Waldenser

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Waldenser-Tafel in Gottstreu

Die Waldenser sind eine christliche Bewegung, die bis zum 12. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann. Sie geht zurück auf den Kaufmann und späteren Laienprediger Petrus Waldus (auch „Valdus“ oder „Valdes“) aus Lyon, der Teile der Bibel in die Volkssprache übersetzen ließ. Die Bewegung breitete sich besonders in Südwest- und Nordostfrankreich sowie in der Lombardei aus. Ihre Anhänger verstanden sich zunächst als Mitglieder der katholischen Kirche, kritisierten jedoch deren Missstände. Im Jahre 1532 schloss sich die Glaubensgemeinschaft der Reformation an. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die deutschen Exilgemeinden den reformierten oder lutherischen Landeskirchen angeschlossen.

Geschichte der Glaubensgemeinschaft

Waldenserkirche in Gewissenruh

Ein besonderer Konflikt mit der Kirche bestand durch die Freigabe des Predigtrechts an Laien, wodurch die Berechtigung kirchlicher Institutionen grundlegend in Frage gestellt wurde. Im Jahre 1184 wurde die Glaubensgemeinschaft von Papst Lucius III. exkommuniziert und ihre Mitglieder zu Ketzern erklärt und verfolgt. Viele zogen sich in unzugängliche Alpentäler zurück. Im Jahre 1532 schloss sich die Glaubensgemeinschaft der Reformation an und gründete 1560 eine reformierte Kirche in den Cottischen Alpen. Sie gaben sich jetzt selbst den Namen „Waldenser“. Im Jahr 1598 erließ König Heinrich IV. einen Duldungsedikt (Edikt von Nantes) und sicherte den Waldensern Rechte und Religionsfreiheit zu. Trotz des Edikts von Nantes fanden die blutigen Verfolgungen kein Ende. 1685 und 1687 setzten zwei große Fluchtwellen ein. Bereits 1685 hatte der französische König Ludwig XIV. den Waldensern die Ausübung ihrer Religion untersagt (Aufhebung des "Edikts von Nantes"). Die Waldenser wurden verfolgt, viele kamen in Gefängnissen um. Im Jahre 1698 wurden ca. 2.700 französischen Waldenser aufgrund des Ausweisungsediktes vom 1. Juli 1698 durch den Herzog von Savoyen aus ihrer Heimat vertrieben. Sie fanden zunächst Zuflucht in der Schweiz. wo nur wenig Möglichkeiten bestanden, die Flüchtlinge auf Dauer anzusiedeln. Die französischen Waldenser zogen weiter nach Hessen, andere Gruppen, wie die Waldenser aus den ehemals französischen Bereichen des Perosatals, ins Herzogtum Württemberg oder in die Markgrafschaft Baden-Durlach. Die Zuwanderer trafen hier oft auf zerstörte und entvölkerte Landstriche: besonders der Dreißigjährige Krieg hatte mit Zerstörungen, Seuchen (Pest) und Hungersnöten viele Tote gefordert.

Waldenser in Hessen – Kassel

Kelze - Hugenottenkirche

Landgraf Carl von Hessen-Kassel siedelte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts französische Glaubensflüchtlinge (Hugenotten) in der Landgrafschaft Hessen-Kassel an, die nach dem Edikt von Fontainebleau und der Aufhebung der Religionsfreiheit in Frankreich im Jahre 1685 ihre Heimat verloren hatten. Ebenso fanden hier Hugenotten und Waldenser eine neue Heimat, die sich nach 1685 schon längere Zeit in der Schweiz aufgehalten hatten oder 1698 auf Befehl des Herzogs von Savoyen vertrieben worden waren.

Auch in der Stadt Hofgeismar, etwa 25 km nördlich von Kassel, fanden Glaubensflüchtlinge Aufnahme. Bereits am 22. Februar 1686 wurde eine französisch-reformierte Gemeinde an der Hofgeismarer Neustädter Kirche gegründet. Der erste Pfarrer der Gemeinde war der Waldenserpfarrer David Clément, der 1685 seine Heimat im Pragelatal (Val Cluson) verlassen musste und über die Schweiz mit drei Flüchtlingsbrigaden aus unterschiedlichen Regionen nach Hessen gekommen war.

Hugenotten (aus dem französischen Staatsgebiet) und Waldenser (aus dem heute piemontesischen Val Cluson/Chisonetal, das bis um 1700 weitgehend zu Frankreich gehörte) siedelten sich aber nicht nur in Hofgeismar an.

