Zur Geschichte der Kasseler Garnisonkirche

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Die Garnisonkirche in Kassel wurde 1757 bis 1770 für die Kasseler Militärgemeinde errichtet, nach Plänen des Ingenieur-Offiziers Heinrich Christoph Bröckel. Er hatte zuvor schon am Bau der Lutherischen Kirche mitgewirkt, und nach deren Vorbild entwarf er eine Saalkirche mit zwei übereinanderliegenden, umlaufenden Emporen.

Oberste Gasse mit Blick auf die Garnisonkirche, um 1910

Die alte Feuergasse an der Stadtmauer wurde mit einer Tordurchfahrt und Nebenräumen für die Bälgekammer der Orgel überbaut. Über der Mitte des Westteils sollte sich ein Turm erheben. In der Kirche wurden im 18. Jahrhundert mehrere hohe Militärangehörige beigesetzt, darunter ein Prinz von Anhalt-Bernburg.

Im 19. Jahrhundert erlebte die Kirche glanzvolle Konzertaufführungen unter der Leitung des berühmten Hofkapellmeisters Louis Spohr: 1831 veranstaltete man ein Festkonzert zur Verkündigung der neuen kurhessischen Verfassung, und von den Karfreitagskonzerten in der Garnisonkirche sind vor allem die Aufführung von Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion 1833 und die Uraufführung seines eigenen Oratoriums „Des Heilands letzte Stunden“ 1835 zu nennen. Im frühen 20. Jahrhundert war sie zeitweise die Wirkungsstätte von Hermann Schafft, der dort vielbesuchte Jugendgottesdienste abhielt.

Die schlichte Kanzel bildete den Mittelpunkt der Kirche. (Bild aus der Kasseler Post vom 5. April 1936)

Der abgebildete Zustand war bereits ein Provisorium: Aus Kostengründen hatte man auf den geplanten Verputz und die vorgesehenen Giebelskulpturen verzichtet, und statt eines massiven Westturms setzte man 1780 ein kleines hölzernes Türmchen auf; Glocken und Uhr stammten aus dem Zwehrener Turm (vgl. Station 1).

Überhaupt gestaltete sich die Finanzierung des Kirchenbaues schwierig: Nachdem die Garnisongemeinde lange Zeit die Unterneustädter Kirche mitgenutzt hatte, bildete 1731 ein privates Vermächtnis das Grundkapital für einen eigenen Neubau. Die Witwe des hessischen Kapitäns (Hauptmanns) Gottschalk hatte ihr gesamtes Vermögen zum Kirchenbau bestimmt. 1752 erwarb man das Grundstück, aber erst 1756 konnten die Baukosten durch eine Landeskollekte gedeckt werden. Zum Zeitpunkt der Grundsteinlegung wütete bereits seit acht Monaten der Siebenjährige Krieg. Als Kassel wenig später von französischen Truppen besetzt wurde, kamen die Bauarbeiten zum Erliegen; in den begonnenen Mauern brachte man Kriegsvorräte unter, die durch ein Notdach geschützt wurden. Erst 1765 konnte weitergebaut werden, unterstützt durch weitere Spenden und eine erneute Landeskollekte 1767, und 1770 konnte die Kirche eingeweiht werden.

Während der napoleonischen Fremdherrschaft wandelte man die Garnisonkirche 1812 in ein Fouragemagazin um. Die Kanzel kam in die Unterneustädter Kirche, die Bänke wurden zwischengelagert und schließlich dem Lyceum und der Bürgerschule überwiesen.

Turmgasse im Jahr 1910 mit Blick auf den Kirchturm der Garnisonkirche.

Nach der Wiederherstellung des Kurfürstentums 1813/1814 wurde die Garnisonkirche instandgesetzt und 1816 wieder eingeweiht. Zugleich übernahm sie auch die Funktion einer Hofkirche, da das alte Landgrafenschloss mit der Hofkapelle 1811 abgebrannt war.

Nach einem letzten Umbau im Jahr 1936 brannte die Kirche beim Großangriff von 1943 vollständig aus.

1953 einigten sich das Land Hessen und die Landeskirche bezüglich der Ruinen von Martinskirche und Garnisonkirche: Das Land unterstützte den Neuaufbau der Martinskirche finanziell, dafür verzichtete die Kirche auf alle Ansprüche bezüglich der Garnisonkirche. 1956 richtete die Freiheiter Gemeinde im Westteil der Ruine provisorische Gemeinderäume ein, und 1957 wurden die erhaltenen Außenmauern des Kirchensaals bis auf das Erdgeschoss abgebrochen.

Nach Vollendung der Martinskirche und des angrenzenden Gemeindehauses erfolgte der Verkauf der Ruine, die provisorischen Räume wurden in Läden umgewandelt. Ein gänzlicher Abbruch wurde Mitte der 1980er-Jahre durch Proteste der Kasseler Bevölkerung verhindert, und 1987 war die Ruine der Standort eines documenta-Kunstwerks. Ein Ausbau als Stadtmuseum oder Geschäftshaus konnte allerdings nicht realisiert werden. 1998 wurde eine gastronomische Nutzung beschlossen, das erhaltene Mauerwerk gesichert.

siehe auch