Zweiter Weltkrieg

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Bomben zerstörten die Stadt Kassel im Oktober 1943 - Foto: Archiv HNA

Mit dem Überfall deutscher Truppen auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg.

Nur wenige Jahre später, am 4. April 1945 marschierten Soldaten der 80. Infanterie-Division der US-amerikanischen Armee über die Wilhelmshöher Allee in Kassel ein und der Krieg war für die nordhessische Metropole vorbei.

Dazwischen lagen Jahre unendlichen Leids, besonders für jüdische Mitbürger oder tausende Zwangsarbeiter. Und im Oktober 1943 versank Kassel in Schutt und Asche. Mehrere hundert britische Flugzeuge warfen in der Nacht zum 23. Oktober Bomben im Gesamtgewicht von 1500 Tonnen über Kassel ab und rund 10.000 Menschen kamen ums Leben.

Geschichte

Begeisterung wie zu Kriegsbeginn 1914 gab es nach Zeitzeugenberichten in Kassel zu Beginn des Zweiten Weltkriegs nirgends. Das Leid von damals und die Folgen des Krieges sind noch in wacher Erinnerung.

Aber es gibt auch andere Bilder: So treffen sich fast 300.000 Soldaten im Juni 1939 in Kassel zum 1. Großdeutschen Reichskriegertag. Adolf Hitler fliegt in die Stadt und nimmt die Parade ab. Er greift in seiner Rede England an. Die Euphorie kennt in den ersten Junitagen keine Grenzen. Kassel ist nicht nur im Blickpunkt Deutschlands. Ganz Europa schaut, wenn auch größtenteils sorgenvoll, auf die Fuldastadt, in der fast 300.000 deutsche Soldaten aus dem Weltkrieg und der Wehrmacht aufmarschieren. Die Zeitungen scheinen nur ein Thema zu kennen: Den 1. Großdeutschen Reichskriegertag vom 2. bis 4. Juni. Pompöser und lautstarker als vorangegangene Kriegertage. Großdeutsch, weil Österreich, das Sudetenland und das Memelgebiet an das Reich "angeschlossen" sind.

Kassel hat sich besonders für einen Tag herausgeputzt. Es ist der Sonntag, der Abschlusstag, an dem sich Adolf Hitler angekündigt hat um die Militärparade abnehmen will. Bei seiner Ankunft sind Ehrenkompanien angetreten und es erklingt der Badenweiler-Marsch. Hitler begrüßt den Chef des Reichskriegerbundes, General Wilhelm Reinhard, und den Gauleiter Karl Weinrich. Führende Militärs und hochrangige Nationalsozialisten, unter ihnen Generaloberst Wilhelm Keitel und Reichsleiter Martin Bormann, begleiten Hitler.

Die "Kasseler Neuesten Nachrichten" berichtet von einer Triumphfahrt. Hitler steht und grüßt in seinem offenen Wagen. Er rollt über die Leipziger Straße, die Fuldabrücke, die Altstadt hinaus bis zur Königsstraße. Tausende Kasseler jubeln ihm frenetisch zu. Das Stadtzentrum ist ein einziges Fahnenmeer. Überall sind Lautsprecher aufgestellt. Menschen, insgesamt wohnen rund 200.000 Bürger dem Kriegertag bei, säumen jubelnd die Straßen.

Wohl kaum jemand ahnt in diesen Wochen, was auf Kassel zukommen wird. Dabei sind die ersten Auswirkungen schon gleich zu Beginn des Krieges spürbar. Lebensmittel sind nur noch für den persönlichen Bedarf erhältlich - gegen Vorlage eines Berechtigungsscheines.

Kassel als Rüstungszentrum

Während des Krieges gab es in Kassel 21 Rüstungsbetriebe. Trotz zunehmender Bombenangriffe lief die Produktion 1942 auf Hochtouren.

