Abendoberschule

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Pazifistisch gesinnte Pädagogen in Kassel sind in der Zeit des Nationalsozialismus als "unwürdige Erzieher" beschimpft worden. Das "nationale Empfinden nicht nur der Schüler, sondern der ganzen Kasseler Bevölkerung" werde durch sie auf das Stärkste beleidigt (Kasseler Post am 11. Oktober 1933). Zu diesen Pazifisten gehört Dr. Friedrich Kellermann. Der Pädagoge baut 1928 die Abendoberschule in Kassel für bildungshungrige Erwachsene auf, die er nach amerikanischem Vorbild gestaltet.

Kein Wunder, denn der Englisch-, Französisch- und Deutschlehrer ist mit einer Amerikanerin verheiratet und kennt die US-Abendschulen durch seine Aufenthalte in dem fernen Land. In dem Weiterbildungsangebot für Erwachsene sieht Kellermann einen Weg, den "schaffenden Schichten" für "einen sozialen Aufstieg und Ausgleich" zu dienen.

Mit der Machtergreifung durch die Nazis wurden Kellermanns Aussagen zur Bildung öffentlich auf das Gehässigste angegriffen - und es wurde seine Absetzung als Leiter der Abendschule gefordert, hat Winfried Biener, der frühere Leiter der Kasseler Abendschule, herausgefunden. Viele seiner Lehrerkollegen beschimpfen ihn.

Bereits mit der Machtergreifung der Nazis 1933 gibt es in Kassel viele antisemitische Kundgebungen. 2301 jüdische Einwohner leben damals in der Stadt. Kellermann hat Juden beraten und ihnen kostenlos die englische Sprache beigebracht. Mehr noch: Er hilft ihnen, aus Deutschland auszuwandern und durch Empfehlungsschreiben an seine amerikanischen Verwandten und Freunde in Amerika Fuß zu fassen.

Wegen dieser Aktivitäten hat der Kasseler Dezernent der Abteilung für Kunst und Volksbildung dem Pädagogen nicht nur mit Entlassung, sondern mit KZ gedroht. Doch Kellermann lässt sich nicht einschüchtern. Er tritt weiter als erbitterter Gegner des Nationalsozialismus auf.

Statt KZ hat Kellermann anderes zu erleiden: Er wird nicht mehr befördert, das Abendgymnasium muss er 1934 schließen. Der Pädagoge verliert die Direktorenzulage von 1200 Mark jährlich und wird dem Realgymnasium II (das heutige Goethegymnasium) als Studienrat zugewiesen. Als diese Schule schließt, wird er an die Oberrealschule I (heute Albert-Schweitzer-Schule) versetzt.

Im Herbst 1937 ist er schließlich des Kesseltreibens müde und bemüht sich um eine neue Stelle in einer anderen Stadt. Die findet er 1938 in Köln-Lindenfals als Studienrat an der Oberschule für Jungen. Doch auch dort ist er schweren Anfeindungen ausgesetzt, weil er wieder von fanatischen Nationalsozialisten umgeben ist.

1944 verliert er bei einem Bombenangriff sein gesamtes Hab und Gut und flüchtet nach Eschwege. Nach dem Einmarsch der US-Truppen arbeitet er kommissarisch als Kreisschulrat in dieser Stadt.

Doch er will lieber wieder unterrichten und nimmt die Stelle an der Elisabethschule in Marburg, einer Oberschule für Mädchen, an. Nach Kassel kehrt er nie wieder zurück.

Von Beate Eder (Artikel "Pazifist und Nazigegner" in der HNA vom 2. April 2008)