Wo ist denn hier die Kunst?

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Guillermo Faivovich und Nicolas Goldberg präsentieren im Frankfurter Portikus in Kooperation mit der dOCUMENTA (13) den Meteoriten “El Taco”

Die immer gleiche Frage: Wo ist denn hier die Kunst? Sie wurde gestellt, als Walter de Maria zur documenta 6 einen ein Kilometer langen Messingstab in den Boden des Kasseler Friedrichsplatzes einbringen ließ, und sie wurde gestellt, als Joseph Beuys zur documenta 7 die Aktion “7000 Eichen” startete. Jetzt stellt sie sich neu und zugespitzt; da Guillermo Faivovich und Nicolas Goldberg sich in ihrer Ausstellung im Frankfurter “Portikus” darauf beschränkt haben, die zwei ungleichen Hälften des Meteoriten “El Taco” zu präsentieren. Sie haben weder die beiden Hälften bearbeitet noch haben sie irgendwelche Materialien oder Erklärungen beigefügt. Die Besucher sehen sich allein den beiden massiven Blöcken gegenüber, und wenn sie ihre Blicke fragend durch den “white cube” wandern lassen, werden sie auf sich selbst zurückgeworfen.

Wo also ist denn hier die Kunst? Faivovich und Goldberg wollen mit ihrer Ausstellung diese Frage weder provozieren noch diskutieren. Sie sind an anderen Fragestellungen interessiert. Allerdings wissen sie, dass das, was sie veranlasst haben. nämlich die beiden Hälften, die getrennt in Buenos Aires (Argentinien) und Maryland (USA) aufbewahrt werden, in einer Ausstellung in Frankfurt wieder zusammenzuführen, nur im Raum der Kunst möglich ist. Das heißt: Sie haben die Kunst als Ermöglichungsraum genutzt. Dabei beziehen sich die beiden Künstler durchaus auf Walter de Maria und seinen Kasseler Erdkilometer. Denn de Maria hat 1977 zum Erdkilometer geschrieben: “Der senkrechte Erdkilometer soll die Menschen dazu anregen, über die Erde und ihren Ort im Universum nachzudenken.” Genau dieser Gedanke bewegt auch die beiden Künstler bei ihrem Meteoriten-Projekt.

Doch bevor wir uns mit den beiden Künstlern auf diese Gedanken einlassen, müssen wir uns gezwungenermaßen mit dem Phänomen der Meteoriten beschäftigen. Dieses Phänomen hat allerdings derart faszinierende Facetten, dass es schwer fällt zu entscheiden, wo man beginnen soll.

Der Meteorit, der auf den Namen “El Taco” getauft worden ist, wurde 1962 von einem pflügenden Bauern in Argentinien entdeckt. In dieser Gegend muss vor 4000 Jahren ein ganzer Meteoritenregen niedergegangen sein, so dass das Areal als Campo del Cielo (Meteorites) bezeichnet wird. “El Taco” war ursprünglich knapp zwei Tonnen schwer. 1965 wurde er in das Max-Planck-Institut in Mainz gebracht, wo er in einem einjährigen Prozess präzise aufgeschnitten und untersucht wurde. Das heißt: Durch die jetzige Zusammenführung der beiden Teile im “Portikus” ist “El Taco” zum zweiten Mal nach Deutschland gekommen. Und in Frankfurt ergibt sich eine besondere Nähe, weil die 267 Kilogramm Metallspäne, die bei der Teilung abgefallen sind, im Frankfurter Senckenberg Forschungsinstitut aufbewahrt werden. [Beim Aufschneiden wurden in der Mitte außerdem zwei dünne Scheiben für weitere Forschungszwecke herausgenommen, so dass, wenn man die Metallspäne einbezieht, im Grunde fünf Teile entstanden sind.]

