Weinberg

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Der Weinberg liegt südwestlich des Kasseler Stadtzentrums.

Kassels Balkon mit Unterwelt

Die gewaltigen Stützmauern des Weinbergs

Der Weinberg liegt mit seiner terrassierten Gartenanlage und riesigen Stützkonstruktion in Bogenform hochaufragend und imposant im Blickfeld der von Süden her über die Frankfurter Straße Einfahrenden.

Im Sprachgebrauch gilt dieser Straßenabschnitt, das Tor zur City, voll und ganz als Weinberg. Hier befindet sich auch die ebenso benannte Straßenbahnhaltestelle.

Topographie & Topologie

Der Weinberg mit seiner Hochfläche und dem steil nach westosten abfallenden Hang befindet sich südwestlich des Stadtzentrums. Geologisch gesehen ist er Teil einer sich in Ost-West-Richtung erstreckenden Muschelkalk-Verwerfung des Kasseler Beckens.

Der Weinberg ist neben Möncheberg und Kratzenberg (Tannenwäldchen) eine der drei markanten innerstädtischen Erhebungen; er ist umgeben von den Straßen Am Weinberg und Weinbergstraße und dem unterhalb liegenden und nach Westen führenden Philosophenweg (kurz vorgelegen der Tischbeinstraße).

Der aus dem Habichtswald kommende Druselbach, bis dahin auf seinem Weg von Westen unterirdisch kanalisiert, kommt hier südöstlich als die Kleine Fulda "zutage", um an der Westseite der Karlsaue dann in die Fulda zu münden.

Geschichte des Weinbergs

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Mittelalter

Im Mittelalter wurde auf dem Berg Weinanbau betrieben. Darauf weist nicht nur der Name des Berges hin, sondern auch ein wüst gewordenes Dorf am Fuße des Weinbergs, das Dorf "Weingarten". Der Landgraf, das Kloster Ahnaberg und viele Bürger hatten auf Kassels Balkon seit dem 13. Jahrhundert ihre Weingärten. Über die Qualität des Rebensaftes gehen die Meinungen auseinander. "Der Landwein war so gut zu Cassel wie ein ziemlicher Rheinischer Wein, er ist auch eher einem halben Jahr ausgesoffen", lautet ein überliefertes Zitat aus dem Jahr 1540. Andere Chronisten sprechen von bescheidener Qualität: Der hier produzierte Wein dürfte ein recht saurer Tropfen gewesen sein. So manche spöttische Rede wurde von den Zeitgenossen über den Wein ausgesprochen. Ende des 16. Jahrhunderts kam der Weinanbau im nördlichen Hessen zum Erliegen. Der Dreißigjährige Krieg hatte die Rebstockbestände komplett vernichtet. Danach rückte der Weinberg in das Interesse der Landgrafen. 1529 ließ Landgraf Philipp I. der Großmütige auf dem Weinberg einen Garten anlegen. Er wurde als "oberster Garten" oder auch als "Plantage" bezeichnet. Hier wurden neben Baum- und Heckenpflanzungen und einem Irrgarten auch kleine Bauwerke errichtet.

17. Jahrhundert

Als Landgraf Karl ab 1685 die Hugenotten nach Kassel einlud und eine Siedlungsstelle für sie gesucht wurde, wählte man den fürstlichen Besitz am Weinberg dafür aus. Hier entstand die sogenannte Oberneustadt. Der als "alter Lustgarten" bezeichnete Platz verschwand.

18. Jahrhundert

Ab 1765 wurde der untere Teil des südlichen Weinbergs terrassiert, um den Weinanbau wieder zu beleben. In Frankreich wurden Weinstöcke angekauft und angepflanzt. Für den eingestellten Weingärtner wurde ein Wohnhaus gebaut. Das Vorhaben scheiterte wiederum an der Qualität des Weines. Auch die Anpflanzung der Maulbeerbäume brachte nicht den gewünschten Erfolg. Landgraf Friedrich II. ließ die Maulbeerplantage auf der Hochfläche anpflanzen in Form einer Parkanlage, mit sich kreuzenden Alleen und Aussichtsplätzen mit Sichtschneisen.

