Zerstörung nach den Bomben

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Quelle: HNA vom 22.6.1999, von Thomas Siemon

Über die Bombenkrater und Ruinen wuchs im zweiten Nachkriegssommer schon Gras. Die ungewöhnlich heiße und trockene Witterung sorgte für eine Mißernte, die die ohnehin schlechte Versorgungslage weiter zuspitzte. Was die Menschen brauchten, war ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Für stadtplanerische Wettbewerbe interessierte sich kaum jemand, und doch wurden im Sommer 1947 wichtige Vorentscheidungen getroffen, die das Gesicht Kassels bis heute prägen sollten.

Nach wie vor ist die Ansicht weit verbreitet, daß die Kasseler Innenstadt im Krieg völlig zerstört wurde. In der Tat waren die Schäden verheerend, von 65000 Wohnungen galten nur 9200 als mehr oder weniger intakt und damit bewohnbar. Besonders stark waren die Altstadt, die historische Unterneustadt, das Bahnhofsviertel und die Oberneustadt betroffen. Und dennoch: Es hätte sehr viel mehr historische Bausubstanz erhalten werden können.

Das zerstörte Staatstheater
Die Wurzeln für die zweite Zerstörung Kassels lagen in der Nazizeit. Bereits zu den Reichskriegertagen in den Jahren 1936 und 1939 wurden Hitler Pläne für die Umgestaltung Kassels als Gauhauptstadt präsentiert. Charakteristisch dafür waren neue Verkehrszüge, riesige Versammlungshallen und große Aufmarschgelände. Eine aufgelockerte Bebauung mit Grünstreifen sollte bei Luftangriffen die Trefferquote verringern und die Ausbreitung von Bränden verhindern. Das alte historische Kassel könne das neue politische Ziel nicht mehr erfüllen, so Gauleiter Weinrich in einem Schreiben an den zuständigen Reichsminister im Juli 1941. Der hatte im gleichen Jahr einen neuen Stadtbaurat von Berlin nach Kassel geholt. Als Spezialist für die sogenannte "Stadtgesundung" kam Erich Heinicke an die Fulda. Der "neue Städtebau" sei mit den modernen Erfordernissen des Luftschutzes in Einklang zu bringen, so Heinicke in seiner Einführungsrede. Die enge und verwinkelte Kasseler Altstadt entsprach diesen Vorstellungen nicht. Die Residenzstadt hatte den 30jährigen Krieg nahezu unbeschadet überstanden und war von größeren Stadtbränden verschont geblieben. So reizvoll das alte Kassel auch war, für die nationalsozialistische Stadtplanung hatte es keinen Wert.

Bereits in der Endphase des Krieges wurden zahlreiche historisch wertvolle Gebäude, die längst nicht völlig zerstört waren, abgerissen. Sie standen den Plänen für einen Neuaufbau nach dem Ideal der Gauhauptstadt im Wege. Nach dem Bombenangriff vom Oktober 1943 veranlaßte Baurat Heinicke die Sprengung von Ruinen und Fassadenresten. Angeblich waren sie alle baufällig und stellten eine Gefährdung für die Bevölkerung dar. Schon damals regte sich Kritik. Der Leiter der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel beklagte sich in einem Schreiben an den Landeskonservator vom 11. November 1943: "Überhaupt ist durch diese sogenannte Aufräumungsarbeit noch vieles verdorben... und wird auch weiterhin noch manches zerstört."

Nach dem Krieg setzte sich diese Entwicklung ungebrochen fort. Aus heutiger Sicht hätten eine ganze Reihe von Gebäuden gerettet werden können. Dazu gehörten unter anderem die Unterneustädter Kirche, das Karlshospital, die Garnisonkirche, das Nahlsche Haus an der Königsstraße und vor allem das Staatstheater. Erich Heinicke, der als "Mitläufer" des NS-Regimes eingestuft wurde, blieb bis 1949 Kasseler Baurat. Beim Wettbewerb für den Wiederaufbau der Innenstadt sorgte er 1947 dafür, daß Vorschläge der Denkmalpflege keine Chance hatten.

Die Legende von der im Krieg total zerstörten Stadt, das ist durch wissenschaftliche Untersuchungen eindeutig belegt, läßt sich nicht halten. Es gab eine Zerstörung nach den Bomben.

Zitate und Daten aus "Leben in Ruinen - Kassel 1943-1948", Thomas König: Der Konflikt um die Erhaltung historischer Bausubstanz, Folckert Lüken-Isberner: Trümmer durch Planung - Planung auf Trümmern.

siehe auch

Weblinks