Jüdische Gemeinde: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 6. Oktober 2007, 13:26 Uhr

Gemeinde mit wechselvoller Geschichte

Jüdische Gemeinde in Kassel

Während der Hitler-Diktatur wurde die Jüdische Gemeinde in Kassel vernichtet - heute wieder 1200 Mitglieder

Es waren die dunkelsten Stunden, die die Jüdische Gemeinde in Kassel am 7. November 1938 über sich ergehen lassen musste. Hunderte Menschen sahen am Abend an der Bremer Straße/Ecke Untere Königsstraße zu, wie ein aufgebrachter brauner Mob die 1839 eingeweihte große Synagoge stürmte. Männer schleppten Gebetsrollen und andere Gegenstände auf die Straßen und zündeten sie an.

In der Großen Rosenstraße im Schul- und Verwaltungsgebäude der Gemeinde mit Altersheimplätzen und der benachbarten orthodoxen Synagoge kannte der Pöbel auch keinen Halt mehr. Während die beschädigte große Synagoge abgetragen wurde und 1939 verschwunden war, durfte in dem orthodoxen Gotteshaus noch bis 1942 weitergebetet werden. In jenem Jahr, am 7. September, musste die letzten Juden in Deportationszügen die Stadt verlassen. Damit war nur noch jüdische Geschichte in Kassel zurückgeblieben, deren erste Synagoge auf das Jahr 1398 zurückgeht. Sie stand in der Judengasse in der Altstadt.

Nach 1600 wurde der Gottesdienst in der Marktgasse abgehalten. Mitte des 17. Jahrhunderts durfte die wohlhabende Familie Goldschmidt Gottesdienste in ihrem Haus am Judenbrunnen in der Nähe des Altmarkts feiern. 1715 wurden alle Privatgottesdienste verboten; lediglich ein Bet-Raum an der Fliegengasse stand der Gemeinde zur Verfügung. Ab 1755 gab es am Töpfenmarkt einen Erweiterungsbau mit 109 Plätzen. Den stärksten Zulauf hatte die Gemeinde Ende des 19. Jahrhunderts mit 3500 Mitgliedern. Nach dem Terror der Hitler-Diktatur gab es nur kurz nach Kriegsende am 15. Mai 1945 den ersten jüdischen Gottesdienst in der Turnhalle der heutigen Friedrich-Wöhler-Schule.

Die Gemeinde erholte sich lange nicht von den Greueln des Dritten Reiches. Von 250 Personen in den 50ern schmolz sie in den 80er-Jahren auf gerade mal 80. Danach begann die Welle der Zuwanderung aus dem Osten, und heute bekennen sich wieder 1200 Menschen in Kassel zum jüdischen Glauben. Seit Mai 2000 nutzt die Gemeinde ihre neue Synagoge an der Bremer Straße, die Platz für 180 Menschen bietet. Zur feierlichen Einweihung kam auch Paul Spiegel nach Kassel, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Jüdische Gemeinde in Hofgeismar

Eine jüdische Gemeinde in Hofgeismar ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts belegt, die im Jahre 1764 im Bereich Petriplatz/ Loggenhagen eine Synagoge errichtete. Einzelne Stadtbewohner jüdischen Glaubens wurden bereits 1470 in Hofgeismar urkundlich erwähnt. Sie gehörten zunächst zur Gesamtgemeinde aller Juden in der Landgrafschaft Hessen-Kassel. Im Jahre 1783 gehörten der Hofgeismarer jüdischen Gemeinde 107 Gemeindemitglieder an, ihre Zahl stieg bis zum Jahre 1861 auf 219 Personen.

Ein jüdischer Friedhof entstand in Hofgeismar ab dem Ende des 17. Jahrhunderts. Im Jahre 1695 wurde von der jüdischen Gemeinde "auf dem Schanzen“ vor dem Sälber Tor (in der Nähe des Kantor Rohde - Parks und der heutigen Kreisklinik) ein Grundstück für einen Friedhof erworben.

Die Hofgeismarer Synagoge aus dem Jahre 1764 wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 innen vollständig verwüstet. Auf der Homepage des Stadtmuseums Hofgeismar sind die Namen (bei Ehefrauen auch der Geburtsname), das Geburtsjahr und das Deportationsziel von 453 jüdischen Opfern der Nazi-Zeit vermerkt, die aus den Städten und Gemeinden der früheren Landkreise Hofgeismar, Kassel und Wolfhagen stammen.

