Hans Germandi

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Quelle: HNA vom 22.10.2002, von Thomas Siemon

Kassel-Historiker Hans Germandi wurde 1925 in Kassel geboren. Sein Spezialgebiet ist Kassels Altstadt, die in den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg untergring.

Hans Germandi
In der Nacht zum 23. Oktober 1943 erlebte Kassel den Feuersturm. Britische Flugzeuge bombten den wichtigen Rüstungsstandort in Schutt und Asche. Rund 10.000 Menschen kamen dabei ums Leben. Das sind die nackten Fakten, doch die Trauer über den Untergang des alten Kassel hat sich seitdem tief in die Seelen der Menschen eingenistet. Über die Trauer um Angehörige und Freunde hinaus ist damals ein Stück Identität verloren gegangen. Das wirkt bis heute nach. Warum das so ist, darüber haben wir mit Hans Germandi gesprochen.

Der 1925 geborene wird nicht müde, die Erinnerung an das alte Kassel wachzuhalten. Unerschöpflich scheint sein Vorrat an historischen Bildern und Geschichten davon, wie es früher einmal war. Nicht so kalt und unpersönlich wie heute, sagt der Rentner, der nur einen Steinwurf von der Martinskirche entfernt wohnt. An der Kastenalsgasse stand sein Elternhaus. Zusammen mit der Schwester kamen sie bei den Bombenangriffen vor 59 Jahren ums Leben. Der damals 18-jährige Hans Germandi war als Marinesoldat eingezogen.

Den Moment, als er in der Gewissheit um den Tod seiner engsten Angehörigen vor den Trümmern des Elternhauses stand, bezeichnet er als den schlimmsten seines Lebens. Bis heute hat ihn dieses leidvolle Erlebnis geprägt. Es war der brutale Abschluss einer Jugend in Kassel, die Germandi als ebenso arm wie glücklich bezeichnet.

Jeden Winkel in der Kasseler Altstadt habe er gemeinsam mit seinem Vater erkundet. Und natürlich mit den Freunden aus der Nachbarschaft. Schule, Hausaufgaben und dann nichts wie raus. Auf der Straße haben sie Dullerdöppe (Kreisel) gespielt, die Mädchen Hickelhäuschen. Und abends dann mit einem Dutzend Kindern auf einer der Treppen gesessen und Lieder gesungen. Die Erwachsenen, so erinnert er sich, schauten aus den Fenstern zu, unterhielten sich quer über die Gasse. Kinderreich und arm an Geld waren sie - und das schweißte zusammen. Das Zusammenleben, die Nachbarschaft - das gehörte zum Lebensgefühl. Und die Gewissheit, in einer der schönsten Altstädte weit und breit zu leben. Ohne Autoverkehr, ohne Fernseher und bis Mitte der Dreißiger-Jahre auch ohne Radio. Ausflüge zur Grauen Katze mit dem Dampfer Elsa oder rauf nach Wilhelmshöhe gehörten zu den Sonntagsvergnügen. Unbeschwert, wie das wohl nur Kinder erleben können. Was machte es da aus, dass sich zwei oder drei Familien ein Etagenklo teilen mussten? Dass man lange ohne Elektrizität lebte und Petroleumfunzeln für Licht im Treppenhaus sorgten?

Und dann kommt ein 17-jähriger Soldat zwei Tage nach den verheerenden Bombenangriffen mit Sonderurlaub zurück nach Kassel. Steigt am Bahnhof Wilhelmshöhe aus, weil der Hauptbahnhof zerstört ist. Sieht auf seinem Weg die Wilhelmshöher Allee hinunter schon die Trümmer der Häuser. Erkennt die Königsstraße kaum wieder vor lauter Zerstörung und steht dann vor den Ruinen des Elternhauses, in dem bis auf den Bruder die ganze Familie ums Leben gekommen ist. Der Krieg hat alles zerstört.

Doch das stimmt nicht ganz. Es gab noch eine zweite Welle der Zerstörung. So viel hätte noch gerettet werden können, sagt Hans Germandi. Die ganze Front vom Weißen- und Roten Palais am Friedrichsplatz bis zum Theater habe noch gestanden. Ein Jammer, das als intaktes Gebäude nur noch das Fridericianum übrig blieb. Ein Jammer, was später mit dem Marstall passierte, dessen Vorplatz mit einem Parkdeck verschandelt wurde. Unverständlich, dass ein Teil des uralten Zeughauses für einen Schulbau weichen musste. Ein Stich ins Herz, dass die Garnisonkirche, deren Außenmauern noch standen, nicht erhalten wurde. So ging Stück für Stück an Identität verloren. Davon ist Hans Germandi überzeugt.

Es gebe aber auch Positivbeispiele neben dem Fridericianum. Den Renthof und die Brüderkirche nennt er, das Ottoneum und den Druselturm. Nicht viel, aber immerhin etwas.

Hans Germandi wurde im Dezember 2004 mit dem Wappenring der Stadt Kassel ausgezeichnet. Erworben hat sich Hans Germandi die große Anerkennung durch sein Lebenswerk. Die Erinnerung an das alte Kassel, an die herrliche Fachwerkstadt vor der Zerstörung durch die Bomben im Oktober 1943 darf nicht untergehen, so sein Credo. Dafür hat er seit 15 Jahren in ungezählten Vorträgen älteren und jüngeren Zuhörern ein Stück Vergangenheit nahe gebracht.

Weblinks

siehe auch