Wer die gleichgeschalteten Kasseler Zeitungen des Jahres 1942 durchsieht, kann auf den Titelseiten eine Erfolgsmeldung nach der anderen zum Kriegsverlauf lesen. Zwischen all den Propagandameldungen gibt es aber auch Hinweise auf die schreckliche Realität des Krieges. Es vergeht kein Tag mehr ohne Todesanzeigen von gefallenen Kasseler Soldaten. Monat für Monat werden es mehr. Von 25 Familienanzeigen in der Kasseler Post Anfang Dezember beklagen 20 den Tod eines Angehörigen.

Zwei typische Beispiele: "Unfaßbar hart und schwer traf uns die Nachricht, daß unser lieber guter und einziger Sohn Wilhelm H., Gefreiter in einem Grenadierregiment, am 25. November 1942 den Heldentod im Osten fand." Und: "... traf uns die erschütternde Nachricht, daß unser einziges Kind, der Abiturient und Kriegsfreiwillige Willi T., 15 Tage vor seinem 19 Geburtstag bei den harten Kämpfen in Ägypten den Heldentod für Großdeutschland fand."

In den ersten Monaten des Krieges hatte sich noch kaum jemand vorstellen können, wie furchtbar er werden würde. Die Auswirkungen wurden jetzt auch an der sogenannten "Heimatfront" immer deutlicher. Am 28. August 1942 griffen 274 Bomber das Stadtgebiet an. Militärische Einrichtungen, Industrieanlagen, Krankenhäuser und Wohnviertel wurden getroffen, es gab 43 Tote und 251 Verletzte. Als Zentrum der Rüstungsindustrie war Kassel ein wichtiges Ziel für die alliierten Luftangriffe. Die größten der insgesamt 21 Standorte waren die Fieseler-Werke, das Henschel - Flugmotorenwerk Altenbauna und das 1940 errichtete Zweigwerk der Firma Junkers in Bettenhausen. Ab Mitte 1942 wurden in Kassel die von Henschel und Porsche entwickelten schweren Kampfpanzer Tiger I und Tiger II gebaut. Damit gehörte Henschel zu den drei größten Panzerherstellern des Reichs. Der wichtigste Zulieferer war die als Waggonfabrik gegründete Kasseler Firma Wegmann, die die Türme für den "Tiger" herstellte. Im Juni bekamen die Fieseler-Werke vom Reichsluftfahrtministerium den Auftrag, ein "Ferngeschoß in Flugzeugform" zu entwickeln. Die Fliegerbombe Fi 103 wird als V1 bekannt. Eine Spitzenstellung in Europa hatte Henschel als Produzent für Lokomotiven, die das wichtigste militärische Transportmittel waren. Für die Militärstrategen gaben diese Eckdaten den Ausschlag für den Einsatz der Bomberstaffeln.

Zwangsarbeiter

Zumindest für die Rüstungsproduktion zeigten die Angriffe auf Kassel 1942 noch keine große Wirkung. Die lief weiter auf Hochtouren. Ohne den Einsatz von Frauen, Kriegsgefangenen und ausländischen Zwangsarbeitern wäre das nicht möglich gewesen. Allein bei Henschel wurden 1942 in der Rüstungsproduktion über 6000 Zwangsarbeiter eingesetzt. Insgesamt waren es in Kassel bis zu 30 000 ausländische Arbeitskräfte, es gab Massenquartiere in der Nordstadt, am Mattenberg und in Waldau. Hinzu kamen rund 200 kleinere Lager und Unterkünfte. Jeder zweite Rüstungsarbeiter in Kassel war Ausländer. Sie alle schufteten unter oft menschenunwürdigen Bedingungen, die Kasseler Rüstungsschmieden liefen rund um die Uhr.

