Enka

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= ENKA-AG (Spinnfaser-AG)

Von der Munitionsfabrik zum Unternehmenspark Kassel

(nach der Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum der Eingemeindung Bettenhausens in die Stadt Kassel, Zusammenstellung Kurt Klehm)

Das Gebiet des heutigen „Unternehmenspark Kassel GmbH“ entstand 1934 auf dem Gebiet der ehemaligen Munitionsfabrik. Es war vollkommen verfallen, bis 1934 die Spinnfaser den größten Teil des Geländes erwarb, um hier eine große Zellwollfabrik einzurichten.

„Für die Wahl dieses Objektes sprach die günstige Beschaffenheit des Fuldawassers, die Nähe der hessischen Braunkohlenzechen und die Tatsache, dass sich die vorhandenen Gebäude zweckmäßig für den Produktionsprozess verwenden ließen. Der Aufbau ging sehr schnell vonstatten. Es wurde fieberhaft gearbeitet, und bereits am 1. Dezember 1935 wurde die erste verwendbare Produktion hergestellt. Im Juli 1936 betrug die Tagesproduktion bereits 50000 kg und wurde in den folgenden Jahren auf 100000 kg pro Tag gesteigert. Damals wurde die Marke „Flox“, zu einem Begriff in vielen Ländern.

Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges stoppte den schwungvollen Aufbau. Bis zur Beendigung des Krieges hatte das Werk sechs schwere und sechs leichtere Luftangriffe überstanden. Weiter gearbeitet wurde aber trotz allem. Am zweiten Osterfeiertag 1945 besetzten amerikanische Truppen das schwer beschädigte Werk. Nur dem glücklichen Umstand, dass das Kesselhaus voll einsatzfähig war und die schwer zerstörte Stadt Kassel mit Strom versorgen konnte, ist es zu verdanken, dass das Werk die Genehmigung zur Wiederaufnahme der Arbeit erhielt.

Mit l0 Tonnen pro Tag wurde die Produktion wieder aufgenommen. Die Gebäude wurden instandgesetzt und der Maschinenpark im Laufe der Jahre wesentlich verbessert und modernisiert. Heute (1952) beträgt die Tagesproduktion 110 t.

Die größte Aufmerksamkeit und Sorgfalt der Werksleitung gilt jetzt der Verbesserung der Qualität der Zellwolle. Ihre gleichmäßige Länge und Feinheit macht die Zellwolle zu einem Rohstoff mit außerordentlich günstigen Verarbeitungs- und Gebrauchsbedingungen; sie ist zudem noch billiger als alle natürlichen Textilrohstoffe. So erfreut sich die Floxfaser sowohl bei der weiterverarbeitenden Textilindustrie als auch bei den Verbrauchern zunehmender Beliebtheit.

Aus Bettenhausen ist die Spinnfaser Aktiengesellschaft nicht mehr wegzudenken. Viele Mitbürger dieses Stadtteiles finden dort Arbeit und Brot. Von der Entwicklungsfähigkeit und der Zukunft dieses Betriebes hängt deshalb auch das Wohlergehen eines guten Teils der Bürgerschaft ab.“


Produkte der ehemaligen Spinnfaser bzw. Enka AG.

Spinnfaser später Enka AG..jpg
Die Abnehmer und Weiterverarbeiter der Produkte waren in erster Linie Spinnereien und Vlieshersteller. Die hergestellten Garne gingen hauptsächlich in Webereien und Strickereien, von dort über Färberei und Ausrüstung (Veredelung)zum Konfektionär und Endverbraucher.
Nachstehend einige Produckte der in Kassel hergestellten Chemiefasern:

Zellwolle: Normalzellwolle (Baumwoll- und Wolltypen)unter dem Namen "FLOX". Rein oder in Mischung mit anderen Fasern für Kleiderstoffe, Oberstoffe, Blusen, Hemden, Dekostoffe, Decken, Möbelstoffe, Einlagestoffe u.a. Hochfeste Zellwolle (Duraflox. Colvera) für technische Gewebe, Förderbänder, Reifen, Kunstleder u.a. Grobe Zellwolle ( Floxan ) für Teppiche, Strukturgewebe u.a.

Diolen: Baumwoll- und Wolltypen. Die Baumwolltypen wurden rein oder in Mischung mit anderen Fasern eingesetzt für Kleiderstoffe, Oberstoffe, Blusen, Hemden, Mantelpopeline, Gardinen, Dekostoffe, Vliesstoffe, sowie technische Gewebe, Filter u.a. Die Wolltypen ebenfalls rein oder in Mischung mit anderen Fasern für Anzug- und Kostümstoffe, Strickwaren, Möbelbezugsstoffe, Heimtextilien, sowie Füllmaterial für Steppdecken und Kissen u.a.

Perlon:

Grobtypen für Teppiche, Bodenbeläge, Nadelfilz, Möbelstoffe, Strukturgewebe u.a.

Kunden und Kundendiensttechniker berichteten übereinstimmend, dass die Produkte der Spinnfaser bzw. der Enka Kassel zu den Spitzenprodukten auf dem Weltmarkt gehörten.

