Erinnerungen an die Bombennacht

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Die Bilanz seit dem Kriegsbeginn 1939 ist für Kassel verheerend. Von den 65.000 Wohnungen, die es vor dem Krieg gab, sind noch 19.000 halbwegs intakt. Etwa sechs Millionen Tonnen Trümmerschutt müssen abtransportiert werden. Von 220.000 Einwohnern, die 1939 gemeldet waren, sind noch 71.209 Deutsche und 22.825 Ausländer (vorwiegend Zwangsarbeiter) in der Stadt. Die frühere jüdische Bevölkerung existiert nicht mehr. Etwa 1300 ehemalige Nachbarn sind bereits ab 1941 per Zug vom Hauptbahnhof deportiert und in Konzentrationslagern ermordert worden. 10 000 Menschen waren allein bei dem Großangriff der britischen Luftwaffe am 22. Oktober 1943 ums Leben gekommen. Ihr Erinnerungen lesen Sie hier:

Paul Krum wurde am Tag des Großangriffs auf Kassel neun Jahre alt

Artikel Paul Krum

Der Artikel zum Nachlesen

Küster Christoph Dietrich kümmerte sich in der Bombennacht um die Lutherkirche

Elisabeth und Christoph Dietrich
„So lebt Geschichte immer wieder auf“, sagt Kirchenvorsteher Dr. Hans Helmut Horn: „Anhand von Einzelschicksalen.“ Steinchen für Steinchen werde das Mosaik zu einem historischen Gesamtbild zusammengesetzt. So wie jetzt im Fall des Diakons Christoph Dietrich, der von 1924 an Küster an der Lutherkirche war. Die ganze Geschichte gibt es hier






Horst Salzmann hat die Zerstörung Kassels 1943 erlebt

Horst Salzmann
Am Abend des 22. Oktober 1943 geht Horst Salzmann zur Nachtschicht. Der 15-Jährige ist Luftschutzwart im Keller unter dem Residenzpalais am Friedrichsplatz. Wenn es keinen Luftalarm gibt, kann er die Nacht im Keller durchschlafen. Diese Nächte sind ihm am liebsten, denn der Schulbetrieb läuft trotz des Krieges weiter. Vom Haus seiner Eltern am Grünen Weg sind es nur wenige Minuten zu Fuß. Vier Stunden später wird er diesen Weg nicht mehr gehen können. Wegen der Flammen, wegen der Hitze. Die ganze Geschichte gibt es hier





Zusammengestellt: Mehr Erinnerungen

Willy Vasserot (78): Mit 18 Jahren bin ich als Melder einem Selbstschutztrupp in der Obersten Gasse zugeteilt. (...) Ich bekomme den Befehl, im Renthof Meldung zu machen. Viele Häuser brennen schon. Weil ich kaum noch atmen kann, habe ich den Filter der Gasmaske etwas gelockert, sofort tränen mit die Augen. (...) Zum Königsplatz war kein Durchkommen mehr. Die Flammen trafen auf der Mitte der Straße zusammen. Eine junge Frau schrie fürchterlich. Sie hatte in der Aufregung ihr Baby verloren. Am Druselplatz brach ich zusammen. Ich wurde plötzlich wach, als jemand sagte: Den müssen wir an die Seite legen, der lebt noch. Man war dabei, die Toten abzutransportieren.

Gerd Nöding (68): Als wir aus der Haustür (am Westring) kamen, erwartete uns ein Inferno: Brennende Häuser, herabstürzende Mauern und glühendes Gebälk. Auf der Straße lagen noch Brandbomben. Wir liefen in Richtung Schlachthofstraße, den Kinderwagen mit nassen Decken bedeckt, ich an der Hand meiner Mutter. Um ein Haar wären wir von einem herabstürzenden, brennenden Balken getroffen worden. P.S.: Es ist wichtig, die Erinnerung für die Generation unserer Enkel wachzuhalten, um sie vor so schlimmen Zeiten zu bewahren.

Alfred Peppermüller (69): Als Neunjähriger erlebte ich die Bombennacht im Luftschutzkeller des Bahnhofs Bettenhausen. Meine Eltern hatten damals die Bahnhofsgaststätte gepachtet. Während des Angriffs kamen plötzlich durch den Notausstiegsschacht Funken herein. Wir sind raus auf den Bahnhofsvorplatz. Ich erinnere mich besonders an das eigenartige Rauschen, das heulende Geräusch einer Bombe, die hinter dem Salzmannhof niederging. Das schaurigste Bild, das mir immer wieder vor Augen kommt, war der Anblick jener enormen Rauchwolke, die wie von Geisterhand innen glutrot beleuchtet war.

Hans Dickmann (72): In dem Kellergewölbe des Gasthauses Bärenkammer war dann Endstation. Der große Keller war voller Menschen, denn von allen Seiten kamen die Leute aus den Durchbrüchen. Wir suchten uns einen Platz zum Ausruhen. Wenn einer von uns drohte einzuschlafen, wurde er sofort von unserer Mutter geweckt. Wahrscheinlich wären wir nicht wieder aufgewacht. An den Wänden lagen haufenweise aufgestapelt die Menschen, als wenn sie schliefen - sie waren tot. Wahrscheinlich reichte auch deshalb der Sauerstoff für die anderen.

Waltraud Pape (68), die ihre Kindheit und Jugendjahre in Bad Karlshafen verbracht hat: Gegen 20 Uhr gab es auch in Karlshafen Fliegeralarm. Von meinem Elternhaus sahen wir am südlichen Nachthimmel die hellen Scheinwerfer der Flak wie lange Leuchtstäbe. Zunehmend war Flugzeugbrummen zu hören, zuweilen schrill und lauter werdend. Der Nachthimmel wurde im südlichen Bereich immer heller und in rötliche Farben getaucht.

Jürgen Rübesam (74): Am nächsten Morgen sahen wir dann die armen Menschen, die aus der Stadt die Wilhelmshöher Allee entlangkamen. Viele trugen Verbände und hatten entzündete Augen, ihre Gesichter waren vom Schrecken gezeichnet. Wir hörten das erste Mal von der furchtbaren Nacht in der Stadt, wollten das aber alles nicht so recht wahrhaben. Mein Bruder ging also los. Als er gegen Mittag zurückkam, war er ganz verstört. Er erzählte uns, die ganze Stadt liege in Trümmern.