Führung durch die II. documenta (1959)

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Kurzprofil

Kuratoren

Ausstellungsorte

Museum Fridericianum

Das klassizistische Gebäude war 1779 als erster für die Öffentlichkeit bestimmter Museumsbau auf dem europäischen Kontinent vollendet worden. Das Fridericianum beherbergte Teile der landgräflichen Sammlungen und die Bibliothek. Im Zweiten Weltkrieg brannte das Gebäude aus. Arnold Bode entdeckte die notdürftig gesicherte Ruine als Ort für die zeitgenössische Kunst. Seit 1955 sind das Fridericianum und der davor liegende Friedrichsplatz das Herzstück jeder documenta. Seit 1988 dient der Bau zwischen den documenten als Kunsthalle. Außerdem hat in ihm der Kunstverein seine Räume.

Orangerie

In der Parkanlage Karlsaue liegt die Anfang des 18. Jahrhunderts als Gewächshaus und Lustschloss errichtete Orangerie. Sie wurde 1943 fast vollständig zerstört. Die documenta-Ausstellungen von 1959, 1964 und 1968 bezogen die Orangerie als Kulisse für die Skulpturen und Großplastiken ein. Nach dem Wiederaufbau in den 70er-Jahren war die Orangerie von 1977 bis 1987 dreimal zweitgrößter Ausstellungsplatz (nach dem Fridericianum). Seit der Einrichtung des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts in dem Gebäude (1992) steht der documenta nur noch ein 300 Quadratmeter-Raum zur Verfügung.


Palais Bellevue

Das gegenüber der Neuen Galerie 1714 von Paul du Ry errichtete Palais Bellevue zeugt von der untergegangenen Oberneustadt, die Landgraf Karl vor 300 Jahren für die Hugenotten erbauen ließ. Heute beherbergt das Palais das Brüder Grimm-Museum. 1959 war das Gebäude neben Fridericianum und Orangerie dritter Ausstellungsort. Dort wurden Grafik und Buchillustrationen gezeigt.

Teilnehmende Künstler

Besondere Kunstwerke

Robert Rauschenberg (*1925): The Bed, Mischtechnik (1955)

Es war der erste documenta-Skandal. Er erreichte und erregte zwar nicht die Öffentlichkeit. Aber er führte dazu, dass Robert Rauschenbergs Objektbild „The Bed“ zwar in den Katalog aufgenommen aber nicht ausgestellt wurde. Rauschenberg, der ein Vorbote der Pop-Art war, zeigte in einem Holzrahmen von den Ausmaßen eines Bettes Kopfkissen und Bettdecke, die schmierig bemalt waren. Spuren einer Untat, konnte man vermuten. Für so viel Wirklichkeit hatte die Ausstellungsleitung keinen Sinn. Dass Rauschenbergs Werke nach Kassel geschickt worden waren, lag daran, dass die Auswahl der amerikanischen Künstler dem Museum of Modern Art in New York überlassen worden war. Dem Museum gehört heute „The Bed“.


Paul Delvaux (1897-1994): Mis au tombeau, Ölbild (1951)

Werner Haftmann propagierte die abstrakte Kunst. Dennoch waren erstaunlich viele gegenständliche und erzählende Werke in der documenta II zu sehen. Der Belgier Paul Delvaux war in der Nachfolge von Giorgio de Chirico zum Surrealisten geworden. Er schuf bühnenartige Gemälde, in denen sich die Menschen oft wie in Trance bewegten. Hier sieht man eine Grablegung, bei der es keine Überlebende gibt. Man kann es auch anders sehen: Delvaux zeigt, wie sich der Tod selbst beerdigt. Die Komposition knüpft an die reiche Tradition der Totentanzbilder an. In der Ausstellung war mit dem Thema vielleicht auch an das Ende der gegenständlichen Darstellung gedacht.


Pablo Picasso (1881-1973): Les Baigneurs, Bronze (1957)

Die documenta II machte den Sprung ins Freie. In und vor der Orangerie-Ruine in der Kasseler Karlsaue wurden vor weiß gestrichenen Wänden Skulpturen gezeigt. Die Präsentation war klar und fantasievoll. Die Besucher und die Kritik waren begeistert. Für Pablo Picassos abstrakte Figurengruppe „Les Baigneurs“ (die Badenden) wurde eine bühnenreife Aufstellung gewählt: Die stelenartigen Skulpturen, die heiter und spielerisch wirkten, standen in einem Wasserbassin. Auf diese Weise wurde auch den Besuchern, die mit abstrakter Kunst nichts anfangen konnten, verständlich gemacht, welche Bedeutung der Künstler ihnen gegeben hatte.