Anton Dressler


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RETTET ENKA - Hannelore Diederich

Einigkeit Nützt Kassels Arbeitnehmern - diese Definition des Firmennamens gilt heute mehr denn je: Siehe die Schließungspläne für die AEG-Kühlschrankfabrik in der Lilienthalstraße.

'Dein Arbeitsplatz bei der Spifa - wie die Spinnfaser im Volksmund genannt wurde - ist sicherer als beim Staat' war über viele Jahre die Meinung der Bevölkerung. In diesen Genuss kamen in Spitzenzeiten mehr als 3.000 Beschäftigte. Die Arbeitsplätze wurden in der Familie weiter vererbt. War der Vater ein Mitarbeiter, so war eine Lehrstelle als Handwerker oder kaufmännische Angestellte so gut wie sicher. Neben dem 'sicheren' Arbeitsplatz war auch der Tarif in der chemischen Industrie nicht gerade schlecht. Ein weiterer Vorteil war, dass für die Forstfelder der Arbeitsplatz fast vor der Haustür lag. Und tolle Sozialleistungen gab es obendrein, wie z. B. Urlaub auf Betriebskosten in der Rhön, Bade- und Saunaeinrichtungen, Kantinenessen, Betriebsdarlehen

Aus der Spinnfaser AG wurde durch die Übernahme der AKZO die Glanzstoff AG, schließlich ENKA Glanzstoff AG und in 1978 die ENKA AG. Der "Glanz" ging in 1976 verloren mit der Schließung der Zellwolle-Produktion. Das war der Anfang vom Ende. Die Zellwolle-Produktion war der Wetterbericht für den Kasseler Osten, denn je nach Windrichtung hieß es: Die Spinnfaser stinkt mal wieder. Im Zusammenhang mit der Schließung der Zellwolle-Produktion hatte der Vorstand Versprechungen für den bevorzugten Ausbau der anderen Produkte gemacht - dazu später.

Am 26.4.1974 vernichtete ein Großbrand mit 10 Mio. DM Sachschaden einen Teil der Produktionsanlagen für DIOLEN-Fasern. Die Fabrik wurde hochmodern wieder aufgebaut. Die bei der Teilstillegung frei werdenden Mitarbeiter wurden in anderen Abteilungen eingesetzt - mit einer Besitzstandsregelung von 3 Jahren - eine außerordentliche Sozialleistung. Nach dem Gesetz war 1 Jahr Pflicht. Besitzstand heißt z. B., wenn ein Meister auf eine Vorarbeiterstelle umgesetzt wurde, bekam er 3 Jahre seinen Meisterlohn weiter.

Immer wieder kamen Meldungen aus der Hauptverwaltung in Wuppertal, dass es auf dem Weltmarkt Überkapazitäten an synthetischen Fasern (DIOLEN/PERLON) gab. Da die Produktion vollkontinuierlich, d. h. 24 Stunden am Tag, gefahren wurde, ließ sich die Produktion u. a. durch Betriebsstillstand, d.h. Betriebsferien drosseln. Diese Zeiten wurden dann für Reparatur- und Reinigungsarbeiten genutzt.

Die biologische Kläranlage musste in dieser Zeit manuell gefüttert werden. Zu Kühlzwecken wurde der Fulda Wasser entnommen und nach der biologischen Reinigung in die Fulda zurückgeleitet. Angeblich war das Wasser hinterher sauberer als bei der Entnahme. Das werkseigene Kraftwerk war Lieferant für die Städtischen Werke. Und ein guter Steuerzahler war der Betrieb auch. Wie aus heiterem Himmel traf den Betriebsratsvorsitzenden Helmut Haase die Mitteilung des Vorstandsmitgliedes Tückmantel am 5. Dezember 1979 in Wuppertal, dass er von der Schließung des Werkes auszugehen hätte. Nun begann ein beispielloser Arbeitskampf um die Erhaltung der 844 Arbeitsplätze. Von der Schließung waren nicht nur die Beschäftigten und ihre Familien betroffen, nein, es würde auch Forstfelder Gewerbetreibende treffen. Der Blumenladen, der Schuster (Reparatur der Feuerwehrschuhe), der Lebensmittelhandel; im weiteren Umfeld weitere Zulieferer und sog. Subunternehmer.

Der interne Arbeitskampf zwischen Betriebsrat und Werksleitung/Vorstand mag den vielfältigen Dokumentationen entnommen werden, z. B. die Dokumentation der GEW "Beispiel: ENKA" über 615 Seiten oder 2 Bände der Gewerkschaft IG Chemie-Papier-Keramik. Die Autorin möchte mehr die menschliche Betroffenheit schildern. Mit einem Flugblatt fordert der Betriebsrat die Beschäftigten zur Besetzung des Betriebes ab 11.12.1980 auf. Das bedeutet, die Beschäftigten verrichten ihre Arbeit, danach halten sie sich in den Aufenthaltsräumen auf. Die Familien werden durch das Organisationskomitee verständigt. Für Verpflegung und Schlafmöglichkeiten wird ebenfalls gesorgt. Reporter der regionalen und überregionalen Presse geben sich die Tür in die Hand. Das Fernsehen berichtet. Für das Fernsehen der DDR ist dieses 'Muskelspiel des Kapitalismus' ein gefundenes Fressen. Das DDR-Fernsehen interviewt und will es in der Aktuellen Kamera senden# was dann doch nicht erfolgt. Zwei Lehrerinnen der Gesamtschule Lohfelden produzieren mit Schülern eine Schulfunksendung zu diesem Thema.