Kassels Jüdische Gemeinde

Es waren die dunkelsten Stunden, die die Jüdische Gemeinde in Kassel am 7. November 1938 über sich ergehen lassen musste. Hunderte Menschen sahen am Abend an der Bremer Straße/Ecke Untere Königsstraße zu, wie ein aufgebrachter brauner Mob die 1839 eingeweihte große Synagoge stürmte. Männer schleppten Gebetsrollen und andere Gegenstände auf die Straßen und zündeten sie an.

In der Großen Rosenstraße im Schul- und Verwaltungsgebäude der Gemeinde mit Altersheimplätzen und der benachbarten orthodoxen Synagoge kannte der Pöbel auch keinen Halt mehr. Während die beschädigte große Synagoge abgetragen wurde und 1939 verschwunden war, durfte in dem orthodoxen Gotteshaus noch bis 1942 weitergebetet werden. In jenem Jahr, am 7. September, musste die letzten Juden in Deportationszügen die Stadt verlassen. Damit war nur noch jüdische Geschichte in Kassel zurückgeblieben, deren erste Synagoge auf das Jahr 1398 zurückgeht. Sie stand in der Judengasse in der Altstadt.

Nach 1600 wurde der Gottesdienst in der Marktgasse abgehalten. Mitte des 17. Jahrhunderts durfte die wohlhabende Familie Goldschmidt Gottesdienste in ihrem Haus am Judenbrunnen in der Nähe des Altmarkts feiern. 1715 wurden alle Privatgottesdienste verboten; lediglich ein Bet-Raum an der Fliegengasse stand der Gemeinde zur Verfügung. Ab 1755 gab es am Töpfenmarkt einen Erweiterungsbau mit 109 Plätzen. Den stärksten Zulauf hatte die Gemeinde Ende des 19. Jahrhunderts mit 3500 Mitgliedern. Nach dem Terror der Hitler-Diktatur gab es nur kurz nach Kriegsende am 15. Mai 1945 den ersten jüdischen Gottesdienst in der Turnhalle der heutigen Friedrich-Wöhler-Schule.

Mai 1943: Bomben auf Möhne- und Edertalsperre

1350 Menschen starben in den Fluten

In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 zerstörten britische Lancaster-Bomber mit Spezialbomben die Eder- und die Möhnetalsperre, um die für die deutsche Rüstungsindustrie lebenswichtige Stromversorgung zu unterbrechen. Beide Dämme brachen und setzten gewaltige Flutwellen frei. 330 Millionen Tonnen Wasser rissen Menschen und Tiere, Brücken, Eisenbahnlinien und Häuser mit sich. Die Menschen wurden von den Fluten vollkommen überrascht, weil es für den Fall eines Angriffs kein Warnsystem gab. Im Möhnetal starben über 1300 Menschen, darunter 750 Zwangsarbeiterinnen aus Rußland und Polen, die in einem Barackenlager untergebracht waren. An Eder und Fulda kamen 47 Menschen ums Leben. Die Fluten führten auch in Kassel zu großen Überschwemmungen.

Acht der 19 britischen Maschinen kehren nicht zurück. Von den 56 Mann ihrer Besatzungen überleben nur zwei, die in Gefangenschaft geraten.

Oktober 1943: Kassel versank in Schutt und Asche

Mehrere hundert britische Flugzeuge warfen in der Nacht zum 23. Oktober Bomben im Gesamtgewicht von 1500 Tonnen über Kassel ab. Rund 10.000 Menschen kamen ums Leben.

"...dann hat meine Tochter geschrien: ,Mutti, ich ersticke’, die lag unter lauter Toten da im Keller. Und ich hatte meine Jüngste auf dem Arm, und das Kind hat noch bis 6 Uhr morgens gelebt..." Diese später zu Protokoll gegebenen Erlebnisse der damals 29jährigen Gretel S. aus der Kasseler Kastenalsgasse 34 spiegeln die Schrecken und das Grauen wieder, von denen Zehntausende von Kasseler Familien in der Bombennacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943 heimgesucht wurden.

Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte "Weiße Palais" an der Ecke Friedrichsplatz/ Obere Königsstraße; ganz rechts die erhalten gebliebene Fassade des Nahlschen Hauses

Nach dem Ende der stundenlangen Angriffe mehrerer hundert britischer Bomber auf die Stadt an der Fulda waren rund 10000 Menschen tot. Sie waren unter Trümmern begraben, erstickt oder bei der Flucht aus den verqualmten Luftschutzkellern in dem auf den Straßen tobenden Feuersturm verbrannt. In jener Nacht versank Kassel in Schutt und Asche. Von der historischen Altstadt, die den Lancaster- und Halifax-Bombern als Zielpunkt für ihren Flächenangriff mit Sprengbomben, Stabbrandbomben und Luftminen bis zur Größe von Litfaßsäulen diente,(verschiedene Bombenteile sind im Landesmuseum zu sehen) blieb so gut wie nichts mehr übrig.Den Feuerschein konnte man sogar in Borken (Kreis Fritzlar Homberg)noch sehen.

Die mehr als tausendjährige Stadt war auf der Prioritätenliste der alliierten Luftkriegsziele ganz oben eingestuft, weil sie als bedeutender Eisenbahnknotenpunkt galt und so wichtige Rüstungsbetriebe wie Henschel (Panzerbau) und Fieseler (Flugzeuge) beherbergte. Seit 1942 richteten Briten und Amerikaner ihren Bombenkrieg aber auch gezielt gegen die deutsche Zivilbevölkerung, um ihren Widerstandswillen zu brechen eine Rechnung, die allerdings nicht aufging.

Die rund um Kassel angelegten Flak-Gürtel hatten die anfliegenden Maschinen nicht stoppen können. Die Funkmeßgeräte neben den Geschützen waren durch den Abwurf von Unmengen von Stanniolstreifen bei der Zielerfassung stark behindert, ebenso die Scheinwerfer durch britische Leuchtbomben und den kilometerhoch aufsteigenden Rauch. Dennoch gelang den Flak-Bedienungen, darunter auch viele Oberschüler, und den deutschen Nachtjägern der Abschuß von 48 Bombern.

Einer der bei einer Schweren Flak-Batterie in Obervellmar eingesetzten jungen Luftwaffenhelfer, Gebhard Niemeyer, schrieb in sein Tagebuch: "Während des Angriffs sahen wir drei Maschinen abstürzen, lichterloh brennend. Das war ein stolzer Anblick. Die eine Maschine stürzte etwa in südlicher Richtung von uns ab. Wir vermuteten etwa am Bahnhof Harleshausen." Und weiter: "Da flog im Osten von uns etwa gegen 23 Uhr die Munitionsanstalt Ihringshausen in die Luft, eine fürchterliche Stichflamme, eine gewaltige Explosion."

Als am 23. Oktober der Morgen graute, bestand das innere Stadtgebiet nur noch aus einem qualmenden Ruinenfeld. In der Oberen Karlsstraße, auf dem Marställer Platz Königsplatz,Fridrichsplatz und an vielen anderen Stellen lagen aufgereiht die Opfer, verstümmelt oder bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. Binnen drei Tagen mußten fast 10.000 Tote zum Teil in Massengräbern beigesetzt werden.

Noch sieben Tage nach dem Angriff schlugen aus den Ruinen Flammen, wie die britische Luftaufklärung feststellte. Gebhard Niemeyers Tagebuch-Eintrag "Kassel ist nicht mehr" gab das Empfinden der Überlebenden wieder. Wohl kaum jemand konnte sich damals vorstellen, daß die Stadt angesichts der unvorstellbaren Verwüstung jemals wieder aufgebaut werden könnte.

