Anatole und Egon Gobiet, Biografien

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Anatole Gobiet, *5. Juli 1875 in Waldenburg/Schlesien, †15. Oktober 1958 in Kassel, beigesetzt in Bonn. Unternehmer. Egon Gobiet, *28. März 1878 in Waldenburg/Schlesien, †5. Januar 1959 in Kassel. Unternehmer.

Kindheit und Jugend

Die Familie Gobiet hatte ihre Ursprünge in der Stadt Seraing in der Nähe von Lüttich in Belgien. Einer der Ingenieure aus der Familie Gobiet siedelte sich in Niederschlesien an, um dort für die Schwerindustrie zu arbeiten. In seiner Familie wurden Anatole, Egon und drei weitere Brüder geboren. Die Familie Gobiet zog schließlich nach Berlin. Hier besuchte Anatole das Gymnasium, machte eine Lehre als Mechaniker und studierte an der TH Charlottenburg. Vor dem Examen ging er zu Siemens & Halske in Berlin und begann dort mit der Ausbildung für den gehobenen Dienst. Als Siemens-Ingenieur wurde er nach Frankfurt a. M. versetzt und kam anschließend ab November 1899 nach Kassel, um hier die Geschäftsstelle des Unternehmens aufzubauen. Diese leitete er bis 1904. Sein Bruder Egon hatte eine kaufmännische Ausbildung gemacht und kam im selben Jahr nach Kassel.

Unternehmertum

Anatole gründete in Kassel seine eigene Firma, das Technische Büro A. Gobiet & Co in der auch Egon tätig wurde. Inzwischen war Anatole mit seiner Frau Margarethe verheiratet. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, die Tochter Gisela wurde 1907 in Kassel und der Sohn Paul 1915 in Rotenburg/Fulda geboren.

Anatole Gobiet
Egon Gobiet

1910 gründete Anatole die A. Gobiet & Co Elektrotechnische Fabrik in Kassel, Wilhelmshöher Allee 25. Auch gesellschaftlich wurde er aktiv. Als Mitglied des Automobil-Clubs Kurhessen war er von 1909 bis 1910 dessen Schatzmeister. Den Führerschein für Kraftwagen erwarb er im März 1914 in Kassel. Außerdem war er Mitglied der Männergesellschaft Schlaraffia, die noch heute besteht.

1912 hatte er bereits in Rotenburg/Fulda die Transformatorenfabrik A. Gobiet & Co errichtet. Hier stellte man Großtransformatoren her. Mitinhaber war sein Bruder Egon, der die kaufmännische Leitung übernahm. Anatole wohnte mit seiner Familie in einer Villa In der Nähe des Unternehmens.

1921 zogen sie mit dem Kasseler Betrieb nach Kassel-Bettenhausen, Lilienthalstraße 1 in eine Halle der Deutschen Werke, einer ehemaligen Munitionsfabrik, um. Der Firmennamen lautete nun A. Gobiet & Co. Elektrotechnische Werke.

Die beiden Brüder besaßen unterschiedliche Charaktere. Anatole war temperamentvoll, ideenreich und konnte manchmal nicht im richtigen Moment schweigen, Egon hingegen war besonnen, ruhig und zurückhaltend. Somit ergänzten sie sich in der Unternehmensführung.

Etwas hatten sie gemeinsam: Sie waren von der Fliegerei begeistert.

Die Firmen in Kassel und Rotenburg entwickelten sich so positiv, dass man sich 1923 dazu entschloss, die neu aufzubauende Luftfahrtindustrie finanziell zu unterstützen.

http://regiowiki.hna.de/Dietrich-Gobiet_Flugzeugwerk_AG,_Kassel

http://regiowiki.hna.de/Raab-Katzenstein_Flugzeugwerke

Ende des Jahres 1927 musste die A. Gobiet & Co. Elektrotechnische Werke in Kassel wegen Absatzproblemen geschlossen werden. 200 Mitarbeiter, die dort Elektromotoren herstellten, verloren ihren Arbeitsplatz.

Gobiet-Villa in Rotenburg/Fulda

Im selben Jahr wurden im Rotenburger Betrieb von ungefähr 300 Mitarbeitern Transformatoren, Stahlmöbel sowie Garten- und Landmaschinen gebaut. Anatole Gobiet hatte die landwirtschaftlichen Geräte selbst entwickelt und im eigenen Betrieb herstellen lassen. Viele seiner Ideen meldete er in Deutschland und teils im Ausland zum Patent an. Doch auch hier gab es wirtschaftliche Probleme. Deshalb musste der Transformatorenbau Anfang 1928 stillgelegt werden. Grund dafür war ein in der Stadt nicht durchsetzbarer, fehlender Gleisanschluss. Der Transport von Material und fertigen Produkten erwies sich als problematisch.

Mehr als 200 Mitarbeiter verloren ihre Arbeitsplätze. Es gelang Anatole Gobiet, den Transformatorenbau für 1.000.000 Reichsmark an ein großes deutsches Elektrounternehmen zu verkaufen.

Als Folge der weltweiten Wirtschaftskrise kam das Rotenburger Werk 1931 verstärkt in wirtschaftliche Schwierigkeiten und Anatole Gobiets Eigentum sollte zwangsversteigert werden. Er beantragte die Eröffnung eines Vergleichsverfahrens vor Gericht. Doch dieser Prozess zog sich hin. Im Februar 1932 waren in dem Werk nur noch ungefähr 80 Mitarbeiter beschäftigt. Der Absatz an Stahlmöbeln ging stark zurück, während Bodenfräsen für die landwirtschaftliche Nutzung in etliche Länder exportiert wurden.

