Wolfstein

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Blick von der Heinrich Albrecht-Hütte am Siebenstern auf Melsungen, Industriegebiet Pfieffewiesen und Sommerberg
Siebensterngebiet mit Wanderwegen zum Wolfstein

Vom letzten Wolf im Hessenland

Vor mehr als 200 Jahren am Kessel bei Melgershausen

von Kurt Lumm am 02.02.2008

Lage des Denkmals

Wanderwege am Siebenstern zum Wolfstein. Am Kesselkopf das Wolfstein-Denkmal (gekennzeichnet).
Hinweisschild zum Wolfstein-Denkmal von 1805 im Wald bei Felsberg-Melgershausen

Der Wolfstein steht seit 5. August 1806 im so genannten Kessel (Kesselkopf 368 m) zwischen Melsungen und Melgershausen direkt an den Wanderwegen „G“ (Quiller-Stölzinger-Weg) und an dem Rundweg „M 6“. Erreichbar von Melsungen in Richtung Melgershausen, an der Heinrich-Albrecht-Hütte und dem Siebenstern vorbei über den Kesselkopf. Von der Albrecht-Hütte am Waldrand hat man einen schönen Blick auf Melsungen und das Fuldatal in Richtung Obermelsungen und Malsfeld, ab hier sind es dann noch ca. 20 Minuten zu gehen. Der Wolfstein liegt etwa auf halbem Weg zwischen Albrecht-Hütte und Freitagsbach/Eselsbrücke am Kreuzungspunkt der Wanderwege G und M 6, etwa 150 m seitwärts vom Weg G. Der Kesselkopf und Siebenstern zählt für mich und sicher auch für viele andere Wanderer zu einer der beliebten Ziele für Wandertouren in den Wäldern rund um Melsungen. Immer wenn ich am Wolfstein vorbei komme, muss ich an das unten aufgeführte Geschehen und die damals durchgeführte Feier vor mehr als 200 Jahren denken. Kommt man dann in Richtung Melgershausen wieder aus dem Wald, tut sich der Blick zum Heiligenberg - des Hessenlandes Krone - und das Edertal auf. Erfahrene Wanderer wissen es und machen dann Rast zu einer Brotzeit bei „Stern`s Lottchen“ und "Stern`s Helmut" im Felsberger Stadtteil Melgershausen. Lottchen und Helmut Giessler bewirten dort "Am Alten Forsthaus" in dem urigen und gemütlichen Gasthaus Giessler, auch "Gasthaus Zum Stern" genannt, ihre Gäste. Schon für die Älteren gab es bei “Stern`s Fritz und Anna“ (die Eltern von Lottchen und Helmut) „Ahle Worscht“, Bratwurst und Beefsteak. Für kleinere und größere Feiern stehen der Gastraum und Saal mit jeweis eigener Theke zur Verfügung.

Wolfstein und Wolfshütte

Vorderseite Wolfstein. Beim zeitige Först. Grau
Rückseite Wolfstein. Den 18te No. 1805. ist hier ein Wolff gescho vom Rit. v Wolff

Zur Erinnerung an den letzten Wolf in Niederhessen wurde am 5. August 1806 vom Spangenberger Forstamt ein Gedenkstein (Wolfstein) gesetzt und über die hierbei veranstaltete Feier eine Urkunde aufgenommen. Siehe auch unten aufgeführtes Protokoll aus dem Jahre 1806.

Der Wolfstein ist beidseitig beschriftet: Beim zeitige: Först: Grau ist auf der Vorderseite zu lesen. Den 18te: NO: 1805. ist hier ein Wolff gescho. vom Rit: v. Wolff steht auf der Rückseite des Denkmals.

Heinrich-Wilhelm Grau war von 1794 bis 1818 Oberförster in Melgershausen. Etwa 1913 errichteten dann Forstbeamte der damaligen Oberförsterei Felsberg in der Nähe des Wolfsteins ein Holzhäuschen. Im Volksmund auch Wolfshütte genannt. In den 1940er und 1950er Jahren des letzten Jahrhunderts konnte ich mit anderen Kindern beim Spielen in den Wäldern um Melgershausen diese Hütte noch sehen. An einer Wand unter Glas war die Abschrift der unten aufgeführten Urkunde (Protokoll), allerdings schon recht undeutlich, noch zu erkennen. Während die Wolfshütte inzwischen verfallen ist, erinnert der Wolfstein immer noch an den vor mehr als 200 Jahren erlegten letzten Wolf in Niederhessen.
Weitere Bilder