Mit der Teilung wurden zwei Ziele verfolgt. Man konnte in das Innere des Meteoriten eindringen und weitergehende Untersuchungen ermöglichen, und man konnte nun die beiden getrennten Körper (677,85 und 895,80 Kilogramm schwer) auf die beiden Länder Argentinien, wo der Meteorit mittlerweile als Kulturerbe gilt) und USA verteilen. Vorausgegangen war ein jahreslanges Tauziehen um den Besitz und künftigen Aufbewahrungsort, das manchmal Dimensionen annahm, die an die frühkolonialen Raubzüge erinnerte. Denn immer wieder hatten die Eroberer, die seit dem 16. Jahrhundert nach Südamerika kamen, nach mutmaßlichen Silberschätzen auf dem Meteoritenfeld gesucht. Viele Expeditionen konnten mit den metallischen Steinen nichts anfangen, weil sie nach Silberminien Ausschau hielten und weil das Wissen der Ureinwohner um die Steine, die aus dem Himmel stammen, verloren gegangen war.

Die Forschungen ergaben, dass “El Taco” zu den Eisenmeteoriten gehört, die etwa 4,5 Milliarden alt sind und kurz nach der Ausbildung des Sonnensystems entstanden sind. Dieses unvorstellbare Alter und die dichte Masse des Meteoriten führen von selbst dazu, dass wir uns angesichts des Meteoriten die Gedanken machen, die Walter de Maria im Sinn hatte, als er über den Erdkilometer sprach. Denn mit dem Meteoriten ist nicht nur ein Bote aus einer anderen Zeit zu uns gekommen, sondern auch aus einer anderen Welt. Unwillkürlich glaubt man zu schrumpfen, wenn man vor diesem unorstellbar alten Himmelskörper steht.

Vier Jahre lang haben sich Guillermo Faivovich und Nicolas Goldberg mit dem Meteoriten beschäftigt. Auf ihn aufmerksam wurden sie in Buenos Aires, wo das nach Argentinien zurückgekehrte Stück vor dem Planetarium im Freien aufgestellt ist. Während der in Maryland im Smithsonian Institution aufbewahrte Meteoritenkörper glänzend wirkt und die Schnittfläche wie eine polierte Spiegelfäche erscheint, ist der argentinische Teil durch die aufgetragene Rostschutzfarbe stumpf geworden. Nachdem die beiden Künstler Interesse an dem Meteoriten-Torso gefunden hatten, begaben sie sich auf die langwierige Suche nach der anderen Hälfte sowie überhaupt nach der Geschichte des Himmelskörpers. Mühsam trugen sie die Mosaiksteine zusammen und arbeiteten dabei ein Stück Kulturgeschichte auf, die bis in die Zeit der europäischen Eroberer, bis ins 16. Jahrhundert, zurückführt. Vor allem fanden sie heraus, dass der von den US-Wissenschaftlern so heiß begehrte Meteorit, nachdem er geteilt worden war und das größte Stück in die USA dauerhaft gekommen war, nahezu vergessen wurde.

Faivovich und Goldberg haben alle diese Facetten aufgespürt. Ihr mehrjähriges Bemühen um die Geschichte des Meteoriten und um die Genehmigung, die beiden großen Teile an einem Ort wieder zu vereinen, sind ihrerseits Teil der Geschichte von “El Taco” geworden. Die Künstler verstehen sich als die Medien, die alle diese Fakten einsammeln, zugänglich machen und damit einen Führer für den Campo del cielo entstehen lassen. Dabei machen sie sich selbst zu einem Glied in der Wissenschaftsgeschichte von “El Taco”.

Ihre Kenntnisse haben sie in dem vorzüglichen Band “The Campo des Cielo Meteorites Vol. I - El Teco” zusammengetragen, das im Verlag HatjeCantz, Ostfildern, 184 S., 39,80 Euro, als Künstlerbuch der dOCUMENTA (13) erschienen ist. Dabei lassen die beiden Künstler vorwiegend andere erklären und erzählen. Allein in einem Interview geben sie ihre eigenen Vorstellungen preis. Das vorzüglich gestaltete Buch ist unmittelbarer Bestandteil der Ausstellung. Doch es hätte keinen Sinn gemacht, die komplexe und minutiös dokumentierte Geschichte von der Entdeckung, Aneignung, Teilung und Erforschung des Meteoriten, teilweise oder ganz in den Ausstellungsraum zu übertragen. Anderseits entfaltet der zerschnittene Meteorit seine magische Wirkung erst dann, wenn man die Geschichte des Himmelkörpers kennt.