Waldenserkirche in Gottstreu

Neue Dörfer entstanden auch in der Umgebung der Stadt, als erstes Carlsdorf bereits im Jahre 1686, benannt nach Landgraf Karl, als zweites Mariendorf im Jahre 1687, benannt nach der Ehefrau Karls, Landgräfin Maria Amalia. Auch in dem benachbarten und nur dünn besiedelten Dorf Hombressen wurden in den Jahren 1686 und 1687 französische Flüchtlinge untergebracht, denen - wie in Carlsdorf - Parzellen zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung zugewiesen wurden.

Später entstanden (im Jahre 1699) die Dörfer Kelze und Schöneberg, nachdem mit einer zweiten Flüchtlingswelle weitere Glaubensflüchtlinge aus Frankreich nach Hofgeismar gekommen waren.

Im Jahre 1699 erfolgte auch die einzige Stadtgründung für Hugenotten in Hessen, in Sieburg, dem späteren Karlshafen. Andere sehen in der Oberneustadt in Kassel eine weitere Stadtgründung für Hugenotten. Am 3. August 1688 legte Landgraf Karl den Grundstein für die Oberneustadt. Auch hier sollten sich Hugenottenfamilien eine neue Heimat in Hessen-Kassel aufbauen.

1722 wurden dann mit Gewissenruh und Gottstreu zwei neue Waldenser-Dörfer an der Weser gegründet. Hier handelt es sich um die jüngsten und nördlichtsen Waldenserorte Deutschlands - zugleich die einzigen im Landkreis Kassel. An der Gründung der oben genannten hugenottischen Siedlungen waren die Waldenser aus dem Val Cluson in der Regel nur zu einem sehr geringen Prozentsatz beteiligt.

Als letzte Neugründung in der Nähe der Stadt Hofgeismar entstand – bereits unter der Regentschaft des Landgrafen Friedrich II. – das Dorf Friedrichsdorf im Jahre 1775.

aus einem Beitrag des ehem. Hofgeismarer Dekans Jochen Desel im Kasseler Sonntagsblatt vom 18.7.1999:

"Es waren überwiegend Waldenser aus den savoyischen Alpentälern bei Torre Pellice und Hugenotten, die ihre südfranzösische Heimat schon 1686 nach der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes verlassen hatten, die 1699 als "verspätete Hugenotten" nach Hessen kamen. Beide Gruppen hatten zunächst in der benachbarten Schweiz Asyl gesucht und auch gefunden. 1698 waren die schweizerischen Kantone nicht mehr bereit, die immer zahlreicher einwandernden französischen Réfugiés in ihrer Gesamtzahl zu behalten. Ein Teil von ihnen - vor allem die mittellosen Waldenser - wurde ausgewiesen und mußte das Land wieder verlassen.

Um ihre geplante Einbürgerung in Deutschland zu erleichtern, zahlten die Schweizer und die Niederländer beträchtliche Summen an die aufnahmewilligen deutschen Fürsten. Auch Landgraf Carl von Hessen erhielt Hilfszahlungen, weil er nach anfänglichem Zögern seine Bereitschaft zur Ansiedlung einer zweiten Flüchtlingswelle der Réfugiés in Hessen-Kassel erklärte. Die für Hessen bestimmten Glaubensflüchtlinge schlossen sich im Sommer 1699 in der Schweiz zu sogenannten Brigaden zusammen, um gemeinsam nach Deutschland zu reisen. Schweren Herzens verließen sie die Schweiz, eine ungewisse Zukunft vor Augen. Sie bestiegen in Bern und in anderen Schweizer Städten Schiffe, mit denen sie auf der Aare und dem Rhein über Basel bis Gernsheim fuhren. Von dort zogen sie über Frankfurt und Marburg auf dem Landweg weiter in das nördliche Hessen.

Die Flüchtlingskommissare des Landgrafen hatten schon vor der Ankunft der Flüchtlinge ihre Unterbringung vorbereitet und Details der Ansiedlung mit den Brigadeführern der französischen Réfugiés abgesprochen. Trotzdem waren die ersten Jahre der Flüchtlinge in der neuen hessischen Heimat schwierig für alle Betroffenen. Die Flüchtlinge hatten großzügigere Hilfeleistungen erwartet, die Einheimischen dagegen beneideten die Neuankömmlinge um ihre Privilegien und die Befreiung von Steuern und Abgaben. Es dauerte Jahrzehnte, bis sich die Verhältnisse in den "neuen Dörfern" normalisierten und rund ein Jahrhundert, bis aus den Réfugiés Deutsche geworden waren."