Ende des 18. Jahrhunderts wurden die fürstlichen Besitzungen an Bürger verkauft. Das Grundstück wurde parzelliert und es entstanden auf dem Weinberg zahlreiche Bürgergärten. Auch Simon Louis du Ry besaß im Bereich der heutigen Humboldtstraße einen Garten. Um 1800 entstanden hier zwei Lokale, die zu einem beliebten Ausflugsziel wurden. Die reizvolle Lage der Lokale geriet auch in den Blickwinkel König Jérômes, der Pläne für ein Residenzschloss von seinem Architekt Grandjean de Montigny entwerfen ließ. Doch es blieb nur bei den Plänen. Der vorgesehene Bauplatz war ein in fürstlichem Besitz gebliebenes Grundstück zwischen dem heutigen Brüder-Grimm-Platz und der heutigen Weinbergstraße.

19. Jahrhundert

Frankfurter Straße am Weinberg ca. 1905

Im 19. Jahrhundert war Besitzerin des Grundstücks die Gemahlin des letzten Kurfürsten, der Fürstin von Hanau. Bekannt als "Hanauischer Garten" kam das Grundstück später in städtischen Besitz und wurde dann bebaut mit der Murhardschen Bibliothek, dem Wilhelmsgymnasium (heute Standort des Friedrichsgymnasiums) und dem Hessischen Landesmuseum. Noch heute erinnert der "Fürstengarten" an den ehemals kurfürstlichen Besitz.

Am Fuße des westlichen Weinberges entstand Anfang des 19. Jahrhunderts das Wohnhaus "Sanssouci", das im 2. Weltkrieg zerstört wurde.

An der Hanglage zur Frankfurter Straße befand sich seit 1807 die Kunst- und Versandgärtnerei Schellhase, die wegen ihrer zeittypischen liebevollen Gestaltung und Ausschmückung längere Zeit als eine Sehenswürdigkeit in Kassel galt.

Dem wohl schönsten Aussichtspunkt innerhalb der Stadt hat 1834 Ernst Koch (* 3. Juni 1808 Singlis - † 24. November 1858 Luxemburg) in seinem "Prinz Rosa Stramin" - 1834 in Kassel erschienen - ein köstliches literarisches Denkmal gesetzt. Er schreibt unter anderem: " ... ich schreibe diese Zeilen an einem schönen Frühlingsmorgen, während ich zu Kassel auf einer Anhöhe vor dem Frankfurter Tore in der Laube eines öffentlichen Gartens sitze.....Ich habe einen goldenen, heiligen, singenden Frühlingsmorgen vor mir..... In der Ferne ruft der prophetische Kuckuck, und ein Schuß tönt weithin verhallend und müde durch die Gebirge. Links unten liegt die düstere Aue mit großartigen Baumgruppen und üppigen gewölbten Wipfeln, und rechts auf einem Hintergrund von Waldwogen und vollem weichen Baumschlage das Wilhelmshöher Schloß, und weiter hinauf die Löwenburg, halb versteckt und bescheiden, wie eine an den Busen von Wilhelmshöhe gesteckte verwelkte Blume liebender Erinnerung. ...."

Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurden die Gärten von der zunehmenden Bebauung mit Wohnhäusern verdrängt. Allerdings blieben große Teile des Südhanges unbebaut und wurden vom reizvollen Wegesystem der "Eidechse" erschlossen und waren bis in die 70er Jahre ein grünes Idyll. Eines der ersten Häuser auf dem Weinberg war das 1863/66 im "Schweizer Stil" errichtete Wohnhaus (Weinbergstraße Nr. 25) des Malermeisters Reinhard Hochapfel (18231903).

Mit dem Aufkommen der Eisenbahn plante man Mitte des 19. Jahrhunderts, die Eisenbahn-Linie der Friedrich-Wilhelm-Nordbahn nicht über Wilhelmshöhe, sondern parallel zu der Frankfurter Straße unter dem Weinberg hindurch verlaufen zu lassen. Stattdessen entstand dann der Hauptbahnhof.

Von 1868 bis 1870 entstand im östlichen Bereich des Weinberges die repräsentative Villa der (Lokomotiv-)Fabrikanten Oscar und Sophie Henschel. Wegen des abschüssigen Baugrundstücks gestaltete man eine imposante terrassierte Gartenanlage.

1887 und 1901 wurde von der Familie Henschel durch Ankauf des "Felsenkeller"-Geländes der Grundbesitz vergrößert. Damit ging ein großes Kapitel der Kasseler Gastronomiegeschichte zu Ende.