Die Kurhessische Landeszeitung (mit dem Zusatz: Zweite gemeinsame Notausgabe mit den Kasseler Neuesten Nachrichten) titelte am 26. Oktober 1943: "Kasseler Bevölkerung verhielt sich vorbildlich". Und im Text hieß es schwülstig, Kassels Bürger hätten sich "bei dem schweren Terrorangriff" dem Geist der Front ebenbürtig erwiesen. Tags zuvor hatte Gauleiter Weinrich "die tapfere Bewährung von Frauen, Männern, Jungen und Mädeln, die den Flammen Einhalt zu gebieten versuchten", als beispiellos gelobt.

In den folgenden Tagen und Wochen aber füllten die Todesanzeigen viele Seiten der Kurhessischen Landeszeitung.

Zeitzeugenberichte

Schleusen der Hölle öffneten sich

Nach dem Angriff wurden bei der Kasseler Vermißtensuchstelle Berichte Überlebender zu Protokoll gegeben. Einige wurden in Werner Dettmars Buch "Die Zerstörung Kassels im Oktober 1943" veröffentlicht.

"Es erscheint Frau K. Ottilie, ehemals Pferdemarkt 9, jetzt Steinhöferstr. 8 (geb. 22.10.1893, also am Terrortag), und sagt aus", protokollierte am 14. März 1944 die Vermißtensuchstelle der Stadt Kassel.

"Wir wollten uns gerade zum Abendessen setzen, als die Sirene ertönte. Haben dann unsere bereitstehenden Koffer mit in den Keller genommen. Wasser und Sand waren anscheinend in genügender Menge da und eigentlich nahm man ja an, daß es nicht so ernst werden würde", berichtete die Frau.

"Im Keller waren alle Hausbewohner und unser Lehrmädchen und ein Soldat. Die Leute waren eigentlich ruhig. Als gar nicht eine Schießpause eintrat, wurden sie ängstlich. ... Als die Männer (Kriegsversehrte+Greise, die man an der Front nicht mehr brauchen konnten) zum Fenster raus sahen, stellten sie fest, daß bereits die ganze Altstadt ein Flammenmeer war."

Inzwischen hatten die Räume über dem Keller Feuer gefangen, das sich nach unten durchfraß. Man beschloß, den Keller zu verlassen, um nicht zu ersticken.

"Meine Tochter mit ihrer Freundin machte den Anfang. Sie sollten zum Martinsplatz laufen, wo sie noch genügend Luft fanden. Wir sahen sie dann noch aus dem Hausflur zur Kasernenstraße hineilen, unter ihren nassen Decken. Und das war das Letzte, was wir von ihnen noch gesehen haben. ... Jetzt bin ich mit meinem Mann alleine, es war unsere einzige Tochter", endet der erschütternde Bericht.

Der Drahtzaunfabrikant Anton Sch., ehemals Wolfhager Straße 38, jetzt Wurmbergstraße 75, berichtete: "Als wir den Keller betraten, öffneten sich die Schleusen der Hölle über dem Himmel in Kassel. Ohne Pause hörte man es zischen, pfeifen, gurgeln, brausen, krachen, donnern... Die einzige Sorge, die mich bewegte, war die, wie kommen wir von hier aus ins Freie? Im Keller hätten wir unweigerlich verschmoren müssen. Ein vierjähriges Mädchen fing laut an zu beten und rief ihr verstorbenes Brüderchen an: ,Rudolf, du bist im Himmel, du mußt uns retten!’"

Bericht eines jungen Rekruten

Mein Vater, geb. 1925 in Kassel, aufgewachsen in der Entengasse im Herzen Alt-Kassels, später mit Familie lange Zeit in Welheiden ansässig und danach als Ruheständler im Flüsseviertel, war ein waschechter Kasseläner mit hugenottischem Hintergrund. Er war als junger Wehrmachtsrekrut in Weimar bei Kassel stationiert; später landete er mit einem Himmelfahrtskommando in Italien und entging somit einem schlimmeren Schicksal. Nach Kriegsende kam er dünn, müde, traumatisiert, aber wohlbehalten zu Fuß nach Kassel zurück. Sein Bericht ist ein Auszug aus seinen Lebenserinnerungen bis 1945. Es wäre schön gewesen, auch die vielen Jahre danach noch nachlesen zu können, da er aber ein sehr aktiver Mensch war, kam er nicht so oft zum Schreiben. Sehr bedauerlich. Hier sein Bericht:

