Vorderer Westen

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Friedenskirche

Der Kasseler Stadtteil West, zumeist Vorderer Westen genannt, ist Teil der Kasseler Kernstadt und liegt nördlich der Wilhelmshöher Allee zwischen den Stadtteilen Mitte und Bad Wilhelmshöhe. Er zählt zu den beliebtesten Stadtteilen und ist durch eine dichte gründerzeitliche Bebauung geprägt.

Nirgendwo in Kassel leben so viele Menschen wie im Vorderen Westen, der mit bunten Läden, einer regen Kneipenszene und schönen Jugendstilfassaden lockt. Im Sommer trifft man sich auf einen Cappuccino am Bebelplatz oder radelt mit Kind und Kegel zur Goetheanlage oder geht spazieren im Stadthallengarten.

Mit der Bebauung des früheren Bereitschaftspolizei-Geländes sind weitere Bewohner in den Vorderen Westen gezogen. Die Samuel-Beckett-Anlage, wie das Wohnquartier zwischen Breitscheid- und Friedrich-Ebert-Straße heißt, sorgte hier für neuen Schwung.

Geografie

Bevölkerung

(Stand: 31. Dezember)

2010: 15562 Einwohner (Ausländeranteil: 1189 Einwohner = 5,7 Prozent)

Lage

Der Stadtteil liegt westlich der Kasseler Innenstadt und grenzt an die Stadtteile Rothenditmold (im Norden), Mitte (im Nordosten, Osten und Südosten), Wehlheiden (im Süden), Bad Wilhelmshöhe (im Südwesten) und Kirchditmold (im Nordwesten).

Geschichte

Landgraf Friedrich II. ließ 1767 die Stadt Kassel mit dem Schloss Wilhelmshöhe durch eine Allee geradlinig verbinden.

Und im 19. Jahrhundert hat der Kasseler Industrielle und Kommerzienrat Aschrott die Entwicklung des Stadtteils maßgeblich beeinflusst.

Aus den Anfängen

Prachtbau der Gründerzeit an der Hohenzollernstraße, Ecke Kaiserstraße (heute Goethestraße)
Goethestraße ab Goethestern in westlicher Richtung
Goethestraße ab Goethestern in östlicher Richtung
Goethestraße ab Nebelthaustraße in westlicher Richtung

Die Entstehung des neuen Stadtteils, des Hohenzollern-Viertels (später Vorderer Westen genannt) geht auf das große Engagement von Sigmund Aschrott in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück.

Nach der Darstellung von Dietfrid Krause-Vilmar erwarb er nicht nur riesige Ländereien, entwarf ein umfassendes städtebauliches Konzept für das Hohenzollernviertel, übernahm sämtliche Erschließungskosten (auch hier hatte die Stadt nicht mitgespielt), sondern stellte mit Josef Stübben auch einen Städtebauer von Format ein, ließ Kirchen bauen, schuf große Parkanlagen, die den Wohnwert erhöhen sollten, und richtete für mehrere Straßen begrünte Flächen ein, wobei die Pflanzen z.T. aus holländischen Baumschulen importiert wurden. [1]

Die Kasseler Altstadt war längst an ihre Grenzen gestoßen, als Aschrott anfing, das damalige Hohenzollernviertel zu erschließen. Ein mutiger Schritt, denn Unterstützung der Kasseler Stadtverwaltung gab es zunächst nicht. Dort sah man in erster Linie das finanzielle Risiko und nicht die städtebaulichen Möglichkeiten eines neuen Wohnviertels.

