Hugenotten

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Hugenotten

Das größte Verdienst Landgraf Karls ist, dass er die richtigen Menschen nach Kassel geholt hat. Den Hugenotten, französischen Glaubensflüchtlingen, gewährte er nicht nur Asyl, sondern sicherte ihnen wirtschaftliche Unterstützung, Glaubensfreiheit sowie den Gebrauch der eigenen Sprache in der Kirche und der Verwaltung zu. Ganz uneigennützig war das nicht, denn der Dreißigjährige Krieg hatte für einen enormen Aderlass an Handwerkern und Baumeistern gesorgt. Da kamen die Hugenotten mit ihren Fähigkeiten gerade recht. Nirgendwo sonst in Deutschland wurden sie im Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung so zahlreich aufgenommen wie in Nordhessen.

Am 3. August 1688 legte Landgraf Karl den Grundstein für die Oberneustadt**. Hier sollten sich die Hugenotten eine neue Heimat aufbauen. Neben Karlshafen war das die zweite Neugründung einer Stadt in Kurhessen, hinzu kamen 19 kleinere Orte. Seitdem haben die hugenottischen Namen einen festen Platz in der Geschichte des Landes und der früheren Hauptstadt Kassel. Zu ihnen gehört die Baumeisterfamilie du Ry. Über drei Generationen waren in Kassel tätig; besonders der letzte, Simon Louis du Ry, prägte die Architektur Kassels von Friedrichsplatz und Königsplatz bis zum Schloss Wilhelmshöhe.

Der Physiker Denis Papin kam ebenso aus Frankreich wie die Familie der bekannten Märchenerzählerin Dorothea Viehmann (geborene Pierson) oder die Vorfahren von George André Lenoir. Insgesamt fanden 2000 Hugenotten in Kassel eine neue Heimat, in Kurhessen waren es 4000. Bis ins Jahr 1867 wurde in der Karlskirche an jedem zweiten Sonntag die Predigt in französischer Sprache gehalten.

Wie kam es zu dieser Glaubensflucht?

Die frz. Gesellschaft des Ancien Régime war bis ins 18. Jh. hinein in drei Stände gegliedert (Klerus, Adel, Dritter Stand), von denen aber jeder einzelne nochmal vielfach unterteilt war und nach hierarchischen Prinzipien funktionierte. Der Dritte Stand z.B. umfasste in aufsteigender Linie Tagelöhner, Bauern, Handwerker, Kleinhändler, dann die Advokaten, Ärzte, Großkaufleute, und Reeder. Schließlich gehörten auch noch die niederen, mittleren und hohen Amtsträger in Finanzverwaltung und Justiz zum Dritten Stand, für die ein Aufstieg in den Adel jedoch nicht selten war. Ein junges Staatswesen begann zu keimen, Selbstverwaltungen und autonome Gruppierungen formten sich. Über allem herrschte der König von Gottes Gnaden..

Gleichzeitig fand in fast allen Provinzen Frankreichs und bei Angehörigen aller drei Stände die Lehre Luthers viele Anhänger. Es gab ja nur den Katholizismus, und man darf annehmen, dass Fortschrittssehnsucht eine Motivation zur Konvertierung war. So war es auch kein Wunder, dass bereits 1521 durch die Sorbonne diese Lehre zur Ketzerei erklärt wurde, 1539 gab es das erste Ketzeredikt, und schon bekamen die frz. Protestanten einen Hauch Illegalität - nächtliche Zusammenkünfte, geheime Gottesdienste, Heimlichtuerei... Doch diese Stigmatisierung konnte nicht verhindern, dass 1536 der frz. Reformator Johann Calvin von der Schweiz aus eine theologische Grundlage publizierte, die 1541, also nach dem ersten Ketzeredikt, in französischer Sprache erschien. Das Grundsatzpapier war von Strenge und religiöser Autorität geprägt und trug entscheidend zur Entwicklung einer geschlossenen Organisation bei und damit zu einer gemeinsamen Kirchenverfassung ("confessio gallicana") der zwölf großen protestantischen Provinzialkirchen im Jahr 1559. Dennoch blieben die Protestanten immer eine religiöse Minderheit (ca. 5% der Franzosen), für die sich seit etwa 1560 der Begriff "Hugenotten" durchsetzte (ein in Ausschreitungen verwickelter Reformierter, Hugo Capet, wurde unter den Gegnern zum Inbegriff für die gesamte Bewegung und somit zum Namenspaten).

Die Reformation ging unaufhaltsam voran. Nach 8 Bürgerkriegen zwischen 1562 und 1598 (grausamer Höhepunkt: Bartholomäusnacht, 24. August 1572, bekannt als Verfilmung mit Isabelle Adjani u.a.) und der Erkenntnis, dass weder der Katholizismus noch der Calvinismus (die Hugenotten) jemals die Oberhand gewinnen konnten, wurde 1598 das Toleranz-Edikt von Nantes das entscheidende Papier zur Wiederherstellung des inneren Friedens, erlassen von König Heinrich IV (Inhalt unter anderem die Regelung der gemischt-konfessionellen Zusammensetzung der Gerichtskammern, eigene Militäranlagen, Festungen, Sondergarnisonen uvm.) Für die Hugenotten wurde das Vertrauen in die Monarchie als den ordnenden gerechten Staat eine prägende Kraft und die Verehrung für ihre obersten Häupter, damals Heinrich IV.(Henri quatre) war groß.

Da jedoch der absolutistische Staat mit dem König als Zentrum und der (kath.) Kirche als legitimierender Kraft überhaupt nicht mit der Existenz einer autonomen Organisation wie der der Hugenotten, wie auch der Existenz ständischer, partikular-regionaler Kräfte und autonomer Herrschaftsträger vereinbar war, wurde bereits zu Anfang des 17. Jh. das Edikt von Nantes unterwandert. Während man es noch hochhielt, wurde die politisch-militärische Organisation der Protestanten 1629 zerschlagen, damit einhergehend wurden viele Protestanten wieder aus ihren Ämtern gedrängt. Eine rezessive Entwicklung in der Wirtschaft setzte ein und als 1660 Louis XIV den Thron bestieg, standen die Weichen schon auf Repression und Unterdrückung mit dem offiziellen Ziel der religiösen Einheit. Waren bis dahin schon viele wieder aus Angst um Leib und Leben zumindest äußerlich vom Protestantismus abgesprungen (Verfolgung, Einschüchterung, Berufsverbote), gab es doch z.Z. der Aufhebung des Ediktes von Nantes im Jahr 1685 entgegen der Annahme Ludwigs XIV, das Königreich wäre praktisch frei von Reformierten, immer noch viele Hugenotten, und von diesen trat ein großer Teil die Flucht an. Ausrotten jedoch konnte man die Protestanten in Frankreich nicht, ein Teil blieb unter schwierigsten Bedingungen in Frankreich. Der Landgraf Karl jedoch handelte sehr weise und umsichtig, modern und fortschrittlich damals, denn so selbstverständlich war es nicht, uns aufzunehmen.


Siehe auch: [[wpde>Hugenotten]]