"...Da ja auch hier immer wieder nächtlicher Fliegeralarm ertönte, wurden wir alle für besondere Aufgaben bei Luftalarm ausgebildet. Ich hatte die Aufgabe, bei Fliegeralarm sofort einen Feuerlöschposten bei den örtlichen Fahrzeughallen zu beziehen. Dies tat ich auch am späten Abend des 22. Oktober 1943. Der Alarm wurde bei uns gegen 22 Uhr ausgelöst und nach einiger Zeit, ich hatte von meinem Standplatz eine gute Fernsicht nach Westen, sah ich, dass sich der Himmel in Richtung Heimat wie bei einem Sonnenuntergang mitten in der Nacht rot verfärbte. Ich wurde sehr nachdenklich, und als ich in den Kasernentrakt zurückkam,erfuhr ich von einem schweren Luftangriff auf Kassel. Dies war an einem Freitag / Nacht zum Samstag.

Ich war sehr unruhig und wartete auf den Sonntag, da wollte mich meine Mutter in Weimar besuchen, was sie öfters tat. Aber an diesem Sonntag wartete ich auf dem Bahnhof vergeblich auf einen Zug aus Richtung Kassel. Erst sehr viel später traf ein Zug aus Richtung Westen ein, und ich fragte den Eisenbahner an der Fahrkartensperre, ob Reisende aus Kassel dabei gewesen wären. Er verwies mich auf ein Ehepaar, welches ganz schwarz gekleidet war. Ich ging zu den Leuten und holte mir Auskunft. Und die war für mich niederschmetternd. Nach meinem Wohnsitz in Kassel befragt, gaben sie mir die Auskunft, dass in der Kasseler Altstadt kein Stein mehr auf dem anderen stünde und dass der größte Teil der hier wohnenden Menschen den Flammentod gefunden hätten. Auf dem Rückweg zur Kaserne überfielen mich Weinkrämpfe und Fieberanfälle, so dass ich das Krankenrevier aufsuchen musste. Ich bat meinen Kompaniefeldwebel, mir Sonderurlaub zu gewähren, aber er verwies mich auf die Vorschriften, dass erst eine Nachricht von Angehörigen vorliegen musste. Ich erklärte ihm meine Situation, und da er ein weiches Herz hatte, gab er mir auf eigene Verantwortung einen Sonderurlaubsschein mit der Auflage, wenn nichts ist, sofort zurückzukommen. Dies versprach ich ihm auf die Hand und fuhr am Montag morgen, am 25.10.43 nach Kassel.

Die Fahrt endete für alle Züge in Kassel-Wilhelmshöhe, und hier wurden alle ankommenden Soldaten von der Feldgendarmerie in Empfang genommen. Fronturlauber mussten ihre Waffen sofort abgeben, da es in den letzten Tagen viele Selbstmorde in der Stadt gegeben haben soll. Ich hatte ja keine als Rekrut und konnte losziehen. Was sich meinen Augen bot, als ich in die Altstadt kam, kann ich hier kaum in Worten wiedergeben, aber es ist ja alles hinreichend bekannt.

Ich versuchte, meine Mutter zu finden, indem ich viele bis zur Unkenntlichkeit verbrannte und erstickte Leichen überprüfte. Unsere Straße war von den herabgestürzten Trümmern verschüttet und nur noch in der Mitte war ein Streifen von vielleicht einem Meter frei, und hier lagen die geborgenen Toten.

