1959

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documenta II und neues Theater

Kunst und Kultur sorgten für die herausragenden Ereignisse des Jahres 1959. Am 11. Juli wurde die documenta II eröffnet, am 12. September der Neubau des Staatstheaters.

Ein schwülwarmer Sommerabend in der Karlsaue, der beleuchtete Skulpturengarten vor der Ruine der Orangerie, dieses Bild prägt bei vielen Zeitzeugen bis heute die Erinnerung an die documenta II. Viele hundert Menschen feierten am Abend des Eröffnungstages ein abendliches Gartenfest, vor der "Großen Sitzenden" des berühmten englischen Bildhauers Henry Moore spielte ein Jazz-Quartett. Die Kunstexpertin der Rheinischen Post (Düsseldorf) beschrieb die Atmosphäre so: "Düfte des Sommers wehten hinüber, der barocke Figurenreigen auf dem Dach eines der ausgebrannten Pavillons hob sich ab gegen das Licht der zarten Mondsichel. Jugend tanzte angesichts eines Götterbildes von Moore. Aus allen westeuropäischen Ländern und von Übersee war man in die kleine Stadt an der Fulda gekommen, die sich aufs gastlichste ihrer Besucher annahm."

Der Auftakt im Sommer 1959 war gelungen, aber wie reagierte die internationale Kritik auf die documenta II? Nach Verrissen, wie sie in der jüngeren documenta-Geschichte zur Tagesordnung gehörten, sucht man vergebens. Lob und Anerkennung überwiegen deutlich, aber was wäre ein Kritiker, wenn er nicht doch etwas auszusetzen hätte? Die Londoner "Times" zum Beispiel krittelte, daß bei den meisten englischen Künstlern die Absicht erkennbar werde, sie lediglich in den Ecken zu verstauen. Ansonsten fällt die Bewertung der Ausstellung nahezu überschwenglich aus. Jeder englische Besucher müsse von Neid erfaßt sein angesichts des städtischen Unternehmergeistes, der ein solches Ereignis in einer deutschen Provinzstadt von wenig mehr als 200 000 Einwohnern ermögliche. Die Kollegen vom "Observer" bezeichnen die documenta als eine der anspruchsvollsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, die je unternommen wurden. Die Auswahl der Werke unter der Leitung von Professor Arnold Bode sei "tendenziös, aber im Endergebnis gerechtfertigt und auch erfolgreich". Und die österreichische Zeitung "Kurier" schrieb: Hier sollten unsere Wiener Ausstellungsmanager einmal einige Tage studieren, wie man eine Ausstellung arrangiert, wie man Bilder hängt!"

Keine Frage, das Echo auf die documenta II war ausgesprochen positiv. Ihr Anspruch war nicht mehr und nicht weniger als die Kunst nach 1945 zu dokumentieren. Ausstellungsorte waren das Fridericianum, die Ruine der Orangerie und das gerade restaurierte Palais Bellevue. Bei der Auseinandersetzung mit den Auswahlkriterien ging es immer wieder darum, warum die gegenständlichen Künstler fehlten. Unter dem Strich bescheinigten die Kritiker der Jury, daß sie zu Recht davon ausgegangen sei, die "Kunst der Welt strebe unaufhaltsam zum Abstrakten". Man müsse diese Ausstellung gesehen haben, es werde so schnell keinen anderen Ort geben, der so voll sei von "brennender Gegenwart".

Gut 134 000 Besucher kamen zur documenta II, 326 Künstler waren vertreten. Ein kleiner Auszug mag verdeutlichen, warum viele Kritiker und Besucher so angetan von der Ausstellung waren. In Kassel zu sehen waren Werke von: Max Beckmann, Marc Chagall, Max Ernst, Wassily Kandinsky, Ernst-Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Le Cobusier, Rene e Magritte, Franz Marc, Henri Matisse, Joan Miro´, Piet Mondrian, Henry Moore, Emil Nolde, Pablo Picasso, Jackson Pollock oder Oskar Schlemmer.

Eröffnung mit Festakt

Am 12. September 1959 war es soweit: Nach fast 15 Jahren der Evakuierung mit dem Notquartier Stadthalle wurde das neue Staatstheater mit einem Festakt eröffnet. Die Querelen um die Vorgeschichte waren natürlich nicht vergessen, aber jetzt freuten sich alle auf die Eröffnungsvorstellung der von Rudolf Wagner-Re´geny komponierten Oper "Prometheus". Neben Ministerpräsident Georg August Zinn und Oberbürgermeister Lauritz Lauritzen stand auch Intendant Hermann Schaffner auf der Rednerliste. Der erinnerte sich: "Als ich in den letzten Wochen in ständigen Rundgängen das neue Theater erkundete, da schweiften die Gedanken manches Mal zurück, - 14 Jahre zurück in ein russisches Gefangenenlager -, gefangene Schauspieler hatten sich mit mir zusammengefunden und eine Lagerbühne gegründet. Damals zeigte die Resonanz der Leidensgefährten noch einmal, welche belebenden Kräfte selbst ein improvisiertes Komödiantenspiel auszulösen vermag."

Auf Sylt nichts mehr frei

Das Kreisjugendseeheim auf Sylt hat kein Bett mehr frei, so lautet die Überschrift in der HA vom 7. Juli 1959. Weiter im Text: Der Bearbeiter der Ferienfreizeiten auf Sylt im Landratsamt Kassel "ertrinkt" in Anmeldungen für das Jugendseeheim Klappholttal. Aufgemuntert vom herrlichen Sommerwetter entdeckten viele Urlauber, leider viel zu spät, ihre Liebe für die See. "Beim besten Willen können wir niemanden mehr unterbringen", sagt der Sachbearbeiter. Die Kreisverwaltung bittet deshalb alle Sonnenhungrigen, die noch nach Sylt wollen, in diesem Jahr andere Pläne zu schmieden. Auf jeden Fall rät sie davon ab, auf eigene Faust ins Klappholttal zu reisen. Auch im Zeltlager ist nichts mehr frei.