Ab 1860 kaufte Aschrott zwischen Ständeplatz und Querallee im großen Stil Grundstücke. Für einige Bauern war das ein Glücksfall. Sie bekamen für ihre Äcker und Wiesen ein kleines Vermögen und konnten sich plötzlich eine der stattlichen Villen in dem neuen Viertel leisten. Daneben entstanden repräsentative Wohnungen mit hohen, lichtdurchfluteten Räumen. Grünanlagen, Vorgärten, Alleen und begrünte Plätze sollten für eine hohe Wohnqualität sorgen. Keine Industriebetriebe und kein Gewerbe, das Lärm, Qualm oder üblen Geruch verursacht, so waren die Vorgaben. Kein Wunder, dass das Hohenzollernviertel schnell zu einem ausgesprochen begehrten Quartier wurde und die Grundstückspreise deutlich anstiegen. Davon hat Aschrott profitiert. Das unternehmerische Risiko hatte sich gelohnt. Aschrott setzte aber auch verkehrspolitische Pläne für „sein“ Stadtviertel um und baute die erste Dampfstraßenbahn. Doch bereits zu Lebzeiten rief Sigmund Aschrott auch Kritiker auf den Plan, die ihn als Spekulanten bezeichneten.

Aschrott hatte seinerzeit verfügt, dass auf den von ihm verkauften Grundstücken keine Gewerbe betrieben werden dürfen, von denen "Lärm, Dampf oder übler Geruch ausgeht". Diese Verfügung ist Bestandteil der Grundbucheintragungen bis heute (2010). Er selbst wohnte in den 1880er-Jahren im Gebäude an der Annastraße 18 (heute Annastraße 10).

Letztlich überraschend - und nicht aufgeklärt - ist sein Abschied von Kassel im Jahre 1887 zu einem Zeitpunkt, als seine Stadtpläne sich auf dem Höhepunkt der Verwirklichung befanden. Aschrott zog nach Berlin um, wo er bis an sein Lebensende blieb.

Verwundetes Vorzeigeviertel

Obwohl ein noch junger Stadtteil, hat sich auch der Vordere Westen gewandelt

Die Friedenskirche im Hintergrund und die Straßenführung sind geblieben. Doch die Kreuzung Friedrich-Ebert-Straße/ Ecke Goethestraße zeigt heute ein völlig anderes Bild. Rationale 50er-Jahre-Architektur ersetzt das reich verzierte Gebäude im Stil des Historismus, das bis zum Zweiten Weltkrieg am Tor zum Vorderen Westen stand.

Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts erschloss der Kasseler Fabrikant Sigmund Aschrott diesen Stadtteil im Westen der Stadt, der auch als Hohenzollernviertel bekannt war. Das wohlhabende Kasseler Bürgertum erfüllte sich dort seinen Traum von Glanz und Gloria, indem es seine Häuser mit allerlei Türmchen und Zinnen, Bögen und Säulen verzierte. Ein solcher Bau stand auch an der Ecke Friedrich-Ebert-Straße/ Goethestraße, die damals Hohenzollernstraße und Admiral-Scheer-Straße hießen. Die Gaststätte Herkules im Erdgeschoss zählte zu den beliebtesten Treffpunkten.

Beim Wiederaufbau wollte man von pompösen oder verspielten Fassaden nichts mehr wissen. Die Welt war ernüchtert, und das drückte sich auch in der Architektur aus. In den 50er-Jahren setzte sich ein rationaler Baustil ohne störenden Zierrat durch. Ein Paradebeispiel ist das Gebäude der Commerzbank, das 1957 anstelle der Gaststätte Herkules errichtet wurde. Die Baulücke auf dem Grundstück daneben,lange mit einer Tankstelle, dann mit einer Drive-In-Reinigung bebaut, wurde 2005 mit einem Wohn- und Geschäftshaus geschlossen.

In den 70er- und 80er-Jahren war der Vordere Westen bevorzugtes Wohnviertel der Studentenszene. Die großzügigen Altbauwohnungen boten sich für die damals aufkommenden Wohngemeinschaften geradezu an. Es gab eine rege Kneipenszene, die sich bis heute gehalten hat, auch wenn sich rund um den Bebelplatz inzwischen wohl mehr Akademiker- als Studentenhaushalte finden. Ganz so lebendig wie in den Hochzeiten der Studentenbewegung ist der Stadtteil im Kasseler Westen heute nicht mehr. Das macht sich auch an einigen Leerständen schmerzhaft bemerkbar.