Meine Mutter war aus dem brennenden Inferno unter Einsatz ihres Lebens geflüchtet - wir haben uns in Nordshausen bei einer Cousine von ihr wiedergetroffen, um dann als Bombengeschädigte nach Hümme bei Hofgeismar zu evakuieren. Hier hatten wir ja zahlreiche Verwandte und kamen dort auch unter. Ich meldete mich auf der Standortkommandatur am Opernplatz Ecke Obere Königsstraße und hier wurde mein Urlaubsschein verlängert und meine Einheit in Weimar verständigt. In den Tagen darauf versuchte ich noch mit meiner Mutter, aus unserem Keller etwas zu bergen, aber außer ein paar Porzellangegenständen war alles verbrannt. Mein schönes Fahrrad, das ich so geliebt hatte, war auf einem Trümmerberg an einer herausragenden Stange ausgeglüht hängengeblieben."

Kapitulation 1945

Hessische Post, Ausgabe Nr. 3 am 12.Mai 1945 - Herausgeber: Die Amerikanische 12. Heeresgruppe für die Deutsche Zivilbevölkerung

Die "Festung Kassel" fällt am 4. April

Dann war alles vorbei: Die "Festung Kassel" wird am 4. April von der 80. US-Infanterie-Division eingenommen. Die Kasseler versuchen, so etwas wie Normalität herzustellen.

Am 3. April gibt sich der Reichspropagandaminister noch zuversichtlich. Joseph Goebbels notiert in sein Tagebuch: "In Kassel finden augenblicklich härteste Kämpfe statt. Hier wird Gerland sein Meisterstück abzulegen haben." Gauleiter Karl Gerland ist derweil längst nicht mehr an dem Platz, an dem Goebbels ihn so gerne so erfolgreich gesehen hätte.

Er hat sich in Richtung Harz abgesetzt. Und wären die Goebbels-Tagebücher nicht bewußt als Werk für die Nachwelt produziert worden, sondern hätten ehrlich Zeugnis ablegen wollen von den Geschehnissen der letzten Kriegstage, hätte der Minister bereits einen Tag später eine Schlappe für das Nazi-Regime notieren müssen. Am 4. April kapituliert die "Festung Kassel". Soldaten der 80. Infanterie-Division der US-amerikanischen Armee marschieren über die Wilhelmshöher Allee in die Stadt ein, der Krieg ist für die nordhessische Metropole vorbei.

Schwere Angriffe

Viele Kasseler werden darauf seit Wochen gehofft haben. In dem blinden Wahn, der Fanatismus zueigen ist, setzt Generalmajor von Erxleben aber den Befehl um, die "Festung Kassel bis zum letzten Mann" zu verteidigen. Die Antwort der Alliierten sind schwere Luftangriffe am 8. und 9. März, ebenso am 18. und am 20. Der 21. März geht in die Stadtgeschichte ein als der Tag, an dem Kampfpiloten den letzten Luftangriff auf die Stadt fliegen. Es ist der 40.

Ende März 1945 wissen die Menschen natürlich noch nichts davon, daß sie in der Karwoche von Bomben aus der Luft verschont bleiben. Auch Militär und Regime gebärden sich wenige Tage vor dem Zusammenbruch noch so, als sei alles offen. Zwei besonders widerwärtige Beispiele: Am Gründonnerstag, dem 29. März, läßt Gestapo-Chef Franz Marmon das Zuchthaus Wehlheiden räumen. Die Strafgefangenen fahren per Zug nach Halle, auch 60 Gestapo-Häftlinge werden aus Kassel herausgeschafft. Weitere zwölf Häftlinge läßt Marmon ohne Prozeß und Urteil auf dem Wehlheider Friedhof erschießen. Wahrscheinlich wurden die 12 Häftlinge an der damaligen Zuchthaushecke auf der Äpfelwiese (Äppelwiese) gegenüber der heutigen Buchenau-Kampfbahn erschossen und begraben und nach einigen Jahren auf den Wehlheider Friedhof überführt.