Der letzte Wolf 1805

Viel länger als der Bär hat sich in unsrer Heimat der Wolf gehalten. Er hatte sich noch einmal besonders stark im Dreißigjährigen Kriege vermehrt und war sehr gefürchtet, weil er großen Schaden anrichtete. Man wagte sich nicht mehr allein über Land von Dorf zu Dorf, und selbst die Behörde ordnete an, dass Botendienste nur von Botengängern mit dem Wolfs- oder Sauspieß bewaffnet ausgeführt werden sollten. 1634 wurden im Spangenberger Revier im Januar schon 12 und im Februar noch einmal 7 Wölfe gefangen. 1632 mussten einmal über 2000 Bauern mehrere Tage lang zur Einkreisung von Wölfen aufgeboten werden. Wölfe wurden damals in den Wolfsgarnen, also besonderen Netzen gefangen. Durch energische Verfolgung nach 1650 erreichte man fast die völlige Ausrottung des Wolfes in unserem Gebiet und vernachlässigte deshalb bald die Unterhaltung der kostspieligen Wolfsgarne, von denen es 1700 heißt, „dass sie gar alt und in einem solchen Zustande sind, dass sie keinen Wolf mehr halten“. Da Meister Isegrim, der Wolf, ein großer Streuner über weite Bezirke ist, tauchte immer wieder einmal ein Wolf in Westdeutschland und damit auch in Hessen auf, aber immer seltener. Schon immer wurde geforscht, wann und wo der letzte Wolf in Kurhessen erlegt sein könnte. So ist in einem Bericht der „Touristischen Mitteilungen“ von 1915 nachzulesen, dass 1817 bei Eiterfeld der letzte Wolf erlegt wurde. In dem gleichen Artikel ist auch der vorletzte Wolf erwähnt, welcher 1805 am Kessel in der damaligen Oberförsterei Felsberg erlegt worden ist. Die Oberförsterei Felsberg wurde später mit der Oberförsterei Melsungen zusammengelegt. Und so kam es, dass der letzte Wolf in Niederhessen gerade bei uns im Melsunger Forst am 18. November 1805 bei Melgershausen erlegt wurde. Der genaue Bericht darüber ist in dem nachfolgend aufgeführten Protokoll des zuständigen Försters festgehalten. Über die Herkunft des erlegten Wolfes ist schon damals viel gerätselt worden, und man hat sogar nachgeforscht, ob nicht aus irgendeiner „Menagerie“ in der näheren oder weiteren Entfernung ein Wolf aus einem Gehege ausgebrochen sei. Diese Nachforschungen sind ohne Erfolg geblieben, und so darf man annehmen, dass es sich wirklich um einen echten Wolf aus freier Wildbahn gehandelt hat, der hier im Hessenland nach seiner Erlegung so großem Interesse begegnete und im Wolfstein bei Melgershausen ein lebendiges Stück Geschichte verkörpert.

Protokoll vom August 1806

Das seinerzeit gefertigte Protokoll vom damals erlegten Wolf soll nun in seiner urtümlichen Sprache zu uns sprechen: „Actum Wolfstein, den 5ten August 1806. Nachdem auf einer, von dem Kurfürstlichen Förster Grau in Melgershausen, auf dasigem Forst am sogenannten Kessel veranstalteten und den 18ten November vorigen Jahres gehaltenen Treibjagd von dem im Kurhessischen Gensdarmes Regiment stehenden Herrn Rittmeister von Wolff ein Wolf, am Wändchen genannt, geschossen, so wurde von mir dem Landjägermeister von Hanstein Veranstaltung getroffen: daß bei der heute auf diesem Forst gehaltenen diesjährigen Forstbereisung ein Stein an demjenigen Platz, wo dieser Wolf geschossen, auf folgende Art zum immerwährenden Andenken gesetzt werden sollte, und wurde dieser Stein mit der Inschrift, `den 18ten November 1805 ist hier ein Wolf von dem Rittmeister von Wolff geschossen`, gesetzt; worauf alsdann dieser besagte Stein, unter folgender Proceßien eingeweihet, nämlich es folgt aufeinander

1. die Musicanten 2. der bei dem Forstamte angestellte Scribent Kaufmann 3. die Knaben, welche bei der damaligen Treibjagd mitgewesen 4. die Mädchen sämtlich Paar und Paar 5. die sämtlichen Forstlaufer dieses Forsts benebst noch mehreren Jägern und Jagdlehrpurschen 6. der Forster Grau und dessen Frau 7. der Landjägermeister von Hanstein und Herr Rittmeister von Bastineller den Wolfsschützen Herrn Rittmeister von Wolff in der Mitte habend 8. Forstschreiber Capitain Weishuhn und Herr Lieutnant von Bastineller 9. Regiments Chirurgus Kastenbein und Coductor Juzi.

