1940

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Zwangsarbeit ohne Wasser und Brot

Die ersten Zwangsarbeiter kamen 1940 nach Kassel. Sie lebten in Barackenlagern und mußten in Industrie und Landwirtschaft schwerste Arbeit leisten.

Im Sommer 1940 ließ die Geheime Staatspolizei Kassel ein Arbeitserziehungslager für Schutzhäftlinge in der Landesarbeitsanstalt Breitenau einrichten. Das Lager war als Vorstufe eines Konzentrationslagers anzusehen. Die Häftlinge waren zum größten Teil Polen und Juden, aber auch Russen, Franzosen, Holländer, Belgier, Tschechen und Italiener waren unter den Gefangenen. Es handelte sich um Zwangsarbeiter, die seit Beginn des Krieges nach Deutschland geschafft und in der Industrie und Landwirtschaft eingesetzt wurden.

Nach Kassel kamen die ersten Zwangsarbeiter 1940. Wer die verlangte Arbeitsleistung nicht erbrachte, wurde als Arbeitsverweigerer eingestuft und ins Lager überstellt. Ein Teil der Häftlinge wurde nach drei bis vier Wochen an ihren Arbeitsplatz zurückgeschickt, andere kamen in Konzentrationslager. Unter den Gefangenen waren auch Frauen, "weibliche Schutzhäftlinge".

Das Arbeitserziehungslager Breitenau war eine eigenständige Einrichtung der Gestapostelle Kassel, die in die bestehende Struktur der Landesarbeitsanstalt und des Fürsorgeheims eingegliedert wurde. Die Geheime Staatspolizei zahlte für Unterbringung, Verpflegung, Kleidung und Bewachung der Häftlinge einen "Pflegesatz" von 1,50 RM. Die Leitung des Lagers übernahm der damalige Direktor der Landesarbeitsanstalt, Georg Sauerbier. Im Schnitt befanden sich 1940 360 Gefangene in Breitenau.

Seit April 1940 galt für alle Polen der Jahrgänge 1915 bis 1925 die Arbeitspflicht in Deutschland, die später auch auf andere Nationalitäten ausgedehnt wurde. Viele von ihnen wurden gewaltsam aus ihren Dörfern geholt, nach Deutschland gebracht und zum Arbeitseinsatz in der Rüstungsindustrie und der Landwirtschaft gezwungen. Sie mußten zehn bis zwölf Stunden an sechs Tagen in der Woche für einen Hungerlohn arbeiten, wurden in Baracken und Behelfsunterkünften untergebracht, waren schlecht verpflegt und gekleidet. Das Essen bestand meist aus dünner Kartoffel- oder Steckrübensuppe, die in Kübeln zubereitet und in Blechnäpfen ausgegeben wurden. Meist gab es nicht einmal Brot. Die Baracken waren überbelegt und voller Ungeziefer. Infektionskrankheiten breiteten sich aus, die medizinische Versorgung war völlig unzureichend. In Kassel existierten nachweislich mindestens 200 solcher Unterkünfte. Zehn große Lager besaß die Firma Henschel.

Am schlimmsten war die Lage für die Zwangsarbeiter aus Osteuropa. Durch die Polenerlasse vom März 1940 (und die Ostarbeitererlasse von 1942) wurden Menschen gezwungen, wie später auch die Juden, eine Kennzeichnung zu tragen, ein "P" beziehungsweise "Ost". Sie wurden schlechter als andere mit Lebensmitteln versorgt, erhielten einen geringeren Lohn und hatten keinerlei Arbeitsrechte. In den 80er Jahren wurden Erinnerungen ehemaliger Zwangsarbeiter protokolliert. Ein gebürtiger Pole, Herr Z., der im März 1940 als Zwangsarbeiter nach Kassel kam, erinnerte sich an seine Ankunft am Kasseler Hauptbahnhof, von wo aus er und seine Landsleute mit Lastwagen in das Lager Struthbachweg/Holländische Straße transportiert wurden. Unter den Ankömmlingen war ein Pole mit Hafersack und Peitsche in der Hand, ein Kutscher, den man in Warschau eingefangen hatte. Herr Z. wurde als gelernter Schmied bei Henschel & Sohn im Werk Rothenditmold im Kesselhaus eingesetzt, wo er einen Schmiedhammer bedienen mußte.

Die Zustände im Lager beschreibt der Zwangsarbeiter als chaotisch, es herrschte Wassermangel und die Aufseher quälten die Insassen mit Schikanen und Schlägen. Kontakte zwischen den einzelnen Gruppen im Lager wurden unterbunden, Kontakte zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Lagerinsassen wurden ab 1940 unter strenge Strafe gestellt. Ein holländischer Zwangsarbeiter bestätigt, daß es den Polen besonders schlimm erging: "Der Pole war kein Mensch in den Augen der Deutschen."

Die Ideologie von der Überlegenheit der Deutschen über andere Völker wurde durch die Siege der Wehrmacht in Polen und besonders im Sommer 1940 gegen Frankreich gestützt. Auch in Kassel wurden heimkehrende Soldaten im Juli 1940 als Sieger bejubelt. Kaum jemand konnte sich vorstellen, wie lange und blutig dieser Krieg noch werden sollte.


Die Gerhardtsche Badebrücke - spektakuläres Unglück auf der Fulda

Im Winter 1940 wurde die Badebrücke des Gerhardtschen Flußbades von den Eismassen der Fulda mitgerissen, trieb gegen die Drahtbrücke und beschädigte diese. Die Brücke hatte ab der Badesaison 1897 den Bootsverkehr zwischen dem Auedamm und dem Flußbad ersetzt; in jedem Frühjahr wurde sie etwa dort aufgebaut, wo noch heute am östlichen Fuldaufer der Uferweg zur Arndtstraße abknickt, und zum Ende der Badesaison wieder abgebaut. Während des Krieges war der Abbau allerdings unterblieben, was zu dem spektakulären Unglück führte.

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