Im Sack

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Im Sack, Korbach

Sackgasse mit mächtigem Turm

Eine Sackgasse gab der Straße den Namen: Im Sack in Korbach war im Mittelalter nur von einer Seite zugänglich. Der Tylenturm, das wohl mächtigste Gebäude in dieser Straße, gehört zu den ältesten Gebäuden Korbachs. Wer durch das Lengefelder Tor den früher Obere Vorstadt genannten Teil der mittelalterlichen Korbacher Neustadt betritt und dann nach rechts abbiegt, begibt sich auf die schmale Straße Im Sack. Sie führt in sanftem Bogen an der inneren Stadtmauer entlang, überquert die Schulstraße und mündet dann in die Violinenstraße. Der Name Im Sack hat mit der mittelalterlichen Stadtentwicklung zu tun. Im 12. und 13. Jahrhundert zogen viele Kaufleute und Gewerbetreibende nach Korbach. Sie alle wollten wohl teilhaben an dem Aufstieg und der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt. Bald zeigte sich jedoch, dass die Stadt nicht mehr in der Lage war, die vielen Zuzügler aufzunehmen. Die Kapazität war erschöpft, da innerhalb des ummauerten Stadtbereichs kein Grund und Boden mehr frei war. So kam es, dass Neubürger begannen, sich außerhalb der Stadtmauer im Westen der Stadt anzusiedeln.

Die nun einsetzende Stadtentwicklung vollzog sich in zwei Epochen. Es entstand eine untere und später auch eine obere Vorstadt, die allmählich zusammenwuchsen und 1265 erstmals als Neustadt mit eigenem Bürgermeister und Rat erwähnt wurden. Doppelter Mauerring Auch die Neustadt war mit einem doppelten Mauerring umgeben. Die Stelle, an der die innere Neustädter Mauer in rechtem Winkel an die bestehende Mauer angesetzt wurde, kann man heute noch im Schießhagen sehen. So kam es, dass die bisherige Stadtmauer, die über das alte Lengefelder Tor bis zum Tränketor, etwa entlang der heutigen Prof.-Kümmell-Straße und Klosterstraße, führte, beide Städte voneinander trennte. Durch die Stadterweiterung wurde das alte Lengefelder Tor, in der Nähe des heutigen Rathauses, in Richtung Westen weiter stadtauswärts verlegt. Zurück zur Straße Im Sack: Da, wo sie heute ihre Fortsetzung in der Violinenstraße findet, stieß sie früher vor die Mauer der Altstadt und endete auch dort. Ein Tor oder eine Pforte zur Altstadt gab es dort nicht. Die Straße war also eine Sackgasse. Erst nachdem die im Wege stehende Mauer zwischen Altstadt und Neustadt 1539 abgerissen war und 1904 die Mauern oberhalb der heutigen Freilichtbühne durchbrochen wurden, war die Sackgasse nach allen Seiten hin offen. Ihren Namen Im Sack hat sie bis heute behalten. Großer Stadtbrand : Die alten Brandregister weisen aus, dass die Häuser dieses Stadtbereichs beim großen Stadtbrand von 1664 ein Raub der Flammen wurden. Die heutige Bebauung stammt aus dem 18. Jahrhundert. Die schlichten, aber in gutem Zustand befindlichen Fachwerkhäuser sind zum Teil bis an die Stadtmauer gebaut. Das größte Bauwerk in dieser Straße ist zweifellos der Tylenturm. Der mächtige Wehrturm gehört zu den ältesten noch erhaltenen Gebäuden Korbachs. Er wurde Anfang des 14. Jahrhunderts erbaut und ist somit älter als die beiden Korbacher gotischen Kirchen. Der halbrunde, an der Stadtseite aber eckige Turm hatte ursprünglich fünf Geschosse. Er erhielt seinen Namen von einer Familie von Thülen, die aus der Nähe von Brilon stammte und im Kreis einen Burgsitz besaß. Im unteren Geschoss des Turmes befand sich einst ein Verließ, das bis ins 18. Jahrhundert als Gefängnis für zum Tode verurteilte Verbrecher diente (siehe Kasten).

Heute präsentiert sich der Tylenturm als ein Zeugnis Korbacher Bürgersinns: 1996 wurde er von der Stadt als Eigentümerin in Zusammenarbeit mit der Korbacher Schützengilde 1377 und mit Hilfe großzügiger Sponsoren renoviert. Der Turm erhielt einen mehrgeschossigen Treppenaufgang und wurde durch einen wohl dem ursprünglichen Zustand nachempfundenen Dachaufbau gekrönt. Über einen neu angelegten Wehrgang kann man heute dort aus eine wunderbare Aussicht auf Stadt und Umgebung genießen. Die Straße Am Tylenturm ist ein kurzer Verbindungsweg zwischen Sack und Schulstraße, an dem nur wenige Gebäude stehen. Der Weg wurde im vorigen Jahr neu gepflastert und umgestaltet, so dass dort eine weitere beschauliche Altstadtidylle entstanden ist. Ein Verließ für die Todeskandidaten Vom Korbacher Historiker Professor Albert Leiß ist die Geschichte von noch jugendlichen Spitzbuben überliefert, die 1733 auf dem Markt gestohlen hatten und dabei erwischt wurden. Beim Verhör stellte sich heraus, dass sie wiederholt durch Betrug und Diebstahl auffällig geworden waren und schon manche Strafe auf dem Buckel hatten. Man verteilte die Täter auf ein heute nicht mehr bekanntes Blockhaus, den Butterturm und den Tylenturm.

