Holländische Straße

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Schmerzenskind der Stadt

Zwischen Idylle und Zerstörung: Die Holländische Straße im Lauf der Geschichte

Verweilen? Oder doch lieber schnell weiter? Die Holländische Straße zieht gleichzeitig an und stößt ab. Ist sie schön? Gibt es irgendwo, in irgendeiner Stadt eine schöne Hauptausfallstraße? Durchrauschen. Vierspurig. Vielleicht muss man aber nur mal stehen bleiben. Sich die Straße angucken. Sicher: Sie ist geschunden, zerhauen, hässlich. Aber da ist noch was. Wäre sie ein Mensch, sie würde viel seufzen. Vielleicht wurde sie deshalb in der Presse um 1920 das „Schmerzenskind der städtebaulichen Entwicklung Kassels“ genannt.

Am Anfang war es noch ganz nett an der Holländischen. Wer um 1735 nordwärts aus Kassel raus wollte, hatte zwei Möglichkeiten: den alten holländischen Postkurs, später „Fahrender Lippstädter Kurs“ auf der heutigen Wolfhager Straße. Und – auf der Holländischen Straße – den „Neuen Holländischen Kurs“ über Westuffeln (dort war der erste Pferdewechsel). Über die Straße floss die Mombach. Stadtbaumeister Klocke veranlasste 1749, dass die Holländische Straße ausgebaut und die Mombach-Furt durch eine Brücke ersetzt wurde. Immerhin war die Straße Teil eines großen, alten Verkehrswegs zum Niederrhein und bis nach Holland.

Unsere große breite Holländische Straße hat klein angefangen. Als sie noch Müllergasse hieß, führte sie gerade mal vom Pferdemarkt bis zum Müllertor. Das fiel, als die Kasseler Festungsanlage 1767 geschleift wurde. Das Holländische Tor entstand, mitten auf dem heutigen Holländischen Platz. Wahrscheinlich war es für die Henschel-Arbeiter keine Freude, die riesigen neuen Loks mit einem 60 Pferde starken Gespann auf dem Weg zum Oberstadtbahnhof durch das Tor zu fädeln. 1866 wurde es abgerissen.

Vor der Industrialisierung muss es längs der Holländischen Straße idyllisch gewesen sein: große Obst- und Gemüsegärten und Gärtnereien. Erst nach und nach entstanden Häuser außerhalb des Altstadtrings. Das Haus mit der Hausnummer 1 – so steht es auch im Kasseler Adressbuch von 1828 – war das „Oestreich“, die sehr beliebte Gastwirtschaft von D. Oestreich. Im Saal des spielte ein „Liebhabertheater“, am liebsten Lustspiele. Im Sommer gab es im großen, schattigen Laubengarten „vortrefflichen Kaffee und bestes Bier“ – so Notizen eines Zeitzeugen. Damals, also um 1850, war die Holländische Straße eine Pappelallee. Der Hauptfriedhof war noch ganz neu.

Die Zerstörung der Idylle begann schleichend. 1810 errichtete Henschel die erste kleine Fabrik in der Nordstadt. 1837 war der Fabrik-Neubau am Möncheberg fertig. Auch andere Betriebe siedelten sich an: Gottschalk, Kolbenseeger, die Waggonfabrik von Thielemann, Eggena, die Kasseler Gasbereitungsanstalt, der Schlachthof.

Viele Betriebe, viele Arbeiter – 1837 arbeiteten allein bei Henschel 200 Leute, um 1900 waren es schon 2200. Für all die Arbeiter musste Wohnraum her, praktischerweise in Werksnähe. Die Altstadt war zu eng. Die neu entstehenden Wohnungen im Vorderen Westen für Arbeiter nicht bezahlbar. Im Gebiet an der Holländischen Straße schossen Mietskasernen aus dem Boden. Vierstöckig, aus Ziegelstein. Da haben wir die Nordstadt. Das neue Wohngebiet war schnell völlig zugebaut.

Ach, die Holländische Straße hat eine Menge abgekriegt. Die Bomben des Zweiten Weltkriegs (siehe auch 1943 und 1945)haben ihr den Rest gegeben. Die Bomben galten den Fabriken. Sie trafen aber auch die Wohnblocks. Sie trafen die Holländische Straße: Schmerzenskind der Stadt.