Willi Baumeister (1889-1955): Bluxao 3, Ölbild (1955)

Von dem Bild Willi Baumeisters geht eine große Fröhlichkeit aus. Die Farben leuchten, und die Formen wirken leicht und beschwingt. Baumeister zählte zu den deutschen Künstlern, die an der Weltsprache der Abstraktion mitwirkten. Trotzdem verlor er nie die Beziehung zur Natur und ihrer Erscheinung aus den Augen. Aus seiner Sicht waren die Kompositionen Gleichnisse zur sichtbaren Welt. Sie stellten nichts direkt dar, bildeten nichts ab, waren aber als Symbole für Bekanntes zu nehmen. Baumeister sagte einmal: „Farben und Formen enthalten alles, sind alles. Zugleich: Farben und Formen sind nicht alles.“


Alberto Giacometti (1901-1966): Drei schreitende Männer, Bronze (1948)

Der schweizerisch-italienische Bildhauer Alberto Giacometti hat die figürliche Sprache nicht aufgegeben. Aber er hat dank der Auseinandersetzung mit afrikanischer und etruskischer Kunst Skulpturen entwickelt, die in ihrer Einfachheit zeitlos sind: Überlange dünne Gestalten, die an Strichmännchen erinnern. Giacometti ging es um die Darstellung von Ausdruck und Bewegung sowie um das Verhältnis zum Raum. Das wird in dieser Kleinplastik mit den drei Männern anschaulich. Durch die gemeinsame Plattform werden sie in einen gemeinsamen Raum gezwungen. Wir sehen, wie sie sich bewegen. Sie stehen dicht beieinander und sind offenbar nicht fähig, zueinander zu kommen.


Jean Dubuffet (1901-1985): La vache tachetée, Ölbild (1954)

Als kurz nach 1900 die Künstler den Aufbruch in die Moderne wagten, holten sich viele von ihnen Anregungen bei der sogenannten primitiven Kunst Afrikas und der Südsee. Ein halbes Jahrhundert später bemühten sich wiederum Künstler um Erneuerung, indem sie Anleihen bei der Kunst der Geisteskranken nahmen. „Art Brut“ wurde diese Kunst genannt, die die bewusste Steuerung umgehen wollte. Einer ihrer Hauptvertreter war der Franzose Jean Dubuffet. Sein Bild einer Kuh ist von dieser zwingenden Direktheit. Zugleich ist diese Komposition mehr als ein Abbild: Die aus vielen unterschiedlichen Tönen bestehende Farbe gewinnt in dem Bild eine greifbare, fast reliefartige Materialität. Die Komposition wird fühlbar.


Hans Hartung (1904-1989): T 56-13, Ölbild (1955)

Der deutsch-französische Maler Hans Hartung steht für jene abstrakte Nachkriegsmalerei, die mit dem Begriff „Informel“ belegt wird. Dahinter steht der Versuch, das geplante, an der Darstellung orientierte Malen zu überwinden und eine Situation herzustellen, in der psychische Energien direkt auf der Leinwand in Pinselstriche, Formen und Farben übertragen werden können. Diese ausgesprochen spontane Malerei ist mit der asiatischen Tuschezeichnung verwandt. Allerdings geht beim „Informel“ nicht die Konzentration auf einen besonderen Gegenstand voraus. Hartungs Bild lässt diese Spontaneität erkennen. Man kann die Pinselspuren verfolgen, die deutlich vor einem hellen Hintergrund schweben.


Nicolas de Stael (1914-1955): Figure au bord de la mer, Ölbild (1952)

Der aus Russland stammende Maler Nicolas de Stael, der zuletzt in Paris lebte, war bis in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts eine der großen Leitfiguren der abstrakten Malerei. Den geistigen Bezug zur Landschaft gab er nie auf. Aber die äußeren Bilder übertrug er in fest gefügte Farbfelder und Blöcke. Er baute die Kompositionen aus Farbpasten auf. Man mochte hier die Umrisse einer Gestalt, dort eine knappe Horizontlinie entdecken. Entscheidend für den Maler aber war, dass er den Farben eine starke, unmittelbare Präsenz gab. Sie standen nicht mehr im Dienst einer Form, sondern konnten sich selbst entfalten – Kontraste bilden und Harmonien herstellen.


Mark Rothko (1903-1970): White and Greens in Blue, Ölbild (1957)

Jahrhunderte lang haben die Maler mit Farben gearbeitet, haben versucht, auf der Leinwand überraschende Wirkungen zu erzielen. Aber erst im 20. Jahrhundert schafften sie es, nachdem sie sich vom Gegenstand gelöst hatten, die Eigenkräfte der Farben selbst sprechen zu lassen. Der aus Russland stammende amerikanische Maler Mark Rothko wurde in den 40er-Jahren zu einem Wegbereiter des Abstrakten Expressionismus. Ihm gelang es – wie in dem Bild „White and Greens in Blue“ den Formen magischen Charakter zu verleihen und die Farben zum klingen zu bringen. Er erreichte diese Ergebnisse dadurch, dass er etwa auf einen hellen Hintergrund dunklere Rechtecke setzte, deren Ränder er unscharf auslaufen ließ.

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