt, sie habe keine Bedenken gegen die "Inangriffnahme und Ausführung des Theaterprojektes Bode, wenn die Landesregierung den alten Entwurf", gemeint ist der von Scharoun und Mattern, "für unausführbar" hält.

siehe auch