Deportationen jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger

1941 begannen vom Kasseler Hauptbahnhof aus die Deportationen der Juden aus der Stadt und dem Umland. Sie wurden in Lager abgeschoben, in denen die meisten umkamen.

"Im Regierungsbezirk Kassel werden zur Zeit etwa 3.000 Juden gezählt. Hiervon leben in Kassel 1.300." Das bilanzierte SS-Hauptsturmführer Klingelhöfer von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) schon im Frühjahr 1940. Ende 1941 wurde daraus eine furchtbare Konsequenz gezogen: Nachdem immer neue Gruppen von Juden aus dem Umland nach Kassel gebracht worden waren, wurden sie deportiert.

Der erste Transport, so wird es in dem vorzüglichen Werk "Volksgemeinschaft und Volksfeinde - Kassel 1933 bis 1945" von Jörg Kammler und Dietfrid Krause-Vilmar dokumentiert, ging am 9. Dezember 1941 nach Riga. Andere nach Theresienstadt und Lubin/Majdanek folgten 1942. Dies war, wie sich später herausstellte, das Ende der jüdischen Gemeinde in Kassel. Niemand weiß, wieviele Kasseler Juden den Endlösungs-Wahn der Nazis überlebten. In dem zitierten Buch wird erwähnt, von den 99 Kasselern, die im Sommer 1942 nach Majdanek geschafft worden waren, gebe es bis heute kein Lebenszeichen.

Das Ghetto Riga war kein Vernichtungslager; dennoch kamen die meisten Kasseler um - durch Unterernährung, durch Weitertransport in Vernichtungslager oder durch Aktionen der SS.

Auch die in ihrer Heimatstadt Zurückgebliebenen, so heißt es, waren Demütigungen aller Art ausgesetzt; ihr Leben war bestimmt von ständiger Angst, ins Konzentrationslager abtransportiert zu werden. Sie waren gebrandmarkt, weil sie in "Mischehe" mit einem "Arier" lebten oder als "jüdische Mischlinge" nicht gleich ins Visier der Häscher gerieten.

Die Jahre zuvor waren für die Kasseler Juden - im Mai 1933 gehörten der hiesigen jüdischen Gemeinde 2301 Personen an - schon qualvoll genug gewesen. Wie überall im "Reich" wanderten diejenigen, die auf den "schwarzen Listen" der Nazis standen, möglichst bald aus. Die meisten indes wollten in der Heimat bleiben - betrachteten sie sich doch als Deutsche. Auch als spätestens 1935 mit den "Nürnberger Gesetzen" auch dem letzten klar geworden war, daß sie Bürger zweiter Klasse waren, zogen sie lieber anderswohin und hofften auf bessere Zeiten, statt ins Ausland zu fliehen.

1937 wurden die Juden mit dem "J" auf der Kennkarte stigmatisiert, später mußten alle den Zusatzvornamen "Sara" und "Israel" führen, 1938 zeigte die lange als "Reichskristallnacht" verharmloste Nacht der Synagogenschändung und Geschäftezerstörung, daß der Marsch ins Verderben längst losgegangen war. Die Juden wurden aus dem Geschäftsleben ausgeschaltet, sie trauten sich kaum noch auf die Straße. 1941 begann mit den Deportationen die physische Vernichtung.

Vom Hauptbahnhof aus

Der Kasseler Hauptbahnhof wurde zum Schicksalsort der Kasseler Juden. Das ganze Unternehmen war aufs hinterlistigste organisiert. Wenige Tage vor den Transporten - die jeweilige Transportstärke sollte 1000 Personen betragen, um die Kapazitäten der Bahn auch gut auszunutzen - wurden die Opfer informiert und Auswärtige nach Kassel gebracht. Ihnen wurde vorgeschwindelt, sie kämen zum Arbeitseinsatz und sollten Nähmaschinen und Werkzeuge mitbringen.

Sammelstelle vor der Abfahrt war der Schulkomplex Schillerstraße. Dort filzten Mitarbeiter des Judenreferats der Gestapo die Ankömmlinge und beraubten sie ihres Schmuckes und Bargelds sowie ihrer Papiere. Dann wurden sie in einem Zug zum Bahnhof getrieben. Ein Teil des Gepäcks und Arbeitsgerät kamen in einen Extrawaggon - der noch auf dem Bahnhof abgekoppelt wurde, während die Juden ihrem Schicksal entgegenfuhren.

siehe auch

Webliks