Wilhelm Lotze

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Fleischer, Wirt, Historiker

Vorspann: Wilhelm Lotze: kraft- und gedankenvoll aktiv für seine Heimatstadt

Wilhelm Lotze: 1800 - 1879.REPRO: NH

Tags zerteilte er Fleisch an der Schlachtbank, abends stand er am Zapfhahn. Nachts und in Mußestunden aber las er, dachte nach und schrieb, oder bereitete sich auf die Sitzungen vor, die sein politisches und kirchliches Ehrenamt mit sich brachten. Er muss eine faszinierende, kontrastreiche, starke Persönlichkeit gewesen sein, der Fleischer, Gastwirt und Heimatgeschichtler Wilhelm Lotze. Ein handfester Kerl mit tiefsinnigem Geist, der auch ohne universitäre Bildung zu einem Historiker von hohen Graden erwuchs, wie es der frühere Ortsheimatpfleger Dr. Karl Brethauer formulierte und anfügte: Wir stehen staunend vor der Leistung, die dieser Mann, dem 79 Lebensjahre vergönnt waren, vollbracht hat.

Er führte das väterliche Geschäft und bildete sich zugleich aus eigener Kraft. In rustikaler Umgebung also wurde der kleine Wilhelm am 8. März 1800 geboren. Er war ein so guter Schüler, dass er nach dem Willen seiner Lehrer und des Pastors einmal studieren sollte. Die Familie, besonders der Vater, beschloss aber anders: Er musste wie seine Vorfahren Schlachter werden. Dass er immerhin Handwerker mit Leib und Seele wurde, geht aus einem Vierzehn-Strophen-Gedicht hervor, in dem er einen Abriss seines Lebens gibt und überzeugt, dass der Wille des Vaters auch zu seinem Willen wurde wenn auch zunächst nicht ohne Widerspruch. Die letzte Strophe heißt: Nun ist die Arbeit meine Lust,/ Mein großes Wohlgefallen./ Und jeden, der in treuer Brust/ Sie ehrt, lieb ich vor allem!/ Glück, Segen, Heil dem Handwerksstand,/ Der Stütze ist für's Vaterland./ Hoch wollen wir ihn erheben:/Der Handwerksstand soll leben!

Unentbehrlich ist heute noch Lotzes 1878 geschriebene Geschichte der Stadt Münden mit besonderer Hervorhebung der Begebenheiten des 30-jährigen und siebenjährigen Krieges, ausgedehnt auf drei Stunden im Wege im Umkreise, einschließlich Kaufunger- und Reinhardswald. Manchem Heimatkundler, aber auch Geschichtswissenschaftler sind sie wichtige Lektüre, obwohl naturgemäß manches inzwischen überholt ist. Im Stadtarchiv werden drei handgeschriebene Bände bewahrt, die weit mehr enthalten als das gedruckte Buch. Lotze schrieb auch die einzige umfassende Geschichte von Dransfeld, eine Geschichte der Mündener St.Blasius-Kirche, viele Aufsätze in der Mündener Zeitung und viele Gedichte unter dem Namen Hermann Liederring. Er war Mitglied des historischen Vereins in Hannover und des hessischen in Kassel. Zu seinen Freunden zählten die Direktoren der Kasseler Bibliothek, Dr. C. Bernhardi, und des Staatsarchivs Hannover, Geh. Archivrat C. L. Grotefend, die ihn bei seinen Studien und Arbeiten ermunterten und halfen, ebenso wie Oberhofmarschall Dr. C. E. von Malortie, der unter vielen historischen Arbeiten auch eine über das Mündener Welfenschloss hinterließ. So kann sich denn auch ein Mann wie Brethauer nicht genug darüber wundern, was dieser Mann geleistet hat neben seiner rastlosen Tätigkeit in seinem Handwerk und neben seiner Öffentlichkeitsarbeit als Bürgerdeputierter und Kirchenvorsteher von St. Blasius. Die Mündener wissen das und behalten ihn dankbar in ehrendem Gedenken.

Der berühmte Bildhauer Gustav Eberlein, der ebenfalls zu den großen Söhnen dieser Region zählt, schuf eine Büste von ihm für das Museum. Das Stammhaus der Familie ist übrigens das Haus Nr. 572, Lange Straße 67, jetzt 34, Eingang Lotzestraße. Hökerstraße hieß sie, als ein Lotze hier das Geschäft gründete, später Rathausstraße, seit 1936 Lotzestraße. In diesem Haus wurde Wilhelm Lotze geboren. Die Gedenktafel hat 1913 der Heimatkundeverein gestiftet und angebracht. Bis 1895 betrieben die Lotzes hier eine Schlachterei, im 19. Jahrhundert (bis 1871) auch eine Gastwirtschaft. Ihr Name "Im Roten Ochsen" wurde von Wilhelm Lotze in "Zum Grünen Eichbaum" geändert. (ASC)

Quelle: Münden - gesammelte Aufsätze, von Dr. Karl Brethauer