Unter den Beschäftigten sind viele Forstfelder, so wurden z. B. Anfang der 70-er Jahre viele türkische Kollegen eingestellt, die in der Städtischen Siedlung wohnen. Viele Kolleginnen und Kollegen wohnen in der 1974 neu erbauten Heinrich-Steul-Straße. Manch einer hat sich ein Siedlungshäuschen gekauft. Die Solidarität in der Bevölkerung ist groß. Im Dezember 1981 - ein Jahr nach Bekanntgabe des Schließungsbeschlusses - wird die Bürgerinitiative 'Rettet Enka' gegründet. Im Verlauf des Arbeitskampfes werden mehr als 10000 DM aus allen Teilen der Bundesrepublik gespendet. Damit werden u.a. Plakataktionen, Flugblätter und Veranstaltungen finanziert.

Die Sprecher der Bürgerinitiative sind die Familienangehörige Christl Grass, der Pfarrer der Immanuel-Kirche Herbert Lucan, der Verlagskaufmann Karl-Heinz Mruck und der Betriebsangehörige Rudolf Ludwig. Die BI arbeitet eng mit dem Betriebsrat zusammen und wird dort aktiv, wo der Betriebsrat aus rechtlichen Gründen nicht tätig werden kann. Die Politik wird auf allen Ebenen aktiv. Unser damaliger und heutiger Ortsvorsteher autoren:Falk Urlen bittet bei einem Zusammentreffen den damaligen Ministerpräsidenten Holger Börner eindringlich um Hilfe. Mehrfach bittet der Magistrat und der Oberbürgermeister Hans Eichel den Vorstand und den Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Alfred Herrhausen (der übrigens später von Terroristen ermordet wird) um die Rücknahme der Schließungspläne. Denn inzwischen hat es mehrfach Vorschläge für eine Sanierung und den Abbau der Verluste gegeben.

Um es hier noch einmal ganz deutlich zu sagen: Der Schließungsgrund war Gewinnmaximierung, d. h. Erhöhung der Dividenden der Aktionäre. Die BI-Sprecherin Christel Grass hat Akzo-Aktien gekauft, um auf einer Aktionärsversammlung in Holland Rederecht zu haben. In der Kasseler Innenstadt wurden 45.000 Unterschriften gegen die Schließung gesammelt (Mein Mann hat doch schon unterschrieben, da brauche ich doch nicht auch noch) und mit 5 Bussen nach Wuppertal gebracht, um sie dem Vorstandvorsitzenden Dr. Zempelin zu übergeben. Das war eine Meldung für die Tagesschau wert. Die Aktivitäten des Betriebsrates und der BI fanden nicht nur Befürworter. Inzwischen gab es Gerüchte über einen Sozialplan. 'Gute Leute' freuten sich schon auf ihre Abfindung, um dann umgehend beim nächsten Arbeitgeber anzufangen.

Der Betriebsrat hat alle möglichen rechtlichen Schritte wie Interessenausgleich, Gutachten und Einigungsstelle ausgeschöpft. Die vor erwähnte Zusage über den bevorzugten Ausbau der übrigen Produktionsstätten - nach Zellwolle-Schließung - bewertet das Gericht als eine 'Absichtserklärung'. Mit Schreiben der Werksleitung vom 18.11.1982 an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird u.a. folgendes mitgeteilt: Enka Aufsichtsrat: „Werk Kassel wird stillgelegt!". In diesem Schreiben wird nochmals der Wechsel in ein anderes Werk angeboten oder, falls das nicht möglich ist, eine Abfindung angeboten. Die Schließung soll stufenweise erfolgen.

Die ursprünglich vorgesehene frühere Schließung konnte durch das zähe Verhandeln des Betriebsrates und Ausschöpfung aller Möglichkeiten nach dem Betriebsverfassungsgesetz und dem massiven Protest der Beschäftigten und der Bevölkerung auf den 30.6.1984 hinausgezögert werden. Der Betriebsrat konnte für die noch verbliebenen Beschäftigten einen für die damalige Zeit außergewöhnlichen Sozialplan aushandeln, nachdem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zum Zeitpunkt der Schließung 55 Jahre und älter waren, bis zum Eintritt der Rente 90 % des letzten Nettoeinkommens erhalten (Aufstockung des Arbeitslosengeldes). Für alle anderen wurde eine Abfindung ausgehandelt, deren Berechnung nach einem Schlüssel (Alter, Betriebszugehörigkeit, Kinder) erfolgte. Ein Teil der Beschäftigten hat die Versetzung angenommen, ein Teil mit Wochenendheimfahrten, ein Teil ist umgezogen. Und ein Teil war für den Rest des Berufslebens arbeitslos ...


Falk D. Urlen 2006/01/14 12:35