Sobald sich aber dieser Zug dem eben neu gesetzten Stein genähert und Halt gemacht hatte, so hielt der Oberförster Capitain Geiße als Senior der Gesellschaft und Greis von 76 Jahren, welchen die vier Töchter des Försters Grau in der Mitte hatten, nachstehende von dem Herrn Lieutnant von Bastineller auf diesen Tag verfertigte, zweckmäßige Rede: „In der Vorzeit – die wir in unseren Tagen öfters als die glücklichere rühmen hören – wo die Hauptbeschäftigung des Mannes Krieg oder Jagd; und unter der letzteren besonders die war: den Feind seiner Heerden, den räuberischen stets zu würgen begierigen Wolf zu verfolgen; und mit nervigten Arm den Wurfspieß gegen ihn zu führen. Zu der Zeit schon – sage ich – feierten die Freunde und Angehörigen die Freude des glücklichen Jägers; wenn er nach einer damals gefährlichen Jagd, mit der Haut des erlegten Thieres, und einem Eichzweig geschmückt zu ihren Hütten heimkehrte. Aber eben diese ausschließliche Beschäftigung der Alten mit der Jagd, verringerte schon zu der Zeit die Zahl dieser reißenden Thiere in unserem Vaterlande. Obgleich sie späterhin immer noch häufig genug waren, um noch öfters die Sicherheit des Reisenden zu fährden und häufig der Schrecken des Schäfers und seiner friedlichen Heerde zu werden; bis endlich die immer mehr steigende Cultur – der wir unter manchem Übel und Gutem auch dies Letzterem eins – verdanken: daß diese reißenden Thiere in wildere und unwirtbare Gegenden verscheucht worden, und bei uns zur äußersten Seltenheit geworden sind. Diese so seltene Erscheinung des Wolfes in unseren Gegenden berechtigt uns ganz: den Jünger Dianens, als ihren Liebling zu begrüßen, dem diese Schutzgöttin der edlen Jägerei eine solche Beute entgegenführt; und umso gerechter ist dabei die Freude des glücklichen Jägers und seiner theilnehmenden Freunde. Um nun die Erinnerung an diesen für alle Jäger und Jagdfreunde unserer Zeit – so merkwürdigen Fall zu verewigen; und zu diesem Zweck an den Platz, wo das Geschoß des Jägers den so unerwartet erscheinenden Wolf verwundete: einen Denkstein zu errichten – ist diese hier gegenwärtige Hochverehrliche Gesellschaft der Jagdfreunde unter dem Präsidio des Herrn Landjägermeisters von Hanstein, und der Gegenwart des Herrn Forstbeamten dieses Oberforsts, heute am 5ten August 1806 - unter dem Schutze der glorreichen Regierung unseres Durchlauchtigsten Kurfürsten Wilhelms des 1ten hier versammelt. Wie ich schon weiter oben erwähnte, hatten unsere ehrwürdigen alten Teutschen die Sitte, sich auch bei der Rückkehr von einer glücklichen Jagd, mit den Zweigen ihres geheiligten Lieblingsbaumes, der ehrwürdigen Eiche – in deren kühlenden Schatten sich auch der heutige Jäger gerne erquickt – zu bekränzen. Empfangen sie dahero, geehrter Herr Rittmeister von Wolff – indem wir jenen Gebrauch unserer alten Ahnherren erneuern, aus den Händen der Unschuld diesen Zweig der grünsten Eiche dieses Forstes: Zum Andenken des 18ten November 1805, wo sie bei der vom Herrn Förster Grau veranstalteten Treibjagd, auf einen schlauen Fuchs lauernd, an dieser Stätte mit geübter Hand das unerwartete Wild er-legten, und sich dadurch den Dank aller Landleute dieser Gegend erwarben: indem Sie des Namensvetters nicht schonten, dessen scharfen Zahn sonst noch manches Lämmchen dieser Flur zur Beute gedient haben würde. Nehmen Sie daher, glücklicher Jäger, den aufrichtigen Glückwunsch hierüber namens der hier versammelten Gesellschaft Ihrer Freunde und Jagdgefährten von mir an und überzeugen sich in diesem Kreis umherblickend von der Teilnahme und Freude aller Anwesenden, die ich jetzt ersuche zum Schlusse fröhlich mit mir anzustimmen: `Der Wolfschütz lebe hoch!!!` und überreichten die zwei ältesten Töchter des Försters Grau dem Wolfschützen einen Kranz und Eichenzweig. Worauf alsdann dieser Distrikt, welcher vorhero das Wändchen genannt von dem Spangenberger Forstamte auf ewige Zeiten den Namen Wolfswand erhielt, und an diesen Stein nachstehende Jünglinge geführt auch zum Gedächtniß das dabei übliche Denkmal (= einen leichten Schlag gleich dem Ritterschlag bzw. Jägerschlag) erhielten !

