Kasseler Hafer-Kakao-Fabrik

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Kasseler Haferkakao 2006 R Stiehl.jpg

Die Kasseler Hafer-Kakao-Fabrik ist ein Industriedenkmal an der Sandershäuser Straße im Kasseler Ortsteil Bettenhausen.

Geschichte

1892 gründete der Kaufmann Alexander Hausen in Kassel die "Fabrik des Casseler Hafer-Cacao". Firmensitz war zunächst sein damaliges Haus an der Orleonstraße 26 (heutige Erzbergerstraße), vier Jahre später dann die Obere Carlsstraße 24.

Anfänge und 2. Weltkrieg

Mit der Umbenennung zur "Casseler Hafer-Cacao-Fabrik Hausen & Comp." wurde die Fabrik an die Spohrstraße 2 verlegt. Dort hatten auch der Generalagent Sigismund Rahmer und der Kaufmann Georg Krüger ihren Geschäfts- und Wohnsitz, die die Fabrik 1896 übernommen hatten. Diese Häuser, alle im Zentrum der Stadt Kassel gelegen, wurden ausnahmslos während des 2. Weltkriegs zerstört.

Die Sandershäuser Landstraße 134

Am 31. Oktober 1898 wurde der Betrieb der "Hafercacao-Fabrik" in der Sandershäuser Landstraße eröffnet. Als Aktiengesellschaft hieß sie ein Jahr später "Kasseler Hafer-Kakaofabrik Hausen & Co. AG".

Das ursprüngliche Feld und Wiesengelönde westlich der Losse war im Urkataster 1884 noch entsprechend der Topografie aufgeteilt und unbebaut gewesen. Die Katasterkarte von 1899 zeigte eine neue orthogonale Aufteilung der Grundstücke, weshalb sich eine Vierteilung des Geländes ergab. Auf dem schmalsten östlichen Grundstück, direkt an der Losse, waren fünf Gebäude entstanden. Die Ordnung der Gebäude zueinander zeigte zum einen die bewusste Schaffung eines Innenhofs, was auf eine geplante Bebauung hinweist. Zum anderen lässt der Abstand der Gebäude zueinander und zu den Grundstücksgrenzen von ca. sechs Metern auf bereits bestehendes Bauordnungsrecht schließen.

Die beiden Gebäude parallel zur Sandershäuser Straße waren baugleiche repräsentative Bauten und schlossen die Gesamtanlage zur Straße hin ab. Sie waren zweigeschossig mit Mansarddach. Ein Zwischenbau mit mittig angelegter Torfahrt verband sie miteinander. Durch diese gelangte man in den Innenhof, auch die Eisenbahn kam kurze Zeit später dort durch. Das Mühlengebäude, parallel zur Losse, bildete den südöstlichen Abschluss des Hofes.

Die Baukörper wurden massiv mit 64 Zentimeter starken Außenwänden versehen, die sich nach oben auf 38 Zentimeter verjüngten. Die Tragestruktur im Inneren bestand aus gusseisernen Stützen mit Basis und Kapitell. In den oberen Geschossen befanden sich Holzbalkendecken. In dem im Original erhaltenen verstöckigen Block ist heute noch eine Holzkonstruktion mit Holzstützen in den oberen Geschossen sichtbar.

Die Fassaden wurden in Backstein ausgeführt und zur Steigerung des repräsentativen Charakters im gelben Kopfverband gemauert.

Expansion und Gemeinschaftsbetriebe

Schon früh versuchte man, das Unternehmen zu vergrößern. Die bedeutendsten Geschäfte machte man mit der Hohenlohschen Nährmittelfabrik AG aus Gerabronn und Berlin, die 1903 sogar ihre Generalverwaltung nach Kassel verlegte und sie ins Handelsregister eintragen ließ.

Ende 1903 gehörten zum Kasseler Unternehmen die Fabriken für Schokolade und Hafer-Kakao und die Maschinenfabrik und Schreinerei mit 87 Mitarbeitern. Zur Hohenlohschen Nährmittelfabrik in Kassel gehörten die Hohenlohsche Mühle und die Bisquit- und Puddingpulver-Abteilung mit 17 Arbeitern. Auch Kinder unter 14 Jahren waren im Betrieb beschäftigt. Sie schlugen die Hafer-Kakao-Würfel in Stanniol ein.