Im Tylenturm saß Johannes Mohr bei Wasser und Brot. Ein Fenster gab es nicht. Das Verließ hatte lediglich eine Einstiegluke. In der halbdunklen Verlassenheit verfasste er dort einige Lieder. Offenbar hat er die in ungelenkem Rhythmus und Reim verfassten Verse auch gesungen. Es gingen unser drey nach Corbach hinein, Wir gingen auch ein wenig zum Bier und Branntwein, Wir gingen auch ein wenig auf dem Marckt herum, Biß wir ein Diebstahl antreffen konnten thun. Umständlich beschreibt er in den folgenden Versen, wie man sie gefangen, verhört und eingesperrt hat.Wie hat Johannes Mohr die Zeit rum bracht? Mit Beten und mit Singen die Zeit rum bracht. ... Des Mittags um elff Uhr herum, Da brachte Ricus ein Groschenleibgen Brod, Und auch ein Krügelchen mit Waßer dabey, Das ließ er ihm am Seil hinein.... Ach Gott! Ach Gott! was soll dass seyn? Es muß ja zu Corbach schlimme seyn, So schlimme muß es seyn. Und zum Schluss: Wer hat sich denn das Liedgen erdacht? Das hat Johannes Mohr im Tylenthurn gemacht. Im Tylenthurn hat ers gemacht; A Dieu Corbach, zu tausend gute Nacht. Vom Korbacher Scharfrichter Rosenberg wurden Johannes Mohr und seine Mitgesellen auf dem Waldecker Berg gehenkt.

Die Serie

Straßennamen sind wichtig. Nicht nur, weil durch sie dem Ortsunkundigen, der Post, dem Paketzusteller, dem Arzt, dem Rettungsdienst und Lieferanten das Auffinden bestimmter Personen erleichtert wird. Sie ermöglichen den Anwohnern auch eine gewisse Identifikation. Mögen sich Nachbarn noch so sehr von einander unterscheiden, eins verbindet sie: Sie alle sind Bewohner der gleichen Straße. Straßennamen hat es nicht immer gegeben. Offiziell wurden sie in Korbach erst Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt. Bis dahin gab es viele namenlose Straßen. Natürlich hatte man Standortbezeichnungen schon früher. Sie waren aber recht allgemeiner Art: An der Neustädter Kirche etwa, oder Am Markt. Andere bezeichneten ein ganzes Stadtviertel. Flurname oder Zielort Bei der Namengebung griff man zurück auf Flurbezeichnungen (Am Waldecker Berg) oder auf die Lage der Straße (Oberstraße). Die Ausfallstraßen bezeichnete man nach ihren Zielorten (Wildunger Landstraße). Viele Straßen tragen aber auch den Namen einer bekannten oder bedeutenden Persönlichkeit, von Stadtältesten oder Ehrenbürgern. Bei Vergabe von Namen aus Politik und Regierung ist man heute in Korbach vorsichtig geworden, um späteren Umbenennungen aus dem Weg zu gehen. So wurde aus dem Adolf-Hitler-Platz nach 1945 wieder der Berndorfer Torplatz, aus der Litzmannstraße die Friedrichstraße, aus der Hindenburgstraße wieder wie früher die Bahnhofstraße. Zur Diskussion standen nach 1945 auch die an Kriegsschauplätze des Ersten Weltkrieges erinnernden Skagerrakstraße, Langemarckweg und Flandernweg. Neue Namen mussten her Die enorme Entwicklung der Stadtbebauung nach dem Zweiten. Weltkrieg brachte es mit sich, dass zahlreiche neue Straßen entstanden. Sie alle brauchten neue Namen. So entstand ein Blumenviertel, in jüngster Zeit auch ein Dichterviertel. Zahlreiche westdeutsche Städte, in die es einst Korbacher verschlagen hatte, standen Pate, aber auch mitteldeutsche Städte. Auch ehemalige ostdeutsche Städte und Gebiete, aus denen viele Korbacher Neubürger vertrieben worden waren, gaben neuen Straßen ihre Namen.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer eine Serie über die Namen Korbacher Straßen verfasst. diese ist ab April 2001 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen.