Albert Wesemeyer

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Als couragierter Zeitzeuge für die Zeit vor 1945 war er bekannt: Albert Wesemeyer. Sein Widerstand gegen das SED-Regime war dagegen in der Öffentlichkeit lange kein Thema.

Mit 96 Jahren starb Albert Wesemeyer im November 2000 in Kassel. Er selbst hatte verfügt, dass nach seinem Tod kein Aufhebens um ihn gemacht werden solle. Doch die Bedeutung Wesemeyers als doppelter Zeitzeuge deutscher Geschichte verhinderte das: Im Gedenken an den Sozialdemokraten Albert Wesemeyer im Jahr 2001 eine Feierstunde statt, in der sein Leben und Wirken als Widerstandskämpfer in der Nazi-Diktatur und als unterdrückter Demokrat in der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) und späteren DDR gewürdigt wurde. In der Veranstaltung des Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie" wurde deutlich, wie sich die öffentliche Wahrnehmung inzwischen verschoben hat.

In den 80er-Jahren war Albert Wesemeyer ein bekannter Zeitzeuge aus der Zeit des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Alle kannten ihn, erinnert sich Professor Friedhelm Boll von der Gesamthochschule Kassel. Dass Wesemeyer später in Bautzen eingekerkert war, weil er auch in der SBZ beziehungsweise DDR Widerstand gegen ein totalitäres Regime leistete, habe aber damals niemanden interessiert, so Boll.

Albert Wesemeyer, 1904 geboren, war Bürger Kassels seit 1930. Er war zunächst Mitglied der USPD, später der SPD. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten arbeitete er im Untergrund für die verbotene SPD. Bei einer Kurierfahrt von Kassel nach Chemnitz wurde er mit Informationsmaterial gefasst und zu viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, anschließend zog man ihn sofort zur Wehrmacht ein.

Die Zeit im Zuchthaus habe er ohne Probleme überstanden, berichtete Professor Boll; da Wesemeyers Fall klar war, sei er nicht wie viele andere gefoltert worden. Ein Fehler aber sei gewesen, dass er nach Kriegsende nicht in den Westen gegangen sei. Wesemeyer wollte mithelfen, die SPD in Thüringen wieder aufzubauen und hatte sich gegen den Zwangszusammenschluss der SPD mit der KPD zur SED im April 1946 gewehrt. Er wurde verhaftet und zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Acht Jahre seines Lebens habe Wesemeyer geopfert, in der Haftzeit in Bautzen Qualen und Folter erlitten, berichtete Boll. Als nach eineinviertel Jahren die Einzelhaft aufgehoben wurde, war Wesemeyers Gesundheitszustand so schlecht, dass er nur überlebte, weil Mithäftlinge ihn fütterten, seine Hand war gelähmt, manchmal konnte er sich nur auf allen Vieren fortbewegen.

1956 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen und kam nach Kassel, wo seine Frau lebte. Als er das erste Mal den Kreisgeschäftsführer der SPD aufsuchte und dieser fragte, wo er die ganze Zeit gesteckt habe, antwortete Wesemeyer: "Ich komme aus dem Zuchthaus." Die Reaktion des Kreisgeschäftsführers: "Ja, was hattest Du denn ausgefressen?" Diese unausgesprochene Unterstellung, er habe vielleicht doch nicht zu Unrecht gesessen, habe Wesemeyer sehr gekränkt, sagte Boll.

War Anfang der 50er-Jahre noch viel über politische Häftlinge in der DDR berichtet worden, so ließ ab Mitte der 60er- Jahre, mit Beginn der Entspannungspolitik, das Interesse an den Einzelschicksalen nach. Albert Wesemeyer, der mittlerweile als Sachbearbeiter für die Stadt Kassel tätig war, wurde als Zeitzeuge für den Widerstand gegen die Nazi-Diktatur in Schulen und zu Universitätsveranstaltungen geladen und machte beim Arbeitskreis Kassel im Nationalsozialismus mit. Dass er ein doppelt Verfolgter war und er dieses tragische Schicksal mit vielen anderen teilte, wurde erst nach 1990 zum Thema.

Die Biografie Albert Wesemeyers enthält die Mahnung, Demokratie immer neu zu leben.