Kassellexikon: Casseler Blaudruck

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Johann Justus Engelhardt (1727 bis 1780) gründete am 28. August 1763 am Altmarkt in Kassel, an dem damals noch das alte Kasseler Rathaus stand, eine Schwarz- und Schönfärberei. Die handwerklichen Anfänge muss man jedoch noch früher ansetzen. Bereits am 24.07.1751 heiratete der Firmengründer Johann Justus Engelhardt in der Reformierten Gemeinde der Unterneustadt Kassel seine Ehefrau Anna Gertrud, geb. Steinmetz (1732-1814). Nach den damaligen Gepflogenheiten ist es zu vermuten, dass er mit seiner Ernennung zum Meister und Niederlassung auch geheiratet hat.

Das Augustende 1763 darf jedoch auch als Gründungsdatum gelten, da um diese Zeit in Kassel die erste Herbstmesse gehalten wurde, aus deren Anlass auch mehrere Verkaufsanzeigen in der „Casselischen Policey- und Commercien-Zeitung“ erschienen. In dieser Zeit fasste der Gründer den Entschluss, von der Färberei zum Blaudruck überzugehen, da er besonderes Verständnis und Geschick für die Verarbeitung von Indigo und dessen Farbbeständigkeit hatte. Johann Justus Engelhardt wird übrigens in dem Brandt´schen Heimatroman „Unter König Jerome“ als patriotischer Hesse und loyaler Untertan des ersten Kurfürsten erwähnt.

Sein Sohn Johann Heinrich Engelhardt (1763-1831) übernahm den Betrieb nach dem Tode des Gründers im Jahre 1781 und legte in der Unterneustatt neue Werkstätten an. Er war ein angesehener Handwerker und fünf Jahre Gildemeister der Färbergilde.

Er hinterließ seinem Sohn Friedrich Engelhardt I (1793-1862) einen soliden Handwerksbetrieb in der Unterneustadt. Der notwendige Rohnessel wurde in Fürstenhagen hergestellt. Hier arbeiteten 80 Webstühle für das Unternehmen. Als erster unter den Blaudruckern ließ er seine Kunden von Reisenden besuchen. Ebenso war er auf der Leipziger Industrieausstellung von 1850 vertreten; hier erhielt er auch eine besondere Anerkennung seitens der sächsischen Regierung für seine Erzeugnisse. Friedrich Engelhardt (I) hatte bereits mit 20 Jahren den Meisterbrief in der Tasche, als Fünfundzwanzigjähriger wurde er in die Kasseler Bürgerrolle eingetragen. Er war Provinzial-Obermeister und Mitglied des Kasseler Stadtrates und der Stadtbaudeputation. Mit seinem Schwager Konrad Schminke gründete er eine Wollspinnerei und -Weberei, die auch das hessische Militär mit blauem Tuch belieferte.

Der zweite Sohn von Johann Heinrich Engelhardt, Justus Engelhardt richtete ebenfalls den alten Färbereibetrieb am Altmarkt für den Blaudruck ein.

Ab 1861 führte Conrad Engelhardt (1828-1894) nach dem Tode seines Vaters Friedrich Engelhardt (I) den Betrieb weiter. Er hatte das Polytechnikum in Kassel besucht und in Zürich Chemie studiert und u. a. Österreich, Ungarn und Italien bereist. 1868 gab er die handwerklichen Methoden auf und ging zum maschinellen Betrieb über. Die Weberei in Fürstenhagen wurde aufgegeben.

1894 starb Conrad Engelhardt. Sein Sohn Friedrich Engelhardt II (9.08.1856) musste bereits 1897 die alten Betriebsräume aufgeben, da sie zu eng geworden waren. Östlich des damals noch selbständigen Dorfes Bettenhausen wurde ein neuer Betrieb aufgebaut, dem die Wasserkraft der Losse zur Verfügung stand. Die Produktion wurde ausgeweitet und bis zum Ersten Weltkrieg erlebte die Engelhardtsche Blaudruckerei wirtschaftlich erfolgreiche Jahre. Nach Weltkrieg und Inflation entschied sich der fast siebzigjährige Friedrich Engelhardt, das Unternehmen an die Rudolph Karstadt AG in Essen zu verkaufen.

In den Jahren 1925/1926 wurde die Fabrik zu einem modernen Großbetrieb ausgebaut. Mitte 1933 erfolgte die Umwandlung in ein selbständiges Unternehmen, der Kasseler Druckerei und Färberei AG (Kadruf), mit einem Stammkapital von 2,4 Millionen Reichsmark. In dieser Zeit galt das Unternehmen als modernste Stoffdruckerei in Deutschland mit über 400 Beschäftigten.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Werk zu 50 % zerstört. Sämtliche Musterbücher und Unterlagen wurden vernichtet. Durch die Zonengrenzziehung gingen die traditionellen Absatzgebiete verloren.

Nach dem Wiederaufbau erlebte das Unternehmen nochmals erfolgreiche Jahre. Millionen wurden in Werkhallen und Maschinen investiert. 1960 wurden über 600 Arbeiter und Angestellte beschäftigt. Als einer der ersten Betriebe besaß die Kadruf eine EDV-Anlage vom Computererfinder Konrad Zuse.

Die durch fehlende Wirtschaftspolitik verursachte Textilkrise sowie Bankenintrigen sorgten im Jahre 1965 für ein jähes Ende des Druckerei- und Färbereibetriebes. Im entscheidenden Augenblick wurden von staatlicher Seite die zustehenden Zonenrandkredite verwehrt. Der Produktionsbetrieb wurde aufgegeben und der Maschinenpark verkauft.

siehe auch