 1. Henrich Grau
 2. Carl Grau, 
 3. Siegmund Grau,
 4. Balthasar Schmidt
 5. Johannes Asthalter
 6. Johannes Gunkel
 7. Johannes Schmidt
 8. Johannes Hügehain
 9. Johannes Giesler
10. George Fisch, alle von Melgershausen
11. Johannes Bachmann
12. Johannes Dill
13. Hartmann Venner und 
14. Johannes Roose, diese von Heßlar

Hierauf gefrühstückt und dieser Tag mit einem frohen Tanze beschlossen. Dieses aufgenommene Protocoll aber soll dem Förster Grau zu Melgershausen mit der Auflage eingehändigt werden, solches in das Exerzitienbuch zur Nachschrift einzuheften. Actum ut supra.

  Kurfürstlich Spangenberger Forstamt
  G.von Hanstein  *  Geiße  *  Weißhuhn“

An die Kurfürstliche Oberrent=Kammer in Kassel hat Förster Grau am 19ten November 1805 den folgenden „Untertänigen Bericht“ erstattet: „Am 18ten d. M. ließ ich die Reviere am sogenannten Kessel nach Wildpret und Füchsen treiben, wo dann am sogenannten Wändgen, so eine starke Dickung ist, vom Rittmeister George Friedrich von Wolff im Hochlöblichen Regiment Gensdarmes ein Wolf geschossen wurde. Er blieb nicht gleich nach dem Schuß liegen, aber ohngefähr 25o Schritt hiernach wurde er ganz todt gefunden. Mein sonst sehr guter Schweißhund nahm anfangs den Schweiß an, aber ohngefähr 12 Schritt, ließ er hiervon ab, und war auch weiter zu folgen, nicht mehr zu verleiten. Ich halte den Wolf noch für jung, und zwar aus dem Grunde, weil er noch sehr scharfe Zähne hat und seine Testickels (Hoden) sehr klein sind. Ich verhehle daher nicht, diesen Vorfall untertänig zu berichten, und habe die Gnade, mit tiefer Untertänigkeit lebenslang zu verharren…“ Diesem Bericht fügt Förster Grau noch ein „Verzeichnis über die Ausmessung und Schwere obig geschossenen Wolfes“ bei:

"1. Länge des Wolfes überhaupt		6 Fuß 		2 ½ Zoll
 2. Länge des Kopfes			1 Fuß		½ Zoll
 3. Länge vom Kopf bis an den Schwanz	3 Fuß		4 Zoll
 4. Länge des Schwanzes			1 Fuß		10 Zoll
 5. Dicke des Halses			2 Fuß		2 ¼ Zoll
 6. Dicke des Leibes			2 Fuß		11 ¼ Zoll
 7. Die vordere Höhe			3 Fuß		1 ¼ Zoll
 8. Die hintere Höhe			2 Fuß		11 ½ Zoll
Und im ganzen = 70 Pfund
Specificiert: Melgershausen, den 26. November 1805.“

In einer weiteren Notiz von Förster Grau wird außerdem noch mitgeteilt, wem wir den altersgrauen Wolfsstein bei Melgershausen mit seiner Inschrift verdanken: „Obig gedachter Herr Rittmeister haben zum Denkmal einen Stein aushauen lassen und auf den Platz, wo solcher geschossen worden, setzen lassen. Die Inschrift auf einer Seite heißt: Den 18ten Novbr 1805 ist hier ein Wolf geschossen worden vom Rittmeister von Wolff. Auf den anderen Seite heißt es: beim zeitigen Förster Grau.“ Und der Vollständigkeit wegen sei auch noch mitgeteilt, dass Förster Grau etwa ein halbes Jahr später noch eine freudige Überraschung erlebte, als er in sein Exercitien-Buch eintragen konnte: „Laut Rescript Kurfüstl. Ober=Rent=Kammer, Forst=Departement vom 9ten Juni Nro. 2556/1806, wurde mir ein Douceur (= Anerkennunsgeld) von 10 Reichstalern für den von dem Herrn Rittmeister von Wolff geschossenen Wolf gnädigst bewilligt, welches mir unterm 16ten August aus Kurfürstl. Jagd=Kasse ausgezahlt worden. Grau“ Diese Sonderzuweisung wird für die kinderreiche Familie des Försters Grau sicher besonders erfreulich gewesen sein. Man bedauert nur, dass bis zur Auszahlung so viel Zeit nötig war.

Dieser Bericht wurde am 02.02.2008 erstellt.

Siehe auch

Melgershausen

Melsungen

Werk Pfieffewiesen der B. Braun AG

Weblinks


--Kurtlumm 15:21, 15. Feb. 2010 (UTC)