Zwei Tage später, Karsamstag, 31. März. Auf dem Gelände des Wilhelmshöher Bahnhofs warten 79 Zwangsarbeiter, die meisten von ihnen sind Italiener, vergeblich auf ihre Essensrationen. Die deutschen Bewacher haben sich aus dem Staub gemacht.

Die Zwangsarbeiter haben Hunger und folgen dem Beispiel einiger Deutscher, die einen Waggon mit Lebensmitteln aufgebrochen haben. Einige Stunden später erscheint ein Gestapo-Kommando auf dem Gelände, und obwohl sich Widerstand regt, wird schließlich der Befehl Marmons befolgt, die 79 Männer umzubringen. Fünf Wochen später zwingen die amerikanischen Besatzer deutsche Kriegsgefangene, die Leichen aus zugeschaufelten Bombentrichtern auszugraben.

Die Tragik dieses Vorfalls auf dem Bahnhofsgelände ist kaum zu überbieten: Während die Italiener sterben, wird die Stadt südlich und westlich von den heranrückenden Amerikanern abgeriegelt. Zum ersten Mal ertönt in Kassel ein fünfminütiger Heulton – Panzeralarm. Am nächsten Tag sprengen deutsche Soldaten die Fuldabrücken, doch die Amerikaner sind nicht mehr aufzuhalten.

Bereits eine erste Bilanz macht ein paar Wochen später das Ausmaß von Leid und Zerstörung deutlich: Von den 220 000 Menschen, die 1939 gemeldet waren, sind im April 1945 noch 71 209 Deutsche, und 22 825 Ausländer, vor allem Zwangsarbeiter, in der Stadt. 65 000 Wohnungen gab es vor dem Krieg, jetzt sind noch 19 000 in einem Zustand, Menschen ein Obdach zu bieten. Der Mitteltrakt von Schloss Wilhelmshöhe mitsamt Kuppel ist von Bomben getroffen worden und ausgebrannt.

Auf fünf bis sechs Millionen Kubikmeter wird die Menge an Trümmerschutt geschätzt, und die Hessischen Nachrichten rechnen im November vor, daß "zur völligen Beseitigung ins Nachbargebiet der Stadt drei Jahre lang täglich zehn Güterzüge mit 50 Waggons" eingesetzt werden müßten. Man entscheidet sich anders – ein Teil des Schutts wird an der Schönen Aussicht abgeladen.

Normalität bleibt unter diesen Umständen für lange Zeit ein Fremdwort. Die Amerikaner beginnen sofort damit, die Verwaltung der Stadt wieder aufzubauen und den Menschen auf diese Weise ein kleines bißchen Alltag zurückzugeben.

Am 7. April setzen sie Willi Seidel als kommissarischen Oberbürgermeister ein. Der Sozialdemokrat und standhafte Nazi-Gegner Seidel stammt aus einer alten Kasseler Kaufmannsfamilie. Seit 1903 ist er in der Stadtverwaltung beschäftigt, schon bald als Verwaltungsdirektor. Seidel ist maßgeblich an den Eingemeindungen Kasseler Vororte beteiligt. Anläßlich seines 60. Geburtstags am 1. November erscheint in den Hessischen Nachrichten eine Würdigung des Stadtoberhaupts.

Nicht gleichgültig

In dem Artikel ist nicht nur zu lesen, daß Seidel sich durch Turnen und Wintersport fit hält, es wird auch an die Bevölkerung appelliert, der noch so jungen Demokratie nicht gleichgültig gegenüberzustehen: "Der Bürgerschaft entsteht an dem jetzigen Markstein der Stadtgeschichte die Verpflichtung, mit redlichem Willen dem Oberbürgermeister allezeit bei seiner Aufbauarbeit treu zur Seite zu stehen."

siehe auch

Jüdische Gemeinde

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Weblinks