20. Jahrhundert

Villa Henschel (rechts), Haus Henschel (links)

1902 ließ der Sohn Karl Henschel sein "Haus Henschel" (siehe auch Villa Henschel ) erbauen, eine imposante Villa.

Gleichzeitig entstand die riesige Stützkonstruktion in Bogenform an der Frankfurter Straße. Das "Haus Henschel" wurde 1931 abgerissen.

Die in den Felsen getriebenen Bierkeller wurden 1942 zu einem großen Luftschutzbunker umgebaut, in dem während der zahlreichen Bombenangriffe bis zu 8.000 Menschen Schutz und Zuflucht fanden.

Dieser Teil von Kassels Unterwelt ist ein wirres Stollenlabyrinth ohne Fluchtwege. Zehn Eingänge und neun Stollen bilden die Basis für Gänge, die kreuz und quer in die Tiefe des blanken Kalksteinfelsens verlaufen. Im September 2011 wurden überraschend bsilang unbekannte Hohlräume in dem weit verzweigten Stollensystem entdeckt.[1]

Das 1931 und bis 1945 durch Abbruch und Zerstörung (der Krieg zerstörte auch die Villa Henschel) wieder frei gewordene Areal führte zu neuen Planungen durch die Nationalsozialisten. Hier sollte ein "Gauburg und Forum" entstehen und somit zu einem Eckpunkt ihrer stadtplanerischen Vorhaben sein.

In der furchtbaren Kasseler Bombennacht zum 22. Oktober 1943 fanden im Luftschutzbunker bis zu 10.000 Menschen Schutz und Zuflucht.

Nach dem zweiten Weltkrieg

1947 kam der Plan für den Neubau des Staatstheaters auf dem Weinberg auf.

1959 wurde das Grundstück an die Stadt Kassel verkauft.

So entstand auf dem östlichen Teil des Anwesens der Henschelpark, der westliche Teil wurde im Hinblick auf eine zukünftige Neuordnung sich selbst überlassen.

1966 sollte hier ein Hotel der gehobenen Kategorie entstehen oder ein Erweiterungsbau der staatlichen Kunstsammlung. Alle Projekte wurden nicht verwirklicht.

Ausgeführt wurden hingegen, nach Verkauf der westlichen privaten Teile des Weinberges an eine Immobiliengesellschaft, der große Wohnkomplex, mit der Seniorenresidenz und der auf Stützen stehenden Zufahrtstraße. Dadurch bekam der Weinberg weithin sichtbar ein völlig neues Aussehen. Nach Protesten der Öffentlichkeit wurde der östliche Bereich des Weinberges vor einer weiteren Bebauung geschützt und 1982 als "Sachgesamtheit und Einzelobjekt" unter Denkmalschutz gestellt.

Biergarten-Kultur

Am Weinberg in der Innenstadt gab es wenig Wein und viel Bier 1822 dann stellte Hofküfermeister Reymüller das Gesuch an Kurfürst Wilhelm II., im Kalkfelsen am Frankfurter Tor einen Bierkeller anzulegen. Drei Jahre später kam die Erlaubnis. Mit der Auflage, "oben auf der Höhe anständige Bierwirtschaften für angesehene Personen zu errichten".

Ab 1825 entstanden auf dem Weinberg drei Biergärten:

  • der Peilertsche,
  • der Schwanersche
  • der Eissengarthensche

mit dazugehörigen "Felsenkellern", die in den Kalkfelsen getrieben wurden. Diese Felsenkeller dienten zur Getränkelagerung.

Die wunderschöne Lage der Biergärten, mit ihrem herrlichen Blick in die Landschaft, den romantischen Spazierwegen und der populären Musikdarbietung (u.a. Sänger aus dem Zillertale) verschaffte den drei, nebeneinander liegenden Lokalitäten eine große Beliebtheit unter der Bevölkerung Kassels. Auch Auswärtige wurden von diesen wunderschönen Biergärten angelockt.

Als Chronist jener Zeit hat der Bauunternehmer Heinrich Schmidtmann festgehalten: "Außer den privaten Gärten fand die Bürgerschaft Gelegenheit zu geselliger Vereinigung, an denen auch die Damenwelt teilnehmen konnte, in der großen Anzahl der Wirtschaftsgärten, darunter die drei herrlich gelegenen Felsenkeller am Weinberg."