Ende 2005 hat sich der Verein Kassel-West e.V. gegründet, der die Aktivitäten im Stadtteil im Bereich Kunst, Kultur, Stadtteilentwicklung und Stadtteilgeschichte fördern und vernetzen will.

siehe auch: > Zahlreiche weitere Informationen unter www.vorderer-westen.net

Gründerzeit-Bauwerke

Das Haus im Juli 2012. Foto: HNA
  • Ein bekanntes, aus der Gründerzeit erhalten gebliebenes Haus steht an der Kreuzung Friedrich-Ebert-Straße und Querallee. Im Erdgeschoss des 1891 erbauten Hauses mit der Adresse Friedrich-Ebert-Straße 98 befand sich ursprünglich ein Friseursalon, später verschiedene Gaststätten. Den Anfang machten die "Kaminstuben". Deren Betreiber ersetzten in den Jahren 1972/73 die originalen Fenster durch Glasbausteine. In den Obergeschossen wurden liegende Rechtecke verbaut. 1993 wurde das Gebäude verkauft, damit fiel es nun unter die Richtlinien des Denkmalschutzes. 1996 wurden im Erdgeschoss wieder Holzrahmenfenster eingebaut. Im Sommer 2012 kaufte Tanzer Fakabasmaz das Erdgeschoss, um dort mit seinem türkischen Restaurant "Topkapi" einzuziehen. Die Sandstein-Fassade des Erdgeschosses war lange Zeit mit hellroten Kacheln verkleidet. Fakabasmaz kündigte an, diese zu entfernen oder zu verputzen, um die ursprüngliche Sandstein-Optik des Hauses wiederherzustellen.[2]


Die "Grüne Villa" Foto: HNA
  • Das ehemalige hessische Staatsbauamt befindet sich in der Querallee. Das auch als "Grüne Villa" bekannte Haus aus der Gründerzeit wurde im Frühsommer 2012 mehrmals zum Ziel von Hausbesetzern.