Die Künstler treten hier als Initiatoren und Medien eines Wissenschaftskapitels auf. Sie benutzen die Kunst, um Wissen zu sammeln und Bewusstsein zu stärken. Denn sie agieren nicht nur als Erzähler und Dokumentatoren, sondern sie stoßen auch Dinge an: Die Wissenschaftler und Kulturbehörden merken auf einmal, über welche Schätze sie verfügen, und das dreijährige Ringen um die Erlaubnis, die beiden Teile an einem Ort zu vereinen, bringen Bürokratien auf Trab. Allmählich spürt man, dass man - ähnlich wie bei den Aktionen von Christo, bei denen der Kampf um die Erlaubnis nach der Ursprungsvision das Entscheidende ist - in den Bereich der Kunst hineingleitet.

Das bedeutet: Das Buch erschöpft sich nicht in der wissenschaftlichen Dokumentation. Gerade dann, wenn man weiß, dass Goldberg ein anerkannter, künstlerisch arbeitender Fotograf ist, stolpert man in dem Band über etliche sehr beiläufig wirkende Fotos, auf denen Faivovich und Goldberg wie amateurhafte Forscher auftreten, die in ihrer mal ratlosen, mal staunenenden Pose an Don Quichotte und Sancho Pansa erinnern. Mit Hilfe dieser Bilder, aber auch durch das Interview, das Simon Starling mit den beiden Künstlern geführt hat, öffnet sich der Zugang zu einer Doppelbödigkeit, die dem Dokumentationsmaterial manches von seiner Schwere und seinem Ernst nimmt. Ja, die Geschichte ist umfassend dokumentiert, doch sie löst sich nicht in der Exaktheit der Fakten auf.

Mit dieser hintergründig spielerischen Haltung und mit der Heiterkeit verlassen sie den streng begrenzten wissenschaftlichen Raum und schaffen Platz für das Ungewähre und Fiktionale, für die Heiterkeit und die Unterhaltung. Plötzlich sieht man die anderen Fotos auch mit neuen Augen - etwa die ausschnitthaften und dabei belanglosen Detailfotos aus den Labors und Archivieren. Die gewissenhaft recherchierte Geschichte wird durch die Fotos ebenso erhärtet wie augenzwinkernd in Frage gestellt. Eine wunderbare Leichtigkeit entsteht, die nur in der Kunst möglich ist.

Faivovich hatte an der Städelschule in Frankfurt studiert. So kam der Kontakt zu Daniel Birnbaum zustande, der sich mit dieser Ausstellung als Städel-Direktor verabschiedet, um als Museumsdirektor nach Stockholm zu gehen. Birnbaum wusste, dass auch Carolyn Christov-Bakargiev an dem Thema interessiert war, und so kam die Kooperation mit der dOCUMENTA (13) zustande, für die Faivovich und Goldberg ein weiteres Kapitel ihrer Meteoritenforschung schreiben werden. Damit stehen zudem zwei weitere Künstlernamen für die dOCUMENTA (13) fest.

Die Frankfurter Portikus-Eröffnung wurde auf diese Weise zu einem zweiten öffentlichen Statement der dOCUMENTA (13), nachdem im Juni Penones Werk “Idee di Pietra” (Ansichten eines Steins) in der Karlsaue aufgestellt worden war.

Ist es Zufall oder Plan, dass es in beiden Projekten um Steine zwischen Himmel und Erde geht? Während bei Penone ein Bronzebaum einen gewaltigen Granitfindling trägt, liegt hier nun ein durchgeschnittener Meteorit vor uns auf dem Boden.

Wird die dOCUMENTA (13) eine Ausstellung der Steine? Fast kann man es glauben. Denn auch ein drittes documenta-Projekt hat mit Steinen zu tun: AND AND AND schickte den Künstler Francois Bucher auf eine Expedition in die Gebirgswelt Perus, wo - je nach Lichteinfall - figurenhafte Steinformationen zu entdecken sind.

26. 9. 2010