Militärische Nutzung

Geplant wurde schon unter Landgraf Philipp I., den Weinberg für Verteidigungszwecke zu befestigen. 1550 kam die Idee auf, hier eine äußere Verteidigungslinie in Form von Schanzen anzulegen.

Erst im 17. Jahrhundert wurde die sogenannte Weinbergschanze errichtet, die zusammen mit dem Frankfurter Tor einen militärischen Schutz nach Süden bot. Die Weinbergschanze bestand aus einem rechteckigen Wall- und Grabenwerk, dessen nach der Stadt gerichtete Seite offen war. Von hier gab es einen gedeckten Weg zum Frankfurter Tor und einen unterirdischen Gang zur Aueschanze. 1768 wurde die Schanze eingeebnet und mit Maulbeerbäumen bepflanzt. Beim Bau des Landesmuseums wurde ein Teil der Schanze wieder gefunden. Nach 1776 wurde unter Landgraf Friedrich II., der die Festungswerke schleifen ließ, auch die Weinberg-Schanze eingeebnet. An deren Stelle entstand ein Park.

Straßenbau am Weinberg

Am 8. November 1979 rollte nach viereinhalbjährigem Ausbau der Frankfurter Straße zwischen Heckerstraße und Trompete wieder der Verkehr. 14 Millionen Mark wurden in eine moderne, breite Bundesstraße investiert. Ein Teil der Frankfurter Straße ruht nun auf einem 45 000-Kubikmeter-Damm. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte die Stadt Kassel gewaltige Anstrengungen unternommen, um die Frankfurter Straße als Verkehrsschlagader auszubauen. Es entstanden schließlich vierspurige Straßenstücke, mit zwei Ausnahmen: Eben am Weinberg und in Niederzwehren. So wurde das rutschige Kopfsteinpflaster am Weinberg durch eine mehrspurige, breite Straße ersetzt. Dieser Ausbau war die letzte große innerstädtische Straßenbaumaßnahme im Rahmen des nach dem 2. Weltkrieg ausdrücklich verfolgten Konzeptes der "autogerechten Stadt".

Mahnmal

An der Weinbergstrasse befindett sich das Mahnmal für die Opfer des Faschismus, »Den Vernichteten 1933–1945« gewidmet.

Weinberg heute

Weinbergfest

In den letzten Jahren wurden die Überreste der "Villa Henschel" und die Treppenanlage freigelegt (siehe dort).

Über eine Nutzung dieses Bereiches wird weiter diskutiert. Zum Teil wurde im Henschelgarten die Tradition der Biergärten wieder belebt. Doch durch Beschwerden des Elisabeth-Krankenhauses und vermutlich auch wegen finanzieller Probleme wurde der Betrieb des Biergartens wieder eingestellt.

Einmal jährlich veranstaltet die "Arbeitsgemeinschaft der Kasseler Südstadt" hier ein Weinbergfest.

Das Stollenlabyrinth und der ehemalige Luftschutzbunker werden nicht mehr genutzt und können im Rahmen von Führungen besichtigt werden.

Für Wirbel sorgten auch die Pläne für Museumsneubauten auf dem Weinberg. Auf dem Gelände neben dem Museum für Sepulkralkultur sollen das Grimm-Museum der Stadt und das Tapetenmuseum der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) entstehen. Dagegen protestierten vor allem die Anwohner die einen Verlust der Grünflächen und ein erhöhtes Verkehrsaufkommen befürchten. [2] [3]

Der Kasseler Magistrat weist am 13. August 2012 das Bürgerbegehren der Initiative Rettet den Weinberg zurück. Sie fordert eine Verschiebung des Bauvorhabens des Brüder-Grimm-Museums auf dem Weinberg um zwei Jahre. Das Bürgerbegehren entspreche nicht der Hessischen Gemeindeordnung, teilte Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) mit. [4]

Video über den Weinbergbunker

siehe auch

Weblinks

  1. HNA vom 22.09.11: Bunkerführungen im Weinberg abgesagt - Neue Gänge freigelegt
  2. HNA vom 15.11.11: Wirbel um den Weinberg: Unterschriften gegen Museumsneubauten
  3. HNA vom 24.11.11: Dicke Luft am Weinberg: Anwohner lehnen Museumsbauten ab
  4. Aus HNA.de vom 13. August 2012: Grimm-Museum: Magistrat weist Bürgerbegehren zurück
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