Literatur

Literatur zur Regionalgeschichte

  • Jochen Desel, „Hugenotten und Waldenser in und um Hofgeismar“ in: Hessische Heimat – Sonderheft Hofgeismar, Marburg 1978, S. 70 ff.
  • Jochen Desel, Die 300-Jahrfeiern in Carlsdorf und Mariendorf 1986 und 1987, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 1988, S. 77 ff.
  • Jochen Desel, Französische Dörfer - deutsche Zuwanderer 1669 - 1779: 300 Jahre Kelze und Schöneberg, Band II, Hofgeismar 1999

Unterhaltungsliteratur

  • Friedemann Seiler, "Ein Licht in der Finsternis" - Die Flucht der Hugenotten und Waldenser nach Nordhessen, MuNe Verlag Paderborn 2009 (Der historische Regional-Roman erzählt die Geschichte von Etienne Pinatel und seiner Frau, die im Jahre 1710 ein Haus in Schöneberg bauten, das heute als Dorfmuseum genutzt wird.)

Waldenser-Museum in Gottstreu

Waldensermuseum in Gottstreu

Das Waldensermuseum im ehemaligen Schulhaus von Gottstreu (Waldenserstr. 1 - gegenüber der Kirche) informiert über den langen Weg der waldenser Glaubensflüchtlinge vom Val Cluson (in den Cottischen Alpen) bis an die Oberweser und die Geschichte der 1722 gegründeten "Franzosendörfer" Gewissenruh und Gottstreu.

Waldensertag 2012

Vom 22. bis 23.09.12 fand der Deutsche Waldensertag in Hofgeismar statt. Er stand unter dem Motto "Glauben Gestalt geben" und begann am 22. September mit einem Abend der Begegnung in der Stadthalle Hofgeismar. Am Sonntag standen u.a. Vorträge zu verschiedenen Themen an, etwa zu „Kirchengebäuden in den süddeutschen Waldenserkolonien vom 18. Jahrhundert bis heute“ oder über "Kirchenbauten und Siedlungsstrukturen nordhessischer Waldenser- und Hugenottenkolonien“. Und Pfarrer Giuseppe Platone, Mailand berichtete über „Aktuelles aus der Waldenserkirche“, bevor der Festgottesdienst in der Neustädter Kirche Hofgeismar den Waldensertag abschloss, dort wo schon Waldenserpfarrer David Clément von 1686 bis 1725 gewirkt hatte.

Waldenser-Menü 2014

„Europäisches Waldenser-Menü“ (Ein kulinarischer Streifzug durch die Waldensergeschichte)

Wegen ihres reformierten Bekenntnisses hatten Ende des 17. Jh. etwa 2.800 Waldenser ihre im französisch-piemontesischen Grenzgebiet gelegenen Heimatorte verlassen müssen. Viele von ihnen fanden ab 1699 eine Zuflucht im Herzogtum Württemberg, wo sie insbesondere in den Oberämtern Maulbronn und Leonberg Kolonien errichteten (z. B. Pinache, Serres, Großvillars und Perouse). 1720 zogen etliche Waldenser von Württemberg in Richtung Norden weiter und gründeten nach Zwischenaufenthalten in Berlin, Hamburg und Fredericia/Dänemark 1722 Gottstreu und Gewissenruh im Wesertal. Im Rahmen eines „Europäischen Waldenser-Menüs“ werden die einzelnen Etappen der Waldens-erwanderung vom Piemont bis an die Weser kulinarisch nachvollzogen. Serviert wird ein mehrgängiges Menü nach typischen Rezepten aus der jeweiligen Region - verbunden mit kurzweiligen Informationen von Thomas Ende zu Küche, Keller, Land und Leuten sowie zur Waldensergeschichte; garniert mit heiteren und tiefgründigen Versen von Manfred Pöter.

Freitag, 14. November 2014, ab 18.30 Uhr

Ort: Gasthaus „Zum Lindenwirt“ (Familie Henne, Oberweser-Gottstreu/Weißehütte) [1]

siehe auch

Weblinks und Quellen

Quellen

  1. Text aus dem Veranstaltungsprogramm 2014 des ECOMUSEUMs REINHARDSWALD - EIN MUSEUM WEITGEHEND IM FREIEN

Weblinks