Kasseler Hafer-Kakao Reklame zwischen 1929 und 1936
Ab 1912 folgte eine Phase der baulichen Vergrößerung auf dem Gelände. Zunächst wurde am westlichen Baukörper angebaut. Dort sollte durch einen Expeditionsbau das Versandgeschäft erleichtert werden. Ein Haferschuppen folgte an der östlichen Baulinie.

1916 wurde auf der Generalversammlung die Verschmelzung der Hafer-Kakao-Fabrik Hausen & Co. mit der Hohenlohschen Nährmittelfabrik AG beantragt. Durch den Zusammenschluss sollten Baumaßnahmen in Kassel erleichtert werden. Bis 1943 wurde das Firmen-Areal an der Sandershäuser Straße intensiv bebaut.

Zu einer Verschmelzung mit der Plüderhäuser Firma J.F. Schüle kam es 1923. Die Verbindung mit der Eierteigwarenfabrik aus Württemberg wirkte sich trotz Inflation bis 1929 positiv für Hohenlohe aus. Die Schüle-Hohenlohe AG mit Sitz in Kassel-Bettenhausen, Gerabronn und Plüderhausen hatte im Jahr 1927 insgesamt 1000 Beschäftigte. Zwei Werke in Topiau (Ostpreußen) und Straßburg (Elsass) gingen nach Kriegsende 1945 verloren.

Der Zweite Weltkrieg

Die Kriegszeiten brachten auf behörtliche Initiative erhöhte Produktionsaufträge. Zwecks Versorgung der Zivilbevölkerung gab es vorgeschriebene Anfertigungen von Hafernährmitteln. Auch wurden im Auftrag der Armee bedeutende Mengen an Wehrmachtssuppenkonserven hergestellt. Das Unternehmen zählte allein in Kassel 470 Mitarbeiter und 1943 war man baulich auf dem Höhepunkt der Expansion angekommen.

Das Werk in Kassel wurde im Zweiten Weltkrieg erheblich zerstört. Die Häuser an der Sandershäuser Straße brannten bis auf den jüngsten Anbau aus. Darum wurde die Hauptverwaltung 1944 von Kassel nach Plüderhausen verlegt.

1946 übernahm der Architekt Hermann Hasper den Wiederaufbau der zerstörten Substanz. Weil Baumaterial fehlte, dauerte es bis Juni 1949, bis die notwendigen Reparaturen erledigt waren. Insgesamt wurden fünf bis sechs Millionen DM als Kriegsverluste angegeben.

Die letzten Jahre des Unternehmens

Im Juli 1945 hatte das Unternehmen in Kassel noch 40 Beschäftigte. Die ungenutzten Firmengebäude und das Firmengelände wurden deshalb von verschiedenen Firmen mitgenutzt. Nach Abschluss der letzten Reparaturarbeiten im Juni 1949 waren im Gesamtunternehmen wieder über 1000 Mitarbeiter beschäftigt.

Weil sich die Versorgung normalisiert hatte, wurde der Absatzmarkt ab 1950 für das Unternehem immer kleiner. Die Kapazitäten konnten nicht mehr ausgenutzt werden, viele Produkte erwiesen sich als unverkäuflich. Zwischen 1950 und 1953 entstanden dem Werk erhebliche Verluste. In der außerordentlichen Hauptversammlung am 27. Januar 1954 wurde die Liquidation des Gesamtunternehmens beschlossen.

Weil Übernahmeversuche scheiterten, kam es zum Verkauf der Maschinen und Gebäude. Die Raiffeisen Warenzentrale Hessenland GmbH Kassel erwarb das Silo und die ehemalige Würzefabrik. 1986 ging auch der westlich gelegene Gebäudekomplex in den Besitz der Raiffeisen über. Künstler und Sportler nutzten die Räume vorrübergehend zum Proben.[1]

Heute

Viele Jahre standen einzelne Gebäude und Räume der Fabrik leer oder wurden als Lager genutzt. Die Verwendung und Entwicklungsmöglichkeiten des Geländes in Form einer Mischung von Gewerbe-, Büro-, und Wohnfunktionen wurden immer wieder diskutiert.

