Vor 75 Jahren: Boykott jüdischer Geschäfte

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„Es liegt noch vieles im Dunkeln“

Am 1. April 1933 postierten sich SA und SS vor jüdischen Geschäften und riefen zum Boykott auf

Von Katja Rudolph

Hann. Münden. Am 1. April 1933 ist viel los auf der Adolf-Hitlerstraße, wie die Langestraße seit zwei Tagen laut Magistratsbeschluss offiziell hieß. „Um Schlag 10 Uhr“ soll dort an diesem 1. April, einem Sonnabend, der Boykott jüdischer Geschäfte beginnen, wie die Mündenschen Nachrichten seit Tagen ankündigten.

„Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ steht auf den Plakaten, mit denen sich vor dem Geschäften Mitglieder der SA und SS postiert hatten - so wie es die Parteileitung der NSDAP angeordnet hatte. Viele Mündener sind gekommen, um vor Ort zu gucken, was passiert, ob und wie der bundesweite Boykottaufruf der Nazis umgesetzt wird. In die jüdischen Läden freilich traut sich an diesem Tag niemand.

Aufarbeitung im Archiv

Mindestens fünf Geschäfte waren vor 75 Jahren von dem Boykott betroffen: neben dem Herren- und Schuhgeschäft Madelong, dem Textilwarenladen Löwenthal und dem Schuhgeschäft Blankenberg auch das Modehaus Rosenberg an der Ecke Schmiedestraße und der Lederwarenladen Edinger an der Rosenstaße.

Dies sind erste Ergebnisse der Arbeitsgruppe des Vereins Erinnerung und Mahnung, die seit einigen Wochen zur Boykottaktion von 1933 recherchiert. In einer für Mai geplanten Ausstellung des Arbeitergeschichtsvereins zur Machtübernahme der Nationalsozialisten und dem Beginn der Judenverfolgung vor 75 Jahren (siehe Kasten rechts) soll auch der Boykott jüdischer Geschäfte behandelt werden, und um diesen Teilbereich kümmert sicher der Verein Erinnerung und Mahnung.

Lebensgrundlage zerstört

Im Stadtarchiv sind die Mitglieder der Arbeitsgruppe nun dabei, alte Zeitungsbände und Urkunden zu durchforsten. „Wir haben festgestellt, dass hier vieles noch im Dunkeln liegt“, sagt Vereinsvorsitzende Julia Bytom.

Was sich tatsächlich in der Bevölkerung abgespielt hat, lasse sich nicht so ohne weiteres herausfinden, da im Stadtarchiv neben den Zeitungen in erster Linie Unterlagen über Vorgänge aufbewahrt werden, mit denen ein Verwaltungsakt verbunden war, gibt Stadtarchivarin Ingrid Wenzel zu bedenken.

Rückschlüsse lassen aber zum Beispiel Schriftstücke wie die Ausverkaufsgenehmigung des Modehauses Rosenberg vom November 1935 zu. Offensichtlich war der Umsatz so stark eingebrochen, dass den Geschäftsleuten ihre Lebensgrundlage entzogen wurde. „Die Bevölkerung hat den Boykottaufruf für bare Münze genommen: da dürfen wir nicht einkaufen, da gehen wir nicht mehr hin“, sagt Julia Bytom.

Zu Übergriffen gegen Juden sei es am 1. April vor 75 Jahren offenbar nicht gekommen, so Dr. Winfried Wurm von der Arbeitsgruppe, „Das kann man den Mündener zugute halten. Sie haben sich allerdings auch nicht davor gestellt und ihre jüdischen Mitbürger geschützt.“

Eine kleine Ausnahme gab es aber doch. Heinz Hartung, heute 88 Jahre alt, erinnert sich noch, dass das elterliche Modegeschäft am Tag des offiziellen Boykotts von der Aktion verschont blieb. Seine Mutter, eine fromme Christin jüdischer Herkunft, war unter den Angestellten so angesehen, dass die Mitarbeiterinnen, deren Männer bei der SA waren, denen zuhause „eins auf die Mütze gaben“, bloß nicht in dem Laden am Kirchplatz aufzutauchen. Auf die Dauer konnte sich das Geschäft unter dem Druck der Nazis dennoch nicht halten. „1934 sahen sich meine Eltern gezwungen, es zu verkaufen.“


Forschen im Archiv: Christoph von Wedemeyer, Leni Wurm-Altenburg, Dr. Winfried Wurm, Stadtarchivarin Ingrid Wenzel und Julia Bytom, Vorsitzende des Verein Erinnerung und Mahnung recherchierten zum Boykott jüdischer Geschäfte vor 75 Jahren.

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