1933 schied Anatole Gobiets Sohn Paul im Alter von 18 Jahren aus dem Leben.

Nationalsozialismus

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten versuchten Parteimitglieder und hohe Funktionäre, die Zwangsversteigerung von Gobiets Eigentum zu verhindern. Anatole Gobiet war kein Mitglied der NSDAP, aber seit Bestehen der Nationalsozialistischen Bewegung war er Günstling der Nazi-Hierarchie und früher Anhänger der Partei. Etwas, was in der NSDAP niemals bekannt wurde, war seine rassische Herkunft. Gobiet war Halbjude, wurde aber katholisch erzogen und nahm nie die jüdische Religion an.

1934 kam das Ende für das Unternehmen in Rotenburg. Am 19. Juni verließ Anatole Gobiet die Stadt und ging nach Berlin. Seine Frau zog mit der Tochter zuerst nach Berlin und später von dort nach Kassel. Am 4. September ordnete das Amtsgericht Rotenburg die Zwangsversteigerung der Grundstücke von Anatole Gobiet an. Noch am 9. August 1935 wurde Gobiet von einem Standartenführer der Nazis im Zwangsversteigerungsverfahren vertreten. Die Versteigerung seines Grundbesitzes erfolgte wegen seit 1930 rückständiger Steuern, wegen rückständiger Kapitaldienste aus dem Jahr 1931 und wegen Nichtzahlung einer Feuerversicherung aus dem Jahr 1932.

Die Unterstützung seitens der Nationalsozialisten war auf eine enge freundschaftliche Beziehung zu Hermann Göring zurückzuführen. Dieser hatte Gobiet bereits Jahre vor der Machtübernahme beträchtliche Flugzeugaufträge für seine Fabrik in Aussicht gestellt, welche aber nie realisiert wurden. Gobiet nutzte seine Kontakte zu Göring und anderen hohen Parteifunktionären dazu, die örtlichen Funktionäre einzuschüchtern. Dieser Mutwille in Verbindung mit seinem Querulantentum musste bis zum Jahre 1937 derart eskaliert sein, dass man ihm die 1919 erworbene deutsche Staatsbürgerschaft aberkannte und er mit einem Fremdenpass versehen in die Tschechoslowakei abgeschoben wurde. Dort lebte Gobiet in Prag und arbeitete für die Organisation Todt.

Er und seine Frau, die ihm im November 1943 dorthin gefolgt war, wurden von den deutschen Besatzungsbehörden bis zum Kriegsende nicht belästigt oder geschädigt. Von hier hatten sie weiterhin den Kontakt zur Familie und unterstützten Bruder Egon mit Sachen, die im Deutschen Reich nicht mehr zu bekommen waren.

Nachkriegszeit

A. Gobiet mit OB Branner
Im November 1946 konnten alle wieder nach Kassel zurückkehren. Dort traf man sich auch mit Bruder Egon und dessen Familie, die nach dem Krieg in Hann. Münden eine Bleibe gefunden hatten. Egon Gobiet versorgte in dieser wirtschaftlich schweren Zeit nun auch noch Anatole und seine Frau Margarethe. Anatole Gobiets Antrag auf Wiedergutmachung wurde am 23. Oktober 1951 endgültig abgelehnt. Trotzdem verlor er seinen Optimismus nicht und plante, neuartige Landwirtschaftsmaschinen zu herzustellen. Diese waren im Ausland bereits erfolgreich erprobt worden. Doch der wirtschaftliche Erfolg blieb aus. Die Freude an der Fliegerei verlor Gobiet auch im Alter von fast 80 Jahren nicht. Als auf dem Flugplatz Kassel-Waldau wieder geflogen werden durfte, bestieg er dort im Juni 1955 zusammen mit Tochter Gisela ein Flugzeug. Der Pilot des Luftdienstes Kassel zeigte den beiden Passagieren die Stadt Kassel und die nähere Umgebung. Erinnerungen an die Anfänge der Kasseler Luftfahrtindustrie, die Gobiet maßgeblich mitgestaltet hatte, kamen dabei auf.

Der Niederhessische Verein für Luftfahrt (NVfL) taufte am 23. September 1956 seine neue Motormaschine, eine Piper-Cup. Dazu wurde auch Anatole Gobiet eingeladen um die Laudatio zu halten. Danach setzte sich Gobiet zu dem Piloten in die Maschine und startete zum Rundflug über Kassel. Dr. Karl Branner, der damalige Dezernent für Wirtschaft und Verkehr der Stadt Kassel, wünschte ihm dazu einen guten Flug.

Im Oktober 1958 starb Anatole Gobiet und wurde in Bonn beigesetzt. Seine Frau Margarethe überlebte ihn nur kurze Zeit. Bruder Egon Gobiet starb im Januar 1959 an den Folgen eines Verkehrsunfalls

Literatur und Fotos

Rolf Nagel, Thorsten Bauer: Kassel und die Luftfahrtindustrie seit 1923, A. Bernecker Verlag GmbH, Melsungen 2015, ISBN 978-3-87064-147-4.

Weblinks

http://regiowiki.hna.de/Dietrich-Gobiet_Flugzeugwerk_AG,_Kassel

http://regiowiki.hna.de/Kassel_im_Jahr_1924#Rechtstrend_und_neuer_Flughafen

http://regiowiki.hna.de/Antonius_Raab

http://regiowiki.hna.de/Raab-Katzenstein_Flugzeugwerk_GmbH