Über Jahrzehnte ist es aber nicht gelungen, dieses Denkmal der Industriekultur mit Leben zu füllen. Ganz im Gegenteil. 2011 musste ein großer Gebäudeteil abgerissen werden. Vom Keller bis zu den Holzbalken der Decke hatte sich Hausschwamm gebildet. Diese Gefahr besteht nach Angaben der Raiffeisen-Warenzentrale Kurhessen-Thüringen als Eigentümer für den noch vorhandenen Rest der Haferkakao-Fabrik nicht. Mittelfristiges Ziel sei es, das gesamte Gelände an einen Investor zu verkaufen. Hier könnten ähnlich wie bei Salzmann Wohnungen entstehen.

Hafer-Kakao

Die Firma bezog ihren Namen über das damals hergestellte Nahrungsmittel, den Hafer-Kakao. Dieses Getränk war eine Erfindung von Jean Berlit (1848 - 1937), einem gebürtigen Kasselaner und engagierten Kaufmann, Stadtrat und Redakteur.

Das Besondere an dem Getränk war seine Verpackung. Gegenüber herkömmlichen löslichen Kakaoprodukten wurden Würfel gepresst, die in etwa 1,5 Tassen entsprachen. Diese waren in Stanniol eingeschlagen und zu 27 Stück in einem blauen Karton verpackt.

Außerdem macht das Untermischen von Hafer das Produkt nahrhafter. Es gab Ärzte, die bescheinigten ihm eine gesundheitsfördernde Wirkung.

Die Idee, ein wichtiges Nahrungsmittel (Hafer) mit einem Genussmittel (Kakao) zu verbinden, ließ sich Berlit am 21. August 1892 im Deutschen Reich patentieren. Gegenstand der Erfindung war ein neues Verfahren zur Verarbeitung von Hafer und Kakao. Der Hafer wurde gereinigt, grob geschrotet, von Hülsen befreit, leicht geröstet und anschließend staubfein gemahlen.

Dieses Pulver wurde mit Wasser zu einem leicht flüssigen Teig verarbeitet und danach in einem luftleeren Gefäß mehrere Stunden gekocht. Wenn das Wasser verdampft war, entstand eine trockene Masse. Diese wurde durch Mahlen wieder in Pulverform gebracht und in beliebigem Verhältnis mit entöltem Kakao vermengt.

Die Mischung wurde mittels Hand- oder Kraftbetrieb durch eine Teilmaschine und durch Pressen in Würfelform gebracht. Ein weiteres Patent, das am 28. Juni 1896 auf die Kasseler Hafer-Kakao-Fabrik Hausen & Co. in Kassel ausgestellt wurde, beschäftigte sich mit der Verdaulichkeit des sehr fetten Hafer-Kakaos. Damit dieser besser vertragen werden konnte, wurde ein Entfetten des Hafer-Kakaos durch Extraktion des in gelochtes Stanniol verpackten Materials als neues Verfahren beschrieben.

Sammlerstück: In bunt bemalten Kisten wurden die Würfel mit Haferkakao verkauft.

Gute Werbung

Um das Produkt bekannt zu machen, wurde ab 1900 mit Werbung gearbeitet. Sie wurde in Zeitungen mit landesweiter Erscheinung veröffentlicht. Auch mit dem Verlegen von "Hausen's Sammelmappe für Naturwissenschaftliche Bilder" versuchte man, die Umsätze zu steigern. Inhaltlich wurde überwiegend auf den guten Geschmack und auf die Nahrhaftigkeit hingewiesen. Zielgruppe war neben Kindern und Sportlern auch die geistig hart arbeitende Bevölkerung. Zudem bescheinigte ein Arzt die gesundheitsfördernde Wirkung. Und im Gegensatz zum üblichen Pulver wurde der Haferkakao in kleine Würfel gepresst. Jeder von ihnen reichte für eine große Tasse und war in Staniol eingewickelt. In einem blauen Karton verpackt, wurde der Haferkakao in hübschen Holzkisten vertrieben. Wegen de farbigen Abbildungen im Deckel sind die Kisten bis heute bei Sammlern beliebt.

Verkauft wurde Hafer-Kakao in Deutschland, Österreich-Ungarn und in der Schweiz. Weitere Produkte der Fabrik waren ab 1902 Hafer-Schokolade, Speise-Schokolade, entölter Kakao, Haushalts-Schokolade und Haushalts-Kakao.

siehe auch

Quellen und Links

Quellen

  1. Industriedenkmal Haferkakaofabrik
  • HNA-Artikel vom 27. Juli 2015 - Die Reste der Haferkakao-Fabrik

Links