Kirchen

  • Die Friedenskirche am Karl-Marx-Platz wurde im Jahre 1908 für die ehemals selbständige evangelisch-lutherische Gemeinde erbaut. Mit ihren kupferbeschlagenen Türmen prägt sie das Stadtbild des Vorderen Westens. Notdürftig behobene Kriegsschäden und akustische Mängel führten in den sechziger Jahren zu einer Neugestaltung des Innenraums.Im Vorraum rechts unten ist der Grundstein zu erkennen. Eine Außenstelle ist die Apostelkapelle im Aschrottpark von 1967.
  • Ein weiterer Blickfang im Stadtteil ist die Kreuzkirche. Die alte Kreuzkirche, 1904 bis 1906 im Murhardgarten an der Luisenstraße erbaut, wurde am 7. November 1906 geweiht. Nach starken Zerstörungen im Zweiten Weltkreig wurde die Kirche im Jahre 1959 in modernem Stil wieder aufgebaut, wobei die Fundamente wieder verwendet wurden.
Adventskirche
  • Zur Kirchengemeinde Wehlheiden gehört die 1889 erbaute Adventskirche in der Germaniastraße. Nach Kriegszerstörung 1943 wurde sie 1963 ohne Turm wieder aufgebaut. Sie ist heute ein weithin beliebter Ort für Musikaufführungen. Nach der Strukturreform der Kasseler Stadtteile 1981 (Ortsbeiräte für alle Stadtteile) wurde der alte Stadtteil Wehlheiden in die Stadtteile West und Wehlheiden geteilt. Die Adventskirche liegt heute im Kasseler Stadtteil West.
  • Die katholische Rosenkranzkirche am Bebelplatz, auch St.Marien-Kirche genannt, wurde 1901 auf einem von Sigmund Aschrott gestifteten Grundstück errichtet. Sie lehnt sich im Stil an die rheinische Romanik an. Ein Grundstein mit Jahreszahl findet sich außen an der dem Kirchweg zugewandten Seite der Apsis. Er trägt die lateinische Inschrift "ANO DNI MDCCCIC TERTIA DIE IULII LAPIS ANGULARIS POSITUS EST" ( Im Jahr des Herrn 1899 am dritten Tag des Juli wurde dieser Eckstein gesetzt).
  • Die Kirche im Hof ist das Gemeindezentrum der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Kassel-West in der Friedrich-Ebert-Straße 102. Der Gottesdienstraum liegt im Hof, im Vorderhaus hat das Café der Kirche im Hof jeden Donnerstag geöffnet. Das Haus gehört zu den ältesten im Vorderen Westen errichteten Gebäuden. Die Kirche befindet sich seit 1978 in dem Gebäude. Vorher war hier eine Gastwirtschaft und dann ein Möbelgeschäft zu finden. Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Kassel-West will Kirche für den Stadtteil sein, auch wenn der Einzugsbereich von Melsungen bis Hofgeismar reicht.
  • Die Alt-katholische Gemeinde von Kassel und Umgebung hat ihre Gemeinderäume in der Friedrich-Ebert-Straße 111. Sie gehört zum Katholischen Bistum der Alt-Katholiken Deutschland. Diese Glaubensgemeinschaft ist Gründungsmitglied der ACK (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen), hat volle Kirchengemeinschaft (full communion) mit den anglikanischen Kirchen sowie eine Vereinbarung zur gegenseitigen Teilnahme an Eucharistie bzw. Abendmahl mit den evangelischen Kirchen in Deutschland. Sie definiert sich als synodal verfasst, d.h. weitgehende Mitspracherechte für alle Gemeindemitglieder.

Persönlichkeiten

Politik

Luftbild mit Blick auf die Luisenschule

Kommunalwahl 2006

Bei den Wahlen zum Ortsbeirat erhielten die CDU 29,97% (3 Sitze), die SPD 39,12% (5 Sitze), die Grünen 32,97 (4 Sitze) und die FDP 3,50% der abgegebenen Stimmen.

Kommunalwahl 2011

Bei den Wahlen zum Ortsbeirat erhielten die CDU 14,88% (2 Sitze), die SPD 35,09% (5 Sitze), die Grünen 42,51% (6 Sitze), die FDP 1,72%, die Freien Wähler 3,11%, und die Piraten 2,70% der abgegebenen Stimmen.

siehe auch

Straßen und Plätze

Familie Aschrott

Der Gründer des Stadtteils Vorderer Westen, der Fabrikant Sigmund Aschrott (1826-1915), verewigte in verschiedenen der dortigen Straßennamen seine Familie.

  • Annastraße: Ehefrau Anna Aschrott (1833-1890)
  • Olgastraße: Tochter des Stadtteilgründers, Olga Mengers (1869-1948)
  • Reginastraße: Regina Aschrott (1799-1886), Mutter von Sigmund Aschrott.

Weitere Straßen und Plätze

Friedrich-Ebert-Strasse

Vereine und Parteien

Parteien

Vereine

Wirtschaft

Weblinks und Quellen

Quellen

  1. Dietfrid Krause-Vilmar, Streiflichter zur neueren Geschichte der Jüdischen Gemeinde Kassel, durchgesehene und neuere Literatur einbeziehende Fassung eines veröffentlichten Beitrags (zuerst in: Juden in Kassel. 1808-1933 - Eine Dokumentation anlässlich des 100. Geburtstages von Franz Rosenzweig, Kassel 1986, S. 33-41)
  2. HNA vom 30. Juli 2012: "Sandstein statt Kacheln" von Ellen Schwaab

Weblinks


Kassels Stadtteile

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